13.07.1896 Bericht Friedrich Heinrichs

Rheinische Missionsgesellschaft, Barmen. Bethanien, den 13. Juli 1896.

In dem Herrn geliebte Väter!

„Lobe den Herrn, meine Seele, und was in mir ist, seinen heiligen Namen! Lobe den Herrn, meine Seele, und vergiß nicht, was er dir Gutes getan hat!“

Mit diesem Psalmenwort möchte ich meinen Bericht beginnen. Es ist freilich nicht leicht, in einer Zeit der Dürre stets Lobgesänge zur Ehre Gottes erschallen zu lassen, weil man dann wahrlich zum Seufzen viel leichter geneigt ist.

Die im ganzen Lande verbreitete Nahrungsnot drückt aber nicht allein die Stationsbewohner, sondern auch die trägen Namas, Damaras und vor allen Dingen die Buschleute, welche sich das ganze Jahr hindurch ein unstetes Leben im Felde führen und nicht arbeiten wollen. Solange sie bald hier, bald dort bei einer Werft betteln und im Felde Wurzeln finden können, bleiben diejenigen, die es durch Mühe und Arbeiten zu etwas gebracht haben, verschont von jenen unglücklichen Gesellen. Fehlt ihnen aber das, so stehlen sie. Sie stahlen Hühner, Kälber der Station, und zwar das, was am besten ist.

Augenblicklich laufen Buschleute, Damaras und Namas hier auf der Station rum, die zum Teil schon monatelang in Ketten, die ihnen an beiden Füßen angeschmiedet sind, laufen, sodass sie nur Fuß vor Fuß vorwärts zu schreiten imstande sind. Man sollte sagen, dass dadurch den Leuten so viel Furcht eingeflößt würde, um weiteres Stehlen zu unterlassen. Dem ist aber leider nicht so.

Noch vor vier Tagen wurde eine ganze Buschmannfamilie wegen Diebstahls gefangen – sie hatten eine junge Kuh gestohlen – wovon zwei Männer je 100 Peitschenhiebe erhalten sollten. Der eine konnte sie erhalten, der andere wurde vorher ohnmächtig; morgen soll er seinen Rest noch erhalten. Unter dieser Plage seufzen viele Bethanier mit ihnen.

Der Brunnenbau

Indessen ist auch die äußere Not ein Zeichen der suchenden Liebe unseres Herrn und Heilandes und ein Beweis, dass Er uns um unserer Sünden willen noch nicht verworfen, sondern Gedanken des Friedens mit uns hat. Denn das soll die gegenwärtige Dürre ja auch sein: Seine laute Predigt, auf die wir achten und uns rettend heiligen lassen sollen.

Dem Übrigen ist ja die Bethanier Gemeinde, was die Nahrungsnot betrifft, auch bevorzugt worden vor vielen anderen Gemeinden hier im Lande, wie drüben im Klein-Namalande. Und daher wollen wir demütig dem Mann, der diese Wohltat gegeben, von Herzen danken.

Bis vor wenigen Wochen konnte ich über mangelnden Kirchenbesuch nicht klagen. Als dann aber auch hier in der Nähe der Station kein Gras mehr zu finden war, da waren viele Personen gezwungen, ins Feld zu ziehen. Täglich starben Kälber vor Hunger. Den letzten Sonntagen besuchten dennoch 150 bis 200 Personen den Gottesdienst. Dagegen ist die Zahl der Schulkinder bis auf 28 und 30 reduziert. Und auch für diese will es oft schwer werden, in dieser Zeit auf der Station zu bleiben. Zum Konfirmandenunterricht haben sich erst 11 Personen gemeldet, andere meldeten sich bereits mündlich.

Die meisten Bethanier sind von hier nach (auch genannt, d.h. „die gefundene Quelle“) gezogen. Beide Ortschaften haben gutes Wasser und noch sehr viel Gras, was stundenweit nach jeder Richtung hin zu sehen ist. Ebenso liegen sie nicht weit auseinander. Ersterer Ort ist vier Stunden zu Pferd nördlich von hier. ist schon ein älterer Utrekplaats (Ausweichplatz). Dagegen begannen die Bethanier vor etwa vier Wochen dort einen Brunnen zu graben. Dieser hat in 13 Fuß Tiefe ein solch starkes Wasser, dass ein Strom heraussprudelt wie eines Mannes Arm. Die gefundene Quelle ist von zwei Richtern dort begutachtet worden.

Da sich nun viele Leute an den erwähnten Stellen gesammelt haben, so habe ich mir vorgenommen, von Zeit zu Zeit dort Gottesdienst zu halten, bis das Wohnen auf der Station wieder erleichtert wird. Den ersten hielt ich am 8. Juli auf .

Ein anderer Brunnen ist hier auf der Station gegraben worden, der gutes Wasser hat. Die Bepflanzung für denselben wird jetzt aus der Bai geholt. Hierbei möchte mir gestattet sein, die geehrte Gesellschaft ergebenst zu bitten, das von Herrn Pastor Platzhoff in Schwelm gesammelte Geld für eine Pumpe aus Bethanien für die Bepflanzung bestimmen zu wollen. Einstweilen hat Herr Kaufmann Gessert in Wiesbaden die Auslagen gemacht. Könnte dann wohl das eingesandte Geld durch das Missions-Comptoir an Herrn Kaufmann Gessert in Wiesbaden gesandt werden? Ist die Pumpe aufgestellt, dann sollen noch Gärten daselbst angelegt werden.

Von Monat Mai bis jetzt ist sehr viel Weizen gesät worden. Dennoch genügen die gegenwärtigen Gärten noch lange nicht für die Bewohner der Station. Deshalb ist eine Vergrößerung der Gartenanlage sehr erwünscht. Sehr gefreut habe ich mich, als im Monat Mai ein ganz alter Mann fast einen halben Morgen Land für sich zum Garten bearbeitete. Von des Morgens bis zum Abend stand er in Arbeit und Schaufel. Wo das ganze Stück Land schon grün ist, freut er sich nicht wenig über seine vollbrachte Arbeit.

Krankheits- und Todesfälle in der Gemeinde

Freude durfte ich auch an verschiedenen Sterbebetten erleben. In den Tagen des seligen Bruders Bam litt schon das Gemeindeglied Isaak Frederiks an einer Krankheit, die – nebenbei gesagt – leider sehr weit verbreitet ist unter den Eingeborenen, und er war schon sehr entstellt, als ich ihn bei meinem Einzug in Bethanien zum ersten Male erblickte.

Groß war mir an diesem Kranken, dass man ihn in den letzten Jahren niemals klagen hörte, obwohl in den letzten Jahren noch Brustschmerzen hinzukamen und er erblindete. Beim Anfang meines Hierseins vermochte er sich noch zur Kirche führen zu lassen, auch dieses musste schließlich unterbleiben. Er wurde so schwach, dass er sein Haus, was ihm abseits von anderen Werften allein gebaut wurde, nicht mehr verlassen konnte.

Mehrere Wochen vor Pfingsten bat er, dass wir um baldige Erlösung bitten möchten, damit er in die selige Ruhe Gottes eingehen dürfe. Diesen Wunsch erfüllte der Herr ihm, als er am ersten Pfingsttage selig entschlief. Wie der selige Entschlafene, so konnten noch einzelne Personen in diesem Teuerungsjahr den Tod als eine selige Erlösung begrüßen. Sollten bei solchen Heimgängen unseres Erlösers nicht auch unsere Herzen jubilieren und ausrufen: „Lobe den Herrn, meine Seele!“?

Die Reise nach Grootfontein und die Begegnung mit Johanna v.

Die zweite Reise nach Grootfontein machte ich am 8. Juni dieses Jahres. Gern wäre ich schon früher gereist, da mich die Grootfonteiner wiederholt eingeladen hatten. Leider konnte ich aber eher nicht abkommen, da die Aufnahme der neuen Gemeindeglieder von hier und eine Predigtreise nach dem Süden von hier bis Tsachaub – ich wollte bis [geschrieben als daob], konnte aber der Ochsen wegen nicht – mich zurückhielten.

Am 12. Juni erreichte ich Grootfontein. Wie bei meinem ersten Besuch, so hielt ich auch diesmal täglich zwei Gottesdienste, und am Mittwoch, den 17. Juni, empfingen nach dem Hauptgottesdienst 22 Personen das heilige Abendmahl. Nachmittags desselben Tages hielt ich für die Buschleute und Damaras einen besonderen Gottesdienst.

Wie ich Ihnen das letzte Mal mitteilte, dass nach Aussicht des Klaas Zwart die Grootfonteiner Gemeinde von Rehoboth und Rietfontein Zuwachs erhalten werde, wird sich wahrscheinlich nicht erfüllen, da die deutsche Regierung nicht wünscht, dass die Rehobother ihre Station verlassen. Wie es um die ausgewanderten Rietfonteiner steht, ist mir noch nicht klar. Dagegen traf ich vier Bastard-Waisen vom Oranjefluss dortselbst, die aber nach Rehoboth zu ziehen gedenken, ausgenommen eine ältere Frau namens Johanna v..

Gestatten Sie mir, noch einiges in Kürze von ihr mitzuteilen, weil es uns zeigt, dass nicht allein in der lieben Heimat ganz wunderliche, sondern auch hier solche Erscheinungen aufzutreten beginnen.

Johanna v. wünschte mich vor dem Abendmahl zu sprechen. Leider hatte ich aber da nur sehr kurze Zeit, sodass mir vieles unverständlich blieb, was sie mir aus ihrem Leben mitteilte. Deshalb besuchte ich sie am Donnerstag, den 18. Juni, um mehr zu hören.

Sie erzählte mir:

Seit einem halben Jahr habe ich keine Sünde mehr getan. Seit jener Zeit bin ich von neuem geboren, habe einen neuen Leib erhalten, und in diesem sind folgende Eigenschaften: Glaube, Allwissenheit (zwei andere sind mir entfallen). Die übrigen drei: Liebe, Freude und Herz sind schon im Himmel bei dem Vater, die vorher auch bei mir waren. Sterben werde ich nicht mehr, sondern mit diesem Leibe auffahren gen Himmel. Täglich warte ich auf meinen Vater, der mich holen will, wie er mir persönlich erschienen ist und mir vor Kurzem gerade diesen Donnerstag angesagt hat, wo er kommen will. Zwar kann dieser Tag vorübergehen, ohne dass er kommt, aber dann wird er mir in diesen Tagen abermals antworten. Warum? Ach, wie schön diese Erscheinungen sind, kann ich Ihnen nicht sagen.“

Ich wies sie darauf hin, dass dies böse, sehr verführerische Erscheinungen sind; dass der Satan sich verstellen könnte in die Gestalt eines Engels des Lichts. Dann wäre sie aber auf einem sehr gefährlichen Irrwege. Sie entgegnete mir:

„Was, auf dem Irrwege? Einen Satan würde ich sehen? Nein, Mijn Heer, Sie müssen doch nicht so reden! Mit dem hässlichen Satan habe ich nichts zu tun und will auch nichts mit ihm zu tun haben. Mijn Heer wird hier noch sehen, dass Unglück über ihn kommt, weil er den Herrn Satan gescholten hat.“

„Den Herrn Satan gescholten? Wie soll ich das verstehen?“ –

„Weil mein Leib nicht mehr der meinige ist, sondern der meines Vaters“, antwortete sie, „und mit ihm bin ich so eng verbunden, dass nichts uns scheiden kann. Hier auf Grootfontein geschieht meine Himmelfahrt. Rehoboth ist der Ort des Verderbens, dahin ziehe ich nicht mit meinen zwei Schwestern. Ich warne sie, aber sie wollen nicht.“

Noch viele andere, sehr wunderliche und schreckliche Angaben teilte sie mir mit. So erzählte sie unter anderem, dass ihr Bruder (ein Knabe von 16 Jahren, der seine Schwester fürchtet) ein Geist des Satans aus dem Reich des Verderbens sei, den die Menschen meiden sollen.

Ich bat sie zum Schluss nochmals, den Heiland demütig um Befreiung von ihrem Irrwarn und um Licht von Oben zu bitten. Mit ihr könnten Gott, sein geliebter Sohn Jesus Christus sowie die Menschen nur Mitleid haben, weil sie sich in diesem Zustande am Ende ihres irdischen Lebens nur schrecklich betrogen sehen würde. Denn sie sei nicht die Erste, die solche Worte redet. Vor ihrer Zeit und auch gegenwärtig reden Andere ähnlich wie sie. Unser Herr und Heiland warnte uns schon vor 1800 Jahren, dass solche Geister auftreten werden, und dass wir uns nicht verführen lassen sollen von solchen Leuten. Dieser Heiland ermahne auch sie, dass sie umkehren möchte von ihrem geistlichen Hochmut.

Schulwesen und Gemeindeorganisation in Grootfontein

Das frühere Wohnhaus des Bruders Josaphat [auch Jabst] ist nun ganz für Schule und Gottesdienste eingerichtet. Dach und Fenster sind erneuert.

Die Schule wird von einer Maria Zwart geleitet. Tägliche Morgenandachten sowie mittwochs eine und sonntags zwei Bibelstunden werden von Herrn Benade gehalten. Ein Schwiegersohn des Klaas Zwart fungierte früher schon als Schulmeister bei den Grootfonteineren. Möchte der Herr Segen schenken zur Arbeit dieser beiden Personen.

Mit der Bitte, der beiden Gemeinden Bethanien und Grootfontein fürbittend gedenken zu wollen, verbleibe ich Ihr dankbarer Sendbote

Heinrichs