Die Familienbibel und eine Peitsche des Nama-Anführers Hendrik Witbooi reisten vergangenes Jahr von Stuttgart nach Gibeon, einem kleinen Ort in der Nähe von Windhoek in Namibia. Ein Symbol für die Aufarbeitung der kolonialen Vergangenheit und eine Entschuldigung für das große Leid, das deutsche Soldaten den Namibiern angetan haben.


Die Witkams und ihr Anführer, der Prophet Hendrik Witbooi

Das Tagebuch von Trothas legt offen, wie er Hendrik Witbooi einschätzt
Trothas Urteil über Hendrik Witbooi und seine Kampffähigkeit – Gesamtanalyse
Auf Grundlage der Fundstellen aus dem Tagebuch von Trothas lässt sich eine klare Entwicklungslinie seiner Beurteilung rekonstruieren: von anfänglicher Verharmlosung über wachsenden, teils widerwilligen Respekt vor der militärischen Leistungsfähigkeit bis zu einer betont unpersönlichen Bilanzierung seines Todes.
1. Phase der Verharmlosung (Oktober 1904)
Als die ersten Meldungen über den Aufstand eintreffen, reagiert Trotha mit Unglauben und Geringschätzung:
„…daß, wenn es wahr ist, sein Freund Hendrik, der eben das goldene Verdienstkreuz erhalten, rebelliert, aber ich glaube es nicht. Es wäre ja zu dumm von den Leuten.“ (9. Oktober 1904)
Zwei Punkte sind hier aufschlussreich: Erstens die Bezeichnung „sein Freund Hendrik“ – Witbooi erscheint zunächst als loyaler, gerade erst ausgezeichneter Verbündeter, dessen Abfall Trotha für irrational hält, nicht für eine ernstzunehmende Bedrohung. Zweitens die Kaltschnäuzigkeit, mit der er mögliche eigene Verluste abtut: „Ob 1 oder 2 Heliographenposten umgebracht werden, das spielt keine Rolle.“ Fünf Tage später (14. Oktober) herrscht noch Unsicherheit über die Urheberschaft: „Wer ist der W[itbooi‑]Cap[itain]? Hendrik? Na wir werden ja sehen.“ – eine fast beiläufige, abwartende Haltung.
2. Die Korrektur: unfreiwilliger Respekt vor der militärischen Stärke
Diese Unterschätzung wird durch die Kriegsrealität rasch widerlegt. Nach dem Gefecht bei Kub notiert Trotha unverhohlenes Erstaunen:
„Es ist erstaunlich, daß sie die Kühnheit hatten, anzugreifen, und daß 2 Comp. mit ½ Batt[erie] nicht im Stande waren, sich ihrer zu erwehren.“ (23. November 1904)
Das ist die zentrale Stelle zur Beurteilung von Witboois Verteidigungs- und Angriffsfähigkeit: Trotha konstatiert explizit eine reguläre deutsche Übermacht (zwei Kompanien plus halbe Batterie), die dennoch nicht standhalten konnte. Eine vergleichbare Formulierung – Anerkennung militärischer Überlegenheit des Gegners – findet sich in den Herero-Passagen des Tagebuchs an keiner Stelle.
Diese Zähigkeit bestätigt sich über den gesamten weiteren Kriegsverlauf: Noch im August 1905, zehn Monate nach Kriegsbeginn, hält Trotha lediglich resigniert fest, dass Witbooi sich der entscheidenden Konfrontation entzieht: „Hendrik scheint seine Leute nach allen Richtungen auseinandergetrieben zu haben.“ (9. August 1905) Der Gegner lässt sich also weder militärisch stellen noch schnell zermürben – ein Kontrast zur relativ raschen (wenn auch nicht endgültigen) Zerschlagung der Herero-Hauptmacht am Waterberg binnen weniger Wochen.
3. Sachliche Anerkennung der Person – ohne Empathie
Parallel zur militärischen Aufwertung zeigt sich in der Kommunikation mit Witbooi ein Ton, der sich von der pauschalen Verachtung der Herero abhebt. Ein Brief Witboois wird als „ganz interessant“ bezeichnet, seine Position – kein Frieden solange ein Kopfgeld auf ihn ausgesetzt sei – wird sachlich referiert, nicht als „hinterlistig“ oder dergleichen abgewertet:
„Mittags ein Brief von Hendrik, ganz interessant. Er sitzt in einem Revier südlich Hudup und sagt, er könne keinen Frieden machen, solange auf seinen Kopf Preis ausgesetzt sei. Wir werden ihn schon so kriegen.“ (6. Juli 1905)
Der letzte Satz zeigt aber zugleich die Grenze dieser Anerkennung: Sie bleibt rein taktisch, ändert nichts an der ungebrochenen Entschlossenheit, den Gegner letztlich zu bezwingen.
4. Dieselbe Vernichtungslogik wie gegen die Herero
Als die militärische Zermürbung nicht gelingt, greift Trotha im Herbst 1905 auf dieselbe Methode zurück, die zuvor gegen die Herero in der Omaheke tödliche Wirkung gezeigt hatte: die gezielte Besetzung der Wasserstellen.
„Lengerke meldet, daß Hendrik Boten gesandt hat, um für Frauen und Kinder Wasser zu erbitten. Sie seien am Verdursten. Abgelehnt, oder Gewehre abgeliefert.“ (6. Oktober 1905)
„Lengerke schickt Briefe Hendriks, um Wasser. Die Waffenabgabe hat er abermals abgelehnt.“ (9. Oktober 1905)
Bemerkenswert ist hier zweierlei: Zum einen die Konsequenz, mit der Trotha auch gegenüber Witbooi – trotz aller vorherigen Respektsbekundungen für dessen Kampffähigkeit – Wasser als Druckmittel gegen Frauen und Kinder einsetzt. Zum anderen die implizite Anerkennung von Witboois Standhaftigkeit: Selbst unter dieser existenziellen Bedrängnis verweigert er die Waffenabgabe – eine Beharrlichkeit, die Trotha kommentarlos, aber ausdrücklich vermerkt.
5. Der Tod – nüchterne Bilanz statt Würdigung
Als Witbooi Anfang November 1905 an einer Schussverletzung stirbt, fällt Trothas Reaktion denkbar knapp aus:
„Es geht die Nachricht ein, daß Hendrik gestorben sei an einer Wunde, die er vor etwa 14 Tagen erhalten. Möglich, daß dies die Lage in Bethanien beschleunigt.“
Keine Würdigung der Person, kein Kommentar zu dessen zuvor mehrfach anerkannter Kampfkraft – nur die strategische Verwertung der Nachricht für die eigene Kriegsführung.
Gesamtergebnis
TTrothas Urteil über Hendrik Witbooi durchläuft eine deutliche Kurve: von anfänglicher, fast amüsierter Geringschätzung („zu dumm“) über wiederholtes, unfreiwilliges Erstaunen angesichts dessen militärischer Stärke und Zähigkeit („erstaunlich… nicht im Stande“) bis zu einer Person, deren Kommunikation er – ungewöhnlich für seinen sonstigen Ton gegenüber afrikanischen Gegnern – als „interessant“ goutiert. Witboois Fähigkeit, sich zu verteidigen, wird von Trotha in der Praxis klar höher eingeschätzt als die der Herero: Er dokumentiert explizit, dass reguläre deutsche Truppenverbände ihm nicht gewachsen waren, und der Feldzug zieht sich über ein volles Jahr hin, ohne dass eine entscheidende Schlacht gelingt. Diese Anerkennung bleibt jedoch rein instrumentell und ändert nichts an der grundsätzlichen Bereitschaft, denselben Vernichtungsmechanismus – Verweigerung von Wasser für Frauen und Kinder – einzusetzen, der schon gegen die Herero angewandt worden war, und am Ende auch nichts an der völligen Gleichgültigkeit gegenüber Witboois Tod als Mensch. Respekt vor der militärischen Leistung und die Bereitschaft zu deren gewaltsamer, notfalls genozidaler Brechung schließen sich in Trothas Weltbild offenkundig nicht aus.
+++++++++++
Christine Hardung beschreibt anschaulich die Rolle der Witkams und die Bedeutung ihres Anführers Hendrik Witbooi (God, the Warlord and the Way of the Ancestors). Es ist nicht überraschend, dass Friedrich Heinrichs in seinen Berichten Vorfälle beschreibt. in denen die Witkams und Hendrik Witbooi die Bethanier bedrängen.
Die Oorlams
Im späten 18. und frühen 19. Jahrhundert zogen sich die Oorlam, ein Volk unterschiedlicher Herkunft – Deserteure, entflohene Sklaven und Khoekhoe, die durch die Expansion der Buren in ihr Territorium ihres Weidelandes beraubt worden waren – in die nordwestliche Grenzregion der Kapkolonie zurück. Ihre soziale Existenz basierte auf der grundlegenden Erfahrung von Gewalt. Sie organisierten sich in militarisierten, gesellschaftspolitischen Einheiten, den sogenannten Komandos, und wanderten in mehreren Wellen in den südlichen Teil des heutigen Namibia aus. In den 1840er Jahren überquerte eine der Oorlam-Gruppen, die Khowese (Witbooi), den Oranje. Räumlich und sozial deterritorialisiert und nach einer langen Zeit des Wanderns in der Grenzregion auf beiden Seiten des Flusses fast völlig verarmt, baten sie //Oaseb, den Häuptling des „Großen Namaqualandes“, ihnen einen Ort zum Ansiedeln zur Verfügung zu stellen. Im Jahr 1863 ließen sie sich schließlich überwiegend in Gibeon nieder.
Die Oorlams und Hendrik Witbooi

Einige Jahrzehnte später hatte Hendrik Witbooi, ein Nachkomme der ersten Einwanderergeneration, eine Vision, die ihn anwies, seine Anhänger im Auftrag Gottes nach Norden zu führen – eine Mission, die damit die damit verbundenen Überfälle und bewaffneten Konflikte rechtfertigte. Witbooi beanspruchte das alleinige Recht, einen Weg zu beschreiten, der seiner Ansicht nach von den Vorfahren der Gruppe bestimmt worden war und der zu einer strategisch günstig gelegenen Schanze in den Bergen führte. Somit war der Weg der Vorfahren einerseits ein territorialer Anspruch und darüber hinaus eine immaterielle Richtung und Führung, die als Rechtfertigung für die militärische Expansion in das Gebiet der Herero angesehen wurde. Das Ziel bestand darin, die Nama und Oorlam zu vereinen und sie nach Norden zu führen, wie es ihre Vorfahren vorausgesehen und gewünscht hatten. Hendrik Witbooi versammelte dann in den 1880er Jahren seine Anhänger, die Witkam, und führte sie auf mehreren Feldzügen nach Norden.
Die Befehlsgewalt von Hendrik Witbooi

Die „Residenz“ von Hendrik Witbooi ist die Farm Hornkranz. Vor dort aus steuert er seine Aktionen. Obwohl der Kern seiner Anhänger aus seinem „eigenen Volk“, den Witboois, bestand, wurde nach seinem Konzept der Gefolgschaft die Tatsache der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Nama-Oorlam-Gruppe als bestimmender Faktor für die Zusammensetzung eines Kommandos ersetzt durch das Bewusstsein jedes Einzelnen, für eine „höhere Sache“ zu kämpfen. Daher konnte jeder, der diese Überzeugung teilte, ein Witkam werden, d. h. ein Mitglied von Witboois Gefolgschaft. Für die Witkam war der charismatische Hendrik Witbooi „nicht nur der Anführer, sondern tatsächlich ein Prophet“, dem sie nach Einschätzung eines Zeitgenossen „in blindem Gehorsam folgten“. Der Händler Conradt, der in den 1880er Jahren Munition an Witbooi verkaufte, schrieb: „Er war der einzige Hottentotten-Hauptmann, der wirklich Macht über seine Männer hatte.“ Den anderen gehorchte man nur, wenn ihre Männer Lust hatten, ihnen zu gehorchen.
Strenge Kampfregeln

Witbooi ordnete die Plünderungs- und Kampfaktivitäten der Plünderungskrieger in seinem Komando strengen Regeln unter: sexuelle Abstinenz vor einem Feldzug, keine Plünderungsüberfälle außer wenn er sie autorisierte, Bestrafung von Diebstählen auch während eines Feldzugs, Rückgabe aller illegal geplünderten Güter ihre Besitzer und die Ablehnung aller magischen Praktiken. Doch der Kriegsherr verordnete dem Komando nicht nur militärische Disziplin, er verknüpfte sie auch mit der Religion. Witboois Anhängerschaft o kann als „charismatische Gemeinschaft der Gewalt“ angesehen werden, die als Kampf- oder Plünderungsformation eine „göttliche Mission“ hatte. Die alte, auf Kleingruppenidentität basierende Gefolgschaft wurde so in eine auf Glauben basierende Gefolgschaft umgewandelt.
Das Massaker von Hornkranz am 12. April 1893
Das Massaker von Hornkranz am 12. April 1893 markierte einen zentralen Wendepunkt in den Beziehungen zwischen Kaptein Hendrik Witbooi und der deutschen Kolonialmacht in Deutsch-Südwestafrika.

Mit KI bearbeitet:

Historischer Kontext & Verlauf
- Der Ort Hornkranz: Hornkranz (||Nâ‡gâs) westlich von Rehoboth diente Hendrik Witbooi als Hauptsitz und geschützter Kraal für seine Gemeinschaft.
- Der Überfall: In den frühen Morgenstunden griffen rund 150 deutsche Schutztruppler unter dem Kommando von Curt von François die überraschte Siedlung unangekündigt an.
- Die Folgen: Über 80 Menschen – überwiegend Frauen, Kinder und Ältere – wurden getötet. Hendrik Witbooi und der Großteil seiner bewaffneten Kämpfer konnten sich in die Naukluft-Berge zurückziehen.
- Beute: Bei der Plünderung des Lagers fielen den Truppen auch Witboois Tagebücher sowie seine Familienbibel in die Hände (die Bibel wurde 2019 aus Deutschland an Namibia zurückgegeben).
Das Ereignis leitete den Ersten Witbooi-Aufstand ein und führte nach monatlichem Guerillakrieg im Naukluft-Gebirge schließlich 1894 zum vorläufigen Schutzvertrag Witboois mit der Kolonialverwaltung.
Die Beziehungen zwischen christlicher Religion und Gewaltausübung
Die Publikation von Christine Hardung konzentriert sich auf die Witkam mit ihrer besonderen Kombination aus Enttraditionalisierung und charismatischer Führung einerseits und Witboois Verweis auf die Abstammung andererseits und wirft einen umfassenderen Blick auf die Beziehung zwischen Gewalt und Religion in den durchgeführten Kriegen und Überfällen von den Nama-Oorlam im 19. Jahrhundert. Es wird gefragt, wie die christliche Religion von Hendrik Witbooi angepasst und neu definiert wurde, um sie in die Wirtschaft und Kultur eines auf Raubzügen basierenden Lebensstils, wie er damals von den Nama-Oorlam praktiziert wurde, integrieren zu können. Sie beschränkt sich auf die 1880er Jahre, eine Zeit „im Schatten des Schutzes“, als deutsche Kolonialherren ins Land eindrangen, Namaqualand aber noch nicht unter ihre Kontrolle brachten. Dies betrifft also genau die Epoche, in der Friedrich Heinrichs als Missionar in Bethanien tätig ist.
Hendrik Witbooi als politischer Führer und Prophet

Aus diesem Zeitraum können zeitgenössische Quellen Aufschluss darüber geben, wie Hendrik Witbooi die Macht seiner Vorfahren erlebte und sich vorstellte und wie er sie militärisch und politisch einsetzte, parallel zu dem, was er für die Ermächtigung Gottes hielt, die ihm zur Erfüllung seiner Mission verliehen wurde. Die Bewegung von Hendrik Witbooi steht für den Beginn eines Prozesses, der mit der Ankunft von Missionaren in Afrika begann, eines Prozesses, in dem „das Christentum afrikanisiert und Afrika christianisiert wurde, was auf allen Seiten ein neues Selbstbewusstsein hervorbrachte“ und der „Wege offenbarte, in denen Religion schafft Macht und zeigt, wie Menschen auf dieses Bewusstsein reagieren können, sowohl als Kolonisatoren als auch als Kolonisierte.“ Sein Aufbruch in den Norden berührt Fragen der Überschneidung von „Christentum und Politik, oder, allgemeiner ausgedrückt, Religion und Säkularität“. In der namibischen Gedenkkultur ist der militärische und politische Führer und Prophet Hendrik Witbooi zum Symbol des Widerstands gegen die Kolonialherrschaft im Südwesten Afrikas geworden, insbesondere für das Trauma des Völkermordkrieges der deutschen Kolonialtruppen gegen die Nama-Oorlam und die Herero im frühen 20. Jahrhundert.
Hendrik Witbooi und seine Tagebücher


Die Tagebücher von Hendrik Witbooi (oft auch als Witbooi-Papiere bezeichnet) sind keine privaten Tagebücher im heutigen Sinn, sondern gebundene Geschäftsbücher. Sie enthalten Kopien der offiziellen Korrespondenz, Verträge und Erlasse, die Witbooi und seine Schriftführer zwischen 1884 und 1894 auf Kapholländisch führten.
Sie“ offenbaren zudem seinen politischen Weitblick und auch sein grundsätzliches inneres Ringen um das Verhältnis von Gewalt und christlicher Ethik. In diesen Notizen reflektiert Witbooi nicht die Khoisan-Religion; Dieses Thema ist eine diskursive Leerstelle. Dennoch blieb der indigene Religionsbegriff in Witboois politisch-religiöser Praxis präsent, insbesondere in der Bedeutung, die er den Vorfahren und ihren Anweisungen beimaß. Der Glaube, von Gott gesandt zu sein, die Stärkung religiöser Erfahrung, der Anspruch auf moralische Autorität in Krisenzeiten sind charakteristisch für die Führer prophetischer Bewegungen. Witboois sowohl politisch als auch religiös motiviertes Handeln trug die Elemente einer solchen Persönlichkeit. Er wurde als zutiefst religiöser Christ charakterisiert. Sein Verhältnis zum Christentum und zu den Missionaren der Rheinischen Missionsgesellschaft ist sowohl aus missionarisch-historisch-theologischer als auch historisch-anthropologischer Perspektive ausführlich beschrieben und im Quellenmaterial dokumentiert. Neuere Studien, die sich aus sozioanthropologischer Perspektive mit transkulturellen Phänomenen von Religionen befassen, plädieren dafür, die Dichotomisierung aufzugeben und Formen der Religiosität, die in räumlich disparaten Situationen entstanden sind, in ein „gemeinsames globalisiertes räumliches/zeitliches“ Gefüge einzuordnen. Unter Bezugnahme auf Prozesse der Transkulturation und Transfergeschichte, die sich aus der protestantischen Missionstätigkeit in Afrika ergaben, ist zu beachten, dass die zwei Religionssysteme, die christliche und in ihren Ansätzen die Khoekhoe-Religion, mehr miteinander interagierten als sich vermischten. Elemente indigener Religionen, in denen Prophezeiung ein „gemeinsames Mittel zur religiösen Innovation, Wiederbelebung oder Reformation“ war, lassen sich häufig in afrikanischen christlichen prophetischen Bewegungen identifizieren. Der prophetischen Bewegung der Witkam „fehlten“ jegliche Muster des „Nativismus“ und sie versprach nicht die Rekonstruktion realer oder neu erfundener „traditioneller“ kultureller Elemente.“ Dennoch zeugt die Präsenz der Vorfahren in Witboois Mission von der Allgegenwärtigkeit der vorchristlichen Vergangenheit in Witboois politisch-religiöser Bewegung.
Siehe im Detail die Sonderanalyse seiner Tagebücher: Hier
Hendrik Witbooi will Frieden

Ausdrucksstark ist das folgende Schreiben von Hendrik Witbooi an Leutwein vom 11. Juli 1894:
„Naukluft, 11. Juli 1894
Mein lieber Kaiserlich deutscher Gesandter Major Leutwein!
Ich schicke Ihnen diesen Brief als Antwort auf Ihr Ersuchen, eine ausführliche und klare Antwort nach Windhuk zu senden, wie ich sie mir wegen des Schutzvertrags in der Zwischenzeit der zwei Monate überlegt habe. Bevor ich Euer Wohlgeboren auf diese Punkte Antwort gebe, halte ich es für nötig. Ihnen zuerst etwas anderes mitzuteilen.
I. Nach Abschluß unseres Friedens bin ich nach unten gegangen und hörte dort und sah, daß der alte Robert Duncan verhaftet, nach Windhuk gebracht und dort von Ihnen ins Gefängnis eingeliefert worden ist, unter der Beschuldigung, mir Schießbedarf geliefert zu haben. Ich kann den Mann wahrhaftig entschuldigen und ihn davon freisprechen. Er ist in Sachen Schießbedarf unschuldig. Nicht er, sondern der große Mann der Companie war es, der mir Schießbedarf besorgt hat; und wenn sich jemand wegen des Schießbedarfs schuldig gemacht hat, so ist es der große Mann der Companie. Euer Wohlgeboren können also Duncan nicht dafür verantwortlich machen, ihn gefangensetzen und bestrafen. Ich weiß die Sache bestimmt und kann ihn davon freisprechen. Die Companie hat mir Schießbedarf auch nicht während des Krieges mit Fancois geliefert, sondern vorher, zu der Zeit, als ich noch mit den Hereros kämpfte. Außerdem ist dieser Schießbedarf verbraucht. Den Schießbedarf, der jetzt in meinem Besitz ist und mit dem ich bis jetzt gegen Francois gekämpft habe, habe ich von Ihren eigenen Untertanen in Windhuk und Rehoboth gegen Pferde gekauft, kurz bevor Francois mich angriff. Damit habe ich bislang gegen Francois gekämpft. Leute frei, die in Bethanien im Gefängnis sitzen.
II. Auf Ihre Frage wegen des Schutzvertrages antworte ich wie folgt: Über diese Sache habe ich ernstlich nachgedacht. Aber lieber hochwohlgeborener Freund, ich kann Ihnen nur meine alte Antwort wiederholen. Ich kann die Sache mit dem Schutz nicht durchschauen. Die Sache erscheint mir sehr schwerwiegend und unmöglich, denn ich kann und will nicht unter Ihnen stehen. Ich bitte Sie von Herzen, lieber Freund, lassen Sie mir doch meine Selbständigkeit. Ich will unabhängiger Kapitain in meinem Land und über mein Volk sein, denn das ist mir lieb und genug, dazu bin ich geschaffen und bin es seit langem so gewohnt. Mein freies, selbständiges Leben bringt weder mir noch anderen Menschen Schaden, und ich lebe dieses freie Leben im Frieden mit mir selbst, will auch mit anderen Menschen Frieden halten und in Frieden leben. Ich werde Euch und anderen Menschen nichts Böses durch Krieg zufügen.
III. Den Frieden, den ich mit Ihnen geschlossen habe, den habe ich nicht für eine bestimmte Zeit, auch nicht für zwei Monate, sondern für unser ganzes Leben abgeschlossen. Er ist auch nicht mit Ihnen allein, sondern mit der ganzen Menschheit, die auf Gottes Erdboden lebt, geschlossen. Zum Schluß versichere ich Euer Wohlgeboren nochmals, daß durch mich kein Blutvergießen zwischen uns entstehen soll. Endlich hoffe ich, daß Sie mir eiligst Antwort auf diesen Brief schicken werden. Ich schließe hiermit und schicke Euer Wohlgeboren freundliche Grüße. Ich verbleibe Ihr Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.„

Die folgenden Zitate stammen von den Seiten 200 ff.:








Zitat auf der Seite 232

Zitat auf der Seite 241: Endlich Friedern – Hendrik Witbooi ergibt sich:









Seite 357

Seite 360

Seite 400

Seite 76


Seite 110

Seite 111

Seite 146


Seite 427


Der Tod Hendrik Witboois

Am 29. Oktober 1905 wird Hendrik Witbooi tödlich verwundet. Wilhelm Preiser, ein Gefreiter der Kaiserlichen Schutztruppe Deutsch Südwestafrika, ist als Gegner an dem Gefecht beteiligt und schildert aus seiner Sicht das Geschehen (Zitat und Bild aus: Deutsche Reiter in Südwest, Dincklage-Campe, Friedrich von Berlin [u.a.], [1908], Seite 369 ff.):



Kommentar von Mühlhaupt
Mit Sicherheit waren die unrühmlichen Raubzüge des charismatischen Hendrik Witbooi 30 Jahre lang die beachtenswertesten Ereignisse im Grossnamaland. Etliche Namastämme wurden durch ihn nahezu ausgerottet. In der heute politisch oportunen Literatur wird Hendrik Witbooi oft als Führer aller Nama und Orlam hochstilisiert. Auch Hendrik Witboois Titel als „Befreiungskrieger“ sollte kritisch betrachtet werden angesichts der herausragenden Bedeutung seiner deutschfreundlichen Witbooi-Hilfstruppen bei der Bekämpfung von anti kolonialen Aufständen. Heutzutage steht Hendrik Witbooi für den „100 Jährigen Befreiungskrieg der Namibianer“ wie Napoleon für das „Siegreiche Frankreich“. Zitat aus 2016 : “ Verbunden mit Eingliederung der historischen Figur in das nationale Narrativ wird (Hendrik) Witbooi so zum Begründer eines hundert jährigen Befreiungskampfes, der schliesslich – so das Narrativ- von der SWAPO siegreich beendet werden konnte.“ („Postkoloniale Gegenbilder des Erinnerns an deutschen Kolonialismus“ von Fabian Lehmann 2016.)
Geschichte Bethaniens, Seite 44
