Hier ist eine Analyse der ethnographischen Verhältnisse im deutschen Schutzgebiet (Deutsch-Südwestafrika) im Jahr 1892 und in den Folgejahren. In deren Verlauf ist Friedrich Heinrichs in Bethanien als Missionar tätig.

I. Die Hottentotten (Namas) im Süden:
Aufteilung in acht Stämme:
1. Die Witbooi (Witkams):
Ihr Führer oder Kapitän ist Hendrik Witbooi. Ihr ursprünglicher Hauptsitz ist Gibeon, doch sie haben diesen verlassen und sich in Hornkranz (zwischen den Flüssen Kuiseb und Swakop) festgesetzt, um den Rinderherden der Hereros näher zu sein; ein kleiner Teil ist in Gibeon zurückgeblieben. Die Witbooi gelten als einer der militärisch stärksten, diszipliniertesten und politisch einflussreichsten Nama-Stämme. Durch ihre Verlegung nach Hornkranz wollen sie strategisch näher an die reichen Rinderherden heranrücken, und unter Hendrik Witbooi führen sie den hartnäckigsten Widerstand gegen die deutsche Kolonialherrschaft, ehe sie sich nach verlustreichen Kämpfen (u.a. der Erstürmung von Hornkranz 1893) im Jahr 1894 zunächst unterwerfen müssen.
2. Die Bethanier:
Sie sind nach ihrem Hauptort Bethanien (heute Bethanie) im südlichen Namaland benannt. Sie zählen zu den etablierten selbstständigen Nama-Stämmen im Süden. Ihre Siedlungsgebiete liegen strategisch günstig an wichtigen Handels- und Routenwegen, wodurch sie früh in Kontakt mit europäischen Händlern, Missionaren und der Kapregierung geraten.
3. Die Bondelzwarts (auch Bondels):
Ihr Kerngebiet liegt im äußersten Süden des Schutzgebietes in der Region Warmbad. Sie sind bekannt für ihre wehrhaften Krieger und eine starke Unabhängigkeit. Aufgrund ihrer geografischen Nähe zur Kapkolonie haben sie traditionell enge, wenn auch oft spannungsreiche Beziehungen zu britischen und kapstädtischen Behörden. Sie geraten später (1903/1904 sowie erneut in den 1920er Jahren unter südafrikanischer Mandatsverwaltung) in schwere Konflikte mit der Kolonialmacht.
4. Die Feldschuhträger:
Ihr Name leitet sich von ihrem traditionellen Stammesgebiet rund um den Berg Karas beziehungsweise das Gebiet der „Feldschuhe“ östlich des Fischflusses ab. Sie bilden eine eigenständige politische Gemeinschaft, sind jedoch im Vergleich zu den dominierenden Witbooi oder Bethaniern territorial und numerisch schwächer.
5. Die Bersabaer:
Ihr Zentrum ist Bersaba (Berseba) nördlich von Bethanien. Berseba ist stark durch die Rheinische Mission geprägt, und die Bersabaer halten sich in den großen Konflikten zwischen den Witbooi und der deutschen Verwaltung oft zurück oder versuchen, eine eher neutrale beziehungsweise taktisch angepasste Diplomatie zu fahren, um ihre Autonomie zu wahren.
6. Die Franzmann-Hottentotten:
Dieser Stamm trägt einen historisch gewachsenen Kolonialnamen, der sich von früheren Kontakten oder Führungspersonen ableitet. Sie bewohnen Teile des zentralen und westlichen Namalandes und stehen wie viele andere kleinere Stämme im späten 19. Jahrhundert unter dem doppelten Druck des schrumpfenden Weidelands und der expandierenden deutschen Einflussnahme.
7. Die Khauas-Hottentotten:
Ihr traditionelles Gebiet liegt im östlichen Randgebiet des Namalandes, unter anderem um Gobabis. Sie spielen eine wichtige Rolle an der Pufferzone zu den Herero-Gebieten, und durch ihre Grenzlage sind sie häufig in lokale Konflikte mit den Hereros verwickelt, was ihre politische Stabilität stark schwächt.
8. Die rote Nation:
Ihr Kapitän im Jahr 1892 ist Kapitän Manasse. Ihr historischer Stammsitz ist Hoachanas, das als das traditionelle Zentrum gilt. Die rote Nation gilt historisch als der älteste und ranghöchste Stamm der Nama („Große Nama-Nation“). Sie befinden sich jedoch in einer tiefen Existenzkrise: Die Witboois haben sie aus Hoachanas vertrieben. Infolgedessen müssen sie als „kümmerliche Reste“, aber immer noch geschlossen, mitten unter den Hereros leben.
Zusammenfassende Analyse der Süd-Gruppe (Nama):
- Fragmentierung: Wie der Text verdeutlicht, waren die Nama keineswegs eine geschlossene Einheit, sondern in acht rivalisierende Gruppen zersplittert. Interne Kriege (wie die Angriffe der Witbooi auf andere Stämme oder die Vertreibung der roten Nation) schwächten sie politisch.
- Strategische Neuausrichtung: Die Ankunft der deutschen Schutzherrschaft traf auf ein bereits dynamisches und konfliktgeladenes System, in dem Stämme wie die Witbooi versuchten, durch territoriale Expansion (Richtung Norden) ihre Macht zu sichern, während andere durch Vertreibung an den Rand ihrer Existenz gedrängt wurden.
- Naheliegenderweise hat Friedrich Heinrichs, der die Missionsstation in Bethanien vor allem mit den Bethaniern zu tun.
II. Die Hereros (Norden):
Mächtiges Volk, nominell unter einem Oberhäuptling, faktisch jedoch in zerstrittene Stämme unterteilt, die sich nur einigen, wenn Feinde sie angreifen.
III. Die Ovambos (Äußerster Norden):
In selbstständige Stämme zerfallen; zu diesem Zeitpunkt noch wenig Kontakt zur deutschen Administration
IV. Die Bastards (Zuwachs aus der Kapkolonie):
Einwanderung im späten 19. Jahrhundert (unter Missionar Heidmann nach Rehoboth, Grootfontein und Rietfontein) als Schutz vor Räubereien. Herkunft (Abkömmlinge von Buren und Hottentottenfrauen), politische Haltung (treu zur deutschen Regierung).
V. Sonstige Gruppen:
Hierzu gehören die Buschmänner, die Bergdamaras sowie verirrte Hottentottenstämme im Kaokofeld (Swartbooi und Topnaars).