Die Tagebücher von Hendrik Witbooi (oft auch als Witbooi-Papiere bezeichnet) sind keine privaten Tagebücher im heutigen Sinn, sondern gebundene „Geschäftsbücher“. Sie enthalten Kopien der offiziellen Korrespondenz, Verträge und Erlasse, die Witbooi und seine Schriftführer zwischen 1884 und 1894 auf Kapholländisch führten.
Inhalt der Tagebücher
- Briefwechsel mit deutschen Kolonialbeamten: Korrespondenzen mit Reichskommissaren wie Heinrich Göring und Curt von François, in denen Witbooi die deutschen Herrschaftsansprüche messerscharf analysierte und ablehnte.
- Diplomatie mit anderen afrikanischen Anführern: Briefe an traditionelle Führungspersönlichkeiten (unter anderem an Maharero, den Oberkapitän der Herero), in denen er vor der Spaltung der einheimischen Bevölkerung warnte und zur geschlossenen Front gegen die Europäer aufrief.
- Rechtstexte und Protokolle: Aufzeichnungen über Streitbeilegungen, Landrechte, Verträge sowie interne Gesetze der Witbooi-Gemeinschaft.
- Religiöse und philosophische Gedanken: Witbooi war christlich geprägt und begründete seinen Widerstand oft mit seinem Glauben an eine Gottgegebene Unabhängigkeit seines Volkes.
Warum sind sie UNESCO-Weltdokumentenerbe?
Die Tagebücher wurden 2005 in das UNESCO-Register „Memory of the World“ (Weltdokumentenerbe) aufgenommen.
- Seltene afrikanische Perspektive: Kolonialgeschichte wurde meist aus Sicht der europäischen Eroberer dokumentiert. Die Witbooi-Papiere bieten ein seltenes, authentisches Schriftzeugnis eines afrikanischen Staatsmannes aus der vorkolonialen und frühen Kolonialzeit.
- Diplomatische Brillanz: Die Dokumente widerlegen das Kolonialnarrativ von „primitiven Stämmen“. Sie zeigen, mit welch hohem juristischen und politischen Verständnis Witbooi Verträge analysierte und das Konzept der Völkersouveränität vertrat.
- Universalhistorischer Wert: Sie stellen ein Schlüsseldokument für das Verständnis Südwestafrika dar – geschrieben von der Gegenseite im Moment eines tödlichen Konflikts.
Hendrik Witboois Urteil über François, Leutwein und Trotha – Analyse mit Fundstellen
1. Hauptmann/Major von François: vom umstrittenen Verhandlungspartner zum Verräter des Friedens
Vor dem Krieg (1892): Skeptische, aber sachliche Auseinandersetzung
In der ausführlich protokollierten Unterredung vom 8./9. Juni 1892 (Nr. 62) tritt Witbooi François noch als ebenbürtigem Gesprächspartner gegenüber – höflich, aber in der Sache kompromisslos. Er widerlegt Punkt für Punkt dessen Argumente für einen Schutzvertrag und weist das deutsche Waffenverbot als unehrlich zurück: „Ich kann das Werk und den Plan von Euch großen Leuten durchaus nicht loben, kann es durchaus nicht gutheißen und kann es nicht als recht und billig bezeichnen; denn lediglich Euren Verboten der Einfuhr von Waffen ist es zu verdanken, daß der Krieg so lange dauert.“ Bemerkenswert ist, dass er hier bereits misstraut, dass die als Schutzargument vorgebrachte Sorge um Frieden aufrichtig sei – er deutet die deutsche Politik als getarntes Machtstreben, das selbst zur „großen Nation“ werde, vor der man eigentlich schützen wolle.
Nach dem Überfall auf Hornkranz (12. April 1893): Bruch des Vertrauens
Der entscheidende Bruch in Witboois Urteil über François vollzieht sich durch den Überraschungsangriff auf Hornkranz. Rückblickend beschreibt er dies am 4. Mai 1894 (Nr. 100) mit unverhohlener Fassungslosigkeit: „Ich lag ruhig in meinem Hause und schlief, da kam Francis, mich wach zu schießen, und das nicht wegen des Friedens oder einer Missetat […] Solche Werke hatte ich von François nicht erwartet […] Ich kann nicht verstehen, daß das Sünde und Schuld ist, wenn ein Mensch sein Eigentum und Gut nicht hergeben will.“ Er bezeichnet den Angriff wörtlich als „traurige und schreckliche Vergewaltigung“.
Am 6. Mai 1894 (Nr. 102) wiederholt er diese Anklage gegenüber Leutwein noch pointierter: François habe ihn im Frieden schlafend überfallen, während er noch über dessen Vertragsangebot nachdachte – ein klarer Vertrauensbruch, den Witbooi als unprovoziert und daher unrechtmäßig einstuft.
Fazit zu François: Witboois Urteil wandelt sich von einem respektvollen, aber unnachgiebigen Verhandlungsgegner (1892) zu einem Mann, dessen Wort nichts gilt und der Gewalt der ehrlichen Auseinandersetzung vorzieht (ab 1893/94). Bezeichnend ist, dass François in den späteren Briefen kaum noch direkt angesprochen wird – er verschwindet als Bezugsperson, sobald Leutwein die Verhandlungsführung übernimmt.
2. Major Leutwein: von zurückhaltendem Respekt zu Loyalität – trotz erkannter Doppelzüngigkeit
Erste Kontaktaufnahme (Mai 1894): Vorsichtige Bereitschaft
Anders als bei François unterscheidet Witbooi zunächst klar zwischen der Person Leutweins und dessen Vorgänger. Am 4. Mai 1894 (Nr. 100) erkennt er ihm ausdrücklich keine persönliche Schuld an Françoisʼ Taten zu und zeigt sich verhandlungsbereit: „Ich werde Euer Hochedlen dann den Frieden geben und bin gewillt, Ihnen um des Herrn willen Frieden zu geben.“
Vorwurf der Doppelzüngigkeit während der Verhandlungen
Diese anfängliche Offenheit wird jedoch mehrfach erschüttert. Am 20. Mai 1894 (Nr. 107) beklagt er, dass Leutweins Truppen just während der laufenden Friedensgespräche auf seine Leute schossen: „Während Sie über den Frieden verhandelten, haben Sie auf uns schießen lassen. Diese Tat läßt mich verstummen und erstaunt sein.“ Einen Tag später (Nr. 108) wiederholt er den Vorwurf noch schärfer: „Ich verstehe nicht, wie Sie auf der einen Seite Friedensverhandlungen führen können und auf der anderen Seite fortfahren, mich anzugreifen und zu beschießen.“
Am 9. Mai 1894 (Nr. 106) wirft er Leutwein zudem vor, die Verhandlungsbedingungen eigenmächtig zu verschärfen: „Nun verlangen Sie gestern wieder etwas, wovon in unseren ersten Briefen nicht die Rede gewesen ist.“
Der zentrale Vorwurf: Macht statt Recht
Den prägnantesten Ausdruck findet Witboois kritisches Urteil am 17. August 1894 (Nr. 114). Er entlarvt Leutweins Argumentation als bloße nachträgliche Rechtfertigung von Gewalt: „Alles, was Sie anführen, sind Ihre eigenen, zu Ihrem Vorteil erdachten Gedanken und Annahmen, die Sie sich zurechtgemacht haben, um vor der Welt die Ehre von Recht und Wahrheit für sich zu haben und meine Schuld zu beweisen.“ Zugleich erkennt er nüchtern das faktische Machtgefälle an, ohne dessen moralische Legitimität zu akzeptieren: „Darin stimme ich mit Ihnen überein, daß Sie in der Tat mächtig sind, und daß ich nichts gegen Sie bin.“ Am 23. August 1894 (Nr. 117) zieht er sogar eine direkte Linie von Françoisʼ Massaker an Frauen und Kindern in Hornkranz zu Leutweins aktuellem Vorgehen und macht ihn für das vergossene Blut mitverantwortlich – behält aber die Anrede „Ihr Freund und Kapitain“ bei.
Nach der Niederlage (September 1894): Bemerkenswerter Tonwechsel
Nach der militärischen Zermürbung im Naukluftgebirge (Gefecht bei Gurus, 3. September 1894, Nr. 119: „Ich flehe Euch an, drehen Sie um!“) und dem Vertragsabschluss vom 15. September 1894 wandelt sich der Ton binnen weniger Wochen auffällig: Bereits am 23. September 1894 (Nr. 127) schreibt Witbooi dankbar über den freundlichen Empfang durch einen deutschen Offizier, und am 21. September (Nr. 126) redet er Leutwein als „mein lieber und hochgeachteter Freund“ an. Der Herausgeberkommentar bestätigt diese Entwicklung: „Hendrik fand nach einiger Zeit ein loyales und geradezu freundschaftliches Verhältnis zu Leutwein und Burgsdorff.“ Witbooi leistete daraufhin zwischen 1896 und 1904 in sechs Feldzügen deutsche Heeresfolge.
Fazit zu Leutwein: Witboois Urteil ist ambivalenter als das über François – er erkennt Leutwein zwar wiederholt Doppelzüngigkeit und Verhandeln-unter-Waffengewalt vor, hält aber, anders als bei François, bis zuletzt an der Anrede „Freund“ fest und entwickelt nach der Niederlage eine tatsächliche, dauerhafte Loyalität.
3. Lothar von Trotha: keine eigenen Aussagen Witboois im vorliegenden Text
Der vorliegende Text enthält keine einzige eigene Äußerung Hendrik Witboois über Trotha. Die Dokumentensammlung (Nr. 1–129) umfasst ausschließlich Briefe und Aufzeichnungen Henrik Witboois aus den Jahren 1884–1895; Trotha traf jedoch erst 1904 in der Kolonie ein. Der einzige Bezug findet sich im abschließenden redaktionellen Kommentar der Herausgeber (nicht Witboois eigene Worte): Witbooi habe im Oktober 1904 „aus Verzweiflung über die brutale deutsche Unterdrückungspolitik“ die Führung des Nama-Aufstands übernommen und sei am 3. November seinen Verletzungen erlegen – dies aber als historische Einordnung durch die Herausgeber, nicht als Zitat.
Der bekannteste Brief von Hendrik Witbooi an den Herero-Oberkapitän Maharero Katjamuaha stammt vom 30. Mai 1890. Darin reagiert Witbooi auf die Nachricht, dass Maharero einen „Schutzvertrag“ mit dem Deutschen Reich (unter Reichskommissar Heinrich Göring) unterzeichnet hat.
Kerninhalte und Kerngedanken des Briefes
- Warnung vor dem Verlust der Souveränität: Witbooi stellt klar, dass ein Schutzvertrag mit einer europäischen Macht keine Gleichberechtigung bedeutet, sondern die Aufgabe der eigenen Freiheit.
- Die deutsche Kolonialmacht als Bedrohung für alle: Er betont, dass die Deutschen keinen Unterschied zwischen Nama und Herero machen – das europäische Ziel sei die Beherrschung des gesamten Landes.
- Apell an die afrikanische Einheit: Witbooi ruft Maharero dazu auf, die internen Streitigkeiten zwischen Herero und Nama beizulegen, da der gemeinsame Feind nun von außen komme.
Zitate aus dem Brief (sinngemäß übersetzt aus dem Kapholländischen)
„Du wirst glauben, dass Du beschützt wirst, aber Du wirst von Deinem Schutzherrn regiert werden. Er wird Dir Befehle geben und Du wirst ihm gehorchen müssen […] Du wirst sehen, dass Du Dein Land und Deine Selbstständigkeit verloren hast.“
„Diese Kolonialmacht kommt nicht, um uns zu helfen, sondern um unser Land zu nehmen und ihre Gesetze über uns zu stellen.“
| Aspekt | Historische Bedeutung des Briefes |
| Politische Weitsicht | Witbooi erkannte Jahre vor Ausbruch der großen Kolonialkriege (1904–1908), dass Schutzverträge Instrumente zur Enteignung und Unterwerfung waren. |
| Bewusstsein von Herrschaft | Der Brief widerlegt das europäische Narrativ, afrikanische Anführer hätten die Reichweite und Folgen der kolonialen Verträge nicht verstanden. |
Der Apell bleibt damals unberücksichtigt: da die Feindschaft zwischen den Gruppen ist noch zu tief. Erst 1904, als Samuel Maharero (Mahareros Sohn) den Aufstand der Herero wagt, schickt dieser wiederum einen Hilferuf an Witbooi mit den Worten: „Lass uns lieber zusammen sterben und nicht sterben durch Misshandlung und Gefängnis.“ Im Oktober 1904 schließt sich Witbooi daraufhin dem Befreiungskampf an.
Der Schlagabtausch zwischen Hendrik Witbooi und dem deutschen Schutztruppenkommandanten Curt von François zwischen 1889 und 1894
Auf der einen Seite steht der koloniale Machtanspruch des Deutschen Reiches, auf der anderen das kompromisslose Pochen auf völkerrechtliche Souveränität.
Die Gegenüberstellung der Argumente
- Der deutsche Standpunkt (von François): Von François fordert Witbooi auf, den deutschen „Schutzvertrag“ zu unterzeichnen und die deutsche Oberhoheit anzuerkennen. Er droht mit militärischer Gewalt, falls Witbooi die Herrschaft des Kaisers nicht akzeptiert oder weiterhin Raubzüge gegen andere Gruppen unternimmt.
- Der Standpunkt der Nama (Witbooi): Witbooi lehnt das deutsche Angebot in gewählter, teils theologisch und völkerrechtlich fundierter Sprache ab. Er entlarvt das Wort „Schutz“ als leere Hülle für Unterwerfung und hinterfragt den Anspruch des Kaisers, über afrikanisches Land zu herrschen.
Kernzitate aus dem Briefwechsel
Von François (Juli 1892):
„Dass der Kaiser ein großer Herrscher ist, wirst Du wissen. Er ist viel mächtiger als Du. Schutz verlangen von ihm nur die Kapitäne, die ihre Unabhängigkeit nicht allein aufrecht erhalten können. Du bist ein kleiner Kapitän […] Unterwirfst Du Dich nicht, so wird die deutsche Regierung Dich vernichten.“
Witbooi (August 1892):
„Gott der Herr hat verschiedenen Völkern verschiedene Reiche und Länder gegeben […] Was ist Schutz? Jeder Kapitän schützt sein eigenes Land und seine eigenen Leute. Der deutsche Kaiser kann mich nicht beschützen, denn er ist nicht in meinem Lande ansässig […] Ich bin ein freier Mann und der alleinige Herrscher über mein Volk.“
| Phase | Ablauf und Reaktion |
| 1889–1892 | Vorführung deutscher Machtansprüche durch von François; Witbooi widerlegt systematisch den Nutzen eines Schutzvertrags. |
| Ende 1892 | Ultimatum von François‘: Forderung nach Einstellung des Krieges gegen die Herero und Unterwerfung. Witbooi beharrt auf autonomer Friedensschließung. |
| April 1893 | Abbruch der Diplomatie: Von François greift das unbewachte Lager Hornkranz an, womit der militärische Konflikt beginnt. |
Nach dem Angriff auf Hornkranz wandelt sich der Ton in den Briefen schlagartig. Witbooi wirft den Deutschen Wortbruch und Grausamkeit vor: in Hornkranz sterben Frauen und Kinder starben. Der Austausch endet, als von François 1894 durch Theodor Leutwein ersetzt wird, der eine andere Verhandlungsstrategie verfolgt.
Die Strategien Curt von François und seines Nachfolgers Theodor Leutwein gegenüber Hendrik Witbooi
Die Strategien von Curt von François und seinem Nachfolger Theodor Leutwein gegenüber Hendrik Witbooi bildeten einen deutlichen Kontrast in Methodik und Kolonialphilosophie. Während von François auf direkte Konfrontation und militärische Unterwerfung setzte, etablierte Leutwein ein diplomatischeres System der indirekten Herrschaft (System Leutwein).
Curt von François: Konfrontation und militärische Unterwerfung
- Militärische Machtdemonstration: Von François verfolgte die Doktrin, die deutsche Herrschaft mit sofortiger Härte durchzusetzen. Er sah in Witbooi lediglich einen aufständischen „Rebellen“, der ohne Kompromisse unterworfen werden musste.
- Taktik des Überfalls: Sein prägender Schritt war der unangekündigte Angriff auf das zivile Hauptquartier der Witbooi in Hornkranz (April 1893). Das Ziel war die Zerschlagung der Bewegung in einem einzigen Schlag, was jedoch misslang und stattdessen einen monatelangen Guerillakrieg auslöste.
- Abneigung gegen Diplomatie: Von François lehnte Verhandlungen ab, solange Witbooi sich nicht bedingungslos ergab. Er unterschätzte die militärische Flexibilität der Nama und das Terrain im Naukluft-Gebirge erheblich.
Theodor Leutwein: Divide et impera und Einbindung
- Indirekte Herrschaft und Diplomatie: Leutwein erkannte, dass das Deutsche Reich weder die Truppenstärke noch das Geld besaß, um Dauerberkriege gegen alle einheimischen Gruppen gleichzeitig zu führen. Er setzte auf das Prinzip „Teile und herrsche“ (Divide et impera).
- Verhandlungslösung nach Stärke: Auch Leutwein setzte Gewalt ein (z. B. in der Schlacht in den Naukluftbergen 1894), nutzte diese aber gezielt, um Witbooi an den Verhandlungstisch zu zwingen. Als beide Seiten erschöpft waren, bot er Witbooi einen ehrenvollen Ausweg an.
- Integrationsvertrag von 1894: Leutwein gestand Witbooi im Schutzvertrag Teilautonomie und das Behalten seiner Waffen zu. Im Gegenzug verpflichtete er Witbooi zur Gestellung von Hilfstruppen für die deutsche Schutztruppe gegen andere aufständische Gruppen.
| Vergleichspunkt | Curt von François | Theodor Leutwein |
| Ziel | Schnelle, bedingungslose Kapitulation Witboois. | Einbindung Witboois als kollaborierender Partner. |
| Methode | Frontaler Angriff, Vernichtung von Ressourcen (Hornkranz). | Kombination aus militärischem Druck und Kompromissdiplomatie. |
| Ergebnis | Verfestigung des Widerstands, Guerillakrieg, eigene Niederlagen. | 10-jähriges Bündnis (1894–1904) und Sicherung der vorübergehenden Kontrolle. |
Leutweins Strategie war aus deutscher Sicht für ein Jahrzehnt erfolgreich, brach jedoch 1904 zusammen, als sowohl die Ovaherero als auch die Witbooi-Nama erkannten, dass Leutweins schrittweise Landnahme ihre Existenz schadete. Dies führte schließlich zu seiner Abberufung und der extremen Vernichtungspolitik unter Lothar von Trotha.
Hier sind im Wortlaut (deutsche Übersetzung) 129 besonders bedeutsame Dokumente aus dem Tagebuch Witboois mit einigen Anmerkungen
1. Tagebucheintrag Hendrik Witbooi: 27. Juni 1884
2. Hendriks Worte an seinen Vater: Tsub Gaos, 18. Juli 1885
3. Witbooi an Maharero: Gau-Gam, 13 Oktober 1885
4. Witbooi an Maharero: Gurubmanas, 19. Oktober 1885
5. Witbooi an Heidmann: Gurubmanas, 20. Oktober 1885
6. Witbooi an Maharero: Gaos, 30. Oktober 1885
7. Rust an Witbooi: Gibeon, 19. Mai 1886
8. Witbooi an Manasse Noreseb: Lidfontein, 10. Dezember 1888
9. Witbooi an Jan Jonker Afrikaner: Hornkranz, 10. März 1889
10. Witbooi an Isaak Xau-Xab: Hornkranz, 10. März 1889
11. Jan Jonker Afrikaner an Witbooi: Hau-xas, 20. März 1889
12. Witbooi an Jan Jonker Afrikaner: Hornkranz, 22. März 1889
Die Anfänge des deutschen Eingreifens
13. Witbooi an Göring: Hornkranz, 22. März 1889
14. Witbooi an Gering: Hornkranz, 23. März 1889
15. Witbooi an Göring: Hornkranz, 11. April 1889
16. Witbooi an Hermanns van Wyk: Hornkranz, 9. Juni 1889
17. Witbooi an Albertus Bam: Hornkranz, 23. Juni 1889
18. Tagebucheintrag: November 1888
19. 19. Brief Manasse Hoachanas an Hendrik Witbooi: 14. November 1888
Hendrik Witbooi gibt Rechenschaft
20. Willem Christian an Witbooi: Warmbad, 7. November 1889
21. Witbooi an Missonar J. Olpp: Hornkranz, 3. Januar 1890
22. Witbooi an Missonar J. Olpp: Hornkranz Fortsetzung: Hornkranz, 3. Januar 1890
23. Witbooi an Kamaherero: Hornkranz, 5. Januar 1890
24. Witbooi an Manasse: Hornkranz, 5. Januar 1890
Beginn der Konfrontation mit den Deutschen
25. Witbooi an Kaufleute in Rehoboth: Hornkranz, 9. Mai 1890
26. 24a Göring an Witbooi: Okahandja, 20. Mai 1890
27. Witbooi an Göring: Hornkranz, 29. Mai 1890
28. Witbooi an Kapitain Kamaherero Oberhaupt des Hererolandes: Hornkranz, 30. Mai 1890
29. Tagebucheintrag: Rehoboth, 27. Juni 1890
30. Witbooi an seine Gemeinde: Hornkranz, 27. Juli 1890
31. Witbooi an Kapitain Willem Christian: Hornkranz, 1. August 1890
32. Jakobus Isaak an Kapitain Hendrik Witbooi: Berseba, 22. August 1890
33. Kapitain Hendrik Witbooi an Verpflegungsunterkapitain Klaas Lebe: Hornkranz, 1. September 1890
34. Hendrik Witbooi an seine Gemeinde:Hornkranz, 3. Januar 1891
Deutscher Druck und Krieg mit den Herero
35. Witbooi an Johannes Johannes Diegard: Hornkranz, 20. Mai 1891
36. Witbooi an die Hereros: Hornkranz, 20. Mai 1891
37. Witbooi an Kapitain Willem Christian: Hornkranz, 20. Mai 1891
38. Witbooi an Kleinschmidt und Maier: Rooibank, 5. Juni 1891
39. Puntie Müder und Robinson an Witbooi
40. Maharero an die Hottentotten: Okahandja, 20. Juni 1891
41. Witbooi an Maharero: Hornkranz, 23. Juni 1891
42. Witbooi an Duncan: Hornkranz, 28. Juni 1891
43. Witbooi erneut an Duncan: Hornkranz, 28. Juni 1891
44. Witbooi an seine Gemeinde in Gibeon: Hornkranz, 28. Juni 1891
45. Witbooi an Maharero: Hornkranz, 30. Juni 1891
46. Witbooi an Robinson: Hornkranz, 11. Juli 1891
47. Maharero an Witbooi: Okahandja, 20. Juli 1891
48. Witbooi an Samuel Maharero: Hornkranz, 31. Juli 1891
49. Witbooi an Dirk van Wyk: Hornkranz, 1. August 1891
50. Willem Christian an Witbooi: Warmbad, 13. August 1891
51. Witbooi an Hutton: Hornkranz, 8. November 1891
52. Witbooi an Redeker: Hornkranz, 8. November 1891
53. Witbooi an Otto: Hornkranz, 8. November 1891
54. Witbooi an Dannert und Haelbich: Hornkranz, 8. November 1891
55. Daniel Pitter an Snewe: Hornkranz, 19. Dezember 1891
56. Tagebucheintrag: 26. November 1891
57. Witbooi an Willem Koopmann: Hornkranz, 28. März 1892
58. Missionar Judt an Witbooi: Hoachanas, 29. März 1892
59. Witbooi an an den kaiserlich deutschen Kommissar Herrn Köhler: Hornkranz, 13. April 1892
60. Witbooi an Duncan: Hornkranz, 22. April 1892
61. Witbooi an Hermann: Hornkranz, 20. Mai 1892
62. Gespräch zwischen von François und Witbooi: Hornkranz, 9. Juni 1892
63. Witbooi an Kapitain Joseph Fredericks: Hornkranz, 27. Juni 1892
64. Witbooi an von François: Hornkranz, 28. Juni 1892
65. Witbooi an von François: Hornkranz, 29. Juni 1892
Friedensverhandlungen mit Maharero und Suche nach einem Ausweg
66. Witbooi an Kapitain Samuel Maharero: Hornkranz, 13. Juli 1892
67. Witbooi an Kapitain H. van Wyk: Hornkranz, 13. Juli 1892
68. Daniel Frederick an Daniel Pitter: Bethanien, 20. Juli 1892
69. Maharero an Witbooi: Okahandja, 28. Juli 1892
70. Kapitain Hermann van Wyk an Witbooi: Rehoboth, 28. Juli 1892
71. Witbooi an den englischen Magistrat in Walfischbucht: Hornkranz, 4. August 1892
72. Tagebucheintrag Friedensverhandlung: Hornkranz, 6. August 1892
73. Witbooi an Kapitain Hermann van Wyk: Hornkranz, 6. August 1892
74. Witbooi an Kapitain Joseph Fredericks: Hornkranz, 7. August 1892
75. Witbooi an Jimpel: Hornkranz, 17. August 1892
76. Witbooi an Robinson: Hornkranz, 17. August 1892
77. Maharero an Hermann van Wyk: Okahandja, 23. August 1892
78. Witbooi an Hermann van Wyk: Rehoboth, 4. September 1892
79. Witbooi an Andries Piek: Hornkranz, 9. September 1892
80. Maharero an Hermann van Wyk: Okahandja, 22. September 1892
81. Witbooi an den deutschen Kommissar Köhler: Rehoboth, 3. Oktober 1892
82. Simon Köpper an Witbooi: Goas-xas, 3. Oktober 1892
83. Witbooi an Hermann van Wyk: Rehoboth, 4. Oktober 1892
84. Den deutsche Kommissar Köhler an Witbooi: Windhuk, 10. Oktober 1892
85. Eine Erklärung von Witboi: Oktober 1892
86. Witbooi an die Bewohner von Hoachanas: Hornkranz, 15. Oktober 1892
87. Witbooi an Johannes Mupurua: Rehoboth, 22. Oktober 1892
88. Witbooi an Köhler: Rehoboth, 22. Oktober 1892
89. Maharero an Witbooi: Okahandja, 1. November 1892
90. Witbooi an Maharero: Rehoboth, 10. November 1892
91. Witbooi an Maharero: Rehoboth, 10. November 1892
92. Witbooi an die Kapregierung: Hornkranz, 10. November 1892
93. Witbooi an von François: Hornkranz, 14. November 1892
94. Witbooi an von François: Hornkranz, 14. November 1892
95. Witbooi an den englische Magistrat in Walfischbucht: Hornkranz, 17. November 1982
96. Maharero an Witbooi: Okahandja, 29. November 1892
97. Bericht Witbooi wegen Vertrags mit François: Anfang April 1893
98. Witbooi an die Bewohner von Hornkranz: Hornkranz, 6. April 1893
Krieg mit den Deutschen und Niederlage
99. Witbooi an von François: 24. Juli 1893
100. 96a Witbooi an Leutwein. Naukluft, 4. Mai 1894
101. 96b Leutwein an Witbooi. Lager vor der Naukluft, 5. Mai 1894
102. Witbooi an Leutwein. Naukluft, 6. Mai 1894
103. Witbooi an Leutwein. Naukluft, 7. Mai 1894
104. 98a Leutwein an Witbooi. Lager vor der Naukluft, 7. Mai 1894
105. Witbooi an Leutwein. Naukluft, 8. Mai 1894
106. Witbooi an Leutwein. Naukluft, 9. Mai 1894
107. Witbooi an Leutwein. Naukluft, 20. Mai 1894
108. Witbooi an Leutwein. wahrscheinlich 21. Mai 1894
109. Witbooi an Leutwein. Naukluft, 22. Mai 1894
110. Witbooi an Leutwein. Naukluft, 24. Mai 1894
111. Witbooi an Leutwein. Naukluft, 11. Juli 1894
112. Witbooi an Leutwein. Naukluft, 15. August 1894
113. Leutwein an Witbooi. Lager vor der Naukluft, 15. August 1894
114. Witbooi an Leutwein. Naukluft, 17. August 1894
115. Witbooi an Leutwein. Naukluft, 20. August 1894
116. Leutwein an Witbooi: August 1894
117. Witbooi an Leutwein:Naukluft, 23. August 1894
118. Leutwein an Witbooi: Lager vor Naukluft, 23. August 1894
119. Witbooi an Leutwein: Gurus, 3. September 1894
120. Witbooi an Leutwein: Im Naukluftgebirge, 7. September 1894
121. Witbooi an Leutwein: Tsam, 10. September 1894
122. Witbooi an Leutwein: Tsam, 12. September 1894
123. Witbooi an Leutwein: Tsam, 13. September 1894
124. Schutzvertrag: 15. September 1894
125. Witbooi an Leutwein: Tsam-Ams, 18. September 1894
126. Witbooi an Leutwein: Tsam, 21. September 1894
127. Witbooi an Leutwein: Naukluft, 23. September 1894
128. Witbooi an Leutwein: Blomrivier, 10. Oktober 1894
129. Zusatz zum am 15. September 1894 abgeschlossenen Schutzvertrag: 16. November 1895
1. Tagebucheintrag Hendrik Witbooi: 27. Juni 1884
Aub, 18.-27. Juni 1884
Wir sahen gestern am 17. Juni Hereros auf Aub; es waren Kundschafter, die wir wie Wild verjagten. Bei der Verfolgung kam ein Mann von uns zu Schaden. Er sah sie als Erster und hielt sie für unsere eigenen Leute, die sich vor uns befanden. Dabei kam er ganz nahe an die Hereros heran; sie schossen auf ihn und verwundeten ihn zweimal. Wir holten ihn zurück, während er noch am Leben war, nachdem er uns angerufen hatte. So haben ihn die Hereros nicht in ihre Hände bekommen. Er rief fortgesetzt die Worte: „Der Herrgott sei gepriesen, mein Kapitain!“ Wir hoben ihn auf zwei Pferde und brachten ihn zum Wagen. In der Nacht vom 17. zum 18. Juni ist er gestorben. Der Mann hieß Talokob Khorebeb. Am 18. Juni begruben wir ihn. (An seinem Grabe habe ich die bemerkenswerten Worte gesprochen: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, sondern verstockt bleibt, so sollen eure Frauen und Kinder noch an diesem Grabe stehen!“) Am 18. Juni blieben wir auf Aub, die Hereros auf Gaguis. Am 19. Juni ritten wir weiter nach Aruas und schossen uns mit den Hereros herum, die wir tagsüber beobachten konnten. Wir fochten mit den Hereros, und unsere Leute, die zu Fuß waren, hatten es schwer an diesem Tage, da die Hereros nicht nachgeben wollten. Wie wir beobachteten, sind Hereros verwundet worden. Ein Mann vom Stamme der Feldschuhträger wurde an diesem Tage am Arm verwundet, aber nur leicht. Wir fochten bis zum Eintritt der Dunkelheit, schliefen dann am Rand eines Flusses, die Hereros am anderen Ufer. Die Hereros nahmen an diesem Tage David Pitters Pferd weg, das Johannes Pitter benutzt hatte. Er war abgesessen und nach vorn gelaufen, um am Kampfe teilzunehmen, da er Leute von uns vor sich sah. Diese Leute hatten während des Kampfes das Pferd weiter zurückgestellt, und zwar an eine andere Stelle, als wo Pitter es gelassen hatte. Als er nun zurückkam, fand er das Pferd nicht mehr vor. Ein Herero ist heute in unseren Händen gestorben; auch erbeuteten wir ein Gewehr. Am 20. Juni ritten wir nach Aruas, die Hereros auch. Zweihundert Mann lagen sich so den Sonntag über nahe gegenüber. Am 23. Juni verfolgten wir die Hereros und fochten mit ihrer gesamten Streitmacht. Das Gefecht war an diesem Tage besonders schwer auf unserem rechten Flügel, wo Uneinigkeit unter den Feldschuhträgern herrschte. David Pitter war allein auf diesem Flügel. Drei von unseren Leuten wurden verwundet: Abraham Jantse, Paul Slingen und Johannes Garusab vom roten Volk; ferner wurden uns vier Pferde erschossen. Schließlich wurden die Hereros nach allen Richtungen in die Flucht gejagt. Zur Verfolgung war es zu spät. Auf unserem linken Flügel erbeuteten wir an diesem Tag zwei Pferde und ein Gewehr. Der Lehrer der Hererosprache, der Sohn von Roode Damab, fiel auf dem rechten Flügel. Am nächsten Tage erbeuteten wir wieder ein Pferd, so daß unsere Beute aus vier Pferden bestand. Zwei von unseren Pferden (die Stuten von Ohm Hendrik) sind ihren Verletzungen erlegen. Abraham Jantse unterhielt sich mit uns am 24. Juni bis in die Nacht hinein und entschlummerte dann selig. Wir begruben ihn am 25. Juni 1884. Am 24. Juni wurden von der kämpfenden Hererotruppe Friedensgespräche etwa mit folgenden Worten geführt: „Das ist nun der zweite Kampftag! Ihr kommt aus einem fernen Land! Warum kommt Ihr mit Krieg? Wir haben Gutes von Euch gehört und erwarteten Euch deshalb in friedlicher Weise.“ Unsere erste Antwort darauf lautete: „Wir kommen in friedlicher Absicht, aber Euer Kapitain ist sehr hochmütig und stolz und will uns den Durchzug nicht gestatten. Wir sind gekommen, um den Durchzug zu erzwingen und Euren Kapitain gefangenzunehmen.“ Darauf antworteten die Hereros: „Wir sind von altersher für Frieden, und wenn Ihr in friedlicher Absicht kommen wollt, so haltet doch Frieden.“ Bevor diese Botschaft bei Hendrik ankam, legten die Hereros die Waffen beiseite, erhoben sich, und Samuel sagte ihnen: „Schießt vorerst nicht! Ich werde zu Hendrik gehen und mit ihm wegen des Friedens sprechen.“ Auf diese Art baten die Hereros um Frieden. Hendrik hat sich zunächst geweigert, das Friedensangebot anzunehmen. Samuel redete ihm zu, er solle nur erst einmal annehmen; vielleicht sei es eine Fügung Gottes; denn unsere Munition war knapp geworden. Hendrik nahm das Angebot an und schickte den Hereros durch Samuel folgende Botschaft: „Ich nehme das Friedensangebot an. Geht und sagt den Hereros, daß ich die Absicht hatte, ihn auf seinem eigenen Platze zu fangen, wo er große Aussicht auf Erfolg, viel Munition und viele Streiter zur Verfügung hat.“ Samuel ging hin und teilte den Leuten Kamahereros diese Worte und folgende drei Friedensbedingungen mit: I. Der Friede muß ein vollkommener sein, der alle Menschen umfaßt. Jeder Mensch soll gehen und schlafen können, wo es ihm beliebt. II. Die zwei Plätze Gobabis und Windhuk müssen den Eigentümern wieder aufgebaut werden. III. Es muß mir auf der Suche nach einem neuen Gebiet freier Durchzug durch das Hereroland gestattet werden.
Während der Besprechung dieser Angelegenheiten mit dem Boten legten die Hereros die Waffen weg und kamen zur Begrüßung. So ist mit obigen Worten die Friedensverhandlung eingeleitet worden. Inzwischen war die Sonne untergegangen, noch bevor Kamaherero diese Mitteilung beantworten konnte. Er ließ uns sagen: „Wir werden morgen weiter darüber sprechen; geht zurück und haltet Euch bereit.“ Wir gingen ins Lager zurück und legten uns schlafen. Kamaherero schickte am 25. Juni durch Albert Koopman eine Mitteilung, die lautete: „Ich erwarte von Euch, Hendrik, Weiteres über den Frieden zu hören, den wir gestern besprochen haben. Unsere Leute haben gestern freundschaftliche Begrüßung gefeiert, weshalb ich Weiteres von euch erwarte und hören möchte.“ Ich habe ihm geantwortet: „Nein! Ich erwarte etwas von ihm zu hören, denn ich bin nicht gekommen, um Frieden zu schließen, sondern um mit ihm zu kämpfen; und nur weil ich gestern Friedensworte von ihm hörte, habe ich eingehalten, um weiter zu hören. Wenn er etwas von mir zu erwarten habe, so werde es Kampf sein. Meine ursprüngliche Absicht war, nach Okahandja zu marschieren, um dort mit Kamaherero zu kämpfen. Ich bin also nicht in friedlicher Absicht gekommen.“ Mit dieser Botschaft ging Albert Koopman zurück zu den Hereros. Er und noch zwei Hereros brachten folgende Mitteilung zurück: „Wie sieht das heute aus, was gestern gangbar erschien? Warum höre ich heute andere Worte als gestern? Gestern ist doch Begrüßung mit unseren Leuten gefeiert worden! Ich bin Okahandja! Hendrik hat es folglich nicht nötig, erst nach Okahandja zu gehen. Gebt also Frieden!“ Auf diese Mitteilung hin habe ich den Leuten nochmals meine drei Bedingungen vorgehalten, worauf sie zurückgingen, während wir uns auch vom Schlachtfeld entfernten. Kamaherero antwortete folgendes: „Ich habe verstanden, daß Ihr mir drei Friedensbedingungen stellt, und Ihr werdet darauf Antwort erhalten; aber zunächst bin ich sehr dankbar und erfreut, daß Ihr den Frieden angenommen habt. Die Gegend hier ist sehr öde; wir haben kein Wasser und keine Verpflegung und wollen zunächst in unser Heimatgebiet zurückkehren. Von dort aus werde ich Euch antworten; denn die Angelegenheit ist sehr wichtig. Der Frieden ist eine wunderbare Sache.“ Ich habe Samuel Isaak nochmals nach Kamahereros Lager geschickt, damit der meine Ansichten ja recht verstehe. Samuel hat ihm meine Worte und die drei Bedingungen wiederholt. Kamaherero ließ mich und Samuel rufen und sagte: „Gestern haben unsere Leute Begrüßung gefeiert, wir Kapitaine aber nicht. Kommt doch allein heraus, ich werde auch allein aufs Feld kommen. Wir wollen einander begrüßen und Frieden zwischen unseren Lagern sein lassen!“ Ich habe mein Pferd gesattelt und bin mit Samuel hinausgeritten. Zwischen den Lagern haben wir uns getroffen und begrüßt, worauf Kamaherero nach Neuigkeiten fragte. Ich antwortete ihm: „Es gibt keine Neuigkeiten. Alle Kapitaine sind bereit, mit Euch Krieg zu führen und mit Euch zu kämpfen, mein Vater auch. Ich bin Euch kurzerhand entgegengezogen, um Euch in Eurem eigenen Gebiete anzugreifen, dort wo Euer Wohlgeboren viele Streiter, gute Aussichten und viel Munition zur Verfügung haben, und ich hatte die Absicht, Euch dort gefangenzunehmen. Alle Kapitaine haben jahrelang mit Euch gefochten, aber es ist nichts dabei herausgekommen, und so bin denn ich, ein Kind, ausgezogen, da die Zeit zum Kämpfen für mich gekommen ist. Die Häuptlinge sind alle Gestank, deshalb kommt der Krieg zu keinem Ende.“ Kamaherero antwortete: „Ja, es ist so, Kapitain! Aber der Herrgott hat heute ein großes Werk des Friedens an uns getan, und wenn wir fechten, tut er Wunder. Darum treffen wir uns auch so spät am Nachmittag, damit Ihr nicht zuviele Männer an einem Tage töten könnt. Auch wir sind Geschöpfe Gottes. Und nun? Wer von uns beiden wird den Frieden brechen, den Gott der Herr gegeben hat? Werdet Ihr den Frieden brechen, oder werden Eure Streiter Euch vom Frieden abbringen? Oder sollen meine Mannen mich davon abbringen? Auf mein Wort; Ich allein bin Kapitain in meinem Land! Und wenn Ihr den Frieden, den der Herr gemacht hat, brecht, dann werde ich Euch mit kalten Händen gefangennehmen; wenn ich aber den Frieden brechen sollte, so sollt Ihr mich aus noch so vielen Menschen heraus mit kalten Händen gefangennehmen.“ Darauf antwortete ich: „Hütet Euch, alter Kapitain! Ich habe noch andere Kapitaine hinter mir. Kapitaine und Missionare wollten mich abhalten, gegen Euch zu ziehen. Ich bin aber trotzdem gekommen; so hütet Euch und haltet Euch an Euer Wort.“ Kamaherero wollte nichts von Kapitainen hören; er sagte: „Sprich doch nicht von Kapitainen, es gibt keine Kapitaine! Ihr allein seid Kapitain. Heute erst habe ich den Kapitain gesehen. Kommt und laßt uns Frieden machen! Laßt uns alleinige Kapitaine werden; wir wollen einen entsprechenden Vertrag schließen. Erst wenn wir einen Friedensvertrag geschlossen haben, werde ich befriedigt sein.“ Ich antwortete ihm, daß ich nicht für mich allein, sondern im Namen aller Menschen gekommen sei, obgleich sie nicht gut von mir sprechen. Kamaherero antwortete: „Ich habe alles gehört, was zwischen Euch und Eurem Vater vorgefallen ist. So kommt doch und laßt uns einen Vertrag schließen.“ Zunächst habe ich mich geweigert; er bat mich, mit nach seiner Werft zu kommen. Ich sagte für den nächsten Tag zu, und wir gingen am 26. Juni nach Kamahereros Werft. Am 27. Juni habe ich Kamaherero die folgenden Hauptbedingungen schriftlich übergeben.
la Witbooi an Kamaherero Gaguis, 27. Juni 1884 Wohlgeborener Kapitain Kamaherero! Ich schreibe Euer Wohlgeboren diese wenigen Zeilen, um Euch meinen ganzen Beschluß schriftlich zu geben, damit Euer Wohlgeboren meine Haltung besser verstehen; denn ich bin mir nicht sicher, ob die Dolmetscher alles gut verstehen und übersetzen. I. Wenn wir Frieden schließen, wünsche ich vollkommenen Frieden, damit alles Blutvergießen aufhört. II. Gefallene Plätze sollen wiederaufgebaut werden, und Gottes heiliges und teures Wort soll wieder freien Lauf haben; zwei Plätze, Windhuk und Gobabis, sind auf unsere Seite gefallen. III. Gestattet uns freien Durchzug; wir werden durch Euer Gebiet ziehen, um einen neuen Wohnplatz zu suchen. Da meine Leute von weit her und weit herum kommen, wünsche ich, daß jedermann sich während dieses Friedens aufhalten kann, wo er will. Diese Niederschrift enthält meine Hauptbedingungen, und wenn sie in dem kommenden Frieden gut durchgeführt werden, so soll mich das von Herzen freuen und dankbar machen. Hiermit schließe ich, wohlgeborener Kapitain. Laßt uns hier zum Frieden kommen! Und ich denke viel an Euch, wohlgeborener Kapitain! In der Gnade Gottes! Ich grüße Euch! Ich verbleibe, Hendrik Witbooi.
Maharero scheint auf Hendriks Forderungen eingegangen zu sein, denn Hendrik kehrte nach Gibeon zurück und rüstete im Vertrauen auf dieses Ergebnis zum großen Treck nach Norden. Trotz erneuter Widerstände brach er Mitte Juli 1885 wiederauf. Von Tsub Gaos wenig nördlich Gibeon richtete er nochmals einen rechtfertigenden Brief an seinen Vater. Die Anspielung am Schluß bezieht sich auf einen Viehraub an den Bastards, von dem später noch genauer die Rede sein wird.
2. Hendriks Worte an seinen Vater: Tsub Gaos, 18. Juli 1885
Mein lieber Vater Moses Witbooi! Ich schreibe diese Zeilen an Euer Wohlgeboren. Es ist für mich sehr schwer, derartige Briefe zu erhalten, und ich scheue mich deshalb, lieber Vater, Briefe an Euch zu senden. Ich schicke Euch diesen letzten Brief, um Euer Wohlgeboren ins Gedächtnis zurückzurufen, worüber wir von Anfang an gesprochen haben. O mein lieber Vater! Habe ich Euch Grund für die Beschuldigung gegeben, ich würde Euch, lieber Vater, keine Ehrerbietung, sondern Ungehorsam erzeigen? Mache ich Euch vielleicht einen schlechten Namen? Habe ich Euch, lieber Vater, Widerspruch oder Zorn gezeigt? Ich glaube nicht, lieber Vater, daß ich Euch so etwas angetan habe. Ich will mich nicht selber loben, aber ich glaube mein Bestes an Euch getan zu haben. Ich glaube, Euch die höchste Kindesliebe am Sterbetage der Brüder Kido Witbooi und Kido Pekuur bewiesen zu haben, als ich mein Leben für Euch einsetzte. Im Kugelregen habe ich Euch, Lieber, gesucht und herausgeholt. Das Leben für andere zu lassen, ist der letzte Schritt von Gehorsam und Liebe, und so weit bin ich mit meiner Liebe gegangen, lieber Vater. Aber im Hererokriege habe ich Euch eine Eurer Taten vorgehalten, die Euch Schande bringt.
Von unterwegs kündigt Hendrik Maharero sein Eintreffen an und bittet um Verpflegung.
3. Witbooi an Maharero: Gau-Gam, 13 Oktober 1885
Wohlgeborener Kapitain Maharero! Euern Brief habe ich erhalten; auch sind heute morgen die zwei Leute angekommen, und ich bin sehr erfreut, solche Worte von Euch zu hören. Ich habe mich hier noch aufgehalten, weil ich noch Leute von unten erwarte. Heute morgen bin ich von hier abmarschiert und werde morgen, so der Herr will, dort sein. Ich verfüge jedoch über wenig Verpflegung, Tabak und Kaffee; tatsächlich bin ich knapp an allem. Sorgt doch dafür, daß ich längs des Weges das Erforderliche für mich und meine Leute erhalte. Ich grüße Euch! Ich bin Euer Freund, Hendrik Witbooi.
Man traf in Osona südlich Okahandja zusammen und lagerte beieinander. Aber die Herero wollten die Kontrolle über die Wasserstelle behalten. Es kam zum Kampf, die Witboois mußten der Übermacht weichen, verloren zahlreiche Leute, darunter zwei Söhne Hendriks, und alle Wagen und Zugtiere. Erbittert schreibt er an Maharero ohne die sonst von ihm sorgfältig gewahrten Höflichkeitsformen. Auch die spätere Schilderung (in Nr. 27) folgt derselben Linie.
4. Witbooi an Maharero: Gurubmanas, 19. Oktober 1885
Wohlgeborener Kapitain Maharero! Ihr wißt wohl, daß ich in friedlicher Absicht nach dort gekommen bin; aber Ihr habt mich in Euren Kraal gelockt und versucht, mich mitten im Frieden zu ermorden. Ich habe mich lediglich verteidigt, und Ihr wißt, wie der Tag abgelaufen ist. Als meine Munition knapp wurde, habe ich mich zurückgezogen. Daß Ihr mich nicht überwunden habt, ist Euch selbst gut genug bekannt. Meine Streiter sind nicht ein einziges Mal zurückgegangen; ich war gezwungen, wegen Munitionsmangel zurückzugehen. Nun habe ich mich wieder auf den Krieg vorbereitet und werde bald dorthin kommen. Bleibt deshalb auf Eurem Platze und erwartet mich! Mit Eurem Friedensangebot hattet Ihr mir die Hände gebunden; jetzt habt Ihr sie mir durch Euer feindliches Verhalten wieder gelöst. Wie früher habe ich das Tor des Krieges nun wieder geöffnet. Krieg sollt Ihr nun für alle Zeit haben! Das sage ich frei heraus. Daß ich alle Tore des Krieges geschlossen hatte, als ich den Frieden annahm, das wußtet Ihr. Aber Ihr habt versucht, mich während des Friedens durch List zu ermorden. Wahrlich! Der Herrgott soll nun zwischen uns richten! Ich bin der beleidigte und betrogene Hendrik Witbooi.
Am nächsten Tag schreibt Hendrik an den Missionar der Rehobother Bastards, Heidmann, und macht ihm Vorwürfe, weil er ihn zum Frieden gedrängt hat. Zugleich bittet er um Hilfe für seinen Rückzug. Hoeras liegt so weit südwestlich Rehoboth wie Gurumanas nordwestlich — Hendrik will offenbar den Hauptplatz der Bastards vermeiden.
5. Witbooi an Heidmann: Gurubmanas, 20. Oktober 1885
Mein lieber Herr Ehrwürden Heidmann! Ich schicke Ihnen diese Zeilen. Von meinem Friedenszug bin ich schwach zurückgekommen. Euer Ehrwürden haben mich zum Frieden ermahnt; ich habe diese Mahnung angenommen und entsprechend gehandelt. Und in diesem Frieden sollte ich ermordet werden! Kamaherero führte mich in seinen Kraal und versuchte, mich ermorden zu lassen. Ich habe mich nur verteidigt, und dabei ist mir die Munition ausgegangen; infolgedessen mußte ich mich während der Nacht von dort zurückziehen. Euer Ehrwürden haben mich von meinem ursprünglichen Vorhaben abgebracht und mich zum Frieden ermahnt, wohl wissend, daß Kamaherero ein Mörder ist; bei ihm aber machen Sie sich keine Mühe. So haben Sie mich dem Maharero gegenüber festgelegt, damit er mich im Frieden töten kann. Sie lassen Maharero frei ausgehen und sprechen kein Wort gegen ihn. Diese Rehobother Gemeinde hat an mir gesehen, daß Maharero ein Mörder ist, weil er versucht hat, mich ohne eine Schuld meinerseits ermorden zu lassen. Maharero versucht es bereits zum zweiten Male — wegen Ihrer Worte. Ich weiß nicht mehr, was ich von Leuten halten soll, die mich zum Frieden mahnen, obwohl sie wissen, daß Maharero ein Mörder ist. Ich bitte Euer Ehrwürden, seien Sie doch so gut und setzen Sie sich bei Ihrer Gemeinde dafür ein, daß ich von ihr die Unkosten für die verwundeten Leute ersetzt erhalte, und borgen Sie mir zwei Wagen bis zu meiner Werft, damit ich die Verwundeten aufladen kann, denn ich habe keine Pferde. Schicken Sie mir Antwort nach Hoeras, wo ich Mittwoch eintreffen werde. Außerdem teile ich Euer Ehrwürden mit, daß ich das Tor des Krieges aufund das Tor des Friedens zugeschlossen habe. Ich grüße Euer Ehrwürden herzlich! Ich verbleibe Ihr Freund, Hendrik Witbooi.
Von seiner Werft in Gaos südöstlich Gibeon am Asab richtet Hendrik einen weiteren „Fehdebrief“ an Maharero, dessen Schlußsatz als einziger in der Quelle in der Hottentottensprache aufgezeichnet ist.
6. Witbooi an Maharero: Gaos, 30. Oktober 1885
Wohlgeborener Kapitain Maharero! Ich bin wohlbehalten nach Hause gekommen. Von Gurubmanas habe ich Euch bereits einen Brief geschrieben. Ich schreibe Euch nun zum zweiten Male. Mit grober List habt Ihr mich zu Euch gelockt, aber der Herrgott ist gerecht! Ihr habt Schlechtes mit mir vorgehabt, aber der Herrgott ist ein gerechter Richter! Mit Euren eigenen Augen habt Ihr zugesehen. Ihr habt mich in Euren Kraal gelockt, aber der Herrgott hat mich unversehrt hinausgeführt! Ich ersuche Euch: Bewahrt alles auf, was Ihr mir genommen habt! Haltet auch Euer Land fest, damit ich es nicht aus fremder Hand empfangen muß. Der Herrgott soll nun zwischen uns richten! Viele Streiter habe ich, wie Ihr wißt, verloren. Begrabt die Leute! In kurzer Zeit werde ich kommen und die Gräber selbst zurechtmachen.
Noch eins: Wie kann ich in Zukunft Euren Worten Glauben schenken, die Ihr mir sagen könntet, wenn Ihr wieder in einer Zwangslage seid? Im Namen Gottes habt Ihr mich bereits betrogen! O Maharero, denkt an die Worte, die wir bei unserer ersten Zusammenkunft unter dem Kamelbaum gewechselt haben! Ihr sagtet damals, daß ich Euch mit kalten Händen fangen soll, wenn Ihr den Frieden brecht; und wenn ich den Frieden brechen sollte, so solltet Ihr mich mit kalten Händen aus noch so vielen Streitern herausholen. Der Herrgott hat diese Worte aus Eurem Munde mit angehört. Er wird gewiß alles prüfen. Haltet die Bastards fest, die bei Euch sind: Laßt sie mit Euch aus einem Becher trinken! Wehe über unsere Verhandlungen: Ihr, der große Kapitain, und ich, der kleine! Ihr sagtet, ich sei ein kleines Kind; aber ich bin weder Euer Kind noch Euer Geschöpf. Der Herr, unser Schöpfer, soll nun zwischen uns richten! Herrgott! Im Namen des Herrn! Was ich nun vorhabe, das sollte nicht Krieg genannt werden; es soll aber im wesentlichen darauf hinauslaufen. Ich bin ja nicht in kriegerischer Absicht zu Euch gekommen, aber wahrlich, nun soll ich über Euch kommen, wie Ihr es bei Eurem Hause, vor dem Herrgott damals ausgesprochen habt. Ich schließe nun. Ich verbleibe Euer Hendrik Witbooi.
Hendrik rüstete und sammelte Anhänger und griff am 17. April 1886 Okahandja an. Erneut geschlagen und bis nach Hoachanas verfolgt, mußte er sich wie Jan Jonker Afrikaner in die Gamsberge westlich Rehoboth zurückziehen. Unterwegs erhielt er ein mahnendes Schreiben des für seinen Stamm zuständigen Missionars Friedrich Rust.
7. Rust an Witbooi: Gibeon, 19. Mai 1886
Lieber Hendrik und ihr Leute von Gibeon! Von dem Unglück und den Streitigkeiten, die über Euch gekommen sind, haben wir gehört, und das ist uns sehr zu Herzen gegangen. Gefreut habe ich mich darüber, daß wir bisher nichts von besonderen von Euch verübten Ungerechtigkeiten und Übeltaten gehört haben, sondern daß noch immer Zucht und Ordnung bei Euch herrscht. Aber das Herz tut mir weh, wenn ich höre, daß Du noch nicht erkennst und einsiehst, wie der Engel des Herrn Dich treffen wird, ja, wie Du die Hand des Herrn, die gegen Dich ist, nicht erkennen willst. Seid Ihr denn noch nicht weit genug ins Verderben geschritten, und muß denn das Unheil und Unglück über Dir und anderen noch größer werden? Wie willst Du, Hendrik, und Ihr, die Ihr Führer seid, das alles vor Gott und den Menschen verantworten? Ist denn die Verantwortung noch nicht groß und schwer genug, um nun endlich den verkehrten, gefährlichen und verderblichen Irrweg zu verlassen? Schon seit zwei Jahren sollte das Blutvergießen eingestellt sein, aber durch Dein Treiben ist eher noch mehr Blut vergossen worden. Glaube nicht, daß die Schuld bei den Hereros liegt. Nein: es ist Deine Schuld und Verantwortung! Ihr habt sie dahin getrieben und dazu gezwungen. Und willst Du so weitermachen? Ich sage Dir noch einmal: Wie willst Du das verantworten? Wer hat Dir das Recht und die Macht gegeben, solch einen Krieg zu führen? Deine eigene Erfindung! Nicht der Herrgott, sondern ein böser Geist hat Dir dies aufgetragen und befohlen. Gottes Wort sagt: „Die auf ihr Herz vertrauen, sind Narren!“ Sprüche 28, 26. Ich fürchte, wenn Ihr auf diesem Wege weiter wandelt, so soll das Wort des Herrn noch an Euch erfüllt werden: „Die das Schwert nehmen, sollen durch das Schwert umkommen!“ Matth. 26, 52. Lies auch nach, was Offenbarung 13, 9—10 geschrieben steht. Der Herr sagt Lukas 17, 20; „Das Reich Gottes kommt nicht mit äußerlichem Glanz.“ Wenn jemand das Werk des Herrn fördern will, so darf er nicht mit etwas anfangen, was gegen göttliche und menschliche Ordnung ist. Hendrik hat mir schon früher verschiedene Male gesagt: „Ich stecke jetzt tief drin.“ Aber ich sage Euch mit Bestimmtheit: Je weiter Ihr auf diesem Wege geht, desto mehr sollt Ihr noch in Schwierigkeiten und ins Verderben kommen. Ihr werdet sehen, daß Gottes Wort noch Recht behält. Ich erinnere Euch daran, was ich Euch, als Ihr noch hier wart, gesagt und vorgehalten habe. Ihr aber wollt nicht hören. Ich rufe Euch nochmals zu: Besinnt Euch, kehrt um und bekehret Euch von ganzem Herzen zum Herrgott! Ich schreibe Euch dies, da Eure Seelen mir anvertraut sind und es so meine Pflicht ist. Ich erwarte bestimmt, daß Ihr auf diese meine Worte hört und so zur Einsicht und Erkenntnis kommt. Nein, meine Worte sind dazu nicht imstande: Der Geist Gottes muß Euch diese Erkenntnis bringen, und es ist mein Gebet vor und an Gott, daß dies geschehen möge. Ich will aber hiermit noch einmal meiner Pflicht genügen, damit Ihr mich nicht zu gegebener Zeit beschuldigen könnt, indem Ihr sagt: „Wir haben das nicht gewußt; es ist uns nicht gesagt worden.“ Wenn einer von Euch so sagen sollte, so wird dieser Brief gegen ihn zeugen. Noch einmal sagt Euch dieser Brief deutlich, daß Ihr einen verderblichen Pfad wandelt. Geht in Euch, bekehrt Euch und stürzt Euch nicht weiter in zeitliches und ewiges Verderben! Schreitet Ihr noch weiter so fort, so habt Ihr Euch alles, was über Euch kommt, selbst zuzuschreiben. Ihr seid selbst schuld daran: niemand anders! Die Verantwortung fällt allein auf Euch! Ich habe dann noch ein weiteres Wort zu sagen. Ich höre fortgesetzt, daß sich bei Euch ziemlich viele Menschen befinden, die gerne [nach Gibeon] zurückkehren möchten, die aber daran gehindert werden. Laßt doch jeden, der zurück will, ungehindert nach Hause gehen und hindert ihn nicht daran. Diese Tatsache ist für mich ein Beweis, daß Dein Tun nicht das Werk des Herrn ist. Der Herrgott zwingt keinen Menschen. Er hält niemanden mit Gewalt fest, sondern läßt jedem Menschen seine Freiheit. Auch sind durch Euren Wegzug Trennungen von Ehen vorgekommen, dadurch daß der eine Teil hier geblieben, der andere Teil mit Euch gezogen ist. Auch das ist nicht die Ordnung Gottes. Auf diese Art und Weise ist durch Euer Tun bereits viel Unheil angerichtet worden. Ich bitte Dich nun noch: Du mußt mir diesen Brief nicht übelnehmen. Ich habe Dir diesen Brief in Liebe geschrieben, um Dich auf das Heil Deiner unsterblichen Seele hinzuweisen. Lasse diesen Brief auch alle anderen hören! Ich sende Grüße an alle, die von hier mit Euch weggegangen und bei Euch sind. Euer Euch Heil und Segen wünschender Missionar, F. Rust.
Im Kleinkrieg erwies sich Hendrik als erfolgreicher denn in offener Schlacht. Immer wieder erbeutete er zahlreiche Herero-Rinder, die ihm den weiteren Unterhalt und den Erwerb von Waffen und Munition ermöglichten.
Hendrik Witbooi und die Nama
Inzwischen war Hendrik auch mit den Stämmen seines eigenen Volkes zerfallen, anscheinend letztlich deswegen, weil er nach der nicht mehr existierenden Stellung eines alleinigen Oberhäuptlings von Namaland strebte. Der Konflikt begann im Stamm der Witboois selbst. Moses Witbooi hatte seit eh und je ein gespanntes Verhältnis zu seinem Schwager und Feldhauptmann Paul Visser gehabt. Im Zuge einer Auseinandersetzung wurde er 1887 von diesem zur Abtretung seiner Kapitainswürde gezwungen. Moses’ Sohn und Erbe Hendrik hielt sich aber nicht daran und nahm den Kampf gegen den Usurpator Visser auf. Am 22. Februar 1888 wurde der alte Moses Witbooi von Paul Visser erschossen, am 12. Juli 1888 aber dieser von Hendrik, der nun die Kapitainschaft der Witboois übernahm und seine Briefe hinfort als „Kapitain“ Unterzeichnete, ln diese Kämpfe wurden aber auch andere Namastämme verwickelt, insbesondere die Rote Nation von Hoachanas. Sie stand damals unter dem Emporkömmling Manasse Noreseb, während die mit dessen Herrschaft nicht einverstandenen Stammesangehörigen sich seit längerer Zeit Hendrik angeschlossen hatten. Unter Berufung auf seine erfolgreichen Kämpfe erinnert Hendrik den Manasse an die alten Oberherrschaftsansprüche über dessen Gebiet. Sämtliche erwähnten Örtlichkeiten liegen südöstlich von Hoachanas.
8. Witbooi an Manasse Noreseb: Lidfontein, 10. Dezember 1888
Wohlgeborener Kapitain Manasse Noreseb! Ich teile Euch folgendes mit: Ihr wißt, was sich in diesen Tagen zwischen uns ereignet hat, so daß ich nicht alles zu wiederholen brauche. Dreimal war ich in der Gegend von Hoachanas. Ich bleibe dort, so lange ich will, und ich kehre wieder um, wenn es mir beliebt. Ihr habt mich noch nicht geschlagen. Wir sind bei Swartmodder zusammengetroffen, und Ihr wißt, daß ich Euch dort zurückgeschlagen habe. Dann wart Ihr auf diesem Platz; ich habe Euch wieder zurückgeschlagen und Euch bis auf Euren eigenen Platz getrieben. Bis auf Euren eigenen Platz bin ich gekommen, und erst dort habe ich kehrtgemacht. Ihr wißt nicht, weshalb ich nach Hoachanas gekommen bin, ohne den Platz selbst anzugreifen. Eine kleine Ursache hat mich veranlaßt, Hoachanas nicht anzugreifen, sondern bis Khamxas oder Kalkfontain zurückzugehen. Der Grund ist, daß meine Reitpferde und Zugochsen sehr schlapp und mager sind. Ich werde dort bleiben, bis alle Eure Hilfstruppen beisammen und alle meine Tiere wieder bei Kräften sind. Eines sage ich Euch, lieber Freund! Die Gegend von Hoachanas ist mein Land. Nur wegen der Wasserverhältnisse wohne ich nicht ständig dort. Ich bin aber jetzt über das Weideland geritten. So weit mein Fuß ging, ist das Land mein! Das Nutzungsrecht, das Euch mein Vater gegeben hat, habe ich jetzt aufgehoben: Es ist jetzt wieder mein Land! Auch sollt Ihr wissen, daß alles, was Ihr nach meinem Weggang noch auf dem Platze tut, von mir als Diebstahl betrachtet werden wird. Was ich Euch sage, wißt Ihr ja alles selbst. Ihr seid nicht stark genug, um mich zum Zurückgehen zu zwingen; wohl aber bin ich stark genug, um Euch zurückzuschlagen. Ihr könnt Euch selbst davon überzeugen, ob es so ist oder nicht; jedes kleine Kind kann sich davon überzeugen. Auf allen Plätzen sprechen die Menschen davon; sie sprechen auch darüber, daß ich mich von Eurem Platz zurückgezogen habe; ferner darüber, wie Ihr auf Euren Platz zurückgeflüchtet seid. Ich erwähne dies nicht, um mich selbst zu loben; aber es ist die Wahrheit, und die Wahrheit zu sagen und zu tun, ist recht, gut und bringt Segen. Ich sage Euch dies alles, um Euch nachdenklich zu machen und damit Ihr wißt und tut, was Eure großen Missionare und andere Euch sagen. Eure Frauen und Kinder habt Ihr bis zur Hungersnot getrieben und werdet sie noch in den Tod jagen; und es soll noch soweit kommen, wenn der Herrgott mir das erlaubt. Bisher habt Ihr mich nicht geschlagen, zwingt mich aber, dies mit Euch zu tun. Mehr will ich nicht sagen, sage aber noch: bewahrt diesen Brief auf. Ich grüße Euch und verbleibe Kapitain Hendrik Witbooi.
Um die Jahreswende ließ sich Hendrik in den Bergen westlich Rehoboth in Hornkranz nieder, daserfürsicherer hielt als Gibeon. Nun kam Jan Jonker Afrikaner an die Reihe, denn bei Paul Visser hatte Hendrik Briefe gefunden, ausdenen hervorging, daß erzusammen mitanderen Namaführern Hendrik zu vernichten plante. Zunächst aber bleibt Hendriks Ton verbindlich.
9. Witbooi an Jan Jonker Afrikaner: Hornkranz, 10. März 1889
Wohlgeborener Oheim und Kapitain Jan Jonker Afrikaner! Ich habe Euren Brief erhalten, gelesen und den Inhalt verstanden. Viel will ich über diese Dinge nicht mehr sagen, da ich bereits genug darüber mit Euch und mit den anderen Leuten, die bei Euch sind, gesprochen habe. Ich habe diese Angelegenheit, daß sich alle [Nama-]Stämme gegen mich erheben wollen, vor niemandem verheimlicht. Ich habe zu jedermann davon gesprochen, zu meinen eigenen Leuten wie zu Fremden, ja selbst zu Euer Wohlgeboren. Da ich über den Sachverhalt Bescheid weiß, schreibe ich niemandem Schuld an den gegenwärtigen Zuständen zu. Eins aber muß ich Euer Wohlgeboren sagen: Ich töte keine unschuldigen Menschen; ich bin kein Mörder und schieße auf niemanden, der nicht auf mich schießt, und ich verletze niemanden, der mich nicht verletzt. Und wenn jemand in mein Gebiet kommt, so lasse ich ihn frei herumlaufen, denn ich bin kein Mörder. Über diese Sachen brauche ich Euch also nicht viel zu sagen. Euer Wohlgeboren fragen mich, warum ich Euch meine und Eure Briefe schicke. Folgendes ist der Grund; Einmal sollt Ihr sehen, wie ich gegen Paul Visser wegen des Friedensbruches vorgegangen bin; Euren Brief habe ich Euch zurückgeschickt, damit Ihr Euch überzeugen könnt, daß die Erhebung der Stämme gegen mich durch Euch hervorgerufen worden ist. Euer Wohlgeboren haben die Leute aufgefordert, mich zu vernichten. Ihr habt diese Saat in die Herzen der Menschen gesät, und wenn die Stämme gegen mich sind, so ist das die Frucht Eures Tuns. Den Beschluß des Herrn, daß alle Menschen sich gegen mich erheben sollen, habt Ihr angeregt, und weil sie das wissen, kommen die Leute zu Euch mit schmutzigen Händen. Ich beschuldige Euch aber nicht; denn ich weiß seit langer Zeit, daß es so kommen muß, und halte auch noch Frieden mit Euer Wohlgeboren, nachdem ich diese Briefe erhalten habe. Diesen Brief schreibe ich Euch, damit Ihr nicht viel über diese Angelegenheit sprecht. Noch lebe ich in Frieden mit Euer Wohlgeboren und sage Euch deshalb; Geht nicht unter die Zahl meiner Feinde, die auf weltliche Gesetze sehen. Ich könnte Euch dessen auch beschuldigen, aber ich sehe nach oben und messe all den Vorgängen, die ich bei Euch sehe, keinen Wert bei. Ich bitte Euer Wohlgeboren daher nochmals: Geht nicht unter meine Feinde — mit ihnen werde ich reden. Sagt auch der Werft des Jan Nowaseb, sie möge nicht unter die Zahl meiner Feinde gehen; denn ich habe nichts mit ihnen zu tun, und sollte da noch irgend ein anderer Stamm des roten Volkes sein, der nicht mit mir zu fechten beabsichtigt, so laßt ihn fernbleiben; denn ich habe nur Frieb etwas heimzuzahlen. Ferner bitte ich Euch und alle Kapitaine, doch nicht die Leute bei sich aufzunehmen, die aus Mutwillen gegen mich kämpfen. Wenn diese Leute im Kampfe gegen mich unterliegen, so mögen sie zu mir kommen, damit wir Frieden schließen. Mein lieber Onkel und Kapitain! Verlaßt die Zahl meiner Feinde und unterlaßt die Rederei vom Frieden; denn dabei wird nichts herauskommen, bevor wir auf dem rechten Wege sind. Nochmals bitte ich Euch, mit allen, die mich nicht angreifen wollen, doch beiseite zu stehen, damit ich mit meinen Feinden abrechnen kann. Sobald die Kühe in Euren Händen sind, so gebt sie an mich ab.
Ich grüße Euch! Ich verbleibe Euer Neffe und Kapitain, Hendrik Witbooi.
Hendrik legt stets großen Wert darauf, daß er und seine Anhänger, die „Witkammschaft“ (die „Weißkämme“ nach den Hüten), das Recht auf ihrer Seite haben und nicht die Angreifer, sondern die Angegriffenen sind. Sorgfältig unterscheidet er Freund und Feind.
10. Witbooi an Isaak Xau-Xab: Hornkranz, 10. März 1889
Mein lieber Freund Isaak Xau-Xab! Ich habe von Simon Haramub eine Mitteilung erhalten, die er wegen der Kühe an den Magistrat Daniel geschickt hat. Ich kann die Sache nicht gutheißen. Simon ist mein Feind; auf der Flucht ist er nach Eurer Werft gekommen, er hat infolgedessen nichts auf Eurer Werft zu sagen. Oder könnt Ihr seine Tat gutheißen? Ich sage Euch, Jan Nowaseb ist dort nicht zu Hause, dort ist nicht seine Werft, und er hat mich wissen lassen, daß er mich nicht angreifen wird. Deshalb sage ich Euch: Laßt Simon keine Vorhand, er hat sich ruhig zu verhalten; haltet ihn fest, sobald Ihr ihn bekommt, und wartet ab, was ich dann zu sagen habe. Isaak, Ihr wißt, die Witkammschaft ist noch dieselbe, wie Ihr sie kennt, nämlich: die uns angreifen, die werden wir wieder angreifen. Wenn meine Feinde nicht durch die Wunderwerke des Herrn des Himmels und der Erde zur Einsicht kommen, so schickt sie zu mir. Sie sollen bei mir um Frieden nachsuchen — das ist die einzige Hilfe. Gib mir bitte die Kühe heraus; übergib mir morgen meine Kühe! Simon hat still zu bleiben. Er ist zu Euch geflüchtet, laßt ihn nicht Eure Werft in Brand stecken! Habt Obacht darauf, lieber Freund! Ich grüße Euch! Ich bin Euer Kapitain, Hendrik Witbooi.
Jan Jonker Afrikaner reagiert hoheitsvoll-herablassend, aber durchaus friedenswillig. Nicht ohne Grund, denn er verfügt nur noch über wenige Anhänger; sein eigener Sohn Phanuel ist zu Hendrik übergegangen.
11. Jan Jonker Afrikaner an Witbooi: Hau-xas, 20. März 1889
Lieber Neffe, Kapitain Hendrik Witbooi! Guter und lieber Neffe! Mit diesen Zeilen schreibe ich Dir wenige Worte. Dr. Gering hat mir eine Mitteilung geschickt, ich solle Frieden zwischen Euch und Kapitain Manasse vermitteln, weshalb ich mit Euch über Friedensmöglichkeiten sprechen will. Wenn Manasse oder Euer Wohlgeboren meine Vermittlung annehmen, so werde ich als Unparteiischer auch den anderen Teil zu Verhandlungen auffordern. Ich habe Manasse davon Mitteilung gemacht, damit er zum Frieden kommen möge, und werde mit ihm sprechen. Ich werde als Friedensvermittler zwischen Euch sprechen. Wie ich die Angelegenheit zu regeln gedenke, werdet Ihr hören, sobald ich Manasse gesprochen habe. Manasse kommt auf meine Aufforderung hin, nicht um Euch anzugreifen. Früher habe ich Euch einmal gesagt: „Mein Sohn, wartet noch“; aber Ihr habt das damals nicht getan, was ich bis heute noch nicht verstanden habe. Ich weiß wohl, daß der Mann Euer Feind ist, aber Ihr müßt abwarten und Zusehen, wie ich die Angelegenheit zwischen Euch regele. Daß Ihr in meinen Briefen an Kapitain Manasse und Paul Visser falsche Zeugen gegen mich habt, weiß ich. Wartet aber ab und geduldet Euch. Ich glaube nicht, daß das, was Ihr mir geschrieben habt, der Wahrheit entspricht. Ich habe Euch gegenüber keinerlei kriegerische Absichten. Davon weiß ich nichts, das ist eine Erfindung des Unverstandes. Ferner, lieber Neffe, verhaltet Euch doch ruhig und macht Frieden! Mit diesen wenigen Zeilen und mit freundlichem Ersuchen bitte ich Euch nochmals darum. Antwortet mir umgehend. Ich werde nicht mehr vom Frieden sprechen, als ich mit diesen Zeilen getan habe, und werde auch Manasse fernerhin nicht zurückhalten, wenn er morgen oder übermorgen gegen Euch ziehen will. Ferner gebt mir meine Leute — Afrikaner und Boois — frei; ich will, daß sie sich auf einer Seite halten. Weiter habe ich gehört, daß Ihr ein festes Bündnis mit den Bastards geschlossen habt und so auch die Bastards mit in den Krieg hineinzieht. Der Kapitain sieht auch die Bastards mit seinen Augen. Mit Grüßen bin ich Euer Oheim und Kapitain, Jan Jonker Afrikaner.
Demgegenüber bekräftigt Hendrik seinen Standpunkt und die Korrektheit seines Verhaltens.
12. Witbooi an Jan Jonker Afrikaner: Hornkranz, 22. März 1889
Wohlgeborener Kapitain Jan Jonker Afrikaner! Euren Brief habe ich heute morgen erhalten und den Inhalt gesehen. Ich werde Euer Wohlgeboren kurz antworten. Für meine Behauptung, daß ich niemanden verletze, der mich nicht verletzt, daß ich niemanden angreife, der mich nicht angreift, und daß ich niemanden als Erster angreife, sollten Euer Wohlgeboren gewisse Beweise haben, daß es wirklich so ist. Viele können das bezeugen, wenn sie nur bei der Wahrheit bleiben wollen. Euer Wohlgeboren werden das auch noch schriftlich von mir bekommen, und ich handle stets in diesem Sinne. Zum Beweis Eurer Beschuldigungen gegen mich könnt Ihr nur anführen, daß die Menschen so reden; schriftliche Beweise können Euer Wohlgeboren nicht beibringen. Ich sage Euch deshalb nochmals: Haltet Euch heraus! Ich werde Euch nicht angreifen, solange Ihr mich nicht angreift. Haltet Manasse nicht zurück: Laßt ihn nur mit seinen Streitern kommen, wie er es vorhat. Wie Ihr mir schreibt, werdet Ihr ja Manasse nicht abhalten; also haltet ihn nur ja nicht ab, aber haltet Euch selbst fern. Ihr schreibt von den Bastards: Alle, die ich mit nach hier gebracht habe, sind zurück nach Rehoboth, und kein einziger Bastard war unter meinen Streitern. Alle, die nicht zur Witkammschaft gehören, sind weg; lediglich zwei Leute sind noch hier, und auch die waren nicht unter den Streitern. Ich fordere niemanden auf, der nicht zur Witkammschaft gehört, aber alle, die zur Witkammschaft gehören, behalte ich hier. Mein Standpunkt ist immer noch der, den Euer Wohlgeboren kennen. Hebt alle Briefe auf, die ich Euch schreibe. Auf Wiedersehen! Ich grüße Euch! Ich bin Euer Neffe und Kapitain, Hendrik Witbooi.
Doch inzwischen sind deutsche Regierungsvertreter in Südwestafrika erschienen und tauchen nun auch in Hendriks Aufzeichnungen auf.
Die Anfänge des deutschen Eingreifens
Auf Grund der früheren Erfahrungen hatte der Missionsinspektor Friedrich Fabri beim Wiederausbruch des Krieges zwischen Herero und Nama 1880 abermals an die Heimat appelliert, dieses Mal an die Regierung des inzwischen gegründeten Deutschen Reiches, mit dem Ergebnis, daß in London um Schutz derdeutschen Staatsangehörigen in Südwestafrika nachgesucht wurde. Die britische Regierung lehnte jedoch die Verantwortung fürdas Gebietaußerhälb Walfischbuchtab. Dabei blieb es, bis Ende 1882 der Bremer Kaufmann Adolf Lüderitz um den Schutz des Reiches für seine in Südwestafrika geplanten Erwerbungen bat. Vorbehaltlich der Rechte Dritter wurde ihm dieser Schutz gewährt, woraufhin in seinem Auftrag am 1. Mai und 25. August 1883 in zwei Verträgen mit dem Kapitain von Bethanien, Joseph Fredericks, der Hafen Angra Pequena, hinfort Lüderitzbucht, und alles Land von dort bis zum Oranje in 20 Meilen Tiefe erworben wurde. Fredericks verstand darunter englische, Lüderitz deutsche Meilen; je nachdem reichte das Gebiet 32 km oder 146 km landeinwärts. 1884 wurde das deutsche Protektorat gegen die nun erwachenden englischen Vorbehalte und die Annexionsbeschlüsse der Kapkolonie diplomatisch durchgesetzt: am 6. August wurde in Angra Pequena die deutsche Flagge gehißt und der Schutz des Reiches für Lüderitz’ Erwerbungen proklamiert. Im September kam der Afrikaforscher Gustav Nachtigall mit einem Kanonenboot nach Südwestafrika, um das deutsche Protektorat durch Abschluß von „Schutzverträgen“ mit eingeborenen Häuptlingen weiter abzusichern, wie er es im Juli erfolgreich in Togo und Kamerun zuwege gebracht hatte. Am 28. Oktober 1884 bestätigte er die Verträge mit Joseph Fredericks als Schutzverträge, am 11. Oktober und 23. November konnte er neue Verträge mit den Bastards und den Toopnars abschließen. Zur Wahrnehmung der deutschen Interessen und der Gerichtsbarkeit über die im Land ansässigen Europäer wurde nun der Landgerichtsrat Dr. Heinrich Gering (der Vater des späteren Reichsmarschalls) zusammen mit einem Justiz- und einem Polizeibeamten ausgeschickt. „Reichskommissar“ Göring kam am 23. April 1885 im Lande an, wo zugleich der ehemalige Missionar Karl Gotthilf Büttner im Reichsauftrag tätig war. Am 16. Mai wurde ein Vertrag mit Jan Jonker Afrikaner abgeschlossen, am 19. Juni folgten die Swartboois und am 4. Juli die Bewohner des Kaokoveldes im Nordwesten. Durch Missionare bei den Herero eingeführt, wo er sich in Otjimbingwe niederließ, konnte Göring auch diese am 21. Oktober zum Abschluß eines Schutzvertrages bewegen, offenbar unter dem Eindruck des Angriffs der Witboois am selben Tag. Der wenig früher mit einem englischen Agenten abgeschlossene Vertrag hatte nämlich dadurch für die Herero seine Wirkungslosigkeit erwiesen. Freilich konnte Gering die nunmehr auf ihn übertragenen Erwartungen der Herero ebensowenig erfüllen, weil es ihm an allen Machtmitteln fehlte. Sein Versuch, Ende 1885 auch mit Moses Witbooi zum Vertragsabschluß zu kommen, scheiterte: der Kapitain bestrafte die Leute, die sich während seiner Abwesenheit bei Görings Besuch in Gibeon mit diesem eingelassen hatten. Bei Hendriks Überfällen im Jahre 1887 zeigte sich dann, daß Gering nicht nur die Herero, sondern auch sich selbst nicht schützen konnte. Ange— sichts der inzwischen ausgeweiteten deutschen Bergbauinteressen 1885 war Lüderitz’ Besitz an die „Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika“ übergegangen — reiste Göring 1887 zur Berichterstattung nach Berlin und drängte u. a. auf Schaffung einer kleinen Polizeitruppe. Damit ließen sich aber die ersten deutschen Verordnungen über Schnaps- und Waffenhandel, Bergbau- und Landkonzessionen sowenig durchsetzen, wie damit gegen Hendrik Witbooi die Ruhe im Land aufrechtzuerhalten war. Bei einem Zusammentreffen mit Göring am 17. Oktober 1888 in Rehoboth lehnte auch der neue Häuptling der Witboois jeden Schutzvertrag kategorisch ab. Unter dem Einfluß neuer Emissäre aus der Kapprovinz kündigte unter diesen Umständen Maharero den wirkungslosen Schutzvertrag mit dem Deutschen Reich. Göring hielt es für besser, sich nach Walfischbucht zurückzuziehen. Zugleich geriet die Deutsche Kolonialgesellschaft für Südwestafrika in eine Krise. Beides zusammen wird als die „Katastrophe von 1888“ bezeichnet: zeitweise sah es so aus, als werde Südwestafrika von den Deutschen wieder aufgegeben. Göring gab freilich noch nicht klein bei, sondern versuchte, die Kämpfe zwischen den Nama beizulegen, um sie dann zu einem Bündnis gegen die Herero zu bewegen. Doch die Schlüsselfigur Hendrik Witbooi weigerte sich in einem Brief an Göring, Frieden zu schließen. Der hier erwähnte Hendrik Wend war Kapitain des Stammes der „Groot-dode“, der Missionar Friedrich Judt war in Hoachanas bei der Roten Nation stationiert. Die Bemerkungen über Waffen beziehen sich darauf, daß Göring Gewehre mit Munition aus Deutschland mitgebracht und an verschiedene Gruppen verteilt hatte, damit diese sich gegen Hendrik behaupten könnten. Unter anderem war auch der Stamm des Manasse bedacht worden, weil dieser Göring seine Loyalität beteuert hatte.
13. Witbooi an Göring: Hornkranz, 22. März 1889
Hochgeehrter Herr Deutscher Kommissar Dr. Göring! Ich habe gestern einen kurzen Brief von Hendrik Wend erhalten und las darin Ihren Namen in Verbindung mit der Bitte an mich, ich möge Frieden mit den Nama schließen, um dann zusammen mit ihnen Krieg gegen die Hereros zu führen. Aus diesem Brief ersehe ich die Notwendigkeit, Euer Wohlgeboren einiges Wenige zu berichten. Seitdem wir in Rehoboth voneinander gegangen sind, werden Euer Wohlgeboren vielleicht durch Ehrwürden Herrn Friedrich Judt gehört haben, wie mein Kriegszug gelaufen ist. Ich halte es daher nicht für nötig, Euer Wohlgeboren von diesen Dingen zu berichten. Ich werde Euer Wohlgeboren nur kurz auseinandersetzen, wie die Dinge jetzt liegen. Während ich mit meiner Streitmacht in Lidfontein war, ist Fritz, der mit Kapitain Jan Jonker zusammen wohnt, gekommen, um mich anzugreifen. Zweitens haben die Namaquas mir auf Tsub-Garis (das ist die Farm des alten Ricket) die Pferde weggenommen. Es waren dreizehn Stück; elf davon habe ich wiederbekommen. Drittens haben die Feldschuhträger, die bei Jan wohnen, meine Kühe weggenommen. Bis heute habe ich noch nichts gegen diese Menschen unternommen. Ich habe diese Dinge an Kapitain Jan Jonker Afrikaner berichtet und ihn gebeten, sich von diesen Leuten zu trennen. Mit diesen mutwilligen Menschen werde ich abrechnen. Jan Jonker macht es aber genauso wie Manasse und sagt, er will sich nicht von ihnen trennen. Inzwischen ist Manasse mit seiner Streitmacht nach Jans Werft gerufen worden und auch hingezogen. Von weißen Leuten bin ich benachrichtigt worden, daß Manasse ihnen Rindvieh wegnehmen will, weil sie mir Pferde gegeben haben. Als ich davon hörte, bin ich sofort aufgebrochen, um es zu verhindern. In der betreffenden Gegend angekommen, hörte ich, daß Manasse nach der anderen Seite von Rehoboth gezogen sei; ich bin ihm in derselben Richtung nachgezogen, habe seine Streitmacht gefunden und mit ihr gefochten. Lediglich 57 Mann hatte ich bei mir; aber Gott sei Dank, ich habe seine Streitmacht in die Flucht gejagt, habe fünf seiner Leute erschossen, 6 Pferde und 9 Gewehre erbeutet. Weitere Verfolgung war mir nicht möglich, sonst wäre es schlimm für Manasse geworden. Nur einen meiner Leute habe ich verloren. Nun kann Euer Wohlgeboren selbst urteilen, ob ich mit Menschen, die solche Unverschämtheit zeigen, Frieden schließen kann. Ich bitte Euer Hochwohlgeboren, mir doch mit Munition auszuhelfen. Zunächst muß ich mit diesen Menschen abrechnen, die mich ohne Grund angreifen, und die genauso unverschämt sind wie die Hereros; außerdem kann ich wegen dieser Leute keinen Krieg mit den Hereros führen. Was Jan Jonker anbetrifft, so kann ich nicht verstehen, wie er solche Menschen unter seinen Schutz nehmen kann; denn er beschirmt die Leute, die mich grundlos angreifen, und das nehme ich auch verschiedenen anderen Kapitainen übel. Wegen der Verluste an Menschen wünsche ich, daß meine Feinde bei mir um Frieden bitten; ich werde ihnen dann Frieden geben. Die Kapitaine sind nicht imstande Frieden zu schließen; sie sind weiter ungerecht und nicht imstande, Krieg zu führen oder Frieden zu schließen. Von den Gewehren, die Sie Manasse gegeben haben, habe ich fünf erbeutet. Ich bitte Sie deshalb, mir auch zu der entsprechenden Sorte Patronen zu verhelfen. Ich hoffe, daß Sie mich recht verstehen. Manasses Reitpferd habe ich auch erbeutet, und er ist zu Fuß nach Hause geflüchtet. Ich schließe mit herzlichen Grüßen an Sie! Ich verbleibe Ihr Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
Offensichtlich ist der von Göring zum Vermittler zwischen Hendrik und Manasse ausersehene Jan Jonker Afrikaner für Hendrik der Hauptübeltäter. Görings Einmischung wird im Grunde abgelehnt.
14. Witbooi an Gering: Hornkranz, 23. März 1889
Sehr hochgeehrter Herr Deutscher Kommissar Dr. Göring! Gestern erhielt ich einen Brief von Kapitain Jan Jonker Afrikaner, den ich Euer Wohlgeboren mit noch einem anderen seiner Briefe schicke, damit Euer Wohlgeboren selbst sehen können, welcher Art sein Vorhaben ist. Mir gegenüber benimmt sich Jan Jonker, als wäre er mein Freund, und heimlich schreibt er derartige Briefe. Jetzt rückt er aber mit Taten heraus. Ich berichte Ihnen nunmehr meine Auffassung: Seien Sie doch so gut und halten Sie sich von Kapitainen fern, die solche Unaufrichtigkeit an den Tag legen. Ich gestehe Euer Wohlgeboren die Zusammenarbeit mit solchen Leuten nicht zu, die neidisch auf mich sind, weil sie nicht imstande sind, Frieden zu schließen. Bleiben Sie unparteiisch, lieber Herr, und geben Sie uns Munition; wir werden zusammen kämpfen. Frieden wünsche ich aufrichtig, aber nicht solchen Frieden, der unehrlich ist, wie Sie sehen werden. Ferner teile ich Ihnen mit, daß ich niemanden angreife, der mich nicht angreift; aber den, der mich angreift, muß ich wieder angreifen. Ich greife niemanden an, der mich nicht angreift, und ich werde niemals anders handeln! Lieber Herr! Ich achte Sie hoch und bin eifersüchtig, daß Sie mit solchen Leuten über mich sprechen oder sie mit Aufträgen zu mir schicken, wie sie in ihren Briefen behaupten. Lieber Herr! Wir Kapitaine der roten Stämme in diesem Lande sind vor Gott sehr schuldig geworden, weil wir nicht die rechte Gerechtigkeit wirken. Haltet Euch daher zurück, damit wir zunächst untereinander klarkommen. Der Herrgott soll Frieden zur rechten Zeit schicken. Die Menschheit wird nicht untergehen. Dafür wird der Herrgott sorgen. Halten Sie sich daher noch eine Weile zurück! Ferner teile ich Ihnen mit, daß ich mich bereit mache, Fritz niederzuwerfen, weil er so gehandelt hat, wie ich Euer Wohlgeboren in einem anderen Briefe mitgeteilt habe. Jan Jonker Afrikaner werde ich nicht angreifen, solange er mich nicht angreift. Es scheint mir aber, als wolle er zur Gewalt greifen, denn er hetzt die Menschen durch seine Briefe gegen mich auf. Die unverschämten Stämme aber, die er beschützt, werde ich angreifen; denn sie haben mich ohne jeden Grund angegriffen, mir meine Pferde und mein Rindvieh weggenommen. Zwei Kriegszüge haben sie gegen mich unternommen, ohne daß sie mich besiegt hätten. Aus den ganzen Vorgängen ersehe ich, daß sie ernstlich mit mir fechten wollen.
Ich grüße Sie alle herzlich! Ich verbleibe Ihr Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
15. Witbooi an Göring: Hornkranz, 11. April 1889
Mein lieber hochwohlgeborener Herr Kaiserlich Deutscher Kommissar Dr. Göring! Ich sende Ihnen diese wenigen Zeilen. Nach dem letzten Briefe, den ich Euer Wohlgeboren geschrieben habe, bin ich zu Manasses Werft gezogen, um diese zu vernichten. Ich bin zu seiner Werft gezogen, nicht um Menschen zu töten, denn das ist nicht meine Art, sondern in der Absicht, ihm sein Hauptquartier wegzunehmen. Ich habe das auch erreicht, habe aber Hoachanas nicht verbrannt, da der Missionar noch dort wohnt. Alles Eigentum des Manasse aber habe ich weggenommen; seine Wagen, sein Vieh und auch sein Land. Sechs seiner Leute habe ich erschossen. Ferner muß ich Ihnen mitteilen, daß ich bei Axanib die deutsche Flagge, die Sie dem Manasse überreicht haben, erbeutet habe. Sie befindet sich in meiner Verwahrung in Hornkranz. Die Flagge ist eine fremdartige Sache für mich, und ich möchte gerne wissen, was ich damit anfangen soll. Ich frage deshalb bei Ihnen an. Alles, was sonst dem Manasse gehörte, ist mein Eigentum geworden. Nun grüße ich Euch herzlich! Ich verbleibe Ihr Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
Hendrik begegnet aber auch den Schlichtungsversuchen des bejahrten Bastardkapitains van Wyk mit Vorbehalten, denn er führt Krieg , – nicht nur in gerechter Sache, sondern in göttlichem Auftrag und will daher erst auf ein Zeichen Gottes hin davon ablassen.
16. Witbooi an Hermanns van Wyk: Hornkranz, 9. Juni 1889
Viel geliebter Kapitain Hermanns van Wyk! Euren Brief habe ich erhalten und Eure Ansicht gehört. Ihr habt schon früher wegen des Friedens mit mir gesprochen; ich habe Euch meine Antwort gegeben, und ich denke, Ihr habt mich verstanden, da ich Euch alles in klaren Worten gesagt habe. Die Hauptsache ist: Verhaltet Euch mir gegenüber ruhig. Ich dachte, Ihr hättet mein Werk besser verstanden, aber es sieht nicht danach aus, und ich gebe Euch also nochmals Antwort auf Euren Brief. Ihr fragt mich, ob ich nicht Frieden schließen will und ob kein Weg und keine Möglichkeit dazu ist? Aber lieber Kapitain! Von wem haben wir denn die zwei Wörter „Krieg“ und „Frieden“? Und wer weiß, was Friede ist, und wer ist der Vater des Friedens? Diese zwei Wörter sind im Worte Gottes verzeichnet, und weil sie in Gottes Wort stehen, so wissen und glauben wir, daß sie wahre Einrichtungen Gottes sind, und daß Gott in seiner Weisheit Umschau auf Erden gehalten hat, daß er zu seiner Zeit in Frieden unter der Menschheit herrschen soll, und daß er wiederum zu seiner Zeit die Menschheit durch Krieg beherrschen wird. Gott verfolgt mit dem Krieg bestimmte Ziele. So sprecht mir also nicht immer von Frieden, wo ich selbst Gott um wahren Frieden bitte und ihn fortgesetzt anflehe, er möge die Zeit sich schnell erfüllen lassen, damit wieder Frieden unter den Menschen werde. Ich bin ein Mensch des Friedens; ich sehne mich nach Frieden, der das allerlieblichste der Werke Gottes ist, und ich habe selbst im tiefen Frieden in Gibeon gewohnt. Wo aber stehe ich heute? Und wer und was bin ich? Ich wate in Blut; ich bin ein Diener, der zu tun hat, was sein Herr ihm aufträgt. Es fällt mir sehr schwer, lieber Kapitain, den Menschen nachzulaufen und Frieden zu schließen, bevor Gott sagt: „Es ist genug!“, bevor Gott seinen Zweck mit uns Menschen erreicht und bevor Gott mir ein sichtbares Zeichen des Friedens gegeben hat. Weil die Last des Krieges zu schwer für mich ist, und weil Ihr Menschen mir zum Frieden ratet und mich in Freundlichkeit darum ersucht, könnte ich um der Menschen willen Frieden schließen, aber vielleicht früher als die Zeit des Herrn erfüllt ist; das fürchte ich, und davor schrecke ich zurück. Ich bange davor, diesen Krieg einzustellen, bevor Gott sagt; „Haltet ein! Es ist genug nun!“ Wenn Gott mir so befiehlt, so werde ich diesen Krieg weiterführen. Ich werde ihn solange weiterführen, bis er sagt: „Es ist nun genug!“ Betet deshalb zu unserem Gott, dem wahren Friedensstifter, lieber Kapitain, und führet das Werk weiter, das Ihr für mich an den Menschen tut, die mich bekämpfen. Bittet Gott und betet für die Menschen, so wie auch ich für sie bete, sie mögen ihre Augen öffnen, damit sie die allmächtige Hand Gottes, die auf ihnen ruht, und die wunderbaren und großen Werke Gottes, die in diesem Kriege geschehen sind, erkennen. Sagt allen Menschen, die gegen mich Krieg führen, und denen, die vielleicht noch beabsichtigen, mich zu bekämpfen, daß dieser Krieg wahrhaftig ein Werk Gottes ist. Wie kann ein Mensch denken, daß dieses Werk so lange bestehen könnte, wenn es mein eigenes Werk wäre, wie die Menschen sagen und denken? Wer kann wohl glauben, daß ein sündiger Mensch wie ich ohne Gottes Willen und Beistand so hartnäckig am Kriegswerk festhalten kann, lediglich um irdischer Ehren, um eines großen Namens und um einer Kapitainschaft willen? Darum, lieber Kapitain, geht hin zu den Menschen, sagt ihnen und ermahnt sie als Eure Brüder, sie sollen sich ruhig verhalten und Gott fragen: „O Gott, was soll ich tun? Was ist Dein Wille?“ Wenn ein Sünder mit solchen Gebeten zu ihm kommt, dem verschließt Gott sein Herz nicht. Für einen solchen Fall sagt er in seinem Wort: „Bittet, so wird Euch gegeben; suchet, so werdet Ihr finden; klopfet an, so wird Euch aufgetan!“ Aber anstatt bei Gott anzufragen, fragen die Menschen bei mir an; fragen bei mir anstatt bei Gott an und schlagen auf mich los, anstatt bei Gott anzuklopfen. Die Menschen schauen nicht auf Gott und seine Werke; sie sehen nur auf mich und bezeichnen diese Werke als meine Werke. Anstatt sich zu demütigen und so zur rechten Erkenntnis der Wahrheit zu kommen, bezeichnen sie diese Werke als meine Werke und werden so immer böser auf mich und denken an nichts anderes, als wie sie mich abtun und von Gottes Erdboden vertilgen können. Wahrlich, lieber Kapitain, ich führe diesen Krieg nicht zu meinem Vergnügen, auch nicht zu meiner Freude, auch nicht aus Kriegslüsternheit oder Blutdurst, auch nicht, um Vieh zu erbeuten und dadurch wohlhabend zu werden. Auch empfinde ich keine Freude beim Tode meiner oder anderer Menschen. Darum, lieber Kapitain, betet für mich und die anderen Menschen, damit wir zu wahren Erkenntnis der Wahrheit und Gerechtigkeit kommen. Die Menschen sollen sich erniedrigen, wahre Reue zeigen und sich vor Gott, unserm Schöpfer, beugen und seine Werke erkennen. Sobald die Menschen ihre Missetaten vor Gott wahrhaftig bekennen und um Vergebung bitten, werde ich ihnen Herz und Hand entgegenstrecken, bereit sein, Frieden anzunehmen und zu geben. Denn mein Wunsch ist Frieden: Ich bin im Frieden geboren und im Frieden groß geworden. Niemand weiß, was Friede ist und von wem er kommt. Gott allein weiß, was Friede ist; denn er ist selbst der Friede. Der Friede, der in mir ist, den habe ich nicht von Menschen in mich aufgenommen oder von Menschen gelernt, sondern von Gott. Der wahre, aufrichtige Friede wohnt in Gott selbst. Ich sage Euch deshalb, lieber Kapitain, wir sollten uns nicht soviel Mühe um den Frieden machen; wir sollten uns vielmehr um Gott im Gebet bemühen. An Gott sollten wir uns wenden und um Frieden bitten, damit die Zeit für Frieden schnell erfüllet werde; denn er allein kennt die [richtige] Zeit. Wir wollen deshalb keinen Frieden aus uns heraus, mit unseren schönen Worten, mit unserem menschlichen Willen und unseren Beratungen schließen. Wir wollen keinen Frieden schließen, auch keinen Frieden annehmen, sondern bitten und abwarten, bis er uns gegeben wird. Wir besitzen keine Kenntnis vom Frieden. Ihr wißt selbst, wenn jemand ein Gewehr oder einen Wagen hersteilen will und hat keine Kenntnis darin, so verdirbt er alles. In einem solchen Falle gehen wir vielmehr zum richtigen, wahren Schmied, dann wird es recht. Genauso verhält es sich mit uns Menschen und dem Frieden: Wir haben keine rechte Kenntnis vom Frieden, und wir werden ihn nur verderben. Darum wollen wir uns an Gott wenden, er möge den rechten Frieden in den Herzen der Menschen sprießen lassen, nachdem er die Menschen durch gerechte Strafen seine Hand hat fühlen lassen, nachdem er sie zur rechten Erkenntnis der Wahrheit gebracht hat, nachdem die Menschen erkannt haben und glauben, daß Gott ihr Schöpfer und König ist, bis wir alle wie mit einer Zunge geloben und bekennen werden, wir alle: rote, schwarze oder weiße Menschen: „Wahrlich! Er ist ein lebendiger Gott im Himmel und auf Erden; groß ist der Herr, allmächtig ist Gott. Ihm allein sei die Ehre. Er regiert im Himmel und auf Erden, und er regiert nun gegenwäritg sichtbar auf der Welt. Es ist Gottes Wille!“ Gott hat uns seinen Willen gezeigt und uns so weit gebracht. Darum, lieber Kapitain, fällt es mir so schwer, Krieg aus eigenem Willen, aus eigener Kraft zu führen und Frieden zu schließen. Betet vielmehr für mich und die Menschen, Gott möge eine neue, liebliche Zeit des Friedens für uns heraufkommen lassen! Ich denke, lieber Kapitain, Ihr sollt mich dieses Mal recht verstehen, daß ich nicht unwillig bin, Frieden zu schließen und zu geben. Ich schließe nun mit herzlichen Grüßen an Euch alle. Ich verbleibe Euer Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
Es folgt ein Brief an einen seiner Lieferanten, einen später von den Deutschen des Landes verwiesenen Kaufmann in Otjimbingwe.
17. Witbooi an Albertus Bam: Hornkranz, 23. Juni 1889
Wohlgeborener Herr Albertus Bam! Die Mitteilung, die Sie mir durch Unterkapitain Isaak geschickt haben, habe ich erhalten. Es wäre besser, wenn wir die Sache mündlich besprechen könnten; dazu ist es aber zu spät. Tun Sie aber doch Ihr Bestes, um eine mündliche Aussprache zu ermöglichen. Soweit ich Sie verstanden habe, bin ich Ihrer Bitte nicht abgeneigt; wir müssen aber mündlich darüber sprechen. Besorgen Sie mir bitte schnellstens, was ich brauche. Sie wissen schon, was ich meine. Sie allein könnten zu mir kommen; ich kann nicht zu Ihnen wegen des Kriegszustandes. Ich benötige zur Zeit dringend Munition und erwarte Sie schnellstens mit allem, was Sie mit Samuel abgesprochen haben. In der Hoffnung, daß Sie meiner Bitte nachkommen werden, schließe ich mit herzlichen Grüßen an Sie. Ich verbleibe Ihr Kapitain, Hendrik Witbooi.
Anschließend wird wieder in Tagebuchform von den Kämpfen zwischen Oktober 1888 und August 1889 berichtet, auf diesich die vorangegangenen Briefe beziehen. Es handelt sich in erster Linie um die Rote Nation und deren Verbündete; diezunächst erwähnten Orte sind daher alle östlich bzw. südlich von Rehoboth und Hoachanas zu suchen. Bei den hier erwähnten Bastards handelt es sich um eine neu eingewanderte Gruppe, der Hendrik verbot, sich dem Roten Volk anzuschließen: sie zog schließlich zu den Rehobothern. Nach dem Sieg läßt Hendrik Vieh beschlagnahmen, das Manasse beim Stamm des Jakob Lambert im Gebiet von Gobabis sichergestellt hatte. Gegenangriffe der Feinde auf Hornkranz bleiben erfolglos. Im Gegenteil, Hendrik ist jetzt so stark, daß er wieder Angriffe auf die Herero planen kann. Nichtzuletztzu diesem Zwck ließ ersieh von dem seit Jahrzehnten im Land ansässigen und mit einer Frau aus Hendriks Stamm verheirateten Schotten Robert Duncan Waffen und Munition liefern. Dieser Duncan, dessen Werft in Haruchas südöstlich von Hoachanas zu suchen ist, hatte schon 1888 eine große Lieferung an Hendrik durchgeführt. Schließlich folgt die hier ziem lieh lakonisch berichtete Schlußabrechnung mit dem inzwischen fast machtlosen Jan Jonker Afrikaner im Gebiet westlich Windhuk am Swakop. Jan Jonker wurde angeblich von seinem eigenen Sohn Phanuel erschossen, der mit Hendrik zog. Der Stamm der Afrikaner war nun nahezu verschwunden, sein Programm aber war auf die Witboois übergegangen.
18. Tagebucheintrag: November 1888
Wir verließen Hornkranz am 15. Oktober 1888 und erreichten Rehoboth am 16. Oktober, wo wir Dr. Göring antrafen. Er erzählte uns von seiner Reise von Deutschland nach hier und von seiner Tätigkeit. Der deutsche Kaiser, sagte er, habe ihn als Kommissar hierher geschickt, damit er Freundschaftsverträge mit Westafrika abschließe. Mit ein paar Plätzen wie Bethanien, Berseba, Hoachanas, Rehoboth und den Hereros sei er bereits zu einem Erfolg gekommen; auch will er Erzbergbau treiben. Von Rehoboth gingen wir am 17. Oktober weg, und zwar eilig. Am Montag, dem 22. Oktober, kamen wir Nao-as an; zwei Klippkaffern fielen in unsere Hände: wir töteten sie. Am selben Tag zogen wir weiter, marschierten die ganze Nacht hindurch und erreichten am nächsten Morgen, dem 23. Oktober, Doornwater. Dort fingen wir ein Weib ein und hörten von ihr, daß sich in Springbock Menschen aufhielten. Vierzig Streiter wurden nach dort geschickt; 42 Mann sind geritten. Die Leute kamen gegen ihre Erwartung in Sicht der Werft; die Werft war groß, und es kam zu einem Gefecht. Unsere Leute haben unvorsichtig gekämpft und Verluste gehabt. Zwei geliebte Leute sind gefallen, einer wurde verwundet. Die Gefallenen sind zwei Ratsleute, Willem Jaars (Khixamab) und Dirk Afrikaner (Xameib). Nikolaus Roman wurde am Oberschenkel verwundet; der Knochen ist zerschmettert. Unsere Leute töteten an diesem Tag 24 Männer und eine Frau. Wir verloren zwei Pferde und ein Gewehr. Als sich die Nachhut auf Doornwater befand, erschienen zwei Reiter, die wir in die Flucht jagten; der Kampf ging weiter, und wir erschossen zwei Leute; später fingen wir noch einen Mann und erschossen ihn. Wir zogen weiter in Richtung auf Swartmodder, und als wir näher kamen, sahen wir die Leute von dort flüchten; wir jagten ihnen nach; sie verloren beinahe alle ihre Pferde; nur wenige Pferde entkamen mit ihnen und vier Wagen mit Zugvieh. Es war schon spät am Nachmittag. Gert Mottel ist dort gefallen und noch ein anderer junger Kerl. Am anderen Morgen erschossen wir drei andere Leute. Später erschien eine Streitmacht von Springbock her; es war der Magistrat Daniel mit seiner Kampftruppe. Am 27. Oktober, während wir noch schliefen, erschien Manasses Streitmacht. Wir waren völlig unvorbereitet und wurden von einer für uns ungünstigen Seite angegriffen, so kamen wir in ein schweres Gefecht mit starken Verlusten an Menschen, Vieh und Pferden. Zwei Leute, ein Jüngling und ein Knabe, sind gefallen, und fünf Mann wurden verwundet. Es sind dies die geliebten Methusalach Bois und Khawimab Jaars. Verwundet sind David Links, Zacheus Markus, Isaak Bois, Jaiab Zaal und Neixab. Getötet wurden ein Klippkaffer und 17 Pferde. Acht Pferde erbeuteten wir lebendig. Viel Rindvieh ist getötet worden. Am Nachmittag flüchtete Manasses Truppe. Wir wollten sie verfolgen; bei der Verfolgung wurden fünf Mann vom Blitz getroffen. Vier sind wieder zu sich gekommen, einer, Jakob Pitter (Zoardeb), ist gestorben. Wir blieben noch ein paar Tage dort. Bevor wir den Platz verließen, sind wir noch herumgeritten. Wir erbeuteten zwei Pferde, Hengste von Honiseb. Auf Swartmodder erbeuteten wir eine Stute (auf Lidfontein). Am Freitag, dem 2. November, verließen wir Swartmodder und kamen am Sonnabend in Lidfontein an. Von dort haben wir einen Brief, den zweiten, geschrieben, um die Bastards herauszubekommen. G. Wimmert kam daraufhin zu uns, und am nächsten Tage noch viele Bastards. Wir einigten uns, daß sie [das rote Volk] verlassen sollten, und sie sind auch weggegangen. Am selben Tag erreichten wir den Platz und haben dem Abiseb sein Vieh weggenommen. Manasse ließ mir an diesem Tag einen Brief durch seinen Missionar schreiben, den wir unbeantwortet ließen, da es ein Friedensangebot war. Die Bastards sind am 14. November 1888 von Hoachanas weggezogen.
19. 19. Brief Manasse Hoachanas an Hendrik Witbooi: 14. November 1888
An den wohlgeborenen Kapitain Witbooi! Lieber Freund! Kapitain Manasse und seine Ratsleute haben mich gebeten, an Euch zu schreiben und anzufragen, ob ich zu Euch kommen kann, um wegen des Friedens zu unterhandeln. Wie geht es Euren Verwundeten? Mit besten Grüßen verbleibe ich, Fr. Judt, Missionar.
Am selben Tag kam der Missionar von Hoachanas mit der Bitte von Manasse, ob es nicht möglich sei, Frieden zu schließen. Kapitain Hendrik hat geantwortet: Es ist vergeblich vom Anfang bis Ende des Krieges. Da der Missionar aber fest auf seiner Bitte beharrte, antwortete der Kapitain, es sei wohl möglich, Frieden zu schließen, jedoch müßte er zunächst wissen, unter welchen Bedingungen um Frieden gebeten würde. Mit dieser Antwort ist der Missionar zurück. Am nächsten Morgen kam ein Ältester und verhandelte wegen des Friedens, aber in unklaren Worten. Der Kapitain sprach mit ihm und fragte, unter welchen Bedingungen um Frieden gebeten werde. Der Älteste gab darauf keine Antwort. Schließlich sagte der Kapitain, daß nur in zwei Fällen Frieden geschlossen werden könnte: entweder wenn Menschen fühlen, daß sie schuldig seien, oder wenn Menschen besiegt worden sind. Ein Mensch, der fühlt, daß er schuldig ist, kann um Frieden bitten, oder es kann einer um Frieden bitten, der sich besiegt fühlt. Darauf ist auch dieser Mann zurückgegangen. Am anderen Morgen kam Khurisab und sagte, sein Kapitain sei nicht schuldig, aber um der Frauen und Kinder willen werde um Frieden gebeten. Der Kapitain hielt ihm den ganzen Sachverhalt vom Anfang bis zum Ende vor. Es wurde ihm eindeutig gesagt, daß sein Kapitain die Schuld am Krieg habe; er solle zurückgehen und seinen Kapitain persönlich kommen lassen. Einen und noch einen Tag haben wir gewartet. Am folgenden Tag zog unsere Streitmacht aus und erbeutete beinahe das gesamte Vieh. Das Kleinvieh hatte der rote Stamm an einem Tor zusammengetrieben. In den folgenden drei Tagen starben unsere Verwundeten: Zuerst Isaak Bois, dann Zacheus Markus und schließlich Neixab. Magistrat Daniel wurde an diesem Tag an den Nosob geschickt, um Güter zu holen, die Hoachanas gehörten. Sie haben auch andere bei Jakob Lampert gesehen. Jonas und Xam-khaub waren freundlich und so haben sie meine Güter bekommen. Der Unterkapitain war zu Duncans Werft geschickt worden. Um diese Zeit erschienen Nowasebs und Friebs Streitmacht in Hoachanas, um Großvieh wegzuholen, und es kam an diesem Tag auf Lidfontein zum Gefecht. Die Namaquas wurden in die Flucht geschlagen und bis nach Hoachanas zurückgetrieben. Der Kapitain ist von Hoachanas zurückgegangen, da seine Streitmacht nicht zur Stelle war. Ein paar Pferde wurden erbeutet, darunter der Schimmel von Manasse Geibeb. Nach Rückkehr des Magistrats und des Unterkapitains zogen wir nach Khamxas und Kalkfontein, da unsere Pferde und Rinder schlapp waren. Hier feierten wir Weihnachten und Neujahr in herrlichen Tagen. In diesem Krieg haben wir insgesamt 46 Namaquas erschossen. Mittwoch abend, den 2. Januar 1889, erschienen die Namaquas und nahmen uns 13 Pferde weg. Am nächsten Tag zog unsere Streitmacht aus, kam am 4. Januar auf Hoachanas an und hat dem roten Volke das ganze Großvieh und 8 Pferde abgenommen. Unsere Streitmacht blieb vier Tage auf diesem Platz, Kapitain Manasse hat wieder von Frieden geredet, will aber seine Schuld am Krieg nicht zugeben. Am 7. Januar wurde der Platz beschossen, wir wissen aber nicht, was aus der Schießerei geworden ist. Die Streitmacht kam am 8. Januar nach Hause. Am Freitag haben wir Khamxas verlassen. Der Kapitain ist zu Duncans Hause geritten. Die Wagenzüge blieben in dem Einschnitt mit dem einzelnen Kamelbaum. Am 16. Januar kam der Kapitain dorthin, am 17. Januar sind wir nach Noa-aus abgezogen und dort geblieben. Herr Duncan und König Hendrik sind sich einig geworden, so daß Duncan Munition heranschaffen wird. Die Abmachung lautet folgendermaßen: Er bringt 4 Kisten Henry Martini, 4 Kisten Vollgeschosse, 4 Kisten Wesleyrickets, 2 Kisten Schneider, 1 Kiste Wesleypatronenpapier, 1 Kiste Winchester, 100 Säckchen Schießpulver, 1500 Stab Blei, um die Hereros anzugreifen. Es war am 14. Januar. Nach unserer Rückkehr aus Duncans Werft zogen wir weiter und kamen nach Noa-aus. Von da sind 16 Mann nach Tsub-Garis geritten. In derselben Nacht kamen die Namaquas und nahmen uns 13 Pferde weg. Ein paar Leute von uns sind ihnen nachgeritten, fochten mit ihnen, konnten ihnen aber nur ein Pferd abnehmen. Wir hörten diese Nachricht auf Khoses und marschierten sofort ab. Colemanns Sohn ist der Urheber dieser Tat gewesen; er hat unsere Pferde genommen. Wir haben ihn durch Wegnahme von Vieh gestraft. Von hier aus ritten wir nach Hause und waren kaum angekommen, als wir hörten, Frieb habe Manasse gerufen, um mit uns zu fechten. Auch hörten wir, daß Manasse auf dem Marsch sei und vorhabe, das Vieh weißer Menschen wegzunehmen. Wir zogen ihm entgegen und hörten auf Gurubmanas, daß Manasse auch im Anmarsch sei. Leute von uns ritten von da aus nach Rehoboth und hörten, daß Manasse einen anderen Weg benutzen wolle. Sie schickten Meldung, worauf unsere Streitmacht in die neue Richtung abdrehte und nach Rehoboth kam. Spät am Nachmittag hörten wir, daß Manasse tatsächlich auf Oan-ob angekommen sei. Wir verließen Rehoboth und kamen noch in der Nacht auf Manasses Spur, der wir bis nach Khamases folgten, wo wir schliefen. Wir stiegen am anderen Morgen wieder zu Pferde, und während noch einige Leute auf dem Platz herumstanden, sahen wir den Rauch des [feindlichen] Lagerfeuers, riefen die nächsten Leute an, ritten auf sie zu und kämpften mit ihnen. Die Namaquas ergriffen die Flucht, wobei einige zurückblieben, die uns aber auch entkommen sind. Auf unserer Seite fiel ein Mann, Verpflegungskornett Willem Diedrik. Manasse hat fünf Leute verloren (er selbst spricht von 7 oder 8); neun Gewehre und fünf Pferde, darunter Manasses Reitpferd, erbeuteten wir. Dies geschah am Sonntag, dem 17. März. Wir waren 58 Mann, mit dem Kapitain. Einige Tage darauf, am 29. März, ritten wir wieder nach Manasses Werft. Am Sonntag fingen wir Khorisab und erschossen ihn. Am Montag, dem 1. April, waren wir wieder auf Manasses Werft und haben fünf Mann erschossen. Der Kapitain ritt an diesem Tage mit 16 Mann nach Hoachanas und erbeutete die Wagen von Manasse und Sana Mottel. Am Dienstag, dem 7. April, kamen wir mit wenig lebendem Vieh, 4 Pferden und zwei Wagen wieder zu Hause an. Am 20. April ritten Leute nach Bethanien ab, um den Schullehrer Hendrik Witbooi abzuholen. Am 1. Mai zog unsere Streitmacht in Stärke von 84 Mann wieder aus. Am 2. Mai griff sie die erste Werft am Wittekamfluß, am 3. Mai Hoachanas an und verbrannte diesen Platz am 4. Mai. Die Werften Jan Afrikaners und Jan Frederiks sind aber verschont worden. Die Streitmacht, von der 2 Leute gefallen waren, kehrte am 5. Mai zurück. Einen Feind haben wir erschossen. Von uns waren zwei Mann verwundet, nämlich Salomo Janste und Abraham. Gefallen sind Ougogob und Gaseb. Am 7. Mai zog die Streitmacht wieder aus, um Khenaxas anzugreifen. In König Witboois Abwesenheit war die Streitmacht Jans, Jan Nowasebs, Manasses, Friebs und Kols auf Hornkranz erschienen, haben aber nur in der Nacht Großvieh weggeführt. Am nächsten Morgen wurde die Streitmacht zusammengerufen und ritt aus. Die feindliche Streitmacht flüchtete und wurde bis nach Khuwitsaus verfolgt, wo ein Feldschuhträger namens Khub erschossen wurde. Die Namaquas nahmen uns nun bereits zum zweiten Male Großvieh weg. Am 6. Juni zog unsere Streitmacht wieder aus, hat Areb angegriffen und den Platz am 7. Juni verbrannt. Daraufhin nahmen die Namaquas wieder Vieh auf unserem Platz weg, erwürgten einen Jungen und nahmen ein paar Kinder mit. Sie kamen später noch einmal und erwürgten einen Klippkaffern. Am 12. Juli zog unsere Streitmacht in Richtung Naeb gegen Jan Nowaseb aus und griff Naeb am 13. Juli an. Nowasebs Leute sind geflüchtet. Jan Nowaseb kam ganz in die Nähe unserer Streitmacht und flüchtete. Unsere Leute schossen auf ihn, so daß er ganz in Staub gehüllt war, hin und wieder vom Luftzug unserer Kugeln gestreift, aber trotzdem von keiner Kugel getroffen wurde. Da ließ ihm unser Kapitain durch unsere Streiter zurufen: „Hört auf mit Schießen! Der Krieg ist vorbei!“ Nowaseb kam daraufhin näher und gab sich bedingungslos gefangen. Unser Kapitain verzieh ihm alles und nahm ihn in Frieden auf, ebenso wie seine Leute, die sich zur Unterwerfung erboten hatten. Krieg: Wiederum ist unsere Streitmacht am 31. Juli aufgebrochen, und zwar in Richtung Swartfontein, und hat den Platz am 3. August angegriffen. Der Großmann der Werft namens Aueb ist an diesem Tag gefallen. Die Streitmacht kehrte unversehrt zurück. Krieg: Am 6. August zog die Streitmacht in Richtung Jan Jonker aus, den wir auf seiner Spur nach dem Hererolande verfolgten. Er wurde nach 4 Tagen auf Guguameb eingeholt und am 10. August angegriffen. Viele von Jans Leuten sind gefallen oder verwundet worden. Er selbst, Kapitain Jan Jonker Afrikaner, fiel an diesem 10. August im Kampf. Unsere Streitmacht kehrte unversehrt nach Hause zurück.
Hendrik Witbooi gibt Rechenschaft
Hendriks Konflikte mit seinem eigenen Volk waren aber damit noch nicht zu Ende. 1889 brachten ihn erfolgreiche Kämpfe mit den Feldschuhträgern in Schwierigkeiten mit dem südlichsten Nama-Stamm, den Bondelswarts von Warmbad. Der Brief von deren Kapitain Willem Christian (Nr. 19) ist eine Reaktion auf die von Hendrik aus seiner eigenen Sicht in Nr. 20 dargestellten Ereignisse. Inzwischen hatte man Hendrik an einer schwachen Steile zu packen versucht. Der von ihm verehrte Missionar Johannes Olpp, der ihn getauft hatte und sein Lehrer in vielen Dingen gewesen war, wurde veranlaßt, von Deutschland aus ein mahnendes Schreiben an ihn zu richten, das uns nicht vorliegt. Ihm gibt Hendrik ausführlich Rechenschaft von seinem göttlichen Auftrag wie von seiner jüngsten Politik, wobei er seine verschiedenen Gegner jeweils entschieden ins Unrecht setzt. Auch am Anfang der Auseinandersetzung mit seinem Vater Moses, die zum Bruch und zu Hendriks Auszug geführt hat, steht seine und seiner Anhänger Entscheidung, einen Viehraub des Feldkornetts Paul Visser bei den Bastards aus eigenen Beständen wieder gut zu machen. Das Vertrauen in die Gerechtigkeit seiner Sache spielt für Hendrik stets eine zentrale Rolle, auch jetzt, da er sich stark genug fühlt, um es nicht nur mit den verbliebenen Nama-Kapitainen Willem Christian von Warmbad, Jakobus Isaak von Berseba und Joseph Fredericks von Bethanien, sondern erneut auch wieder mit den Herero aufzunehmen. Deren Bündnis gegen ihn und die Ausschreitungen bei einem Überfall auf Hornkranz Ende 1889 setzen Hendrik ins Recht.
20. Willem Christian an Witbooi: Warmbad, 7. November 1889
An den wohlgeborenen Kapitain H. Witbooi! Ich sende Euch diese wenigen Zeilen mit der Mitteilung, daß ich meinen Unterkapitain zu Euch geschickt habe, damit er mit Euch sprechen kann, als wäre ich es selbst. Ich teile Euch weiter mit, mein lieber Mitkapitain, daß ich gehört habe, Ihr hättet, als Ihr Keetmanshoop verließt, meine Grenzen überschritten; ferner, daß Ihr auf meinem Grund tätig gewesen seid, ohne mich etwas davon wissen zu lassen. Solche Sachen bringen Unzufriedenheit unter uns, und das will ich nicht haben. Mein lieber Kapitain, wenn Ihr etwas nötig habt, was innerhalb meiner Grenzen liegt, dann müßt Ihr mich erst danach fragen, und Ihr sollt eine Antwort haben. Es scheint aber, mein lieber Freund, daß Ihr in meine Grenzen gekommen seid, ohne mich etwas davon wissen zu lassen oder mich um das zu bitten, was Ihr vielleicht innerhalb meiner Grenzen nötig habt. Ich ersuche Euch in freundlicher Weise, lieber Kapitain, zurückzugehen, damit keine Mißhelligkeiten zwischen uns entstehen. Solche Dinge, daß ein Kapitain des anderen Kapitains Grenzen überschreitet, ohne ihn davon zu benachrichtigen oder ohne ihn wegen der Grenzüberschreitung um Erlaubnis zu fragen, gehen über meinen Verstand. Aber da es nun einmal geschehen ist, bitte ich Euch zurückzugehen. Gleichzeitig bitte ich Euch auch in aller Freundlichkeit, mir mein Ersuchen nicht übelzunehmen. Ich glaube bestimmt, lieber Kapitain, daß Ihr mich versteht. Ich rechne bestimmt damit, daß Ihr midi versteht, und wünsche auch, Ihr mögt mich verstehen, wenn mein Unterkapitain zu Euch kommt. Ich werde dann noch hören, was Ihr mündlich mit ihm besprochen habt. Ferner, mein lieber Kapitain, und weswegen ich in erster Linie schreibe: Laßt doch ab von Eurem Tun! Kehrt zurück, damit es keine Anstände zwischen uns gibt. Gebt auch anderen Menschen keinen Anstoß, lieber Freund, damit der Krieg zu Ende kommt. Und so ersuche ich Euch, die Menschen in Ruhe zu lassen, und fernerhin, sobald dies möglich ist, Frieden zu schließen. Friede ist das Beste von allem, was es auf der Erde gibt. Deshalb wünsche ich, Ihr mögt dieser Bitte nachkommen, die ich als Freund und Bruder an Euch richte. Hört auf mich! Ich schließe den Brief mit herzlichen Grüßen an Euch. Ich verbleibe Euer Bruder, Kapitain Willem Christian.
21. Witbooi an Missonar J. Olpp: Hornkranz, 3. Januar 1890
Mein wohlgeliebter alter und getreuer Missionar J. Olpp! Ihren freundlichen Brief habe ich am 30. Dezember 1889 erhalten und gelesen; aber wie bin ich erstaunt und erschrocken, Ihren Namen so unerwartet zu hören. Gott sei Dank! Der Herr sei gepriesen! Von den wichtigen Ereignissen und meinem Wohlbefinden, wovon Euer Wohlgeboren gern hören möchten, will ich Ihnen gerne und mit Vergnügen etwas mitteilen. Ihr Brief ist gerade zur rechten Zeit angekommen. Ich hatte mir schon vorgenommen, Ihnen alles mitzuteilen. Aber mein geliebter Missionar, die Zeit ist zu unpassend, kurz und unruhig, als daß ich Euch alles so ausführlich schreiben könnte, wie Sie es wünschen, und die Umstände sind so schwierig und gewichtig; sie sind tief und hoch; sie sind lang und breit — sie sind ernst. Mein geliebter Missionar, ich spreche es aus, es handelt sich um eine schwere, wichtige und ernste Sache. Sie sind mein alter Lehrer, und ich bin viele Jahre in Gibeon mit Ihnen zusammen gewesen, nachdem Sie als Missionar dorthin gekommen waren. Ich habe aber etwas vor Ihnen verheimlicht, was ich schon lange wußte, bevor Sie als Missionar nach Gibeon kamen. Bereits in der Zeit unseres ersten Krieges mit dem roten Volk, in den Tagen meines alten verstorbenen Großvaters David Witbooi, damals bereits, in jenem Krieg, habe ich erfahren, was für ein großer Auftrag mir zuteil werden soll, und daß der alte Großvater, David Witbooi, auf Gibeon ausruhen, daß sein Leben und seine Führerschaft auf unseres Khowesevolkes Wanderung dort enden und ihm ewige Ruhe werden soll — so wie er sich denn auch dort zur Ruhe begeben hat — und daß ich diese lange Wanderung, von der sich unser alter Kapitain nun ausruht, fortsetzen soll, wenn die Zeit erfüllt sein wird. Und die Zeit ist erfüllt. Die ganze lange Zeit habe ich geschwiegen. Ich habe geschwiegen und in meinem Innersten nachgedacht und mir gesagt, daß ich die Sache meiner Führerschaft auf dieser Wanderung nicht offenbaren und nicht ans Licht bringen darf, sondern daß ich warten muß, bis die Zeit, die Gott bestimmt hat, erfüllt ist, und daß Gott in seiner Weisheit mir durch ein wunderbares und sichtbares Zeichen offenbaren und ans Licht bringen wird, wann ich mit dem Werk beginnen soll. Und so wie ich gehofft habe, ist es auch eingetroffen. Es hat begonnen zur Zeit der ersten Reise, die die Kapitaine nach Gobabis unternahmen, als das erste Morden durch die Hereros unter den roten Menschen und selbst unter den Leuten der Kapitaine stattfand. Ich zog zu jener Zeit nach dem Hereroland, um Ochsen, die ich dort noch stehen hatte, zu holen. Mein alter Vater Moses riet mir, mit den Kapitainen zusammen nach Gobabis zu gehen und die Ochsen von dort aus zu suchen. Aber ich habe ihm geantwortet, daß ich den großen Weg über Rehoboth gehen werde. Mein alter Vater sagte darauf: „Wir hören, daß die Hereros böse sind, weshalb Du nicht alleine gehen kannst.“ Darauf antwortete ich: „Nein, alter Vater! Das mag so sein, aber ich werde trotzdem den großen Weg gehen.“ Gleich darauf sind wir auseinandergegangen, sie nach Gobabis und ich auf dem großen Weg über Rehoboth. Als ich in Rehoboth ankam, sagten mir die Bastards: „Du darfst nicht ins Hereroland gehen, denn die Hereros sind sehr böse.“ Ich sagte ihnen, ich werde gehen, und ich bin weitergegangen. Darauf stieß ich auf die Viehwächter der Hereros, die mir auch wieder sagten, ich solle doch umkehren, da die Hereros so böse seien. Ich antwortete ihnen ebenfalls, ich würde gehen, und ich bin gegangen. Auf der Hererowerft Hoabe-tsaus kam ich zu der Zeit an, als die Diener der Kapitaine ermordet wurden. Die Nachricht von diesem Mord kam zugleich mit mir auf der Werft der Hereros an, auf der ich mich gerade aufhielt. Die Hereros beschlossen nun, auch mich zu ermorden. Sie nahmen mir meine Pferde und Gewehre weg und sagten, daß ich noch heute hier sterben würde. Geliebter Missionar, an diesem Tag habe ich wiederum die Allmacht unseres großen Gottes erkannt. Unaussprechlich wunderbar hat der Herr mir herausgeholfen, mir und meinen drei Leuten. Die Hereros erhoben sich und umzingelten uns, um uns zu töten. Da aber taten sie etwas, was sie selbst nicht verstanden: anstatt mich zu töten, haben sie mich freigelassen, mir eine Stute gegeben und gesagt, ich solle schnellstens nach Hause gehen. Und so bin ich nach Hause gegangen. Als ich aus dem Einschnitt zwischen den großen Khanigukhabergen herauskam, vernahm ich eine Stimme, die am 23. August 1880 folgende drei merkwürdigen Worte zu mir sprach: 1. Es ist vollbracht! 2. Der Weg ist geöffnet! 3. Ich gebe Euch einen schweren Auftrag! Mein ganzes Werk ist mit diesen drei Worten verknüpft und mit ihnen begonnen worden. Aber damals war es noch nicht offenbar vor den Menschen: ich allein wußte davon. Ein anderes Werk mußte noch vorausgehen. Es mußten sich vorher alle Kapitaine des Namalandes gegen die Hereros erheben; jedoch würden sie die Hereros nicht besiegen, sondern umgekehrt, so daß die Kapitaine des Namalandes die Hereros um Frieden bitten müßten. In diesem Augenblick erst sollte ich mein Werk beginnen; und was ich schon damals wußte, ist auch eingetroffen. Diese Sache war bis dahin den Menschen verborgen geblieben, und sie wurde erst zu diesem Zeitpunkt offenbar. Durch das Vieh der Bastards, das Paul Visser ihnen weggenommen hat, ist das Werk begonnen und den Menschen offenbart worden, dadurch daß ich mit folgenden einfältigen Worten das ganze Khowesevolk aufgerufen habe; „Kommt und laßt uns den Bastards das Vieh, das Paul Visser ihnen weggenommen hat, aus unseren eigenen Beständen zurückgeben und auf diese Art wieder gutmachen, was unsere Eltern verdorben haben!“ Diese wenigen und kurzen Worte haben so wundersam, erstaunlich und wie eine unmögliche Sache in den Ohren der Menschen geklungen, daß sie in der ganzen Welt bekannt wurden und die ganze Welt berührten. Diese wenigen Worte haben die erste Spaltung unseres Khowesevolkes verursacht. Ein großer Teil des Volkes hat zusammen mit meinem Vater diese Worte nicht verstanden und nicht angenommen. Diese Menschen sind nicht mit mir weggezogen; mein alter Vater Moses hat alle seine Mitbrüder zusammengerufen, um mich mit seiner Macht zu vernichten, damit ich den Bastards ihr Vieh nicht zurückerstatten und selbst nicht wegziehen kann. So sind alle anderen Kapitaine und Menschen beeinflußt worden und haben Mut gefaßt, um mich ohne jeden anderen Grund zu töten, denn mein eigener Vater und mein eigener Missionar urteilten als Richter über mich und erklärten, ich wandle auf Teufels Wegen, ich würde von den Hereros vernichtet werden, ich würde von meinem ersten Kriegszug gegen Maharero nie wieder nach Hause zurückkommen. Ich bin aber doch wieder zurück nach Gibeon gekommen; denn Gottes Gedanken sind nicht unsere Gedanken, und Gottes Werke sind nicht unsere Werke, und der getreue himmlische Richter richtet nicht nach unserem menschlichen Willen und Begehren. Nur um dieser Sache willen ist die ganze Welt gegen mich aufgestanden, als mein Vater, der alte Jakobus Isaak, der Kapitain von Berseba, mein Missionar, Herr Rust, und Herr Hegner, der Missionar von Berseba, eine Versammlung in Gibeon abhielten, auf der sie mich für einen unklaren, auf Teufelswegen abirrenden Menschen erklärten und sich mit Gottes Wort und äußerlichen Kriegswaffen dagegen einsetzten und dagegen arbeiteten, um dieses große Werk zu verhindern und zu vereiteln. Ihnen allen habe ich an diesem Tag gesagt, daß ich mit ihnen nicht kämpfen, sondern mich nur mit meinem Mund verteidigen werde; daß wir Menschen uns darüber nicht weiter streiten sollten, sondern alles dem Herrn übergeben und ihm den Anfang lassen sollten, so wie es in einem Vers unseres Gesangbuchliedes No. 91 lautet: „Überlaßt dem Herrn die Lenkung der Geschicke. Er wird alles so weise machen, daß ihr erstaunt sein werdet!“ So habe ich von Anfang an zu diesen großen Herren gesprochen und spreche noch heute so zu jedermann, der über diese Sache mit mir sprechen oder dagegen arbeiten will. Denn das Wort Gottes lehrt uns in voller Wahrheit, daß jeder Baum an seinen Früchten erkannt werden soll, und so soll auch jedes Werk des Menschen an seinen Früchten und Auswirkungen erkannt werden. Und so geschieht es auch. Deutlich kann erkannt und gesehen werden, wie es in meinen Kriegen zugeht, von meinem ersten Krieg gegen die Hereros bis auf diese Kriege, die ich mit den roten Stämmen führe. Täglich geschehen wunderbare und sichtbare Zeichen, und Merkwürdiges ereignet sich, woraus wir Menschen erkennen können, daß Gott das ganze Werk mit seiner göttlichen Allmacht und seinem Willen leitet und regiert. Aber, geliebter Missionar, trotz alledem werde ich beschuldigt, Krieg gegen unschuldige Menschen zu führen, was durchaus nicht wahr ist. Ich habe noch keinen Menschen angegriffen, der nicht mich angegriffen hat. Sie alle haben mich zuerst ohne Grund angegriffen. Daß die ganze Welt sich gegen mich erheben wird, das habe ich schon lange gewußt, nämlich schon, seitdem ich diesen Auftrag erhalten habe. Da ist noch eine andere Sache, geliebter Missionar, die ich mir lieber nicht von den Missionaren wünschte. Den zwei Missionaren, mit denen ich mündlich gesprochen habe, habe ich am Anfang gesagt: „Ich bitte Euch, Missionare und Diener Gottes, bleibt heraus aus dieser Sache. Ihr habt damit weder in Worten noch in der Tat etwas zu tun; verhaltet Euch ruhig und betet für mich zum Herrgott.“ Ich habe jeden Missionar gern und will mit Missionaren keine harten und anstößigen Worte wechseln. Auch will ich nichts davon hören, daß ein anderer Mensch die Missionare verleumdet oder schlechte Worte über einen Missionar redet, denn ich achte den Missionar als einen Diener Gottes, und ich fürchte Gott, weshalb ich auch keinen Missionar mißhandle, weder mit Worten noch durch die Tat. Lieber Lehrer, ich finde nun aber einige Missionare im Namaqualand in diese Sache verwickelt und sehe sie ihren Einfluß ausüben, so daß Menschen, die bereits zur Erkenntnis der Wahrheit und zu Verstände gekommen waren und demütig geworden sind, durch die Worte der Missionare wieder zum Hochmut zurückkehren und mich ohne Grund angreifen. Vor kurzem, im Jahre 1889, zog ich aus, um die Feldschuhträger, meine Feinde, die mich zuerst angegriffen haben, anzugreifen. Sie flüchteten bis zu Kapitain Willem Christian nach Warmbad. Ich habe den Kapitain gebeten, die Leute herauszugeben, und er hat mich wohl verstanden und erlaubt, daß ich die Leute angreife, und die Leute sind recht schlecht mit mir umgegangen. Der Vormann der Feldschuhträger, mit Namen Bloedoog, redete auf mich ein, ich solle nach seiner Werft kommen, und er sprach vom Frieden. Wir haben uns gut verstanden; ich habe sein Friedensangebot angenommen und sagte ihm: „Geht heute nach Hause. Ich komme morgen auf Eure Werft, um endgültig Frieden zu schließen.“ Er ritt nach Hause; am anderen Morgen bin ich zu ihm geritten. Da wir bereits über den Frieden gesprochen hatten, hatte ich mich nicht auf Feindseligkeiten eingerichtet. In seiner Werft angekommen, sah ich die Krieger mit ihren Gewehren hinter den Schanzen sitzen. Ich ließ zunächst anfragen, was das zu bedeuten habe; der Mann aber, den ich geschickt hatte, wurde einfach weggejagt. Noch zwei-, dreimal ließ ich anfragen, bis plötzlich Schüsse bei mir einfielen, worauf ich gar nicht eingerichtet war. Ich wehrte mich, und Gott hat mir wieder wunderbar beigestanden und hat mir herausgeholfen, so daß ich die Leute schlagen und von Kiriis wegjagen konnte. Die Feldschuhträger sammelten sich darauf und wollten mich zum zweiten Mal bei Hons-Hons angreifen. Ich warf sie zurück, ‚ und sie flüchteten mit ihrem Vieh auf das Gebiet Willem Christians. Ich bat diesen Kapitain um Herausgabe des Viehs; denn ich hatte die Leute besiegt, weshalb ihr Vieh mir gehörte. Der Kapitain antwortete, er werde mir das Vieh nicht herausgeben, und ich würde nicht einmal eine Mißgeburt von Lamm bekommen, da er die Leute unter seinen Schutz genommen habe und sie beschirme. Kapitain Willem Christian nimmt also Leute bei sich auf, die mich mitten im Frieden in ihren Kraal lockten und ermorden wollten. Ich hörte auch, daß sich der Missionar von Warmbad in dieser Sache geäußert hat, wodurch der Kapitain in seinem Hochmut und Zorn gegen mich bestärkt worden ist. Kapitain Willem Christian, Kapitain Jakobus Isaak und Kapitain Josef Frederik von Bethanien, Manasse Noreseb und Maharero sind sich einig geworden und wollen sich zusammentun, um mich zu erledigen und still zu machen. Ich bin ihnen ein Stein des Anstoßes und ein Ärgernis, weshalb sie mich wie ein leichtes Stück Lappen von Gottes Erdboden wegfegen wollen. Ihr müßt bedenken und beachten, lieber Missionar, daß alle diese Häuptlinge Kapitaine von Missionsplätzen sind. Ich werde deshalb immerzu des Angriffs auf Missionsplätze beschuldigt, und daß die Missionsplätze und das Wort Gottes durch mich zerstört werden.
Fragen Sie, lieber Missionar, bei ihren Mitbrüdern auf den Missionsplätzen herum, wie die Dinge zwischen mir und den Häuptlingen, denen die Missionare zugeteilt sind, entstehen. Von Hoachanas kann ich Ihnen sagen, daß der Platz von seinem eigenen Kapitain Manasse verwüstet worden ist. Herr Judt ist während des Krieges selbst bei mir gewesen, und ich habe von ihm gehört, wieviel Mühe er mit seinem Kapitain Manasse gehabt hat, um ihn zu ermahnen und von dem Krieg gegen mich abzuhalten. Er hörte aber nicht, sondern ging mit Gewalt in diesen Krieg; er hat mich zuerst ohne jeden Grund bei Lidfontein angegriffen, als ich mit meinen Leuten im Kampf mit Feldschuhträgern stand, die mich auch zuerst und ohne Grund angegriffen haben. Ich teile Ihnen all das mit, denn große Ereignisse stehen vor der Tür, nachem sich alle Kapitaine von Missionsplätzen gegen mich zusammengetan haben. Ich werde zunächst einmal erst bis hierher schreiben, geliebter Missionar; denn das Werk ist sehr groß, das Papier kann es nicht fassen. Einige Briefe werde ich Ihnen mitschicken, damit Sie selbst sehen können, was wir untereinander gesprochen haben. Ich denke, es wird so am besten sein.
22. Witbooi an Missonar J. Olpp: Hornkranz Fortsetzung: Hornkranz, 3. Januar 1890
Geliebter Missionar Joh. Olpp! Nach acht verschiedenen Dingen haben Sie mich gefragt. Erstens: Was mich bewogen hat, Gibeon zu verlassen? Darauf gebe ich Ihnen folgende kurze Antwort: Ich denke, Euer Wohlgeboren wissen von der Wanderung des Khowesevolkes, daß wir von Pella nordwärts wanderten, nach Gibeon kamen und dort ausruhten. Unser alter Kapitain David Witbooi sollte dort seine Ruhe finden und hat sie auch gefunden. Da kam Euch der Gedanke, in Gibeon eine neue Kirche zu bauen. Ihr fragtet die Gemeinde, ob Ihr die Kirche bauen solltet. Unsere Großleute und mein Vater Moses Witbooi standen auf und sagten: „Nein, die Kirche soll nicht gebaut werden; denn sie wird uns an der Fortsetzung unserer Wanderung hindern, falls wir beabsichtigen, weiter zu ziehen.“ Ich habe gesagt: „Nein! Wir wollen die Kirche bauen, denn dieses Gotteshaus wird uns nicht hindern, vielmehr wird es zu unserem Segen und zu unserer Stärkung dienen. Große Segnungen werden wir von diesem Hause auf unsere Wanderung als Wegzehrung mitbekommen. Mit diesem Segen werden wir weiterwandern, wenn die Zeit erfüllt ist.“ So wie ich es damals voraussagte, ist es auch eingetroffen. Unaussprechliche Segnungen haben wir in diesem Hause Gottes empfangen, unvergleichliche Segnungen und Wohltaten von unserem großen Gott. Mit diesen Segnungen sind wir weggezogen, noch heute besitzen wir den Segen Gottes durch seine Gnade. Als die Zeit erfüllt war, daß wir weiterziehen mußten, sind wir weggezogen, ohne durch dieses Haus gehindert zu werden. Durch meinen Wegzug habe ich meinen Platz Gibeon nicht aufgegeben. Nein! Ich habe den Platz nicht verlassen, und ich kann meinen Platz Gibeon nicht verlassen. Gibeon ist mein Platz und soll mein Platz bleiben, und ich habe hinter mir nun eine andere große Gemeinde aufgestellt, die alle Khowese umfaßt, die zurückgeblieben sind; auch diejenigen, die zwischen anderen Stämmen wohnten, sind nun zurückgekehrt, so daß der Platz wieder ganz von Khoweseleuten bewohnt ist. Ich habe nun also zwei große Gemeinden; eine auf Gibeon, die andere auf Hornkranz. Zweitens: Wie es nach meinem ersten Feldzug gegen Maharero zum Frieden kam? Maharero hat mich zum ersten Mal um Frieden gebeten, als wir noch in schwerem Kampf standen. Ich ließ meine Leute einhalten, um die Friedensstimme, die von Mahareros Seite kam, erklingen zu hören. Maharero kam daraufhin persönlich zu mir; er schickte weder einen Stellvertreter noch Briefe, sondern bat mit seinem eigenen Munde bei mir um Frieden. Andernfalls würde ich Ihnen den Brief zuschicken, damit Sie selbst sehen könnten, mit welchen Worten Maharero bei mir um Frieden bat. Drittens: Im Vertrauen auf diese Worte des Friedens bin ich zu Maharero gezogen. Maharero lockte mich durch schöne Worte in seinen Kriegskraal, ließ mich durch seine Leute umzingeln und auf mich schießen. Dieser Tag war ein schwerer Tag für mich. Ungefähr 40 Mann habe ich verloren; auch zwei meiner Söhne fielen an diesem Tag. Maharero brach den Frieden, während ich kam, um ihn zu befestigen. Doch hat Maharero ein bemerkenswertes Wort gesprochen. An dem Tag, an dem er zum ersten Mal um Frieden bat, sagte Maharero, daß ich, wenn ich diesen Frieden breche, mit kalten Händen an ihn ausgeliefert werden soll, und wenn er den Frieden brechen sollte, so solle er mit kalten Händen in meine Hand ausgeliefert werden. Da Maharero den Frieden gebrochen hat, so besteht heute Kriegszustand zwischen uns. Viertens: Warum ich meinen Vater, den alten Moses, verlassen und warum Paul Visser so schändlich an meinem alten Vater gehandelt hat? Ich habe meinen alten Vater nicht verlassen, sondern er hat mich verlassen; er hat mich verflucht, hat andere Kapitaine herbeigerufen, um mich zu vernichten. Ich habe ihm und unserem ganzen Khowesevolk zugerufen und ihnen gesagt: „Kommt, lieber alter Vater, wir wollen den Bastards ihr Vieh zurückgeben; dann wollen wir weiterwandern; denn die Zeit ist gekommen, daß wir unsere alte Wanderung fortsetzen. So höre denn auf mich, lieber alter Vater!“ Der alte Vater verstand mich aber nicht, sondern beschuldigte mich, ich wolle ihm die Kapitainschaft wegnehmen. So ist er zornig geworden, hat mich verlassen und ist mir nicht gefolgt. Die Menschen, die bei meinem ersten Wegzug zurückgeblieben sind, da sie mich nicht verstanden, die verstanden mich bei meinem zweiten Wegzug; trotz des Krieges mit Paul Visser und des Rufes meines alten Vaters sind sie mit mir gezogen. Mein alter Vater blieb auch bei meinem zweiten Weggang zurück, verließ den Platz und begab sich in das Gebiet des alten Kapitain Jakob Isaak, wo er blieb. Darauf ist Paul Visser mit seiner Streitmacht angerückt, hat Vater und den alten Adam Klaase gefangengenommen und nach Gibeon gebracht. Er ließ auf unserem alten Friedhof ein Grab ausheben und hat beide erschießen lassen. Das ist das Ende meines alten Vaters. Sechstens: Wie die Parteigänger des Paul Visser vernichtet worden sind? Von Paul Visser werde ich Ihnen in diesem Brief nicht mehr viel schreiben. Ich werde Ihnen aber die Briefe schicken, damit sie sehen können, wieviel Mühe ich mit Paul Visser gehabt habe, und was für Worte ich mit ihm gewechselt habe, um diese Gefahr von ihm abzuwenden und damit es nicht dahin kommen sollte, wohin es tatsächlich gekommen ist. Ich fand aber kein Gehör. Siebentens: Wie die rote Nation in meine Angelegenheiten verwickelt ist? Kapitain Arismab war hier und schloß sich Paul Visser an, um ein Stück Land zu verdienen, wenn Paul Visser mich und meinen alten Vater überwinden würde. Alle roten Stämme sind gegen mich aufgestanden — wegen nichts anderem als wegen der Blutsfreundschaft, die gegenseitige Unterstützung verlangt. Auch der Brief von Jan Jonker Afrikaner, den er an alle Kapitaine geschickt hatte, war mit der Anlaß zu der Erhebung gegen mich. Ich werde Ihnen diesen Brief von Jan Jonker Afrikaner schicken, damit sie sich selbst überzeugen können. Achtens; Ihre Anfrage betreffend Landverkauf. Herr Spaneberg kam zu meinem alten Vater und sprach davon, daß er Land kaufen wolle. Mein alter Vater hat ihn kurz abgewiesen und hat ihm und den Buren kein Land verkauft. Lediglich Trub-Garis hat er verkauft, um seine Schulden bei E. Rickets zu bezahlen. Ich selbst habe keinem Weißen erlaubt, Kupfer zu suchen, außer Robert Duncan im Gebiet von Gibeon. Seien Sie zärtlich und herzlich gegrüßt, Sie, Ihre Frau und Kinder, von mir und der ganzen Gemeinde von Hornkranz. Ich verbleibe Ihr alter Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
23. Witbooi an Kamaherero: Hornkranz, 5. Januar 1890
Wohlgeborener Kapitain Kamaherero! Mein Feind! Ich halte es für notwendig, Euch einige Zeilen zu schreiben. Ihr wart in meiner Abwesenheit hier, um meine Werft zu zerstören, habt viele Frauen getötet und viele Kinder in die Gefangenschaft weggeführt. Ich sage nichts wegen des Todes der Männer. Ihr habt es aber weise eingerichtet, daß Ihr in meiner Abwesenheit nach meiner Werft gekommen seid. Nun frage ich Euch ernstlich: Was hat Euch bewogen, meine Frauen zu töten und meine Kinder in die Gefangenschaft zu führen? Lehrt mich nicht solche Sachen! Gebt mir meine Menschen zurück! Wir werden sehen, was der Herrgott in diesem Krieg mit uns beiden vorhat. Frauen und Kinder aber sind schuldlos an unserem Krieg. Ihr habt mich noch nicht besiegt und habt deshalb auch kein Recht, meine Kinder als Gefangene wegzuführen. Gebt mir sofort alle Kinder zurück. Ich sage Euch das, mein Feind! Wenn Ihr sie tötet oder verbergt, so daß ich sie nicht wiederbekomme, sollt Ihr von nun an an einer Last zu tragen haben, solange als der Herrgott mir das Leben läßt. Das verspreche ich Euch, lieber Freund! Ich werde zunächst noch auf die Kinder oder eine Antwort warten. Untätig werde ich in der Zwischenzeit nicht bleiben. An Kindern und Frauen vergreife ich mich jedoch nicht, bis ich Eure Antwort in Händen habe. Antwortet umgehend oder gebt mir schnellstens alle diejenigen zurück, die in Euren Händen sind. Bei Manasse habe ich wegen derselben Sache angefragt. Ich grüße Euch! Ich bin Euer Freund und Kapitain! Hendrik Witbooi.
24. Witbooi an Manasse: Hornkranz, 5. Januar 1890
An meinen lieben Feind Manasse! Ich sehe eine kleine Notwendigkeit, um Euch einige Zeilen zu schreiben. Ich frage Euch: Was hat Euch bewogen, meine Frauen zu töten und meine Kinder in die Gefangenschaft zu führen? Bedenkt Ihr nicht, wie ich mit Euren Frauen und Kindern umgehe? Gebt mir meine Menschen zurück; es ist noch nicht Zeit für solches Tun; denn Ihr habt mich noch nicht besiegt. Lieber Feind! Lehre mich nicht solche Sachen! Ich verspreche Euch ferner, daß Ihr, wenn Ihr meine Kinder tötet oder so verbergt, daß ich sie nicht zurückerhalten kann, von jetzt ab an einer Last zu tragen haben werdet. Gebt mir alle die zurück, die noch am Leben sind! Eure Feindschaft habe ich nun kennengelernt. Nach meinen Menschen werde ich suchen, solange als der Herrgott mir das Leben läßt. Antwortet umgehend oder gebt mir schnellstens alle diejenigen zurück, die bei Euch sind, ausgenommen die, die sich bei Maharero befinden, nach denen ich mich bereits erkundigt habe. Seht nicht auf Maharero, sondern tut Eure Pflicht! Ich grüße, ich bin Euer Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
Beginn der Konfrontation mit den Deutschen
Hendrik kennt europäische Verhältnisse gut genug, um in seinem Brief an die Kaufleute von Rehoboth deren in Kolonialländern übliches Nachfragekartell zu entlarven, das zu niedrigeren Preisen als auf dem Weltmarkt führt und so überhöhte Gewinnspannen ermöglicht.
25. Witbooi an Kaufleute in Rehoboth: Hornkranz, 9. Mai 1890
Geliebte Kaufleute in Rehoboth! Diesen Brief richte ich an alle Kaufleute, die in Rehoboth Handel treiben. Es ist mir angenehm, daß die Geschäfte sich in Rehoboth aufgetan haben; denn dieser Platz ist von meinem Platz nicht allzuweit entfernt, und es gibt doch allerlei fremde Ware, die man für Geld bekommen kann. Ich habe mir, seitdem die Geschäfte in Rehoboth sind, immer Mühe gegeben, mit meinem Geld etwas einzukaufen. Aber es läßt sich mit meinem Geld — ich meine mit Groß- und Kleinvieh — recht schlecht und mühselig an. Vieh ist alles Geld, über das ich verfüge. Ich beeile mich nun, an alle Kaufleute die folgende Frage zu richten, und bitte herzlich, mich doch nicht mißzuverstehen und anzunehmen, daß ich mit dieser Frage vielleicht einen Hintergedanken verfolge, um Sie zu verpflichten oder Ihnen zu schaden. Nein, das ist durchaus nicht meine Absicht, liebe Freunde! Es ist nur eine einfältige Frage wegen des altgewohnten Zustandes, den ich von alters her kenne und gewohnt bin. Folgendes möchte ich fragen: Es wird immer gesagt, daß der Preis für Groß- und Kleinvieh eine bestimmte Zeitlang niedrig ist und daß er zu einer anderen Zeit wieder hochgeht. Und wenn der Preis für das Vieh an den Plätzen, wo das Vieh verkauft wird, fällt, so fällt er auch hier in unserem Land; wenn aber dort am Preis zugelegt wird, dann gehen die Preise auch hier bei uns hoch. Soviel ich weiß, halten es auch andere weiße Leute, die Kaufmannsgeschäfte betreiben, so. Während der vergangenen Jahre hörte ich, daß die Viehpreise fielen; dieses Jahr höre ich nun, daß die Preise wieder hochgegangen sind. Als Sie davon hörten, haben Sie Ihr Vieh zusammengetrieben, um den guten Preis für das Vieh mitzunehmen. Ich wundere mich nur, liebe Freunde, daß mein Vieh in Rehoboth noch keinen guten Preis hat. Wann soll mein Vieh, das Sie doch zum niedrigsten Preis annehmen und für das Sie doch schönes Geld bekommen, einen besseren Preis machen? Wir hören doch, daß die Viehpreise in allen Ländern bereits höher geworden sind. Warum soll ich noch unter der alten Bedrückung leiden, während alle anderen Menschen schönes Geld für ihr Vieh erhalten? Oder ist es ganz unmöglich daß auch mein Vieh seinen Wert hat, und soll es für immer so bleiben, daß alles, was mein ist, kein Geld bringt, während alles, was Sie in Ihren Geschäften führen, unbezahlbar teuer ist? Verkaufe ich den größten Ochsen: das hilft mir nichts; verkaufe ich einen Jungochsen: das hilft mir nichts; oder eine Kuh: das hilft mir nichts; oder ein Pferd: das hilft mir nichts; oder einen Wagen: das hilft mir nichts. So schreibe ich Ihnen, liebe Freunde, diesen Brief, damit wir uns verständigen, und auch aus dem Gefühl heraus, daß es mir schwer werden wird, weiter unter diesem Zustand zu leiden. Ich bitte Sie als Freunde, diesen Zustand, soweit er mich betrifft, abzuändern. In der Hoffnung, daß Sie mich recht verstehen, schließe ich meinen Brief mit herzlichen Grüßen an Sie. Ich bin Ihr Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
So wußte er auch den folgenden Brief des Reichskommissars Göring richtig zu beurteilen.
26. 24a Göring an Witbooi: Okahandja, 20. Mai 1890
An den Kapitän Hendrik Witbooi. Ich höre aus dem Namalande, daß Du beabsichtigst, Krieg gegen die Herero zu führen, so wie Du das bisher getan hast, Werfte abzuschießen und Vieh zu rauben. Aber die deutsche Regierung kann es nicht lange mehr mit ansehen, daß Du das Land und Volk, welches unter deutschem Schutz steht, immer und immer beunruhigst, so daß Arbeit, Handel und Wandel leiden. Sie wird dies mit allen Mitteln zu verhindern suchen, um den Frieden, der dem ganzen Lande Not tut, wiederherzustellen. Ich bitte Dich daher, laß ab von dem ewigen Kriegführen, mache Frieden mit den Herero und ziehe wieder nach Gibeon! Ich oder ein später an meine Stelle tretender Kommissar werden gerne bereit sein zu vermitteln, um die Freundschaft herzustellen. Daß die englische Regierung uns in unserem Bestreben, den Frieden herzustellen, beisteht, wirst Du zu Dei- | ^ nem Nachteil erfahren haben, indem sie Deine Munition in Britisch- Betschuanaland gestoppt hat. Daß die deutsche Regierung ganz andere Macht besitzt, Dir zu schaden, wirst Du wohl einsehen. Darum ersuche ich Dich nochmals ernstlich, mache Frieden, wenn Du dich, Dein Land und Leute erhalten willst. Indem ich Dich ersuche, mir umgehend nach Rehoboth Antwort zu schreiben, bin ich gez. Dr. Göring.
Dieser Brief ist Ausdruck einer neuen Konstellation, denn als der in seinem Amt bestätigte Kommissar Göring im März 1890 wieder in Südwestafrika eintraf, hatten sich die Verhältnisse zugunsten der Deutschen gewandelt. Im Juli 1889 war nämlich eine „Schutztruppe“ aus 21 Unteroffizieren und Gemeinen unter dem Befehl des kolonialerfahrenen Hauptmanns Curt von François eingetroffen — auf einem britischen Schiff im britischen Hafen Walfischbucht, aber mit dem Auftrag, unter Wahrung des Friedens die deutsche Schutzherrschaft über die Herero durch Festnahme des britischen Agenten Lewis wiederherzustellen. Diese deutsche Reaktion auf die Krise von 1888 bedeutet die kolonialpolitische „Machtübernahme“ einer Offiziersgruppe der 12. Infanteriedivision in Neiße, die über Hermann von Wissmann mit dem leopoldinischen Kongounternehmen liiert war. Ihr Führer war Eduard Liebert, einer der Mitbegründer des Alldeutschen Verbandes. Neben dessen Protektion verfügten die Brüder von François — Leutnant Hugo stand dem Hauptmann zur Seite — über diejenige ihres Bruders Alfred und den Ruhm ihres bei Spichern gefallenen Vaters. Von François setzte sich als erstes im Land der Herero fest und ließ die deutschfeindlichen Kaufleute Barn (den wir als Lieferanten der Witboois kennen) und Ford ausweisen. Lewis wagte sich nun nicht mehr ins Land, seine Waren wurden beschlagnahmt. Angesichts geänderter Machtverhältnisse und neuer Bedrohung durch die Witboois vollzogen die Herero einen Seitenwechsel. In einer Versammlung in Okahandja am 20. Mai 1890 wurde mit François und dem inzwischen wieder eingetroffenen Göring der Schutzvertrag mit Deutschland erneuert und den Deutschen gestattet, eine Militärstation in Windhuk zu errichten. Dafür sollte die Schutztruppe die Hauptlast im Kampf gegen Witbooi übernehmen. Dergleichen war allerdings in den Instruktionen für Göring und François nicht vorgesehen: nur die Ausdehnung der Schutzherrschaft über den Rest der Nama wurde gewünscht. So blieb es zunächst bei einem Brief, dessen politische l Tragweite Hendrik offenbar völlig durchschaute, wie seine Antwort beweist.
27. Witbooi an Göring: Hornkranz, 29. Mai 1890
Mein sehr geliebter wohlgeborener Herr Dr. Göring! Ihren Brief habe ich erhalten und verstanden, was Euer Wohlgeboren sagen. Aber, lieber Herr, ich bin ganz erstaunt über diesen Brief. Euer Wohlgeboren sprechen von sehr großen, schwierigen und gewichtigen Dingen. Wie wichtig die Angelegenheiten auch sein mögen, so werde ich doch mein Bestes tun, um Euer Wohlgeboren eine zutreffende und genügende Antwort zu geben. Sie haben weder Platz noch Raum in meinem Herzen gelassen, daß ich Ihnen die Punkte nach eigenem Gutdünken und freier Wahl beantworten könnte, denn nicht als unparteiischen Friedensstifter haben Sie mich angesprochen oder gebeten, sondern Sie befehlen mir kurzerhand, was ich zu tun habe. Euer Wohlgeboren können aus diesem Grunde dieses Mal keine ausführliche Antwort von mir erwarten. Ich werde mich lediglich über 4 Punkte etwas aussprechen. Erstens: Ich kann die Tiefe Ihrer Absichten und was eigentlich Ihr Vorhaben in dieser Sache ist, nicht im geringsten verstehen. Die Sache erscheint mir sehr dunkel und unbegreiflich, und ich kann es durchaus nicht begreifen. Soweit ich die Sache aber verstanden habe, ist sie mir fremd, neu und unbegreiflich; ich werde deshalb nicht weiter darauf eingehen. Zweitens: Ich glaube, daß Euer Wohlgeboren bereits zur Genüge aus Erzählungen zuverlässiger roter und auch weißer Menschen, die bereits lange unter dem Hererovolk gelebt haben, erfahren und gehört haben, daß die Hereros unzweifelhaft Mörder sind, die keinen Menschen, keinen einzigen Menschen, auf den sie zufällig im Felde stoßen, am Leben lassen. Sie haben ja selbst ein paar Jahre unter den Hereros gelebt und gewandelt und dies selbst beobachtet. Trifft der Herero einen einzelnen Menschen an, so macht er sofort einen Plan, wie er diesen Menschen, der keine Schuld hat und der ihm auch keinerlei Anlaß gegeben hat, draußen im Feld oder auf seiner Werft ermorden kann. Ob ein Mensch sich schuldig gemacht hat oder nicht — der Herero achtet niemanden; er fürchtet niemanden — keinen Menschen, keinen Gott. Er macht keinerlei Unterschied; er tötet kurzerhand, sei es Mann, Frau oder Kind; sei es ein Knecht, rot oder weiß: solch ein bekannter Mordbube ist der Herero. Wie Euer Wohlgeboren wohl gehört haben, kam der Herero voriges Jahr zu mir, um meine Frauen und Kinder zu töten. Um das Hererovolk von dieser seiner unmenschlichen Lebensart zur rechten Erkenntis der Wahrheit, zur Wahrheit und Gottesfurcht zu bringen, hat Gott der Herr dem Hererovolk wohl diese Zuchtrute des Krieges auferlegt. Jetzt treten Sie aber dazwischen und beschützen das Hererovolk, vielleicht bevor Gott sein Ziel erreicht hat. Ich bin deshalb auch über diesen Punkt erstaunt und werde mich nicht weiter aussprechen, da Sie das Weitere in Ihre Hand genommen haben. Drittens; Euer Wohlgeboren haben mir keinen Spielraum und keine freie Wahl gelassen, daß ich antworten könnte, was ich denke und wie ich denke. Sie haben mich nicht um Rat gefragt, mir auch keinen Rat gegeben, sondern haben mir kurz befohlen, was ich zu tun habe; ich bin deshalb über diesen Punkt erstaunt und werde zunächst nichts weiter sagen. Viertens: Euer Wohlgeboren sagen, daß ich wieder nach Gibeon zurückzugehen habe. Aber lieber Herr! Ich bitte Sie sehr freundlich, meine Antwort auf diesen letzten Punkt recht gut verstehen zu wollen und keinen Anstoß oder Ärgernis daran zu nehmen; die Absicht, Anstoß oder Ärgernis zu erregen, habe ich wirklich nicht. Ich muß aber die Wahrheit aussprechen, so wie ich bin und wie sich mir die Dinge darstellen. Als ich von Gibeon wegzog, hat mif niemand geraten, dies zu tun, und niemand hat mir zu irgendeiner Zeit geraten, wieder nach Gibeon zurückzugehen. Ich weiß, auf welche Art und Weise ich von Gibeon weggegangen bin, und werde genauso gut wissen, auf welche Art und Weise ich nach Gibeon zurückzugehen habe. Kein Mensch hat mir zu raten, ich solle wieder nach Gibeon zurückgehen. Ich sage das, lieber Herr, nicht aus Hochmut oder Überheblichkeit oder gestützt auf meine eigene menschliche Stärke. Euer Wohlgeboren mögen mich recht gut verstehen. Ich kann nichts anders darstellen, als es sich mir darstellt. In der Hoffnung, daß Euer Wohlgeboren sich die Sache in Ruhe überlegen und daß wir einander gut verstehen und miteinander auskommen, schließe ich meinen Brief. Mit den besten Grüßen an Sie alle. Ich verbleibe Ihr Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
Hendriks politischer Weitblick kommt vor allem in seinem Schreiben an Maharero zum Ausdruck, in dem er diesem die Folgen seiner kurzsichtigen Politik unmißverständlich klarmacht. Wie der Schakal des afrikanischen Märchens, dersich aus Dummheitdie brennende Sonne auf den Rücken geladen hat, wird Maharero seine deutschen „Helfer“ nicht mehr loswerden.
28. Witbooi an Kapitain Kamaherero Oberhaupt des Hererolandes: Hornkranz, 30. Mai 1890
Sehr geliebter Kapitain Maharero Tyamuaha! An Euch, Oberhaupt des Hererolandes, schreibe ich heute diesen Brief. Ich habe einen Brief von Dr. Gering erhalten, aus dem ich große Dinge herauslese, die es mir nötig erscheinen lassen, Euch etwas dazu zu sagen. Aus dem Brief von Dr. Göring ersehe und verstehe ich, daß Ihr Euch unter deutschen Schutz gestellt habt und daß Dr. Göring dadurch recht großen Einfluß bekommen hat und es nun in seiner Macht steht, Befehle und Anordnungen zu geben, die unsere Landesverhältnisse und den Krieg, der von altersher zwischen uns besteht, betreffen. Ich wundere mich sehr über Euch und nehme es Euch sehr übel; denn Ihr behauptet immer von Euch, daß Ihr der Oberkapitain des Hererolandes seid. Das ist auch wahr. Dieses trockene Land ist nur unter zwei Bezeichnungen bekannt: Damaraland und Namaland. Das will heißen, daß das Damaraland dem Hererovolk allein gehört und ein selbständiges Königreich auf eigenem Gebiet ist. Namaland gehört allein allen rotfarbenen Stämmen, und auch dies sind selbständige Königreiche, wie es auch von den Ländern der weißen Menschen wie Deutschland, England und wie die Länder über See alle heißen, gesagt wird. Auch das sind selbständige Königreiche, und alle die verschiedenen Völker haben ihre eigenen Oberhäupter, und jedes Oberhaupt hat sein eigenes Volk und Land, in dem es allein zu befehlen und anzuordnen hat, so daß kein anderer Mensch oder Kapitain das Recht hat, ihm mit Gewalt Anordnungen oder Befehle zu geben, dies zu tun und jenes zu lassen. Jedes Oberhaupt auf dieser Welt ist nur ein Statthalter unseres allergrößten Gottes und ist dem großen Gott allein Verantwortung schuldig, ihm dem König aller Könige, dem Herrn aller Herren, vor dem wir alle, die wir unter dem Himmel leben, unsere Knie beugen sollen und den wir allein um Hilfe, Kraft und Schutz in allen schweren Lagen des Lebens und um Trost und Rat bitten sollen, denn er gibt allen gern, die ihn darum bitten. Aber lieber Kapitain! Nun habt Ihr eine andere Regierung angenommen und habt Euch dieser menschlichen Regierung ergeben, um von ihr beschützt zu werden gegen alle Gefahren, deren erste und nächstliegende wohl ich mit meinem Krieg gegen Euch bin, der seit alters zwischen uns steht. Dagegen wollt Ihr von der deutschen Regierung geschützt und unterstützt werden! Lieber Kapitain! Wißt Ihr, was Ihr getan habt, und für wen Ihr das getan habt? Haben Euch andere Menschen diesen Rat gegeben, oder habt Ihr bei klarem Verstand selbst so gehandelt? Vielleicht habt Ihr allein mich vor Eurem Geiste als einen Hindernispfahl und Stein des Anstoßes gesehen und habt diese mächtige Regierung angenommen, um mich mit diesem mächtigen Mann zu vernichten. Das scheinen mir die Gründe für Euer Handeln zu sein. Es ist sehr schwer zu wissen oder vorauszusagen, ob Euch dieser Plan gelingen wird oder nicht. Es scheint mir aber, Ihr habt nicht genügend auf Euren Vorteil, auf Euer Land und Volk, Eure Nachkommen und auch nicht genügend auf Eure Kapitainschaft geachtet. Ihr glaubt, daß Ihr, wenn Ihr mich einmal vernichtet habt — falls Euch das glücken sollte — alle genannten Dinge als selbständiger Kapitain behalten werdet. Lieber Kapitain! Diesen Schritt werdet Ihr schwer bereuen; ewige Reue werdet Ihr empfinden, daß Ihr Euer Land und die Regierungsrechte an die weißen Menschen abgetreten habt. Der Krieg, den wir gegeneinander führen, ist nicht so schlimm und schwer, wie Ihr meint und deshalb diesen wichtigen Schritt getan habt. Unser Krieg geht um bestimmte Punkte und hat bestimmte Ursachen und wird durch den Willen und die Fügung des Herrn zur rechten Zeit zum wahren Frieden gebracht werden. Daß dieser Krieg nicht ungesetzlich ist und nicht ohne Gründe geführt wird, wißt Ihr sehr wohl. Aus Euren Unrechten Taten, durch das Menschen mordende Herz, das Ihr von alters her bis auf den heutigen Tag besitzt und das nicht mehr durch anhaltende Predigten des Evangeliums bekehrt werden kann, ist er entstanden. Zu diesem Krieg kam es, weil Ihr keinen Menschen, der im Feld in Eure Hände fällt, am Leben lassen könnt, sondern sofort schlechte Pläne macht, um die Menschen ohne Schuld oder Grund zu ermorden. Einen Menschen im Krieg zu töten, ist ein freies Werk; aber selbst in diesem Werk geht Ihr zu weit und handelt unmenschlich, wenn Ihr Leute mit Beilen in Stücke schlagt, lebendigen Menschen mit dem Messer die Kehle abschneidet und Leichen, die schon lange im Grab liegen, aus der Erde holt. Ihr tötet Frauen und Kinder und kamt vergangenes Jahr in meiner Abwesenheit hierher, um meine Frauen und Kinder zu töten. Wen Ihr in die Hände bekommt, der wird getötet, sei es Frau oder Kind, sei es Diener, sei es ein roter oder weißer Mensch, ein Bastard oder Klippkaffer, sei er schuldig oder nicht. Ihr betrachtet keinen Menschen als solchen, als Geschöpf Gottes. Um seiner Geschöpfe willen aber hat der Herrgott uns das Gebot gegeben: „Du sollst nicht töten!“, wie es uns allen im Evangelium gepredigt wird. Alles das bedeutet nichts für Euch. Da habt Ihr nun wieder vor kurzem einen unschuldigen Mann ermordet, einen Untertanen von Kapitain Hermann van Wyk, mit dem Ihr in Frieden lebt. Wegen dieser Eurer Art ist der Krieg ausgebrochen. Der Herrgott hat zum Mittel des Krieges gegriffen, um zu versuchen, ob er Euch nicht doch noch bekehren und zur rechten Erkenntnis der Wahrheit, der Gerechtigkeit und Gottesfurcht bringen kann, damit Ihr Menschen als Menschen achten lernt. Trotz alledem hoffe ich, daß dieser unser Krieg zum friedlichen Ende kommen wird; aber diese andere Sache, daß Ihr Euch der Regierung der Weißen unterworfen habt und noch dazu glaubt, weise gehandelt zu haben, diese Sache wird für Euch sein, als ob Ihr die Sonne auf dem Rücken trüget. Ich weiß wirklich nicht, ob Ihr Euch genügend die Bedeutung der Sache überlegt und verstanden habt, was es heißt, daß Ihr Euch unter deutschen Schutz gestellt habt. Ich weiß nicht, ob Ihr und das Hererovolk die Sitten, Gesetze und Handlungsweise dieser Regierung verstehen werdet, und ob Ihr längere Zeit friedlich und ungestört unter dieser Herrschaft werdet bleiben können. Das Vorgehen von Dr. Gering werdet Ihr nicht verstehen. Ihr werdet unbefriedigt sein, da er nicht nach Eurem Willen und altgewohnten Gesetzen handeln und wandeln wird. Nun ist es aber schon zu spät. Ihr habt ihm bereits volle Rechte gewährt. Er wird sich Euch nicht mehr beugen, und Ihr werdet Euch nicht unter ihn beugen wollen. Euch wird nichts mehr helfen, Ihr seid bereits in seiner Gewalt. Dr. Göring und Ihr gehört verschiedenen Völkern an; auch seid Ihr von früher her nicht immer gute und beste Freunde gewesen. Diese Freundschaft habt Ihr nur geschlossen, um mich zu beseitigen, so wie Herodes und Pilatus die zwischen ihnen bestehende Feindschaft und Mißhelligkeit beiseite stellten, um den Herrn Jesus aus dem Weg zu schaffen. Ferner, lieber Kapitain, was habt Ihr Euch gedacht und herausgefunden? Daß ich Euch überwunden habe? Daß Ihr Euch schwach fühlt und noch eine andere Macht und Hilfe nötig habt? Ich kann mir nicht denken, daß Ihr und Euer großes Volk, Ihr als Oberkapitain des Hererolandes — als den Ihr Euch selbst bezeichnet — daß Ihr noch nach einer anderen Hilfsmacht gegen mich Ausschau halten müßtet, wo Ihr mir doch bereits in allem, an Menschenzahl, Schießbedarf und Geld, so überlegen seid! Daß Ihr Euch schwach und hilflos fühlt, darüber wundere ich mich nicht. Es wundert mich aber, daß Ihr Euch nun, anstatt zu Gott, unserem Beschützer, zu flüchten und ihn anzuflehen: „Herr, hilf mir und beschütze mich!“ ein menschliches Geschöpf um Schutz bittet. Nun, da Ihr Euch einer anderen, mächtigen Regierung unterworfen habt, wie steht es jetzt mit Eurer selbständigen Kapitainschaft? Seid Ihr noch Ob erkap itain vom Hereroland? Ich weiß nicht, ob Ihr Euch noch so bezeichnen könnt, nachdem Ihr einen anderen über Euch gesetzt und Euch selbst unter ihn und seinen Schutz gestellt habt. Derjenige ist Oberkapitain, der oben steht, und der, der unter ihm steht, ist Unterkapitain. Ihr aber steht jetzt unter einem anderen. Alle die schwerwiegenden Worte, die wir in Khoxghanas gesprochen haben, habt Ihr gering geachtet — Worte, die ich zu Euch sagte und Worte, die Ihr vor mir als Bekenntnis und Zeugnis Eures Herzens bezeichnet und ausgesprochen habt — nämlich, was Ihr aus diesem meinem Werk ersehen habt, wie das Werk steht und von wem es ausgeht. Nunmehr habt Ihr menschliche Macht und Hilfe in dieses Werk hineingebracht, das Euch geoffenbart wurde. Aber das ist nicht das Ende! Seid deshalb nicht gedankenlos: denkt über die Worte dieses Briefes nach! Glaubt nicht, daß ich so zu Euch spreche aus Angst und Furcht vor der großen Gefahr, mit der Ihr mich einzuschüchtern glaubt. Nein! Ich bedauere das Ganze, und es schmerzt mich. Aber daß ich den Herrn des Himmels und wahren Heiland nicht in mir haben und nicht im Glauben an ihn festhalten sollte und daß ich mich nach menschlichen Hilfskräften umsehen müßte, solchen Unglauben und Kleinmut würde ich aufs ernsteste und höchste bereuen.
So seid nun herzlich gegrüßt! Ich verbleibe Kapitain Hendrik Witbooi, von Hornkranz.
Im Juni suchte Gering Hendrik Witbooi persönlich auf und versuchte, ihn zum Frieden und zur Annahme eines Schutzvertrages zu überreden, beides ohne Erfolg. Wahrscheinlich steht Nr. 27, Hendriks zweite tagebuchartige Aufzeichnung über die uns schon bekannten Ereignisse seines Kampfes mit den Herero, mit diesem Treffen in Zusammenhang.
Hendrik spricht von dem Massaker von 1880, dem Zusammenstoß von 1884, der Schlacht von Osana 1885 und den Kämpfen mit den verschiedenen Namastämmen in den späten achtziger Jahren — offensichtlich wieder einmal in der Absicht, die Gerechtigkeit seiner Sache durch die Fakten darzulegen. Am 7. Juli eröffnete er durch einen Überfall neue Feindseligkeiten gegen die Herero.
29. Tagebucheintrag: Rehoboth, 27. Juni 1890
Der Beginn des Hererokrieges I. Im Jahre 1880 zog ich nach dem Hereroland, um Ochsen zu holen, die ich bei den Hereros gelassen hatte. In Hoabetsaus wollten mich die Hereros ermorden. Ich fragte sie nach dem Grund ihres Vorhabens. Sie antworteten; „Weil Du ein roter Mensch bist!“ Mein Leben haben sie zwar verschont, nahmen mir aber Pferde und Gewehre weg. Zu dieser Zeit ermordeten die Hereros alle roten Menschen, nach mir und vor mir. Das war die Ursache des ersten Krieges. Die Kapitaine der Hottentotten erhoben sich, wurden aber von den Hereros geschlagen und mußten Frieden schließen, aber nicht alle. Da erhob ich mich, kämpfte zwei Tage mit den Hereros, und am dritten Tag bat Kamaherero um Frieden. Ich hörte ihn an und gab ihm die Bedingungen bekannt, unter denen ich bereit war, Frieden mit ihm zu schließen. I. Wenn ich Frieden schließe, so muß es ein wahrer Frieden für alle Menschen sein. II. Jan Afrikaner und Andries Lampert müssen ihre Plätze [Windhuk und Gobabis] zurückerhalten. III. Es muß mir freier Durchzug durch das Hereroland gestattet werden, damit ich einen neuen Wohnplatz suchen kann. Wenn Kamaherero diese drei Bedingungen annehmen wolle, so sei ich bereit, Frieden zu schließen. Er antwortete mir: „Wir wollen auf meine Werft gehen.“ Dort angekommen sagte er: „Nein! Die Sache ist zu wichtig. Geht zurück und holt alle Eure Kapitaine. Wir wollen dann in Okahandja in Gegenwart der Missionare Frieden schließen.“ Ich ging zurück und forderte die Kapitaine auf, mit mir zu gehen, die aber weigerten sich, da sie der Sache mißtrauisch gegenüberstanden. Deshalb ging ich wieder allein zu Kamaherero, um wenigstens für mich Frieden zu schließen. Zu dieser Zeit erhielt ich einen Brief von Kamaherero, dessen Inhalt mit unseren Abmachungen nicht übereinstimmte. Ferner erhielt ich in Rehoboth einen Brief von Roode Damab, aus dem ich ersah, daß die Hereros ganz andere Absichten hatten, als sie mir gesagt hatten. Ich forderte Kapitain Hermann van Wyk auf, vor mir hinzugehen, da ich wußte, daß er auch nach wahrem Frieden verlangte; er lehnte mit der Begründung ab, daß Dr. Göring und Herr Büttner bei den Hereros anwesend seien und deshalb schon alles in Ordnung kommen werde. So ging ich denn allein und erhielt in Ao-as einen Brief von Samuel Maharero, der besagte, daß dieser wegen des Friedens, den sein Vater geschlossen habe, unwillig sei. Auf der neuen Station schrieb ich einen Brief und bat um endgültige Antwort, ob Kamaherero Frieden wolle oder nicht. Er antwortete: „Kommt, ich bin für Frieden.“ Ich glaubte, daß er aufrichtig Frieden wünsche, und ging zu ihm. Kamaherero ließ mich zunächst stehen. Da ich Durst hatte, gingen meine Leute auf die Suche nach Wasser. Zu gleicher Zeit wurde ich gerufen, antwortete aber, daß ich erst trinken wolle. II. Auf diese Art und Weise verging beinahe der ganze Tag, ohne daß ich Wasser bekam, abgesehen von einem Gefäß, das sie mir hinstellten. Kamaherero rief ich zu, er solle doch seine Streiter zurückgehen lassen; er wollte aber nicht. Am anderen Morgen rief er, ich solle doch zu ihm kommen. Ich ging in den Ring der Hereros; Kamaherero sprach mich an, worauf ich antwortete, ich wolle erst Wasser trinken und mich waschen. Dann traf ich einen kleinen Jungen, der mir mit Tränen in den Augen erzählte, es sei beschlossen, mich zu ermorden. Ich sagte niemandem etwas davon, weigerte mich aber hartnäckig, näherzutreten. Meine Diener, die Wasser schöpften, wurden ermordet. Einer von ihnen lief mit einer Kirriwunde davon, die heute noch offen ist. Die Hereros schossen sofort auf ihn, und er kam mit blutigem Kopf bei uns an. Ein paar Hereros, die in unserer Nähe waren, stürmten auf uns los; wir schlugen sofort zurück. Viele von ihnen waren betrunken, und sie hatten infolgedessen starke Verluste. So kam es zu der großen Schlacht. Wir erhielten damals nicht mehr genügend Munition, da die weißen Menschen — vornehmlich Dr. Göring, wie man mir sagte — uns die Zufuhr von Schießmaterial gesperrt hatten. Ob es wahr ist, weiß ich nicht. Auf jeden Fall erhielt ich keine Munition, und dadurch zog sich der Krieg in die Länge. Ganz unerwartet erhoben sich viele rote Männer gegen mich, und obgleich ich nur wenig Munition besaß, habe ich gegen 6 Kapitaine gefochten und sie besiegt: drei von ihnen erschoß ich, die anderen drei schwärmen noch im Busch herum. Auf dieser Seite habe ich nun wenigstens Frieden und habe Zeit und Gelegenheit, um mich gegen die Hereros zu wenden. Es ist meine ernstliche Bitte an Euch weiße Menschen, bleibt doch mit dem Friedenschließen noch etwas abseits, bis wir untereinander klargekommen sind. Meine einzige Bitte an Hochwohlgeboren Göring und alle, die in der Regierung stehen, ist, doch die Munition freizugeben, denn die Hereros und wir sind noch sehr kampfbegierig. Dieses erkenne ich aus Kamahereros Brief. Ich bin Hendrik Witbooi, der Kapitain.
Im Schluß dieses Dokuments werden erste Erfolge der deutschen Waffenpolitik deutlich, von der auch Gering geschrieben hatte. Nicht nur die Mission und die Kaufleute hatten mit Waffen gehandelt, auch Gering selbst hatte nach 1888 befreundete Stämme mit Nachschub versehen: Hendrik Witbooi aber sollte in Zusammenarbeit mit den Engländern der Nachschub abgeschnitten werden. Zunächst freilich konnte er für die im Sommer 1890 von den Herero erbeuteten beträchtlichen Viehbestände von weißen Kaufleuten immer noch Waffen und Munition erhalten, auch von Deutschen. Es soll sich um 7.000 Rinder und 1.600 Schafe gehandelt haben. Daher die Instruktion an seine Gemeinde, dieses „Kapital“ pfleglich zu behandeln und nicht sofort aufzuessen.
30. Witbooi an seine Gemeinde: Hornkranz, 27. Juli 1890
Ich, Euer Kapitain Hendrik Witbooi, mache der ganzen Gemeinde heute Folgendes bekannt. Hört mit ernstem und andächtigem Herzen zu! Wir alle wissen, wie lange Zeit der Herrgott uns das schwere Joch der Hungersnot hat tragen lassen. Wieviele heimliche und offene Seufzer haben wir himmelwärts geschickt, damit der Herrgott uns von diesem schweren und traurigen Zustand der Hungersnot erlöse und uns wieder bessere Lebensmöglichkeit gebe! Es scheint nun, als wolle der Herr wahrhaftig unsere jahrelangen Seufzer erhören. Durch die große Menge Vieh haben wir ein sichtbares und glaubhaftes Zeichen von Gottes großer und barmherziger Wohltat erhalten. Betrachtet dieses Vieh als eine unverdiente Wohltat und Erlösung! Ich halte der ganzen Gemeinde heute vor, wie es um dieses Vieh aussieht und was damit zu geschehen hat. Sobald meine Werft voll von Fleisch war, ist das Vieh nicht auf lange Zeit eingeteilt worden. Auf Unrechte und verschwenderische Weise ist es verbraucht worden. Liebe Gemeinde! Dieses Vieh muß bewahrt werden; jeder hat das, was ihm übergeben wird, zu erhalten und immer daran zu denken, auf welche Art der Herrgott diese große Menge Vieh an einem einzigen Tag in unsere Hände gegeben hat. Geht nicht unachtsam, leichtsinnig und geringschätzig mit diesem Vieh um! Verbraucht es nicht mit Undank und in Unmaßen! Werdet nicht hochmütig, und vergeßt diese große unverdiente und barmherzige Wohltat nicht! Sündigt nicht, und betrübt nicht den Herrn, unseren Heiland, mit solchem Gebaren und Lebenswandel! Bewahrt dieses Vieh als Milchvieh, und lebt von Milch! Ferner zweitens: Aus den Umständen und aus unserem Werk ersehe ich, daß die Welt in zwei Parteien geteilt ist; die eine Partei steht uns feindselig gegenüber; sie versucht, uns Schaden und Nachteil zuzufügen und uns zu vernichten. Die andere Partei sind unsere Freunde, die auf unseren Vorteil, unser Vorwärtskommen und unser Wohlbefinden achten. Gott hat uns diese Menschen zu Freunden gegeben, und alle diejenigen, die dieses sein Werk verstehen, sind von Gott begnadete Menschen; sie leben mit denselben Fürbitten und Seufzern wie wir; sie leben auch in der Hoffnung, daß der Herrgott eine bessere Zeit anbrechen lassen wird. Wenn diese Menschen nicht persönlich an unserem Werk beteiligt sind, so stehen sie doch nicht abseits, sondern helfen uns mit allen zum Werke erforderlichen Werkzeugen. Sie wirken durch ihr Gebet, durch ihren guten Rat; sie wirken mit den Begabungen, die sie von Gott erhalten haben, und sind deshalb durch diejenigen, die wider uns sind, um unseretwillen schweren und mühevollen Tagen ausgesetzt. Sie erleiden großen Schaden und Verluste, wodurch sie mutlos werden und es aufgeben könnten, uns zu helfen. Sie haben aber gleich uns alles in die Hand des Herrn gelegt, und es wird ihnen gleich uns geholfen werden. Diese Menschen helfen unserem Werk mit Gewehren, Pferden, Sätteln, Schuhen, Nägeln, Getränken, Rauchwaren, mit ihrem Geld, mit Schießbedarf, mit fertiger Kost bei sich zu Hause, mit Schlachtvieh, mit Kleidern und Schuhen, mit Wagen und Ochsen. Durch diese Wohltaten, die die Menschen uns erweisen, hilft der Herr uns täglich. Ich spreche von roten und vornehmlich von weißen Menschen. Wißt, daß Gott der Herr auch an solche Menschen denkt, sich über sie freut und sie belohnt, wie er uns belohnt. Es ist unsere Pflicht, auch etwas für diese Menschen zu tun und sie zu bestärken, damit das Werk nicht geschwächt wird und still steht. Ich bitte Euch, geliebte Gemeinde, denkt nicht, daß alle Eure Bedürfnisse auf einmal befriedigt werden können, und behindert mich nicht durch Abschlachten des brauchbaren Schlachtviehs. Laßt auch einmal einen meiner Wünsche erfüllt werden, damit ich weiter wirken kann. Diese meine letzte Bitte ist an alle Beamte, Bürger, Frauen und Kinder gerichtet. Liebe Gemeinde! Hört auf Euren Kapitain, Hendrik Witbooi.
Hendrik beharrt nach wie vor auf seinen Oberhoheitsansprüchen in Namaland. Daerdas Land der Feldschuhträgerdurch Krieg erworben hat, dürfen diese auch unter dem Schutz des Bondelswart-Kapitains Willem Christian selbständig kein Land an die Bergwerksgesellschaft abtreten, in deren Auftrag der ehemalige Missionar Hahn bei ihnen weilt. Der Verfasser des Dokuments Nr. 30, angeblich der Kapitain von Berseba, befleißigt sich gegenüber Hendrik einer sehr respektvollen Sprache.
31. Witbooi an Kapitain Willem Christian: Hornkranz, 1. August 1890
Mein wohlgeliebter Bruder und Kapitain Willem Christian! Veranlaßt durch die Erzählungen von Leuten, die von unten kommen, halte ich es für nötig, Euch diese wenigen Zeilen zu senden, um die Wahrheit darüber zu erfahren. In unserem Land gehen viele erlogene Geschichten herum. Teils hört man Lügen, teils Tatsachen. Ich bitte Euch deshalb recht freundlich, lieber Kapitain, mich wohl verstehen zu wollen. Ich stelle Euch meine Fragen in der Hoffnung und im Vertrauen darauf, daß ich die Wahrheit erfahren werde. Da ich diese nur von Euch hören kann, wende ich mich direkt an Euch. Folgendes ist mein Hauptpunkt. Ich höre, lieber Kapitain, daß die Feldschuhträger und Dr. Hahn Besprechungen und Verhandlungen wegen des Gebietes der Feldschuhträger führen, daß Dr. Hahn und die Feldschuhträger das Gebiet noch als Eigentum der Feldschuhträger bezeichnen, daß Dr. Hahn deshalb glaubt, berechtigt zu sein, von den Feldschuhträgern Land zu kaufen, und daß die Feldschuhträger ihrerseits noch glauben, berechtigt zu sein, das Gebiet zu verkaufen, da es noch ihr Eigentum sei.
Ich frage Euch, lieber Kapitain, ob diese Sache wahr ist oder nicht. Ihr seid dort der einzige Kapitain; niemand darf etwas ohne Euren Befehl oder ohne Eure Erlaubnis tun. Dr. Hahn und die Feldschuhträger können ohne Euch nichts verkaufen, da die Feldschuhträger jetzt unter Eurem Schutz stehen, und Euer Wohlgeboren wissen sehr gut, wie es sich mit dem Gebiet der Feldschuhträger verhält und wem das Gebiet jetzt gehört. Die Frage des Besitzrechtes an diesem Gebiet ist nach dem Krieg eine andere als vorher, und wie der Krieg alles verändert, so ist auch eine Veränderung für das Gebiet der Feldschuhträger eingetreten. Bis vor ein paar Jahren war dieses Gebiet Eigentum der Feldschuhträger. Heute ist es das nicht mehr, sondern ist nach den uns allen bekannten Ereignissen und dem in der ganzen Welt bestehenden Recht mein Eigentum. Wenn zwei Völker miteinander kämpfen und das eine wird durch das andere überwunden, dann verliert der Unterlegene alles. Er verliert sein Vieh, sein Gebiet, und so steht es heute mit den Feldschuhträgern. Sie haben kein Anrecht mehr auf den Grund, haben nicht über das Gebiet zu verhandeln und haben kein Recht, an Dr. Hahn oder irgendeinen anderen Weißen Land davon zu verkaufen. Ich habe das Land nicht von ihnen geschenkt bekommen, sie haben es mir nicht in einer Friedensverhandlung übergeben, ich habe das Gebiet nicht mit weltlichem Geld gekauft, es auch nicht durch gute und schöne Worte bekommen und auch nicht durch Friedensversprechungen oder sonstwie aus ihnen herausgelockt. Ich bin auch nicht ohne Grund, aus Kriegslüsternheit oder Blutdurst gegen sie zu Felde gezogen, habe sie auch nicht zuerst angegriffen. Auch bin ich nicht durch Mangel an Land gezwungen oder veranlaßt worden, die Feldschuhträger anzugreifen, um in den Besitz ihres Landes zu kommen. Nein! Nichts dergleichen ist von meiner Seite aus geschehen. Ihr, lieber Kapitain, wißt selbst, daß die Feldschuhträger ihr Gebiet an mich durch ihr unverständiges und unrechtmäßiges Treiben verkauft haben, und weil sie gar nicht erst nach der Wahrheit und der wirklichen Ursache des Krieges gefragt haben. Ohne Grund griffen sie mich an, wo ich ihnen doch mit der Wahrheit [zur Verfügung] stand. Es hat ihnen nichts geholfen; ich habe mich ihrer erwehrt. Der Herrgott hat mich gnädig angesehen und ließ mein Blut nicht umsonst fließen. Dieses Gebiet habe ich mit der Hilfe des Herrn durch mein Blut erworben. Ich behaupte deshalb freimütig und mit Recht: es ist mein Land. Und wenn jemand etwas darüber zu verhandeln hat, so sind wir es allein, denn die Leute waren zu ungeschickt zum Krieg wie zum Frieden. Euer Wohlgeboren sind als unparteiischer Friedensvermittler, als ein den Frieden liebender Kapitain und als Vater der Waisenkinder dieser Leute aufgetreten und seid mit gewichtigen, ernsten Worten des Friedens und mit flehentlichen Bitten um Frieden zu mir gekommen. Ihr habt mich freundlich gebeten, den Krieg gegen die Leute abzubrechen und sie leben zu lassen. Deshalb haben sie nun alles Euch zu überlassen und auf Euch zu blicken. Ihr habt mir das in Gottes Namen erklärt; ich habe Euch verstanden und habe Eure Bitte um Frieden angenommen. Wir haben ehrlichen Frieden geschlossen; ich halte wirklich Frieden mit diesen Leuten und wünsche nicht, daß durch meine Veranlassung wieder Krieg zwischen ihnen und mir ausbricht. Ich bitte Euch, lieber Kapitain, bleibt stark und wacht gut über den Frieden, den guten Frieden, den wir geschlossen haben, und betet zu Gott, er möge wahren Frieden in die Herzen dieser Leute senken, damit sie nicht wieder hochmütig werden und durch mutwillige und ungesetzliche Taten diesen guten Frieden brechen. Gebt nicht zu, daß die Leute nochmals ungerechte Dinge tun oder durch Krieg das ganze Land in Brand stecken. Auch Dr. Hahn weiß sehr gut, was das Recht des Krieges und des Siegers ist, und doch höre ich Dinge von ihm, die ich nicht verstehe. Da er unter Euch steht, so bitte ich Euch, lieber Kapitain, verbietet und verweigert ihm alles, was mit dem Grund und Boden zusammenhängt, damit nicht wieder durch solche Dinge Blutvergießen entsteht. Das alles sind Dinge, lieber Kapitain, die ich von Leuten erfahre, die von unten heraufkommen. Laßt mich bitte den tatsächlichen Sachverhalt baldigst wissen. Seitdem wir in Frieden voneinander gegangen sind, bin ich durch Gottes Gnade noch bis heute gesund geblieben, hoffe dasselbe von Euch und wünsche Euch gute Gesundheit. Ich schließe meinen Brief mit herzlichem Gruß an Euch alle und verbleibe Euer Freund und Kapitain Hendrik Witbooi.
32. Jakobus Isaak an Kapitain Hendrik Witbooi: Berseba, 22. August 1890
An den wohlgeborenen auf Hornkranz. Hochedler Kapitain! Mein Sohn! Ich sah mich dringend veranlaßt, mit Eurem Unterkapitain Abel Christian Isaak ein Wort zu sprechen, und hoffe, daß er unsere Worte Euer Wohlgeboren getreulich berichtet hat. Ich hoffe ferner, daß Ihr die wenigen mit Eurem Unterkapitain gewechselten Worte nicht ungünstig aufnehmt. Unlängst traf ich Beamte von Euch und habe ihnen meine Ansicht zum Teil gesagt. Was mich im Innersten bewegt, habe ich noch bis auf den Tag aufgehoben, an dem der allmächtige Gott mich Euch persönlich treffen läßt. Da ich bereits mit Euren Beamten gesprochen und ihnen einen Teil meiner Ansicht mitgeteilt habe, so bemerke ich hier nur kurz, daß ich dem Herrn, unserem Gott, von Herzen für die Begegnung, die zwischen mir und den Beamten stattfand, danke. Möge der Herr das mit seinem Arm befestigen, was zwischen mir und Euer Wohlgeboren durch Eure Beamten besprochen und beschlossen worden ist und was ich mit meiner Gemeinde mit Dankbarkeit und von Herzen gern annehme.
Die Orlam-Kapitaine führten eine ziemlich unumschränkte Herrschaft über ihre Stämme. Das muß man wissen, um Hendriks Ermahnungen an seinen Vertreter und die Untertanen seines Stammsitzes Gibeon und seine Bemerkungen über die vollkommen selbstherrliche Einsetzung neuer „Beamter“ in Hornkranz zu verstehen.
33. Kapitain Hendrik Witbooi an Verpflegungsunterkapitain Klaas Lebe: Hornkranz, 1. September 1890
Mein lieber Verpflegungsunterkapitain Klaas Lebe! An Euch alle, Frauen und Kinder, ja, die gesamte Gemeinde von Gibeon schreibe ich. Euer Kapitain, diesen Brief aus der Tiefe meines Herzens und bitte Euch herzlich, diese Worte mit der ganzen Tiefe Eures Herzens aufzunehmen. Lieber Unterkapitain Klaas Lebe! Ich übergebe Euch als meinem Aufseher den Platz und die Gemeinde. Als Wächter sollt Ihr über allem stehen, in den Häusern herumgehen, über den Platz laufen, alle Zustände, Schwierigkeiten und Nöte sehen und wissen. Über alle Krankheiten und Gebrechen in den Häusern und auf dem Platz müßt Ihr Bescheid wissen. Habt gut Obacht auf alle Ereignisse; gebt Euch Mühe und gebt Rat bei allen Krankheiten; teilt den Leuten alle guten Mittel gegen die auftretenden Krankheiten mit, soweit es in Eurer Kraft steht. Alle Männer, die dort bei Euch sind, haben mit Euch zusammen in Willigkeit und Gehorsam tätig zu sein, damit nichts versäumt oder vernachlässigt werde, nichts zu früh oder zu spät getan wird, sondern alles zu seiner Zeit geschehe. Begrabt alle Menschen, die dort sterben sollten, in Eintracht und teilt mir schnellstens alle großen und bemerkenswerten Ereignisse mit, die vielleicht von außen her auftreten oder dem Platz Schaden zufügen. Und an Euch, Ihr Frauen und Kinder! Um Folgendes bitte ich Euch! Ich übergebe Euch dem Herrn als Hirten, dem Helfer aus aller Not und allen Gebrechen. Überlaßt Euch und Eure Leiden dem Herrn, schaut nicht nach Euren Männern, denkt nicht an sie, ruft sie nicht zurück und laßt Euch nicht durch Eure Männer hindern. Haltet fest am Herrn, hängt Euch an den Herrn und betet ohne Unterlaß für Euch und für uns, denn unser Auftrag und der Weg, den wir gehen, sind schwer, mit vielen schweren Leiden gepflastert. Der Tod lauert auf ihm in jeglicher Form. Da gibt es Leiden durch Hunger, Durst, Kälte, Mangel an Kleidung, durch Tod in den Händen der Feinde. Das sind die Leiden, zwischen denen wir hier in Hornkranz leben. So ertragt auch Ihr diese Leiden, wenn der Herrgott Euch solche schickt; tragt sie mit Zuversicht und mit Geduld. Wenn Ihr sterben sollt, so sterbt mit dem Herrn, und im Herrn begrabt einander. Denkt nicht an Eure Männer, die hier im selben Zustand angesichts des Todes stehen, und die vielleicht hier sterben werden. Wir werden einander begraben; vielleicht werden wir auch vom Getier und den Krähen aufgefressen werden. Das Werk vor uns ist noch gewaltig groß, und es steht weder in meiner noch in Eurer Männer Macht, ob wir nach Hause zurückkehren. Das steht allein in der Hand des Herrn. Darum sage ich Euch: Betet für Euch, für uns und für unser ganzes Werk. Erwartet Eure Männer nicht vorzeitig; sie stehen in harter Arbeit! Der alte Meritse soll die Aussätzigen behandeln, so gut er kann. Ich schließe hiermit und grüße die ganze Gemeinde mit herzlichen Grüßen. Ich verbleibe Euer Kapitain, Hendrik Witbooi.
34. Hendrik Witbooi an seine Gemeinde:Hornkranz, 3. Januar 1891
Geliebte Gemeinde von Hornkranz! Heute stelle ich Euch die Beamten für das neue Jahr vor. Ich habe der Zeit und den Anweisungen des Herrn entsprechend eine Neuerung im kirchlichen und bürgerlichen Recht eingeführt. Die jungen Leute werden als Lehrlinge in ihr zukünftiges Amt eingestellt. Wenn ihre Lehrzeit um ist, werden sie als volle Mitglieder des Beamtenstabes aufgenommen. Von den alten Beamten habe ich einige entlassen, und von den jüngeren habe öffentlich die ich einige als volle Gesetzesbeamte eingestellt, um nun Beamten Werke des Gesetzes in der Gemeinde zu wirken. Von den alten diese anlernen. habe ich sieben wieder mit den jungen eingestellt, damit sie eingestellt. Für die Ältesten wurden zwei neue und ein Bote sollen vor der Die Namen der Beamten, die sich im Dienst befinden, Gemeinde verlesen werden. Es sind dies: 1. Samuel Isaak, Unterkapitain (abgesetzt) 2. Daniel Bitter, Magistrat 3. Daniel Links, Hauptfeldkornett 4. Jakobus Rooman, Gemeinderat 5. Christoff Rooman, Gemeinderat Christian Jantse, Gemeinderat (abgesetzt) 6. Jakob Zaal, Kommandant der Streitmacht (gestorben) 7. und die jungen Beamten: 1. Bitter Witbooi, Hauptaufseher der Werft 2. Jakob Isaak, zweiter Aufseher der Werft 3. Jakobus Jager, Unterkorporal (gestorben) 4. Jakobus Witbooi, 2. Unterkorporal 5. Betrus Jod, zweiter Magistrat 6. Jesaias Witbooi, Feldkornett 7. Joel Jager, zweiter Feldkornett 8. Teofilus Boois, dritter Feldkornett 9. Andreas Kok, vierter Feldkornett 10. Samuel Draghoener, Gemeinderat 11. Samuel Zaal, Gemeinderat 12. Baul Ari, Gemeinderat 13. Adam Stebe, Gemeinderat 14. Christian Kok, Gemeinderat 15. Johannes Bitter, Gemeinderat 16. Lukas Adam, Gemeinderat 17. Klaas Witbooi, Gemeinderat 18. Fanuel Jager, Gemeinderat 19. Jonathan Afrikaner, Bote 20. Jakob Hans, zweiter Bote. 1. Stefan Keister, Ältester 2. Efraim Boois, Ältester 3. Josef Rooman, Bote der Ältesten.
Deutscher Druck und Krieg mit den Herero
Inzwischen verfestigte sich die deutsche Stellung weiter. Gering hatte am 21. August 1890 noch Schutzverträge mit Willem Christian von den Bondelswarts und mit den ebenfalls in Warmbad ansässigen Resten der Feldschuhträger abgeschlossen. Eine Isolierung der Witboois beginnt sich abzuzeichnen. Anschließend kehrte Gering nach Deutschland zurück. Im Mai 1891 wurden die Befugnisse des kaiserlichen Kommissars und des Schutztruppenkommandeurs zum Amt des Landeshauptmanns vereinigt und Curt von François zunächst kommissarisch, später endgültig damit betraut. Zentrum der deutschen Herrschaft war das neu errichtete Fort von Windhuk. Aber die Herero vermißten den vertraglich garantierten Schutz gegen die Witboois. Daher schickte der Landeshauptmann seine Brüder Major Alfred (der gerade auf Inspektionsreise in Südwestafrika weilte) und Leutnant Hugovon Françoiszu Hendrik, um ihnendlichzu Frieden und Schutzvertrag zu bewegen. Hendrik lehnte ab und reagierte mit einem Friedensangebot an die Herero, das der Bastard Johannes Diegard überbringen mußte. Der alte Maharero war nämlich am 7. Oktober 1890 gestorben: sein Sohn Samuel Maharero aber war weder der nächstberechtigte Erbe noch der qualifizierteste Führer des Volkes. Mit deutscher Hilfe konnte er jedoch seinen Anspruch auf die Würde des Oberhäuptlings durchsetzen. Angeblich wählten ihn die Deutschen wegen seiner notorischen Schwäche zum Partner.
35. Witbooi an Johannes Johannes Diegard: Hornkranz, 20. Mai 1891
Mein lieber Freund Johannes Diegard! Mit eindringlicher und ernster Stimme bitte ich Euch, so gut zu sein, und diesen Brief selbst nach Okahandja zu den Hereros zu bringen. Sie sollen mir schnellstens durch Euch Antwort schicken. Bitte seid so gut und beeilt Euch, damit ich nicht noch länger warten muß. In der Hoffnung, daß Ihr mir gehorcht, schließe ich mit herzlichen Grüßen. Ich verbleibe Euer Kapitain, Hendrik Witbooi.
36. Witbooi an die Hereros: Hornkranz, 20. Mai 1891
Meine lieben Hererokinder! Nachdem ich lange gezögert habe, Euch einige Zeilen zu schreiben, tue ich dies heute. Ihr wißt ja, wie ich auf der Westseite von Okahandja vornehmlich in Otjimbingwe und auf der Südostseite von Okahandja bis in die Gegend von Ouxus mit Euch gefochten habe. Nachdem mein Bruder und Feind Kamaherero nun tot ist, frage ich Euch mit kurzen Worten: I. Beabsichtigt Ihr noch weiter zu kämpfen? II. Wollt Ihr noch nicht zur Einsicht kommen? III. Wollt Ihr Euch noch nicht bekehren? IV. Wollt Ihr noch nicht um Frieden bitten? Antwortet mir schnellstens durch den Überbringer dieses Briefes. In dieser Hoffnung schließe ich mit Grüßen. Ich verbleibe Euer Kapitain Hendrik Witbooi.
Außerdem wird Willem Christian gemahnt; er hatte den Brief Nr. 28 nicht beantwortet.
37. Witbooi an Kapitain Willem Christian: Hornkranz, 20. Mai 1891
Mein sehr lieber, wohlgeborener Kapitain Willem Christian! In der Annahme, daß ich lange genug auf Beantwortung meines Briefes an Euch gewartet habe, schreibe ich diese Zeilen und frage Euch, ob Ihr mir geantwortet habt oder nicht? Solltet Ihr bisher nicht geantwortet haben, so bitte ich Euer Wohlgeboren, mir doch Antwort zu schicken. Noch immer höre ich von den Angelegenheiten, über die ich Euch schrieb, nämlich, daß die Feldschuhträger in jenem Gebiet tun, was sie wollen, und das will ich nicht haben. In der Hoffnung auf eine Antwort von Euer Wohlgeboren schließe ich mit herzlichen Grüßen. Ich verbleibe Euer Bruder und Kapitain, Hendrik Witbooi.
Hendrik respektiert das deutsche Eigentum, hält aber am Recht des Eroberers gegenüber den Herero ebenso unbedingt fest wie an seiner „Landeshoheit“, was die Bewilligung der Niederlassung von Europäern angeht. Ebenso äußert er sich später in Nr. 44.
38. Witbooi an Kleinschmidt und Maier: Rooibank, 5. Juni 1891
Meine lieben, wohlgeborenen Herren, Herr Kleinschmidt und Herr Maier! Meine lieben Herren! Sie kennen die Gesetze des Siegers. Sie wissen, daß ich die Hereros von Otjimbingwe geschlagen habe und daß sich diese nur durch die Flucht in Ihre Häuser gehalten haben. Ich empfinde große Achtung und Ehrerbietung vor Ihnen und bin deshalb damals umgekehrt. Die Begebenheit Ihnen ins Gedächtnis zurückzurufen, halte ich nicht für erforderlich, da Sie selbst ja anwesend waren und wir mündlich und schriftlich Aussprache gehalten haben. Ich möchte nun wissen, ob sich die Hereros noch auf dem Platz aufhalten, und falls sie noch da sind, auf wessen Veranlassung hin. Sollten Sie sie zurückgehalten haben, so muß ich Sie bitten, die Hereros gehen zu lassen. Denn Otjimbingwe ist dadurch, daß ich die Hereros überwunden habe, mein Platz geworden. Lassen Sie es nicht dahin kommen, daß ich die Streitmacht dorthin schicken muß! Sie haben vielleicht erfahren, daß ich einen Brief nach Okahandja geschrieben und um Auskunft gebeten habe, ob die Hereros nicht um Frieden bitten wollen, nachdem auch dieser Platz nun mir gehört. Ich ersuche Sie freundlichst, mir eilig Mitteilung zu machen, falls sich die Hereros weigern wegzuziehen. Bitte um baldige Antwort auf diesen Brief! In der Hoffnung, bald von Ihnen zu hören, schließe ich mit herzlichen Grüßen. Ich verbleibe Ihr Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
39. Puntie Müder und Robinson an Witbooi
Hornkranz, 11. Juni 1891
Gesuch des Puntie Müder an Kapitain Hendrik Witbooi: Ich bitte den lieben Kapitain, mir doch die Erlaubnis und das Recht zu geben, sieben Monate lang auf Eurem Platz Kalkfontein wohnen zu dürfen. Sagt mir, was ich für die sieben Monate bezahlen soll. Antwort des Kapitains:
Ja, ich gebe diese Erlaubnis für sieben Monate und fordere £ 2 für den Monat, oder alles zusammen £ 14. Ich, der Kapitain, Hendrik Witbooi. Mit denselben Worten das Gesuch des alten Robinson, und mit denselben Worten die Antwort vom Kapitain.
Inzwischen schickt Samuel Maharero eine höhnische Antwort auf Hendriks pathetisches Friedensangebot — ob sie von ihm selbst stammt? Fast gleichzeitig mahnt Hendrik die Antwort noch einmal an.
40. Maharero an die Hottentotten: Okahandja, 20. Juni 1891
Meine lieben Hottentottenkinder! Eure wenigen Zeilen habe ich erhalten und gelesen. Was Ihr da schreibt, kann ich nicht verstehen. Ihr schreibt vom Fechten; ich weiß aber nichts von all Eurer Fechterei. Ich weiß nur von zwei Kriegen, die Ihr mit meinem Vater ausgefochten habt und in denen mein Vater Euch besiegt hat. Euer Fechten im Westen und Osten von Okahandja ist kein Kämpfen, sondern Stehlen. Wenn Ihr des Krieges müde seid, so schreibt doch einfach um Frieden. Ihr seid doch Christenmenschen und gelehrt. Wollt Ihr es noch nicht einsehen? Wollt Ihr Euch noch nicht bekehren? Wollt Ihr noch länger kämpfen? Wenn Ihr das vorhabt, so schickt uns Antwort und laßt uns hören, damit ich Bescheid weiß. In der Hoffnung, daß Ihr schnellstens antwortet, schließe ich mit Grüßen. Ich bin Euer Kapitain Samuel Maharero.
41. Witbooi an Maharero: Hornkranz, 23. Juni 1891
Mein lieber Samuel Maharero! Ich schicke Euch nochmals diese wenigen Zeilen. Ich habe Euch und den gesamten Hererokindern einen Brief geschrieben und möchte wissen, ob Ihr diesen Brief erhalten habt. Wenn Ihr ihn erhalten habt, so erwarte ich Eure Antwort. Vielleicht habt Ihr schon Antwort geschickt, die dann noch nicht eingetroffen ist. Ich ersuche Euch also sehr freundlich, mir Antwort zu geben. Ich, der Kapitain, Hendrik Witbooi. Wenig später teilt Hendrik seinem alten Freund Duncan seine Sorgen wegen des wachsenden deutschen Drucks mit. Vor allem wurde die Versorgung mit Waffen und Munition um so schwieriger, je besser die Deutschen das Land und seine Handelsplätze kontrollierten. Von François vertrat ja im Gegensatz zur früheren Praxis die rigorose Auffassung, es gälte, sämtliche Afrikaner vollständig zu entwaffnen. Also mobilisiert Hendrik die letzten Ressourcen seines Stammes, um noch Waffenkäufe durchführen zu können.
42. Witbooi an Duncan: Hornkranz, 28. Juni 1891
Geliebter, wohlgeborener Herr R. Duncan! Ich teile Ihnen mit, daß ich von den Deutschen Sachen höre, die mir gar nicht angenehm sind und die vielleicht unserem Werk entgegenstehen und es behindern werden. Diese Dinge machen mich sehr bedenklich. Die Deutschen kamen in unser Land und setzten ihre Gesetze in Kraft. Von meinen Beamten erfahre ich, daß eine lange Bekanntmachung in den Geschäften in Rehoboth ausgehängt ist, die Gesetze der Deutschen enthält. Ich lebe und arbeite schon lange in diesem Land der roten Stämme und verstehe nicht, was die Deutschen eigentlich Vorhaben. Sie erzählen den Kapitainen, daß sie mit ihnen Freundschaft schließen wollen, damit nicht andere starke Völker den Kapitainen ihr Gebiet wegnehmen. Es scheint mir aber bald so, als ob die Deutschen das Land selber nehmen möchten. Ich habe einen Brief an den Missionar und die Weißen auf Otjimbingwe geschrieben, sie möchten die jungen Hereros, die sich noch dort aufhalten, wegschicken; denn nur wegen der Weißen halten sie sich noch dort. Denn ich habe Otjimbingwe eingenommen und verbrannt. Die Hereros flüchteten in die Häuser des Missionars und der Weißen. So habe ich meine Hand zurückgezogen, da ich vor Weißen Respekt habe, und mit weißen Menschen nichts tun oder sprechen will, was Anstoß erregen könnte. Ich habe daher die Häuser der Weißen nicht angegriffen, sondern habe sie geschont, obwohl meine Feinde sich darin verborgen hielten. Den Weißen in Otjimbingwe habe ich nun geschrieben, daß sie die Hereros gehen lassen müssen, damit ich nicht mit der Streitmacht dorthin kommen muß. Nun höre ich, daß die Deutschen nach Otjimbingwe gehen, die Hereros mit Gewalt dort wegbringen und den Platz als ihren eigenen neu aufbauen. Ich kann das von den Deutschen nicht verstehen; all ihre Tätigkeit spielt sich auf Wegen und Plätzen ab, die mir gehören. Aber ich will gar nicht hinsehen; ich will keinen Anlaß zu irgendetwas geben. Ich habe es allein mit den Hereros zu tun, und das seit langer Zeit, wie Sie ja wissen. Die Hereros aber wollen keinen Frieden haben. Rührt Euch darum, lieber alter Freund, beeilt Euch und helft mir schleunigst mit Schießbedarf, so wie Ihr es immer getan habt. Mit herzlichen Grüßen bleibe ich Ihr Freund und Kapitain Hendrik Witbooi.
43. Witbooi erneut an Duncan: Hornkranz, 28. Juni 1891
Geliebter, wohlgeborener Herr R. Duncan! Ich teile Ihnen weiter mit, daß die Deutschen mit Macht anfangen sich zu rühren; die Einfuhr von Schießbedarf haben sie unterbunden, so daß ich keine Waffen und Munition mehr bekomme. Den Hereros habe ich wegen Frieden geschrieben; sie wollen aber keinen Frieden annehmen und haben beschlossen, mit ihrer Streitmacht wieder einmal nach Hornkranz zu kommen, und ich habe nun doch so wenig Schußwaffen. Ich bitte Sie freundlichst, mir doch wieder mit barem Geld auszuhelfen, damit ich versuchen kann, hier in Rehoboth Schußwaffen zu bekommen; dort kann ich sie noch gegen Bargeld auf wunderliche Weise bekommen. Helft mir deshalb, lieber alter Freund, so wie Ihr mir immer geholfen habt. Ich verlasse mich auf Euch! Beantwortet diese Bitte schnellstens, denn die Hereros sind bereit. Mit Grüßen an Sie alle bleibe ich Ihr Freund und Kapitain Hendrik Witbooi.
44. Witbooi an seine Gemeinde in Gibeon: Hornkranz, 28. Juni 1891
Geliebte Gemeinde in Gibeon! Ich richte diese Zeilen an Euch. Durch Gert Pinaar habe ich Euch eine Bitte vorgelegt, ohne daß ich bisher Antwort darauf bekommen hätte. Ich wiederhole die Bitte. Seid tätig, liebe Gemeinde, hängt Euch nicht an Euren Besitz, veranstaltet eine Sammlung und kauft Schußwaffen. Die Deutschen, die nun gegen uns sind, haben die Zufuhr von Schußwaffen gesperrt, so daß keine mehr ins Land kommen. Wir müssen nun unser Bestes tun, um den Schießbedarf, der sich bereits bei den Händlern im Lande befindet, aufzukaufen. Die Tätigkeit dieser mächtigen Menschen geht mit Riesenschritten vorwärts, doch die Werke des Herrn gehen auch voran. Beeilt Euch, liebe Gemeinde! Ihr tut es für Euch und für uns. Seid nicht unwillig über diese meine Bitte, sondern seid willig und gehorsam! Euch, lieber Unterkapitain Abel Christian Isaak, und Euch, Petrus Cloete, teile ich mit, daß ich Eure hier befindlichen Ochsen gegen Schußwaffen verkaufe. Mit herzlichen Grüßen verbleibe ich Euer Kapitain Hendrik Witbooi.
Ernsthaft antwortet Hendrik auf Samuels höhnisches Schreiben, dennoch endet die Auseinandersetzung mit der Darlegung der beiderseitigen Rechtsstandpunkte und unverhüllten Drohungen.
45. Witbooi an Maharero: Hornkranz, 30. Juni 1891
Mein lieber Samuel Maharero! Euren Brief habe ich erhalten; die Antwort hat mich aber nicht befriedigt, weshalb ich nochmals schreibe und freundlichst bitte, mir doch richtig und ordentlich zu antworten, denn die Sache, die wir miteinander zu verhandeln haben, ist ernst und wichtig. Ihr habt mir nicht auf meine Fragen und Ansichten geantwortet, sondern gebt mir einfach meine eigenen Worte zurück, was ich nicht als Antwort ansehen kann. Weil ich Euch mit „Hererokinder“ angeredet habe, antwortet Ihr mit „Hottentottenkinder“, und mit allen anderen Worten ist es dasselbe. Ich habe das Wort „Hererokinder“ angewendet, weil Ihr und alle anderen Hererostämme durch den Tod des alten Maharero Waisenkinder geworden seid, und weil ich seither noch nichts davon gehört habe, daß ein neuer Kapitain aufgestellt ist. Erst aus Eurem letzten Brief ersehe ich, daß Ihr, Samuel, Kapitain geworden seid. Hier auf Hornkranz kann aber von Kindern nicht die Rede sein; denn ich bin der Kapitain und Vater, und ich lebe noch. Daher sind es auch nicht „Kinder“, die mit Euch sprechen, sondern ich allein, der Kapitain. Antwortet mir als Kapitain, lieber Samuel, der Ihr ja nun seid. Teilt mir Eure eigenen Ansichten mit. Die vergangenen Zeiten und Kriege sind die Zeiten und Kriege Eures Vaters, der nun verstorben ist. Ihr seid Kapitain und Vater. Ihr tragt die Verantwortung für das ganze Volk. Ich frage Euch nach Eures Herzens Absicht und Beschluß, wie Ihr Euch in den Tagen Eurer Kapitainschaft einstellen werdet. Gebt mir Aufschluß über Eure Angelegenheiten: Was Ihr denkt, was Ihr vorhabt, auf was Ihr Euch nun stützt und wozu Ihr Euch in Zukunft berufen fühlt. Das ist meine ganze Frage. Beantwortet meinen ersten Brief doch richtig. Ich warte immer noch auf seine Beantwortung. Und ich sage Euch, lieber Samuel, noch einmal: Nehmt die Angelegenheit nicht leicht; merkt auf, lest meine Briefe mit aller Sorgfalt und verachtet den Klang meiner Worte nicht. Wohl bin ich Euer Feind; aber bedenkt, wenn ich heute solche Briefe schreibe, so ist das nicht das Gewöhnliche, denn um Frieden will ich Euch nicht bitten. Antwortet mit freiem und aufrichtigem Herzen, wie Ihr empfindet, wie die Antwort auch lauten möge. Antwortet wie ein Kapitain, der Ihr nach Euren Worten ja seid. Antwortet kurz auf meine Fragen. In der Hoffnung, daß Ihr mich diesmal versteht, schließe ich, Kapitain Hendrik Witbooi.
46. Witbooi an Robinson: Hornkranz, 11. Juli 1891
Mein lieber Freund, alter Robinson! Da Ihr mich gebeten habt, Euch frei auf meinem Platz Kalkfontein bewegen, Wasser und Weide benutzen zu dürfen, so gebe ich Euch hiermit diese Erlaubnis und Freiheit. Ihr dürft Euch auf meinem Platz frei und ungehindert aufhalten. Ich, der Kapitain Hendrik Witbooi.
47. Maharero an Witbooi: Okahandja, 20. Juli 1891
Mein lieber Hendrik! Euren Brief habe ich am 14. Juli erhalten, habe ihn gut gelesen und die ganze Woche mit aller Sorgfalt überdacht, habe aber nichts darin gefunden, was ich Euch beantworten könnte. Das bezieht sich auf den ersten Brief. Ihr schreibt im ersten Brief von Sachen, die ich noch nicht einsehe; ferner, daß Ihr mit meinem Vater, der ein großer Kapitain war, Krieg geführt habt. Ihr sagt weiter, ich solle Euch antworten, ob ich Krieg oder Frieden wünsche. Nun, ich will den ersten Brief beantworten. Merkwürdige Ansichten habt Ihr. Diese Kriege sind von Anfang an bis jetzt durch Euch verursacht worden; das ist meine feste Ansicht, und die werdet Ihr auch verstehen. Der Krieg zwischen Euch und meinem Vater war Euer Krieg und nicht meines Vaters Krieg, und der Krieg, der jetzt noch zwischen Euch und mir besteht, ist auch Euer Krieg und nicht mein Krieg.
Und da die Kriege nicht meines Vaters Kriege waren, so kann ich auch nicht in seine Spuren treten. Ich kann Euch deshalb keine Antwort auf Euren Brief geben; ich habe meinerseits keine Ursache, mich mit Euch darüber zu unterhalten. Ihr stellt mir Fragen, ohne mich Eure eigenen Absichten erkennen zu lassen. Darum bitte ich Euch, sprecht Eure Gedanken aus, damit ich Eures Herzens Meinung verstehen kann. In Eurer Eigenschaft als Kapitain könnt Ihr das doch tun. Laßt Euren Mund aussprechen, was Euer Herz denkt. Gebt mir Antwort auf diese Dinge, ich bitte Euch darum. Ihr seid ein großer Mann, und das ganze Land hat von Eurem großen Werk gehört, während ich ein kleines Kind bin. Es wird nicht gut ablaufen. Die Leute werden sehen, daß Dummheiten zwischen uns vor sich gehen, und alle verständigen Menschen werden erfahren, daß Kapitain Hendrik Briefe an Kapitain Samuel und Kapitain Samuel Briefe an Kapitain Hendrik schreibt. Sie werden aber nicht verstehen, was nun eigentlich das Vorhaben der zwei Kapitaine ist. Ich bitte Euch, öffnet mir Euer ganzes Herz, damit ich weiß, wie Ihr denkt. Eure Antwort werde ich in kürzester Zeit erwarten. Ihr habt mir keinen Gruß gesandt, aber ich werde diesen Brief mit Grüßen schließen. Ich verbleibe Kapitain Samuel Maharero.
48. Witbooi an Samuel Maharero: Hornkranz, 31. Juli 1891
Mein lieber Freund Samuel Maharero! Euren Brief habe ich erhalten und daraus ersehen, daß Ihr folgender Ansicht seid: Erstens: Ihr habt meinen Brief und meine innersten Herzensabsichten nicht verstanden. Zweitens: Ihr haltet Euren Vater und Euch für unschuldig an dem Krieg, der noch zwischen uns besteht, und gebt mir die Schuld am Krieg. Ihr sagt weiter, daß ich allein Krieg begonnen habe, daß Eurer Vater keinen Krieg veranlaßt hat und dasselbe von Euch, daß Ihr keinen Anlaß zum Krieg mir gegenüber habt. Aber lieber Freund Samuel! Ich werde es Euch dieses Mal deutlich auseinandersetzen. Lest meine Briefe mit gutem und klarem Verstand und merkt auf die Worte und Gedanken, auf die ich besonderen Nachdruck lege. Darauf beantwortet mir die Hauptgedanken und die wichtigsten Worte, die ich Euch nun zum Verständnis bringen will. Ihr sagt, daß der Krieg, den ich mit Eurem Vater hatte, nicht durch Euren Vater, sondern durch mich verursacht worden sei. Ich werde Euch aber auseinandersetzen, inwiefern dieser Krieg von Eurem Vater verursacht worden ist, und was die eigentliche Ursache dieses Krieges war.
Nach dem Frieden, der zwischen Eurem Vater und meinem Großvater geschlossen wurde, bin ich im Vertrauen auf diesen Frieden zur Regelung meiner Angelegenheiten nach dem Hereroland gekommen. Euer Vater hat mir eines Tages alle meine Pferde und Gewehre weggenommen und versucht, mich auf Hoabe-Tsaus ermorden zu lassen. Daß ich heute noch am Leben bin, verdanke ich allein der wunderbaren Kraft und dem Werk des Herrn. Euer Vater aber hat an diesem Tag versucht, mich auf eine nur mir bekannte Art und Weise ermorden zu lassen. Auf meine Frage nach der Schuld, wegen der ich sterben sollte, antworteten mir die Hereros: „Ihr habt keine besondere Schuld, Ihr werdet aber heute sterben, weil Ihr zum roten Volk gehört!“ Das war also an dem Tag die ganze Schuld der roten Menschen, die sich im Hereroland aufhielten. Euer Vater hat damals viele unschuldige Seelen mit kalten Händen auf schreckliche und unmenschliche Weise ermordet. Mit Beilen hat er Menschen in Stücke zerteilt, mit Messern ihnen die Kehlen abgeschnitten — Menschen, die im Vertrauen auf den Frieden auf seine Werft kamen, um ihre Pferde zu verkaufen, und Menschen, die in Frieden unter ihm lebten. Das war die erste offenbare, sichtbare, gesetzliche und klare Ursache zum Krieg; so haben diese Werke Eures Vaters Ursache zum Krieg gegeben. Die Ursache zu diesem Krieg geht jedoch noch weiter auf die Lebensart des ganzen Hererovolkes zurück, weil es keine Furcht und Achtung vor den teuren Geschöpfen Gottes hat. Sie scheuen sich nicht, einen unschuldigen Menschen, den sie allein treffen, zu ermorden, ohne Grund. Diese Mordgier kann man durchgehend dem ganzen Hererovolk zuschreiben, und mit dieser Art ist Gott nicht zufrieden, der deshalb Eurem Vater diese Last des Krieges und die Mühseligkeiten auferlegt hat; und deshalb der Schlag, den ich Eurem Vater durch diesen Krieg zugefügt habe, damit er zur Einsicht kommt und sich von diesen bösen und unmenschlichen Taten und Sitten abkehrt. Noch kürzlich hat er einen Menschen, mit dessen Volk er im Frieden lebt, ermorden lassen — ich spreche von einem Untertanen Hermann van Wyks. Euer Vater hielt an seinem Gebaren fest, weshalb der Herrgott noch weiter mit ihm gegangen ist und ihn selbst mit seiner eigenen Hand geschlagen hat, indem er ihn durch den Tod von der Erde abrief. Aus diesen Gründen trägt Euer Vater die Schuld am Ausbruch des Krieges, dieses Krieges, durch seine Missetaten ist er entstanden. Der Tod hat Euren Vater von seinen und von Euren Werken getrennt. Ihr seid geblieben und habt als Kapitain und Vater nun alles selbst zu regeln. Ich habe Euch nun klargemacht, daß das, was Ihr in Eurem Brief sagt, daß Euer Vater unschuldig an dem Krieg ist, nicht wahr ist. Ich habe Euch [vielmehr] mit bekannten Geschichten klargemacht, daß es Eures Vaters Krieg war, bis zu seinem Tod. Ihr sprecht weiter von Euch und Eurer Unschuld an diesem Krieg zwischen uns und daß Ihr keine Ursache zum Krieg mit mir habt. Auch auf diese Eure Worte werde ich Euch eine klare Antwort geben. Ich sagte Euch schon, daß ich Euren Vater wegen seiner Unrechten Taten geschlagen habe, und während ich noch damit beschäftigt war, hat ihn Gott der Herr wegen derselben Taten mit dem Tod geschlagen. Ihr seid der Erbe der Taten Eures Vaters und des ganzen Volkes. Die Taten Eures Vaters, derethalben Gott ihm den Krieg auferlegt hat, habt Ihr selbst mit angesehen, und Ihr könnt wohl unterscheiden, was Wahrheit, was Recht und Unrecht ist, und wenn Euch Eures Vaters Taten nicht behagen, sondern als Unrecht erschienen sind, so habt Ihr doch nicht die Kraft gehabt, sie zu verhindern oder Euch von ihnen auszuschließen. Heute nun habt Ihr die Macht und das Recht, nach eigener Wahl und Einsicht zu handeln und zu sprechen. Der Mensch ist ein veränderliches Ding — er ist imstande, etwas einzusehen und sich zu bekehren. Deshalb meine ich, Ihr könnt für Euch eine bessere Lebensart annehmen, wenn Ihr nicht in die Fußstapfen Eures Vaters treten wollt, und wenn Ihr etwas aus Eures Vaters Taten gelernt habt, könnt Ihr Euch bekehren. Das ist der Grund, weshalb ich in meinem Brief von Einsicht und Bekehrung sprach. Habt Ihr Euch jedoch noch nicht gebessert und bekehrt, so sagt mir frei heraus, daß Ihr Euch von dieser Lebensart und den Taten Eures Vaters, wegen derer ich ihn geschlagen habe, nicht abwenden wollt. Sagt mir dies frei heraus — ich werde mich dann erheben und Euch schlagen, so wie ich es mit Eurem Vater getan habe. Denkt nicht, daß ich mutlos geworden bin oder Euch in versteckter Form um Frieden bitten will. Nein, ich will mich nur frei machen und halte Ausschau nach einer Stelle, an der ich Euch fassen kann, um Euch deshalb aufs neue zu schlagen. Sobald Ihr mir durch Eure Verstocktheit eine neue Ursache gebt, durch die Ihr Gott Ärgernis bereitet, werde ich mich erheben und Euch schlagen. Mein Arm ist nicht gelähmt, solange der Herrgott ihn als Zuchtrute gebrauchen will. Darum habe ich Euch diesen Brief geschrieben, um festzustellen, ob doch nicht vielleicht durch die wunderbaren und großen Werke Gottes zu Lebzeiten Eures Vaters eine Besserung und Bekehrung in Euch vorgegangen ist. Ich habe Eurem Vater seinerzeit gesagt, weshalb ich ihn bekämpfe, und daß ich aus dem und dem Grund gegen ihn gezogen bin. Euer Vater hat das damals eingesehen und große Worte als Bekenntnis ausgesprochen, hat sich aber nicht daran gehalten. Ich sage Euch deshalb, lieber Samuel, wir haben eine wichtige und ernste Sache miteinander zu verhandeln. Antwortet mir baldigst und kurz, damit ich weiß, was ich zu tun habe. Ich schließe mit Grüßen an Euch alle, Kapitain Hendrik Witbooi.
49. Witbooi an Dirk van Wyk: Hornkranz, 1. August 1891
Mein lieber Freund Dirk van Wyk! Ich schicke Euch meinen Magistrat mit dem Brief, den ich Samuel Maharero geschrieben habe, und bitte Euch sehr freundlich, diesen Brief durch Euren Sohn weiterzubefördern, denn ich glaube, Euer Sohn ist zuverlässig. Sorgt dafür, daß der Brief noch in dieser Woche nach Okahandja gelangt und die Antwort zurückkommt. Meine Briefe brauchen immer so viel Zeit, um nach Okahandja und zurück zu kommen. Ich gebe ein Pferd mit und bitte Euch, noch ein zweites Pferd zu stellen. Schickt Euren Sohn mit den zwei Pferden; er soll den Brief hin- und die Antwort zurückbringen. Ich werde den Mann bezahlen, der den Brief befördert. Ich verlasse mich auf Euch, lieber Freund, und bitte Euch deshalb um Eile. Mit herzlichen Grüßen verbleibe ich Euer Freund und Kapitain Hendrik Witbooi.
Willem Christian von Warmbad will offensichtlich abwarten, zu wessen Gunsten der neue Konflikt ausgeht, bevor er sich festlegt.
50. Willem Christian an Witbooi: Warmbad, 13. August 1891
Wohlgeborener Kapitain Hendrik Witbooi! Mein Bruder! Vergangenes Jahr habe ich euren Brief erhalten, und nun bekam ich wieder einen Brief, in welchem Ihr um Antwort auf den ersten Brief bittet. Aber, mein Bruder, ich weiß nicht, was ich Euch antworten soll. Auf Khu-xanas sagte ich Euch schon, auf welche Art Dr. Hahn Land von den Feldschuhträgern gekauft und eine Konzession erhalten hat. Seitdem Ihr weg seid, habe ich nichts Rechtes mehr darüber gehört. Dr. Hahn weiß an sich sehr gut, daß er von den Feldschuhträgern kein Land kaufen kann. Die Feldschuhträger wissen natürlich auch, daß sie nichts verkaufen können, und haben trotzdem verkauft. Es ist schwer für mich, Euer Wohlgeboren eine klare Antwort zu geben; ich habe immer auf einen Brief von ihnen gewartet, habe aber bis heute noch nichts gehört. Ihr werdet vielleicht denken, ich wolle Euch nicht antworten. Aber wenn ich eine Sache beantworte, so soll die Antwort richtig sein. Aber in dieser Angelegenheit weiß ich nicht, was ich antworten soll. Verdenkt es mir also nicht, mein Bruder, wenn ich Euch so lange habe warten lassen. Außerdem hätte ich gerne von Euch gehört, wie Eure Angelegenheiten — ich meine Euer Werk — verlaufen. Auch hört man, daß da oben Fieber herrscht. Teilt mir doch mit, wie es sich damit verhält.
Ich schließe mit herzlichen Grüßen an Euch alle, Männer, Frauen und Kinder. Der Herr möge Euch helfen bis zum Ende! Euer Bruder Kapitain, Willem Christian.
Von September 1891 bis zum Jahreswechsel kämpft Hendrik sehr erfolgreich gegen die Herero und die Rote Nation. Bei der beträchtlichen Beute an Vieh befanden sich aber auch Rinder weißer Besitzer.
51. Witbooi an Hutton: Hornkranz, 8. November 1891
Mein lieber wohlgeborener Herr Hutton! Ihren Brief habe ich erhalten und daraus ersehen, daß ich Ihnen großen Schaden zugefügt habe. Absichtlich ist es nicht geschehen, und ich freue mich sehr, Ihren Brief erhalten zu haben. Ich bin gerne bereit, Ihnen alles zurückzugeben, habe aber auf dem Marsch einen Teil von dem Vieh verbraucht und kann Ihnen jetzt nur 567 Stück zurückgeben. Geben Sie mir bitte freundlichst eine Frist, damit ich Zeit gewinne, Ihnen den Rest zurückzugeben. Es bleiben noch 93 Stück übrig. Ferner bitte ich Sie, halten Sie Ihr Vieh doch auf der unteren Seite von Otjimbingwe, und brennen Sie alles Ihnen gehörige Vieh, damit ich mich nicht immer an Ihrem Vieh vergreife. Ich habe wirklich nicht die Absicht, weißen Menschen Schaden zuzufügen. Nach unserer früheren Vereinbarung sollte alles Vieh, das Weißen gehört, unterhalb Otjimbingwe geweidet werden.
52. Witbooi an Redeker: Hornkranz, 8. November 1891
Mein lieber wohlgeborener Herr Redeker! Ihr Brief und Bote sind hier angekommen. Ich habe [alles] eingesehen und verstanden. Aber, mein Gott, was soll ich antworten! Alles Vieh, was sich noch in unseren Händen befindet, gebe ich Ihnen zurück; aber ich habe im Krieg während des Marsches etwas von dem Vieh verbraucht. Ich gebe Ihnen deshalb 121 Stück zurück; 19 Stück fehlen mir. Seien Sie so gut und geben Sie mir eine Frist, bis ich etwas in die Hände bekomme. Was Ihr sonstiges Vieh anbetrifft, so habe ich hier nichts gesehen; es ist nicht hier, auch habe ich nichts davon genommen; alles was Brandmarke trägt, habe ich zum Swakop zurückgejagt. Ferner bitte ich Sie, all Ihr Vieh zu brennen, damit ich nicht immer Mühe damit habe. Es ist wahrlich nicht meine Absicht, weißen Leuten Schaden zuzufügen. Halten Sie Ihr Vieh doch auf der unteren Seite von Otjimbingwe.
53. Witbooi an Otto: Hornkranz, 8. November 1891
Mein lieber Freund Otto! Ich habe Ihre Kühe hier gesehen und schicke sie durch Bosmann zurück. Ferner sah ich den Ochsen, den ich Ihnen geliehen habe, und habe ihn hierbehalten, obgleich er den Brand von Dannert trägt. Da es aber mein Ochse ist, den ich Ihnen geliehen habe, so halte ich ihn hier fest, da Sie nicht nach unserer Abmachung handeln. Ich verbleibe mit Grüßen. Ich bin Ihr Freund und Kapitain Hendrik Witbooi.
54. Witbooi an Dannert und Haelbich: Hornkranz, 8. November 1891
Meine lieben Herren Dannert und Haelbich! Im Swakop sah ich Vieh mit Ihrem Brand; ich habe diese Tiere zurückgetrieben. Einige wenige Tiere mit Ihrem Brand sind hier, und die schicke ich durch Herrn Bosmann zurück. Es handelt sich um 4 Ochsen von Herrn Dannert. Zwei davon sind sehr schlapp, sie können noch hier bleiben, und wenn sie soweit sind, werde ich sie zu Herrn Konradt schicken. Mit Herrn Bosmann schicke ich einen Bullen und fünf Ochsen, die Herrn Haelbich gehören. Ferner bitte ich Sie, brennen Sie doch Ihr Vieh und lassen Sie es unterhalb Otjimbingwe. Ich will mich am Eigentum weißer Leute nicht vergreifen und dadurch Schuld auf mich laden. Ich grüße Sie herzlich. Ich bin Ihr Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
Johannes Dausab, ein Nama, war Lehrer bei den Herero. Auf der Rückreise aus dem Süden geriet er zwischen den Fronten in Bedrängnis und schrieb einem Unterführer der Bondelswarts namens Snewe um Hilfe. Der Brief fiel in die Hände der Witboois, deren Unterführer Ritter nun Snewe zur Rede stellt. Die erwähnten Örtlichkeiten liegen am Lauf des Nossob, Okatumba nahe dessen Ursprung ostnordöstlich von Windhuk.
55. Tagebucheintrag: 26. November 1891
Es folgt ein Brief, den einer meiner Leute zufällig beim Reiten auf einem Wege fand. Der Brief ist von einem meiner Gegner an einen meiner Freunde geschrieben. Ein Mann brachte mir den Brief, den ich in Empfang nahm. Weil ich sah, daß ich auf diese wunderliche Weise einen Brief von meinem Feind bekomme, habe ich zunächst die ersten Zeilen gelesen. Dann aber habe ich den Brief genommen, gelesen und behalten. Auf diese Weise ist der Brief dann in meinem großen Buch aufgezeichnet worden. Der Brief war bereits geöffnet, weshalb ich ihn gelesen habe. Ich, der Kapitain von Hornkranz, Hendrik Witbooi.
Katumba, 26. November 1891 Werter Freund Th. Snewe! Seit meiner Abreise von Warmbad hat sich nichts ereignet, bis ich ins Hereroland kam. Ich habe gehört, daß H. Witbooi Okahandja angefallen und ein Gefecht geliefert habe, bei dem 36 Mann und 40 Pferde gefallen sind, während 60 Pferde lebendig erbeutet wurden. Sobald Ihr diesen Brief erhaltet, sollt Ihr Euch aufmachen und heraufkommen. Vorn auf die Pferde bindet Schießbedarf. Bringt Kleider mit, meinen Leib zu bedecken. Hört nicht auf die Erzählungen der Menschen, reist mit Gebet unterhalb Noasanabes am Nosob und kommt nach Anabes, wo Herr Keis ist. Der ganze weiße Nosob ist voll von Werften.
Mit Grüßen verbleibe ich Euer Freund und grüße die ganze Gemeinde, den Unterkapitain und Kapitain Willem Christian. Ich verbleibe Euer Schwager, Herr Daniel Dausab. Durch Gottes Gnade bin ich durch alle Mühseligkeiten gesund hindurchgekommen. Ich bitte Euch, lieber Oheim, mir durch Th. Snewe Kleider und ein Gewehr zu schicken, damit ich schießen lerne. Mit besten Grüßen an Euch und alle Bekannten bin ich Johannes Dausab.
Meine lieben Freunde! Ich grüße Euch mit allen meinen Kindern und teile Euch mit, daß ich durch Gottes Gnade noch frisch und gesund bin. Ich möchte Euch gern Wiedersehen, aber nun ist Krieg, und ich kann nicht dorthin kommen. Th. Snewe soll mir ein keli mitbringen, und Schwester Hanzina soll mir boegoe schicken. Ferner bitte ich Euch, Schwester Leis, schickt mir doch durch Herrn Th. Snewe einen Rock. Mit herzlichen Grüßen an Euch alle, meine Kinder! Ich grüße Euch alle: Wilhelm, Maria, Anna, Salomo und Traugott. Mit Grüßen verbleibe ich Eure Anna Dauses.
Am 18. Februar 1892 erlebten die Witboois bei Otjihaenena, das ebenfalls nahe dem Ursprung des weißen Nossob liegt, eine schwere Niederlage. Damit ist Hendriks Stellung jedoch keineswegs erschüttert. Er verbietet den Bastards, erkranktes Vieh durch das ca. 80 km südlich Rehoboth gelegene Schlip zu treiben, das anscheinend am Weg von Hornkranz nach Gibeon liegt.
56. Daniel Pitter an Snewe: Hornkranz, 19. Dezember 1891
Werter Freund Th. Snewe! Ich mache Euch mit dem Ausgang meines Kriegszuges bekannt. Folgendes ist alles, was ich Euch mitteilen kann: 9 Mann und 39 Pferde haben wir lebendig und tot bekommen. Lieber Bruder! Ich wundere mich, daß Ihr einen solchen Brief geschrieben habt, und weiß nicht, ob ich mich darüber wundern soll. Eure Worte wundern mich; lest deshalb diesen Brief: macht Euch auf, kommt herauf mit Pferden und bindet den Schießbedarf vorn auf die Pferde. Das ist das, was ich Euch zu schreiben habe. Ich schließe nun mit Grüßen und bleibe Euer Freund und Magistrat, Daniel Pitter vom Witkam.
57. Witbooi an Willem Koopmann: Hornkranz, 28. März 1892
An den Verpflegungskapitain Willem Koopmann! Ich habe die Mitteilung erhalten, die Ihr mir durch meine Leute geschickt habt. Ich stimme aber nicht mit Euch überein. Ihr wißt selbst, daß der Weg über Schlip der einzige ist, den meine Leute dort unten benutzen. Er wird auch von den Weißen benutzt, die zu mir kommen. Ich wünsche nicht, daß Ihr mit dem an Lungenseuche erkrankten Vieh nach Schlip zieht und dort bleibt. Von dieser Krankheit wissen wir alle, daß an dieser Seuche erkrankte Tiere an dem Ort verbleiben müssen, wo sie ausgebrochen ist. Laßt die Tiere deshalb nicht nach Schlip treiben. Ich erfahre, daß Ihr bereits auf dem Marsch seid; in diesem Fall laßt das Vieh zurückholen. In der Hoffnung, daß Ihr mich recht versteht, lieber Freund, schließe ich mit herzlichen Grüßen. Ich verbleibe Euer Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
Der Missionar der von Hendrik bekriegten Roten Nation hält es auch für angebracht, ihm seinen Besitz ans Herz zu legen.
58. Missionar Judt an Witbooi: Hoachanas, 29. März 1892
An den wohlgeborenen Kapitain Hendrik Witbooi! Durch den Unterkapitain Abel Isaak und durch Gert Pinaar werdet Ihr bereits gehört haben, daß ich in Deutschland bei der Missionsgesellschaft um Erlaubnis gebeten habe, nach Deutschland auf Urlaub gehen zu dürfen. Die Gesellschaft hat meine Bitte erfüllt. Ich teile Euch deshalb mit, daß ich die Reise am 1. April antreten werde. Ferner: Meine Werft mit Groß- und Kleinvieh bleibt hier unter Aufsicht meiner alten Viehwächter Johannes Engelbrecht und Petrus Hawega mit ihren Familien. Außerdem wohnen noch hier: I. Christina Zawus und ihre Tochter Friederike Garagas und die kleine Katharina Jantse. II. Martha Zawus, unsere Melkfrau. Indem ich Euch dies mitteile, verbleibe ich mit Grüßen Fred. Judt, Missionar.
Am 7. April 1892 umzingelten über 1.000 Herero Hornkranz, wurden aber von den weit unterlegenen Witboois in die Flucht geschlagen. Doch nun wurden Waffen und Munition knapp. Die besten Gewehre, die Henry-Martinis, waren ohne Munition ganz nutzlos geworden. So schrieb Hendrik nicht nurseinem alten Freund Duncan, sondern auch François’ Stellvertreter Assessor Köhler nach Windhuk.
59. Witbooi an an den kaiserlich deutschen Kommissar Herrn Köhler: Hornkranz, 13. April 1892
An den kaiserlich deutschen Kommissar Herrn Köhler, Windhuk. Wohlgeborener Herr! Ich schicke Euer Wohlgeboren diese Zeilen und ersuche Sie mit freundlicher Bitte, doch so gut zu sein und die Zufuhr von Schießbedarf für mich freizugeben, damit ich kaufen kann, soviel ich will, und mein Werk nach Kräften in Rehoboth, Windhuk und überall vollenden kann. Ich grüße Euch! Ich bin Euer Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
60. Witbooi an Duncan: Hornkranz, 22. April 1892
Mein lieber Freund, alter R. Duncan! augenblicklichen Ich schicke Ihnen diese paar Zeilen, um Sie von meiner Lage in Kenntnis zu setzen. Als meine Leute von Gibeon noch hier waren, habe ich sie mit auf einen Kriegszug genommen, und wie Sie wissen, ist dieser Krieg schlimm abgehabe ich laufen. Die Hereros haben uns zurückgejagt, und seit der Zeit noch ohne keinen Schießbedarf mehr erhalten können. Ich bin auch jetzt Hereros, die sich Schießbedarf und erwarte ständig die Streitmacht der bereits versammelt hat. Die Hereros von Omaruru, Otjimbingwe, Oka- Als handja und die Sandfeld-Hereros ziehen in Richtung auf Hornkranz. Anmarsch. die Hererostreitmacht in Haris ankam, erfuhren wir von dem Schanzen Das war am 5. April. So haben wir am Dienstag abend in den Schanzen, sondern gelegen. Am Mittwoch abend waren wir nicht in den diesem Abend auf schliefen in den Häusern. Die Hereros kamen noch an unseren Platz und umzingelten ihn längs der großen Mauer. Am Morgen, noch vor Anbruch der Helligkeit, bevor wir uns erhoben hatten, eröffne- Regen auf ten die Hereros das Feuer, so daß die Kugeln wie Hagel und selbst erreichdem ganzen Platz einschlugen. Erst als die Kugeln den Platz Hereros ten, wurden wir munter, und als wir heraustraten, waren die innerhalb bereits in unsere stärksten Schanzen eingebrochen. Wir mußten nicht. So der Werftmauer bleiben, eine andere Möglichkeit hatten wir wurde denn am Donnerstag morgen, dem 7. April, soviel Pulver verschossen, daß über dem Platz ganze Schwaden von Pulverdampf lagen, als sei schwer gekämpft; eine Feuersbrunst ausgebrochen. Bis Mittag haben wir das war so, wie wenn zwei Kühe aufeinander losgehen, so hart und feurig! unten Die Hereros kamen nahe heran, bis hinter die großen Schanzen und in Gaob bis an unsere Wasserstellen. Ihr werdet daraus ersehen, wie schwer und schrecklich der Tag war. Der Herrgott aber ist groß, allmächtig und barmherzig, und Menschengedanken sind nicht Gottes Gedanken. Gegen Mittag hat uns der Herrgott von dem schweren Tag erlöst, und wir haben die starke Streitmacht der Hereros verjagt. Sie ist am selben Tag noch heimwärts geflohen. Wenn ich Euch sage, wieviel Menschen getötet und verwundet wurden, so werdet Ihr es nicht glauben. Wir können es selbst nicht begreifen und haben wieder einmal die allmächtige Hilfe des Herrn erkannt. Lediglich zwei Leute sind gefallen, ein alter Mann, den ich nach dem Sieg von Kiriis von den Feldschuhträgern übernommen habe, der alte Abuseb, und ein Buschmann, ein Viehwächter. Diese beiden sind tot und unser erster Magistrat, Daniel Pitter, ist am linken Arm am Handgelenk, dort wo der Hemdknopf sitzt, verwundet. Von den zwei Knochen ist einer gebrochen. Auch drei Frauen sind verwundet, alle am Arm, aber auch nicht schwer. Das sind alle Menschen, die Kugeln abgekriegt haben. Von den Hereros aber fielen 35; wir haben 23 Gewehre erbeutet und drei Pferde erschossen. Lebend erbeuteten wir 13 Pferde und 16 Stück Vieh. Die Hereros haben viele unserer Kühe erschossen und andere erbeutet, die draußen im Busch schliefen oder infolge der Schießerei davongelaufen sind. Sie erbeuteten ferner während der Nacht 42 Pferde und zwei Fohlen von uns. Die Streitmacht der Hereros war 1500 Mann stark, während unsere nur 135 Mann zählte. Angesichts dieser Verhältnisse bitte ich Euch, rührt Euch doch und macht alle nur erdenkbaren Pläne, damit ich zu Schießbedarf komme. Die wertvollsten Gewehre, die Martinis, sind nun ganz nutzlos. Deshalb müssen Sie etwas unternehmen und einen Weg ausfindig machen, auf dem Sie mir schnellstens Schießbedarf besorgen können. Mit herzlichen Grüßen verbleibe ich Ihr alter Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
Treffen mit von François
Seit kurzem begannen deutsche Ansiedler nach Südwestafrika zu kommen. Neben der 1892 gegründeten „Siedlungsgesellschaft für Deutsch-Südwestafrika“ wurde auch die „Deutsche Kolonialgesellschaft“ auf diesem Gebiet aktiv und beauftragte den Landwirt E. Hermann mit der Anlage einer Versuchsfarm. Mit eigenem, staatlichem und Gesellschaftskapital begann dieser in Kubub mit der Zucht von Wollschafen en gros. Wegen Wassermangels versuchte er mit Unterstützung des Landeshauptmanns, sein Unternehmen wenigstenszum Teil nach Nomtsas zu verlegen, wo er von Joseph Frederick von Bethanien Land gepachtet hatte. Da erhob Hendrik Witbooi Einspruch.
61. Witbooi an Hermann: Hornkranz, 20. Mai 1892
Mein lieber Freund Hermann! Ich sende Euch diese paar Zeilen. Wir haben uns zwar noch nicht persönlich gesehen, aber ich höre von den Leuten, daß Sie beabsichtigen, nach Nomtsas zu ziehen und dort zu bleiben. Ob es wahr ist, weiß ich nicht, kann es aber beinahe nicht glauben; es wird hier aber tatsächlich so erzählt. Ich erachte es für nötig, Sie beizeiten wissen zu lassen, daß ich diesen Umzug nicht gutheiße und Ihnen keine Erlaubnis gebe, auf Nomtsas zu wohnen und dort große Arbeiten in Angriff zu nehmen. Seien Sie deshalb so gut, gehen Sie zurück und verlassen Sie den Platz. Ich erlaube es nicht und werde in kurzer Zeit meine Leute auf den Platz setzen. Ich bitte Sie, lieber Freund, mich doch recht zu verstehen und mir nichts übelzunehmen; ich meine es gut mit uns beiden und schicke Ihnen diesen Brief, um Sie rechtzeitig zu benachrichtigen, bevor Sie sich große Mühe und Unkosten auf dem Platz machen. Ich schließe nun und grüße Sie herzlich. Ich verbleibe Ihr Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
Schafe wurden gestohlen, und der Landeshauptmann erkannte, daß Nomtsas nur zu halten war, wenn Hendrik entweder zustimmte oder entmachtet wäre. Übrigens konnte sich Hermann beim Ausbruch des Krieges mit Witbooi rechtzeitig in Sicherheit bringen. Hingegen war er beim Aufstand von 1904 einer der ersten, der von den Nama getötet wurde, obwohl er nach deutschen Begriffen als unangemessen eingeborenenfreundlich galt. Der neuen deutschen Politik in Südwestafrika, die auf Siedlung und nicht mehr nur auf Bergbau und Handel gerichtet war, konnte der ständige Krieg zwischen Herero und Nama nur in die Hände arbeiten, schwächte er doch die Eingeborenen und schuf herrenloses oder wenigstens leicht zu okkupierendes Land in den für Viehzucht geeigneten zentralen Bergländern. Doch sobald die wirtschaftliche Entwicklung durch Europäer einmal in Gang gekommen war, brauchte man Frieden. Also mußten die Deutschen in dieser Phase die erforderliche Verdrängung der Eingeborenen selbst in die Hand nehmen. Diese Überlegungen veranlaßten von François, seine bisherige abwartende Haltung aufzugeben und zunächst Witbooi zum Frieden zu bewegen. Zu diesem Zweck suchte er ihn persönlich in Hornkranz auf. Obwohl er sich durch verlockende Angebote Unterstützung bei einflußreichen Stammesangehörigen gesichert hatte, stieß er in ausführlichen Unterredungen mit Hendrik am 8. und 9. Juni 1892 auf dessen unbeugsamen Widerstand. Die Aufzeichnungen darüber bilden den Höhepunkt unserer Quelle. Als die Rede auf den Handel mit Waffen und Munition kommt, beruft sich von François auf einen Beschluß der internationalen Antisklavereikonferenz von Brüssel 1890 gegen die Einfuhr moderner Waffen in Sklavenhandelsgebiete, obwohl man Südwestafrika kaum als solches bezeichnen kann. Ansonsten läßt die Darlegung der beiderseitigen Standpunkte an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig.
62. Gespräch zwischen von François und Witbooi: Hornkranz, 9. Juni 1892
Gespräch zwischen dem Kaiserlich deutschen Kommissar Hauptmann [von François] und Kapitain Hendrik Witbooi auf Hornkranz:
1. Ansprache des Hauptmanns und Kommissars: Von den weißen Menschen und von den Bastards höre ich viele Dinge über Euch; daß Ihr allen Weißen und den Bastards, die nichts mit dem Krieg zu tun haben, immer ihr Eigentum zurückgebt, wenn sie zu Euch kommen und danach fragen. Ich freue mich sehr über Euer Entgegenkommen, Euer gerechtes Handeln und über Euren Verstand, daß Ihr niemand Schaden zufügen wollt, der mit Euch in diesem Krieg nichts zu tun hat. Aber einige Leute berichten der deutschen Regierung auch die Unwahrheit, daß Ihr den Leuten nur einen Teil ihres Eigentums zurückgebt und den Rest für Euch behaltet. Die Regierung hat deswegen bei mir angefragt, und ich habe zurückgeschrieben, daß es sich um reine Lügen handelt und daß Ihr alles zurückgebt, was die Leute als ihr Eigentum erkennen. Von den Hereros und auch von den Weißen hört man jedoch viele Klagen über Euer Unrechtes und unverständiges Tun. Als diese Klagen eingingen, hat mich die Regierung gefragt, was zu tun sei, und was ich denke, was in diesem Fall der beste Rat, der beste Plan und das beste Mittel sei. Ich habe der Regierung geschrieben, daß ich erst zu Kapitain Witbooi gehen und mit ihm darüber sprechen will. Und so bin ich denn gekommen, um mit Euch darüber zu sprechen. Ich komme als Freund, um Euch den guten und besten Rat zu geben, doch das zu tun, was dieser Tage alle anderen Kapitaine des Landes getan haben, nämlich Euch unter deutschen Schutz zu stellen. Mit dem nächsten Schiff kommt eine große Anzahl Menschen aus Europa, und die müssen beschützt werden. Die deutsche Regierung ist verpflichtet, alle Menschen zu beschützen, die sich unter ihren Schutz gestellt haben. Sie kann nicht die einen beschützen und die anderen schutzlos lassen.
2. Kapitain Hendrik Witbooi antwortet: Von Eurer Ankunft und Euren Absichten habe ich gehört. Ich bin zur Zeit krank, und einige meiner Großleute sind auch nicht hier. Die Abwesenheit der Leute hindert mich zwar nicht, ich bezweifle aber, daß Ihr meine Antwort und die Fragen, die ich Euch stellen werde, gut und richtig versteht. Erstens: Seid Ihr vom deutschen Kaiser geschickt?
3. Der Hauptmann und Kommissar antwortet: Jawohl, wir sind von der deutschen Regierung geschickt. Dr. Göring war von dort geschickt, und ich bin sein Nachfolger und habe mein Amt.
4. Der Kapitain antwortet: Zum zweiten frage ich: Was ist Schutz? Wovor werden wir beschützt, vor welcher Gefahr, Mühseligkeit und Not wird ein Oberhaupt von einem anderen Oberhaupt geschützt?
5. Der Hauptmann und Kommissar antwortet: Ihr werdet beschützt vor den Buren und anderen starken Nationen, die beabsichtigen, in dieses Land zu kommen, hier zu bleiben und sich hier zu betätigen, wo es ihnen paßt, ohne die Kapitaine des Landes um Erlaubnis zu bitten. Ich habe auch jetzt, auf der Reise nach hier, Buren angetroffen, die bereits bei Willem Christian angekommen sind und in das Land herein wollen. Sie wissen aber bereits, daß das Land unter deutschem Schutz steht und sie kein Recht und keine Macht haben, hereinzukommen. Ihr müßt wohl verstehen, Kapitain, daß den Kapitainen ihre Rechte und Gesetze nicht genommen werden, sondern daß sie diese behalten. Der Kapitain allein soll Strafgewalt über seine Leute haben, wie das bereits bei dem Kapitain von Rehoboth der Fall ist.
6. Der Kapitain antwortet: Ich denke folgendermaßen darüber: Die Sache erscheint mir unmöglich und wunderlich; ich kann sie nicht verstehen. Ein jeder Kapitain regiert sein Volk und Land selbständig und ist unabhängiges Oberhaupt seines Landes und Volkes. Er hat sein Volk gegen jede Gefahr oder Not, die über sein Volk kommt oder ihm Schaden zufügen könnte, zu beschützen. Aus diesem Grund gibt es verschiedene Königreiche, und jeder Kapitain sorgt für sein Volk und Land und beherrscht es. Wenn nun ein Kapitain einem anderen unterstellt ist, dann ist der Unterstellte nicht mehr unabhängig und nicht mehr sein eigener Herr und nicht mehr Herr seines Volkes und Landes; denn wer einem anderen unterstellt ist, ist nur ein Untertan dessen, der ihn beschirmt, denn der steht oben, und wer über ihm steht, ist sein Herr, Vorgesetzter und Oberhaupt. Ich kann wahrlich keine Möglichkeit sehen, um einen Kapitain, der sich einem anderen unterstellt, als unabhängigen Kapitain zu bezeichnen, der tun kann, was ihm beliebt. Dieses Afrika ist das Land von uns roten Kapitainen. Wenn über einen von uns eine Gefahr kommt und er sich zu schwach fühlt, ihr allein zu begegnen, so kann er zu seinen Mitbrüdern, den Kapitainen der roten Volksstämme sagen: „Kommt Bruder, oder Brüder, laßt uns für unser Land Afrika zusammenstehen und die Gefahr abwenden, die mit Gewalt in unser Land eindringen will.“ Denn nach Farbe und Lebensart gehören wir zusammen, und dieses Afrika ist als Ganzes das Land der roten Kapitaine. Daß wir verschiedene Königreiche und Gebiete besitzen, bedeutet nur eine nebensächliche Unterteilung Afrikas.
7. Der Hauptmann und Kommissar antwortet: Was der Kapitain soeben gesagt hat, ist wahr und richtig; ich kann auch nicht unter einem anderen Herrn stehen. Der Kapitain sollte aber wohl bedenken, daß er nicht gezwungen ist, den Schutz anzunehmen. Es wird dem freien Willen und der Entscheidung des Kapitains überlassen, ob er annehmen will oder nicht. Der Kapitain sollte aber auch Folgendes bedenken und berechnen: Wohl verfügt Ihr über mutige und streitbare Kämpfer, aber was hilft Euch das, wenn Ihr nicht imstande seid, Euch selbst mit Schießbedarf zu versorgen, während ein anderer Mensch, der mit Euch kämpft, reichlich versehen ist und Euch mit Kugeln überschüttet, während Eure Leute das Gewehr verkehrt anfassen und mit Kolben zuschlagen müssen. Auf so etwas könnt Ihr Euch doch nicht einlassen. Die deutsche Regierung hat die englische darauf aufmerksam gemacht, daß dieser Krieg so lange anhält, weil die englische Regierung Gewehre und Munition frei ins Land kommen läßt. Alle großen Nationen haben sich nun gefragt, was wohl das beste Mittel und der beste Plan sein würde, um diesen endlosen Krieg zum Ende zu bringen. Alle Nationen, das deutsche, englische, russische, französische, spanische und italienische Volk sind übereingekommen, die Einfuhr von Schießbedarf ganz und gar zu verbieten, so daß weder Waffen noch Munition ins Land kommen. Wenn die Stämme keinen Schießbedarf mehr erhalten, so werden sie den Krieg, der alles zerstört und behindert, einstellen müssen; er behindert das freie Leben, behindert Arbeit, Handel und Wandel.
8. Der Kapitain antwortet: Ich kann das Werk und den Plan von Euch großen Leuten durchaus nicht loben, kann es durchaus nicht gutheißen und kann es nicht als recht und billig bezeichnen; denn lediglich Euren Verboten der Einfuhr von Waffen ist es zu verdanken, daß der Krieg so lange dauert. Ich bekomme nicht mehr soviel Schießbedarf, wie ich benötige, um den Krieg so zu führen, wie ich möchte. Ich denke über Waffen und Munition ganz anders als Ihr. Ihr weißen Menschen besitzt Verstand und Kenntnisse genug, um alle dem menschlichen Leben nötigen und erforderlichen Dinge herzustellen. Über Schießbedarf aber denke ich folgendermaßen. Ich verstehe darunter eine freie, der Allgemeinheit zugängliche Sache, die Ihr Euch nicht allein zueignen und für die Ihr keine Verbote erlassen könnt. Laßt Waffen frei ins Land kommen; denn unser irdisches Leben besteht aus Schießbedarf. Mittels Schußwaffen leben wir von Wild, und der Mensch schützt sich durch sie vor Angriffen der Menschen und der wilden Tiere. Auch der einzelne Mensch, der allein im Feld schläft, braucht Schußwaffen. Man braucht Waffen auf den Farmen, den Werften und draußen im Busch. Wo es Menschen gibt, braucht es Schießbedarf. Zweitens: Der Herrgott hat Euch den Verstand und die Kenntnisse gegeben, Schußwaffen anzufertigen, damit mit deren Hilfe seine großen Werke durchgeführt werden. Er hat den Krieg wegen der Sünde der Menschen auf die Erde gebracht, um Sündhaftigkeit und Ungerechtigkeit eines Volkes bestrafen zu können; mit der Peitsche können Sünde und Ungerechtigkeit eines Volkes nicht gestraft werden. Der Herr ruft ein Volk auf und gibt ihm Auftrag, ein anderes zu schlagen; er hat das Schießzeug demnach als Zuchtrute geschaffen. Aus diesem Grund erscheint es mir nicht recht, wenn Ihr die Waffeneinfuhr sperrt. Schießbedarf ist für mich so frei wi eRegen, und wenn es heute regnen will, so regnet es auf jeden Menschen und auf jedes Stück Land, wie es will. Der Regen wird durch niemanden weggetrieben oder gesperrt. Wenn Ihr meint, durch Verbot der Waffeneinfuhr einen guten Plan gemacht zu haben, so daß wir dadurch gezwungen werden, Frieden zu schließen, so erscheint mir das nicht recht und nicht gut und auch nicht ein Genesung bringender Plan zu sein. Ein Mensch, der einem anderen die Waffenzufuhr sperrt, kommt mir vor wie ein Mensch, der einem anderen das Wasser absperrt. Ihr seid fremde Menschen, die erst seit kurzem in dieses Land gekommen sind; aber Ihr habt in dieser kurzen Zeit bereits das ungerechte Leben und Treiben des Hererovolkes beobachtet. Ihr sagt selbst, daß schon so viele Klagen über deren Missetaten bei Euch eingelaufen sind. Der Herero ist ein Mordbube; er erschlägt und verzehrt Menschen. Es geschieht ihm deshalb nur recht, wenn sich die roten Kapitaine wider ihn erheben und ihn schlagen , damit er zur rechten Erkenntnis der Wahrheit und Gerechtigkeit komme. Aber nun sperrt Ihr uns den Schießbedarf und behauptet, daß dadurch Frieden werden wird. Das kommt mir so vor, als ob Ihr die Ungerechtigkeit, die noch gezüchtigt werden soll, mit einem Umschlag zudecken wolltet, solange sie noch mächtig und am Werk ist. Ich halte es daher in meinem dummen Verstand für das Beste, wenn Ihr die Waffeneinfuhr freigebt. Laßt Schießbedarf wieder wie früher durch die Kaufleute ungehindert ins Land kommen, so daß jeder, der das Geld dazu hat, kaufen kann und zwei Kapitaine, die miteinander kämpfen, über genügend Waffen verfügen und ihren Kampf ausfechten können, damit der eine zur wahren Erkenntnis der Wahrheit und Gerechtigkeit kommt und sich von dem Bösen lossagt, weswegen er bekämpft wird. Erst dann kann wahrer, gesunder und beständiger Frieden kommen.
9. Der Hauptmann und Kommissar antwortet: Ich glaube, der Kapitain könnte nunmehr Frieden schließen, nachdem er in der letzten Schlacht die Hereros kräftig aufs Haupt geschlagen hat, worüber ich mich sehr gefreut habe; denn der Krieg stört und verhindert alles, er behindert das freie Leben, Arbeit, Handel und Wandel. Sollten aber die Hereros, nachdem Frieden geschlossen ist, dem Kapitain etwas Böses antun, so wird die deutsche Regierung eingreifen und sie davon abhalten, und das wird nicht so lange wie die Kriege des Kapitains j dauern — in 14 Tagen ist die Sache erledigt. Was Schießbedarf anbetrifft, so erhält niemand in unserem Land Schußwaffen, um damit herumzulaufen; denn es ist nicht mehr nötig, daß sich jemand selbst mit dem Gewehr \ schützen muß. Die Regierung hat den Schutz übernommen, weshalb sich niemand vor Gefahren zu fürchten braucht, gegen die er sich mit dem Gewehr in der Hand wehren müßte. Schußwaffen sind erst in später Zeit erfunden worden. Die Menschen haben zuerst mit Pfeil und Bogen gelebt und mit dem Speer. Das Leben des Menschen besteht nicht allein aus Schußwaffen, und hier im Lande wird durch Schußwaffen mehr Unheil angerichtet und so unverständig damit umgegangen, daß einer den anderen ermordet.
10. Der Kapitain antwortet: Wir gehören verschiedenen Völkern an und haben in den verschiedenen Ländern verschiedene Gesetze und Lebensart, und jeder Kapitain lebt mit seinen Menschen nach seinen Gesetzen und Landesgewohnheiten. Wir können deshalb unseren Leuten nicht die Gewehre abnehmen und sie ohne Gewehre lassen. Die Menschen, die in alten Zeiten mit Pfeil und Bogen und Speer gelebt haben, taten das, weil zu diesen Zeiten keine Schußwaffen bekannt waren. Wir aber sind Menschen unserer Zeit und leben in der Zeit der Schußwaffen. Daß ein Mensch einen anderen mit Schußwaffen ermordet, das kommt nicht alle Tage vor, auch nicht absichtlich, auch nicht bei allen Stämmen; es geschieht vielleicht einmal im Jahr oder noch seltener, und zwar durch Menschen, die sich mißverstehen oder in Feindschaft miteinander leben, so daß ein solches Ereignis nicht als das Gewöhnliche bezeichnet werden kann.
11. Der Hauptmann und Kommissar antwortet: Sollte der Kapitain sich unter deutschen Schutz begeben und Frieden schließen wollen, so wird ihm das vielleicht schwierig erscheinen, denn er hat jetzt nicht genügende Lebensmöglichkeiten für seine Leute. Was er besitzt, genügt zwar für den Krieg, aber er kann nicht plötzlich zum Farmen übergehen. Der Kapitain hat es nicht nötig, sich darüber Sorgen zu machen; die deutsche Regierung wird sich darum kümmern. Der Kapitain kann auch um ein Jahresgehalt bitten; er kann auch Leute an mich zur Arbeit abgeben, die sich Geld verdienen werden. Nun Kapitain, mein Wagen ist gekommen; ich muß nun gehen. Das war das Ende der Unterhaltung.
Nun wendet sich Hendrik an den Kapitain Joseph Fredericks von Bethanien, der auch jetzt wieder durch die Verpachtung von Nomtsas an Hermann den Deutschen entgegengekommen ist, und warnt ihn vor den Folgen dieser Handlungsweise.
63. Witbooi an Kapitain Joseph Fredericks: Hornkranz, 27. Juni 1892
Mein lieber Kapitain Joseph Fredericks! Ich schicke Euch diese paar Zeilen und ersuche Euch sehr freundlich und aufrichtig zu Eurem und meinem Besten um Folgendes. Ich erfahre, daß Ihr einem Weißen namens Hermann Erlaubnis gegeben habt, auf Nomtsas zu wohnen. Ich schreibe Euch in dieser Sache, um Euch mitzuteilen, daß ich damit nicht einverstanden bin, und daß ich nicht haben will, daß Ihr Weißen Farmplätze auf meinem Gebiet gebt. Ich wünsche auch nicht, daß Ihr einem Weißen einen Platz auf Eurem Gebiet gebt. Ich denke so: dieses Afrika ist das Land der roten Kapitaine; wir sind von derselben Farbe und Lebensart, haben gemeinschaftliche Gesetze, die für uns und unsere Leute genügen. Wir sind nicht hart gegeneinander, sondern ordnen Dinge in Frieden und Brüderschaft. Wenn Leute eines Kapitains mit Menschen eines anderen Kapitains auf demselben Platz wohnen, so halten sie Frieden, und die Kapitaine haben nichts dagegen. Sie stellen keine Gesetze gegeneinander auf über Wasser, Weide, Wege, um Geld daraus zu schlagen. Für jeden Reisenden, der durch unser Land kommt, halten wir diese Dinge frei zur Verfügung, sei er von roter, weißer oder schwarzer Farbe. Das ist recht und gut und reicht für uns zum Leben. Wir benachteiligen auf diese Art niemanden, weder an seinen Lebensmöglichkeiten noch an seinem Geld, und belästigen keinen Menschen durch Fragerei nach Wasser, Weide und Geld. Die weißen Menschen aber handeln ganz anders. Ihre Gesetze sind unpassend für uns rote Menschen und undurchführbar. Diese unbarmherzigen Gesetze bedrücken den Menschen von allen Seiten; sie kennen kein Gefühl oder Rücksicht darauf, ob ein Mensch reich ist oder arm. Ich bin sehr ungehalten über Euch und alle Kapitaine von Groß-Namaqualand, die Ihr deutschen Schutz angenommen habt und dadurch den weißen Menschen Rechte und Einfluß in unserem Land gebt. Die Sache mit den Deutschen sehe ich mit ganz anderen Augen an. Sie geben vor, Euch vor anderen großen Nationen schützen zu wollen. Mir scheint aber, sie selbst sind die große Nation, die mit Gewalt in unser Land kommen will. Ich sehe sie mit Gewalt regieren und in unserem Land Verbote aufstellen. Ich wünsche deshalb nicht, daß Ihr in unserem Gebiet noch Plätze hergebt, auf denen diese Leute mit [ihren] Gesetzen wohnen, freie Rechte üben und Arbeiten ausführen können. Seid deshalb so gut, lieber Kapitain, und widerruft diese Sache und laßt keine weißen Menschen auf Eure Plätze kommen. Wenn es sich um Eure eigenen roten Menschen handelte, so hätte ich nicht viel dagegen zu sagen, denn wir sind eins und sollen uns miteinander vertragen und uns verstehen. Mit der Ankunft der Deutschen kann ich den Frieden nicht kommen sehen; denn sie rühmen sich ihrer Macht und ihrer Werke zu sehr. Ich teile Euch, lieber Kapitain, noch mit, daß die Deutschen auch mich zu einem Schutzvertrag aufgefordert haben; ich weigere mich aber, das anzunehmen, und so versuchen sie auf manche Art und Weise, wie sie einen Weg zu mir finden könnten; sie bemühen sich, keine Unstimmigkeiten zwischen Ihnen und mir aufkommen zu lassen, weshalb ich mich auch abwartend verhalte. Von ganzem Herzen bitte ich Euch, lieber Kapitain, doch dafür zu sorgen, daß ich durch Euch nicht in Schwierigkeiten und Mißverständnisse mit den Deutschen komme, da ich nichts mit ihnen zu schaffen habe und soweit in meiner Kraft steht, mit den Weißen in Frieden leben möchte. In Regierungs- und Landesangelegenheiten will ich mit ihnen nichts zu tun haben, und in dem Schutzvertrag sehe ich keine Wahrheit, Beständigkeit und keinen Nutzen für Volk, Häuptling und Land. Für mich bedeutet er vielmehr Schmälerung, Verachtung und die Errichtung eigener Herrschaft über Kapitaine, Volk und Land; denn die Deutschen lassen sich im Gebiet der Kapitaine nieder, ohne erst um Erlaubnis zu bitten, drängen den Menschen, denen die Gebiete gehören, ihre Gesetze auf, verbieten das freie Herumstreifen auf den Wegen, verbieten ihnen freie Verfügung über ihr eigenes Wasser und über die Weide; sie verbieten den Landeseingeborenen die Jagd auf ihr eigenes Wild; verbieten den Menschen, mit Gewehr auf irgendeinem Platz zu erscheinen; geben den Menschen bestimmte Uhrzeiten und Tage als Termine an und halten die Menschen außerhalb der Wohnplätze an. So hart, unerträglich, unmöglich und schädlich ist das deutsche Gesetz; ferner ist es drückend und kleinlich. Es wirkt nur zum Schaden und zur Bedrückung des Menschen. Ich verstehe nicht, was Ihr Kapitaine gedacht habt, als Ihr Euch unter den Schutz dieser Menschen stelltet. Zu meinem und zu Eurem Besten, lieber Kapitain, gebe ich Euch den Rat: Gebt den Weißen keine Rechte auf unseren Plätzen, zwischen uns und auf unseren Wegen. Ich grüße Euch von Herzen, Euer Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
Auch in nachträglich an von François gesandten Schreiben ändert Hendrik seine Haltung nicht.
64. Witbooi an von François: Hornkranz, 28. Juni 1892
Mein lieber hochwohlgeborener Freund, Hauptmann und Kommissar! Ich sende Euch diese paar Zeilen. Als meine Großleute zurückkamen, teilten sie mir mit, daß Euer Wohlgeboren von mir erwarten, ich solle über den Grund Ihres Hierseins nachdenken, mir die Sache überlegen und Ihnen nochmals Antwort geben. Aber lieber Freund, ich weiß nicht, worüber ich noch nachdenken soll. Was ich Ihnen an jenem Tag geantwortet habe, das sind meine Ansichten, und bei denen bleibe ich. Ich bin nicht anderer Ansicht geworden, kann deshalb nicht anders denken und sprechen. Ich habe noch die weitere Bitte an Sie, mich hinsichtlich der Fragen, die ich Ihnen gestellt habe, recht gut zu verstehen: denn ich möchte weder mit Worten noch in der Tat bei Ihnen Anstoß erregen. Wie ich schon damals sagte, fürchte ich. Sie könnten mich mißverstehen. Andererseits erklärten Sie mir, ich solle alles fragen, was ich zu fragen hätte, was mir angenehm und recht sei. Ich glaubte, Sie würden am nächsten Morgen nochmals zu mir kommen, um die Angelegenheit weiter zu besprechen; aber Sie verließen uns so schnell, daß ich keine Möglichkeit mehr hatte, das zu fragen, was ich mir vorgenommen hatte. Ich will das nunmehr nachholen. Ich erfahre, daß Sie nach Hoachanas gehen wollen, um den Platz aufzubauen und dort zu wohnen. Lieber Hauptmann, ich frage bei Ihnen an, ob das der Wahrheit entspricht oder nicht; wie Sie selbst sagten, gehen in diesem Land viele Lügengeschichten um, und was nicht wahr ist, wird als Wahrheit hingestellt. Darum will ich diese Sache nicht glauben und will mich nicht auf Hörensagen verlassen und frage deshalb an, um aus Ihrem eigenem Munde zu hören, ob es wahr ist oder nicht. Was Sie mir sagen, glaube ich, denn Sie sprechen ja doch die Wahrheit. Ich erwarte Ihre wahrheitsgemäße Antwort und danke Ihnen von Herzen. Ich schließe mit herzlichen und freundlichen Grüßen an Euer Wohlgeboren. Ich verbleibe Ihr Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
65. Witbooi an von François: Hornkranz, 29. Juni 1892
Mein lieber Freund, Kommissar und Hauptmann! Diesen Brief schreibe ich Ihnen in der Angelegenheit Otto. Sie fragen an, wie lange Otto den Wagen geliehen hatte und unter welchen Bedingungen. Das Abkommen lautet folgendermaßen: Otto kam zu mir und sagte: „In Walfischbucht befindet sich ein weißer Mann namens Sichel, der mich gebeten hat, für ihn Fracht von Walfischbucht aus zu fahren. Ich bin ein armer und schwacher Mensch und bitte Euch, mir mit einem Wagen und einem Gespann Ochsen auszuhelfen, mit denen ich arbeiten und so mit Eurer Hilfe meinen Lebensunterhalt in der Welt finden kann. Auch soll Euch durch die Arbeit des Wagens zu Schießbedarf verhelfen werden. Den Lohn werde ich in zwei Hälften teilen, so daß wenn ich 40 Pfund verdiene, Ihr 20 Pfund davon bekommt.“ Ich habe Otto daraufhin einen Wagen mit acht Ochsen gegeben. Den Wagen hat er im Jahr 1890 bekommen, so daß er ihn jetzt 2 Jahre und 6 Monate in seinem Besitz hat. Bis heute habe ich von Otto weder einen Schilling noch einen alten Lappen bekommen und habe den Mann seit jenem Tag nicht mehr gesehen. Ich beklage mich deshalb bei Ihnen wegen Otto und gebe obenstehende Erklärung dazu ab. Mit Grüßen! Ich verbleibe der Kapitain, Hendrik Witbooi.
Friedensverhandlungen mit Maharero und Suche nach einem Ausweg
Um Hendrik mit Hilfe eingeborener Bundesgenossen niederzuzwingen, verabredete von François am 8. und 9. Juli in Okahandja mit den Hererohäuptlingen einen gemeinsamen Angriff auf Hornkranz für den 31. Juli. Doch Hendrik bekam Wind von dem Plan und suchte nun seinerseits nach einem Anknüpfungspunkt für Frieden mit den Herero. Geschickt nahm er den Häuptling der östlichen Herero Kahimemua von seinem Friedensplan aus, denn dort lag ein Widerstandszentrum gegen Samuel Mahareros Oberhäuptlingsanspruch. Die erwähnte Beleidigung bestand darin, daß Kahimemua Hendrik als „Buschmann“ bezeichnet hatte — auch der Afrikaner hat seinen Rassestolz
66. Witbooi an Kapitain Samuel Maharero: Hornkranz, 13. Juli 1892
Mein lieber Bruder und Kapitain Samuel Maharero! Diese wenigen Zeilen schicke ich Euch mit folgender Mitteilung; Als ich im Juni meine Leute nach Windhuk schickte, trafen sie dort einen Eurer Leute namens Berend Beukus. Er erzählte meinen Leuten Dinge, die ihr Herz berührten. Meine Leute haben mir alles berichtet, und die Worte haben mich auch berührt. Wir haben Eures Mannes Worte als Eure eigenen Worte aufgefaßt und nach den Worten dieses Mannes auf sein Kommen gewartet. Ich war damals zum Krieg gegen Euch bereit. Die Worte des Berend Beukus haben mich aber gespannt gemacht, und ich habe nichts gegen Euer Wohlgeboren unternommen. Da ich nun annehme, daß es wirklich Eure Worte waren, so wie ich sie mir wünschte, schicke ich Euch Hans Klaas mit diesem Brief, damit Ihr seht, daß ich die Worte angenommen habe. Und so habe ich mich abwartend verhalten; nun warte ich aber schon zu lange. Darum dieser Brief. Ferner muß ich Euch mitteilen, daß ich binnen kurzem gegen Kahimemua losschlage, der mir Schimpfworte zugerufen hat. Ich werde das bestimmt tun, werde Euch aber nicht angreifen. Laßt Euch durch meine letztgenannte Absicht nicht ablenken. Ich warte, bis Klaas zurückkommt, denn ich habe Eure Worte mit Freude und Dankbarkeit gehört und freue mich jetzt noch darüber. In der Hoffnung, daß Ihr mich gut versteht, bin ich Euer Bruder und Kapitain, Hendrik Witbooi. Beukus kann alles bestätigen.
Zugleich bittet Hendrik den Bastard-Kapitain Hermanus van Wyk um Vermittlung.
67. Witbooi an Kapitain H. van Wyk: Hornkranz, 13. Juli 1892
Mein lieber Bruder Kapitain H. van Wyk! Als meine Leute von Windhuk zurückkamen, erfuhr ich, daß Ihr bereit seid, Frieden zwischen mir und Samuel zu vermitteln. Es ist schon lange her, und ich teile Euch mit, daß mir Samuels Worte zu ernst sind, als daß ich darüber hinweggehen könnte. Ich werde warten, bis die Zeit der Rückkunft des Boten verstrichen ist. Ich bitte Euch nun, die Sache zu beschleunigen. Ich warte noch bis zum Ende des Monats. Wie Euch bekannt ist, ziehe ich in Kürze gegen Kahimemua, der mich herausgefordert hat. Das hat aber mit Euch und Eurem Friedenswerk nichts zu tun, und letzteres soll dadurch nicht behindert werden. Schickt bitte den Mann mit dem Brief weiter und gebt ihm noch einen zweiten Mann mit. Zum Beweis dafür, daß ich Samuels Worten Glauben schenke, schickt bitte den Mann mit, den Samuel Maharero mir seinerzeit gegeben hat. In der Hoffnung, daß Ihr meine Bitte erfüllt und entsprechend handelt, schließe ich den Brief mit herzlichen Grüßen. Ich verbleibe Euer Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
Den führenden Leuten in Bethanien erschien offenbar eine Anbiederung an die Witboois angebracht.
68. Daniel Frederick an Daniel Pitter: Bethanien, 20. Juli 1892
Wohlgeborener Bruder Pitter, Magistrat! Ich schicke Euch diese paar Zeilen, obgleich ich der Geringste von allen und nicht würdig bin, an Euch zu schreiben. Mein lieber edler Bruder und Herr! Ich bin ein kleines Kind, und Ihr wißt selbst, daß der Verstand der Kinder klein ist. Ich fühle mich aber verpflichtet, Euch meine Ansichten in folgender Angelegenheit mitzuteilen. Vor einigen Tagen bedrückten zwei alte verstorbene Kapitaine mein Herz, nämlich der alte Kapitain von Gibeon und der alte Kapitain von Bethanien. Beide haben uns eine Menge Gutes hinterlassen. Ich weiß nicht, edler Bruder, wie das in unseren Tagen werden soll, und es scheint mir, daß es höchste Zeit für gegenseitige Begrüßung ist. Ich denke deshalb an die zwei alten Kapitaine; die Welt ist jetzt recht eng für uns geworden. Mein geliebter edler Bruder, unsere zwei Stämme sind die einzigen, die sich noch nicht begrüßt haben. Mein edler Bruder, laßt Euch diesen Brief nicht anstößig erscheinen, und ich hoffe und wünsche, daß der Herr uns zum Frieden helfen möge. Mit herzlichen Grüßen an Euch und alle Freunde bin ich Euer Euch liebender Bruder, Daniel Frederick.
Samuel Maharero weist Hendriks Friedensangebot zunächst mit recht überzeugenden Argumenten ab; die diplomatischen Anknüpfungsversucheverfangen bei ihm nicht. Dennoch mißlingt der Angriffsplan, weil die verschiedenen Gruppen der Herero nicht zum verabredeten Zeitpunkt eintreffen oder wiederauseinandergehen. Daraufhin nimmt auch von François von diesem Vorhaben Abstand. Van Wyk aber akzeptiert am selben Tag seine Vermittleraufgabe.
69. Maharero an Witbooi: Okahandja, 28. Juli 1892
An Kapitain H. Witbooi! Mit diesen Zeilen teile ich Euch mit, daß ich Euren Brief erhalten habe. Ich antworte, daß ich von dem Frieden, den Euer Großvater Kiwido Witbooi und mein Vater geschlossen haben, nichts weiß, da ich zu der Zeit ein kleines Kind war. Als ich erwachsen war, erzählte mir mein Vater, daß er und der alte Kiwido Frieden, und zwar einen dauerhaften Frieden, geschlossen haben. Mein Vater zeigte mir auch das Gewehr Eures alten Großvaters, und so glaubte ich, daß mein Vater mir die Wahrheit sagte. Vor kurzem nun habt Ihr gegen meinen Vater Krieg geführt und auf Hornkranz Frieden geschlossen. Nach dem Kampf sagte Euch mein Vater dasselbe, was ich Euch jetzt erkläre: wie der Frieden zwischen Eurem Großvater und meinem Vater gewesen ist. Nach meines Vaters Tod schicktet Ihr mir einen Brief und batet um Antwort, ob ich des Krieges müde bin oder nicht. Der Wahrheit entsprechend antwortete ich Euch: „Nein, mein Bruder, von der Müdigkeit und von dem Frieden, nach welchem Ihr mich fragt, weiß ich nichts.“ Der Krieg, den die Hereros führen, richtet sich nicht gegen Euch oder das Witbooivolk, sondern war gegen die Afrikaner gerichtet, und so habt Ihr selbst den Frieden, der zwischen meinem Vater und Eurem Großvater Maharero S. bestand, gebrochen; und die Sache mit dem Krieg gegen meinen Vater bis in die letzte Zeit hinein, die ist immer von Euch ausgegangen — mag es sich um Krieg oder Frieden gehandelt haben. Ich bin aber bereit, mit Euch zu kämpfen und Euch die Peitsche aus der Hand zu reißen, mit der Ihr mich schlagen wollt. Das ist mein Entschluß bis auf den heutigen Tag. Ihr schreibt ferner in Eurem Brief, daß es Euch stark berührte, als Ihr dem Gespräch Eurer Leute mit Berend Beukus entnahmt, wie stark mein Verlangen nach Frieden sei; und daß Ihr das gern hören möchtet. Ich antworte Euch Folgendes darauf: Ich schickte Berend Beukus in meinen Geschäften nach Windhuk, nicht wegen des Friedens; alles, was er mit Euren Leuten gesprochen hat, hat er ohne Auftrag gesagt. Vielleicht hat Berend aus Furcht so gesprochen. Für Euch habe ich nur zwei Dinge: Krieg oder Frieden. Wenn Ihr, die Ihr Frieden brecht, um Frieden bittet, so bin ich für Frieden. Wollt Ihr, der Ihr den Krieg vom Zaune brecht, Krieg, so bin ich vorbereitet genug, um Eure Hand oder Euren Stock festzuhalten. Das ist mein und meines Volkes oder Stammes fester Entschluß. Ferner möchte ich noch etwas zu dem Krieg, den Ihr gegen Nikodemus und Kahimemua vorhabt, bemerken und dazu, daß Ihr sagt, ich solle mich dadurch nicht beeinflussen lassen und mit Euch Frieden schließen. Meine Antwort darauf lautet so: Ja, mein geliebter Bruder, Eure Worte sind richtig, aber alles, was Ihr mit mir vorhabt, ist eine andere Sache. Es sind Worte, die Ihr allen Stämmen gegenüber an wendet. Während Ihr mit Paul Visser kämpftet, sagtet Ihr zu Manasse: „Manasse, seid so gut und laßt Euch nicht beeinflussen.“ Als Ihr Paul Visser getötet hattet, kamt Ihr zu Manasse und grifft ihn an. Mit Jan Afrikaner habt Ihr es ebenso gemacht. Unsere Nation ist von anderer Gesinnungsart. Wenn Ihr Nikodemus umbringen wollt, so ist das für uns, als ob Ihr meinen Bruder tötet, und wenn Ihr Kahimemua tötet, so ist das, als ob Ihr mich selbst tötet, denn er gehört zu meinem Volk. Glaubt Ihr, daß ich zu töricht bin, mein Volk gegen Euch zu schicken? Glaubt Ihr, mehr Aussicht zu haben, mich zu töten, wenn ich mit meinem Stamm allein bin? So etwas ist bei unserem Volk nicht zu machen. Das Friedensangebot, das Ihr mir durch meinen Mann Klaas geschickt habt, ist kein Friedensangebot. Warum sprecht Ihr von den zwei Dingen — Krieg und Frieden — zu gleicher Zeit? Was soll das heißen? Soll ich mich durch einen Angriff tief vor Gott versündigen? Hans Klaas aber würde ich niemals schicken, oder glaubt Ihr, daß ich tat, was ich getan habe, damit Ihr glauben sollt, ich sei ein frommer Mann und gerechter Kapitain vor Gott? Nein, ich habe das meiner und meines Volkes Sünde wegen getan. Gott hat mir tausendmal geholfen. Warum versucht Ihr so etwas mit mir? Ihr schickt mir meinen eigenen Mann mit der Bitte um Frieden und tut so, als seien die Worte des Berend Beukus meine eigenen Worte. Es ist unmöglich, meinen eigenen Mann zu mir mit einem Friedensangebot zu schicken! Schickt einen Mann von Euren Leuten, und zwar einen Mann, von dem alle Menschen wissen, daß es einer der Eurigen ist. Hans Klaas ist einer meiner Leute. Weiter: Die Streitmacht, die Ihr gegen Kahimemua geschickt habt, hat bereits Vieh weggenommen und Menschen getötet. Von Klaas könnt Ihr alles hören, was vorgefallen ist. Seid so gut und schickt mir den Klaas nicht ein zweites Mal, wenn Ihr mir einen Brief zu schicken habt. Und damit schließe ich mit Grüßen, Ich verbleibe Kapitain Samuel Maharero.
70. Kapitain Hermann van Wyk an Witbooi: Rehoboth, 28. Juli 1892
An Ehrwürden Bruder Hendrik Witbooi! Mein lieber Bruder! Mit Freude habe ich alles vernommen, was Ihr mit meinem Unterkapitain und seinen Begleitern besprochen habt. Ich versichere Euch, alles zu tun, was dem Frieden dienen wird, soweit das in meiner Kraft und in meinem Vermögen liegt. Wie Euch mitgeteilt wurde, bin ich dabei, einige meiner Ratsleute nach Windhuk zu schicken, damit sie mit den deutschen Beamten Rücksprache nehmen. Mit herzlichen Grüßen verbleibe ich Euer Freund und Bruder, Kapitain Hermann van Wyk.
Hendrik versucht nun, wie einst der alte Maharero, die englische Karte gegen die Deutschen auszuspielen, indem ersieh unter Berufung auf die alten Handelsbeziehungen an den englischen Magistrat in Walfischbucht wendet. Bei dem unterbliebenen angeblichen Angriff der Deutschen auf Hornkranz dürfte es sich um einen bloßen Patrouillenritt von François’ am 18. Juli gehandelt haben. Neu sind die ersten Klagen über die harte und ungerechte deutsche Justiz gegenüber Eingeborenen. Nur die Witboois und zwei kleinere Stämme sind noch unabhängig geblieben. Dennoch wird aber der alte Oberherrschaftsanspruch der Witbooi über die Nama auf Grund des Kriegsrechtes erneut erhoben. Hauptgegenstand des Anstoßes ist allerdings die Unterbindung des Nachschubs an Waffen und Munition. Von François hatte die geltenden Bestimmungen am 10. August 1892 erneut verschärft; nun stellt sich der Erfolg seiner Maßnahmen ein. Selbst die Herero waren darüber ungehalten.
71. Witbooi an den englischen Magistrat in Walfischbucht: Hornkranz, 4. August 1892
Mein lieber, hochwohlgeborener Herr englischer Magistrat in Walfischbucht! Ich fühle mich verpflichtet und gezwungen. Ihnen von dem Zustand und den Umständen, unter denen ich lebe, Mitteilung zu machen, ich spreche von den Zuständen seit Ankunft der Deutschen in unserem Land. Ich höre und sehe von den Menschen Dinge, die mir unmöglich und weder gut noch recht erscheinen. Ich wende mich an Euch, den englischen Magistrat, im Vertrauen auf die alte Freundschaft, die zwischen meinem alten verstorbenen Großvater und der englischen Regierung bestand und sich hauptsächlich aus Handelsbeziehungen ergab. Und noch in diesen meinen Tagen erinnere ich mich der Freundschaft mit den Engländern, denn die englischen Kaufleute kamen zuerst als tätige Menschen in dieses Land. Die ersten Weißen, die wir zu Gesicht bekamen, waren Engländer, mit denen wir handelten. Wir wurden dadurch mit ihnen bekannt und haben uns an diese Leute gewöhnt. Alle notwendigen Gebrauchsgegenstände, die von den Weißen hergestellt werden, sahen wir zuerst bei den Engländern und lernten sie durch sie kennen, z. B. Kleider, Getränke, Schußwaffen. Wir fanden heraus, daß man mit Engländern im Leben wie im Handel zurechtkommen kann. Und wenn man davon sprechen kann, daß irgendeine Nation in Afrika bevorrechtigt sein solle, so kann man das von den Engländern sagen, weil sie als erste Weiße ins Land kamen und wir mit ihnen Handelsfreundschaft und Bekanntschaft schlossen. Wenn die Engländer zu uns kamen, so kamen sie nicht mit selbstherrlichen Regierungsverordnungen, sondern als Kaufleute, erledigten ihre Geschäfte und entfernten sich wieder. Handelsverkehr und Freundschaft genügen mir vollständig, und ich habe keinerlei andere Freundschaft und Schutzverträge nötig, die ich mit einer weißen Nation abschließen könnte. Ich habe Ihnen nun auseinandergesetzt, wie ich über die Engländer denke, und über die alte Freundschaft zwischen meinem Großvater und Euch Engländern. An dieser Freundschaft halte ich bis auf den heutigen Tag fest. Jetzt kommt nun ein anderer weißer Mann, den ich ganz und gar nicht kenne; er kommt mit Gesetzen und Vorsätzen, die mir ganz unmöglich und unbegreiflich erscheinen und auch nicht aufrechtzuerhalten sind. Darum schreibe ich Euer Wohlgeboren diesen Brief in Erwartung einer ausführlichen und wahrheitsgemäßen Antwort auf die Fragen, die ich Ihnen wegen der Ankunft der Deutschen stellen werde. Denn die Tätigkeit der Deutschen greift nun auch auf mein Gebiet über und geht mir ans Leben. Sie haben sich vorgenommen, mich durch Krieg zu vernichten, obwohl ich gar nicht weiß, was meine Schuld sein soll. Die Streitmacht des Hauptmanns ist nach Hornkranz abmarschiert und will mich angreifen. Sie ging dann wieder zurück, da ich damals nicht in Hornkranz war.
Ich bin erstaunt über diesen Krieg und weiß nicht, was meine Schuld sein soll und warum man mich angreifen will. Ein Angriff ist mir von den Deutschen weder angekündigt noch ist mir mitgeteilt worden, aus welchem Grund ich angegriffen werden soll. Darum bitte ich Sie um Auskunft, weil Sie vielleicht etwas darüber wissen könnten. Sie und die Deutschen haben gegenseitige Verträge abgeschlossen, und bei Euch Engländern und Deutschen kann die eine Nation nichts tun, wovon die andere nichts weiß. Auch hörte ich, daß die englische und deutsche Regierung eine große Konferenz abgehalten und bestimmt haben, wem Afrika zum Abschluß von Schutzverträgen mit den Häuptlingen überlassen werden soll, und da sollt Ihr Engländer das Land den Deutschen überlassen haben. Aber auf dieser Konferenz habt Ihr bestimmt, daß kein Kapitain mit Gewalt gezwungen werden darf. Ein Kapitain, der einwilligt und einverstanden ist, kann den Schutz annehmen; ein anderer Kapitain, der nicht willig und nicht einverstanden ist, kann nicht mit Gewalt gezwungen oder verpflichtet werden. In diesem Sinne habt Ihr auf der Konferenz einstimmig beschlossen. Es ist denn auch so gekommen, daß einige Kapitaine den Schutz angenommen haben; sie bereuen das aber heute schon schwer; denn bei all den schönen Worten, die ihnen die Deutschen gesagt haben, ist für die Kapitaine noch nicht viel herausgekommen. Die Deutschen erklärten den Kapitainen, daß sie vor anderen, mächtigen Nationen, die mit Gewalt in dieses Land kommen und den Kapitainen ihr Gebiet und ihre Plätze mit Gewalt wegnehmen wollen, geschützt werden ungerechten und sollen. Die Deutschen wollen also die Kapitaine vor unverständigen Menschen schützen, die den Landeshäuptlingen eigenmächtig und ohne Erlaubnis ihre Gebiete und Plätze wegnehmen wollen. Die Sache scheint mir aber ganz anders zu liegen. Nach dem, was ich seit Ankunft der Deutschen gehört und beobachtet habe, scheint es mir so, als ob der Deutsche selbst der mächtige Mann sei, der ins Land kommen will, wie er es von anderen behauptet. Er kommt mit seiner Tätigkeit, regiert selbständig mit seinen Gesetzen, fragt nicht nach Recht und Wahrheit, holt sich auch keinerlei Erlaubnis von den Kapitainen ein, denn er führt nach eigenem Gutdünken Gesetze in unserem Land ein, die ganz unmöglich, nicht durchführbar und unerträglich sind. Unbarmherzig und gefühllos stellt er Verbote in unserem Land und auf unseren Plätzen auf, verbietet uns, unser eigenes Wild zu schießen, von dem wir leben und das unsere einzige, von Gott gegebene Lebensmöglichkeit darstellt. Einen weißen Menschen, der Wild zu seinem Lebensunterhalt geschossen hat, haben die Deutschen bestraft. Selbst unsere Leute werden in Windhuk mit Strafen belegt. Auch haben die Deutschen Leute wegen Vergehen, die nicht des Todes würdig sind, mit dem Tod bestraft; es handelt sich um fünf Männer, vier Klippkaffern und einen Hottentotten von meinem Stamm. Die Beamten des Hauptmanns haben das selbst meinen Beamten erzählt. Die Deutschen schlagen die Leute auf eine schändliche und grausame Weise wie dumme und unverständige Wesen, für die sie uns halten. Noch nie haben wir einen Menschen auf so ungehörige und grausame Weise gestraft wie sie: sie legen die Leute auf den Rücken und schlagen sie auf den Magen und zwischen die Beine, ganz gleich, ob es sich um einen Mann oder eine Frau handelt. Und Euer Wohlgeboren werden wohl selbst begreifen, daß kein Mensch nach solcher Strafe noch leben kann. Zweitens: Als die Hereros seinerzeit kamen und mich angriffen, mußten sie flüchten, wurden müde und legten sich nieder zum Schlafen; da erschienen vier Weiße und ein Bastard und ermordeten 6 Hereros. Das sind weiße Menschen, die dem Hauptmann unterstellt sind. Elf Menschen haben die Deutschen also bereits ohne Grund ermordet. Ich schreibe Ihnen diese Zeilen, um Ihnen das mitzuteilen und anzufragen, ob Sie über diese Vorgänge und über das Tun und die Absichten der Deutschen etwas wissen. Denn ich höre, daß Ihr Engländer und Deutschen mit allgemeiner Zustimmung das Land den Deutschen überlassen habt, um mit Einwilligung und Zustimmung der Landeshäuptlinge Schutzverträge abzuschließen. Doch ein Häuptling, der keinen Vertrag schließen will, kann nicht mit Gewalt gezwungen werden. So kam der Hauptmann der Deutschen zu mir mit dem Ersuchen, einen Schutzvertrag mit mir abzuschließen. Mit seinem eigenen Mund erklärte er, daß er mich nicht mit Gewalt verpflichten wolle, den Schutz anzunehmen, sondern daß ich mich nach meinem eigenen Willen und nach meiner freien Wahl entscheiden könne, und daß einem Kapitain, der nicht annehmen will, nichts weiter geschehen könne, als daß er aus dem Schutz ausgelassen werde. Ich sagte dem Hauptmann, daß ich ganz und gar nicht verstehen und einsehen kann, wie es möglich und recht sein kann, daß ein unabhängiger Kapitain mit eigenem Volk und Land unter einem anderen Oberhaupt stehen und sich von diesem beschützen lassen kann. Ich sagte ihm, daß ich durchaus keinerlei Möglichkeit für so etwas erkennen und mich nicht in eine Sache einlassen kann, die ich nicht übersehe und wegen der ich später nur große Reue und Unruhe haben werde, so wie nun schon alle Kapitaine die Sache bereuen und mit ihren Leuten klagen, daß sie den schönen Worten der Deutschen Gehör geschenkt und den Schutzvertrag angenommen haben. Für sie ist es nun aber zu spät, und sie können nichts mehr dagegen tun; sie haben eben zu leiden. Ich und zwei andere Kapitaine hingegen haben uns noch nicht unter deutschen Schutz gestellt. Es sind dies Andreas Lampert und Simon Köpper. Da ich mich mit meinem Volk und Gebiet dem deutschen Schutz nicht unterworfen habe — mein Gebiet reicht so weit wie es dem alten Kapitain von Namaqualand gehörte, ich meine den alten Cornelius Oasib — so bleibt mein Gebiet bis auf den heutigen Tag mein Eigentum. Der alte Oasib hat mit meinem Großvater unter folgender Abmachung gefochten:
„Wenn ich Euch besiege, so werde ich Euch zurück nach Pella bringen; wenn Ihr mich besiegt, so soll mein ganzes Gebiet Euer Eigentum sein.“ Mein Großvater hat den alten Oasib besiegt, und nach dessen Wort ist sein Gebiet durch Blut an meinen Großvater gekommen. Als Manasse Kapitain des roten Stammes wurde, wollte er dieses Recht und diese Wahrheit nicht anerkennen; er griff mich grundlos an, und ich habe ihn in dieser Zeit zweimal besiegt und vertrieben, so daß er sich heute nicht mehr in seinem Gebiet und auf seinem Platz aufhält, sondern mit seinem ganzen Stamm in das Hereroland geflüchtet ist. Deshalb ist Namaqualand zur Zeit meines Großvaters und in meinen Tagen zweimal mit Blut gekauft worden. Es ist klare und unbestreitbare Tatsache, daß das Gebiet Oasibs nach den allgemein bekannten Kriegsgesetzen mein Eigentum ist. Deshalb habe ich mich nicht unter deutschen Schutz gestellt und bin noch unabhängiger Kapitain und Herr meines Gebietes; ich kann auf meinem Gebiet tun, was mir beliebt. Ich kann Land weggeben oder auch nicht — an wen ich will oder nicht will. So halte ich es. Nun habe ich aus alter Freundschaft und Bekanntschaft mit Euch Engländern Euren großen Männern Konzessionsrechte in meinem Gebiet gegeben, obgleich die Deutschen mich um diese Rechte baten. Den Deutschen habe ich abgesagt und diese Rechte den Engländern gegeben; denn mit meinem Eigentum kann ich machen, was ich will, wenn ich aus den Schätzen meines Gebietes Nutzen ziehen will. Ich kenne die Deutschen nicht und habe Euch zugesagt, da ich Euch Engländer kenne. Ich verstehe nicht, warum Ihre Leute noch nicht kommen, um die Arbeit aufzunehmen. Oder habt Ihr Engländer mich trotz unserer Freundschaft und der Konzession in die Hände der Deutschen gegeben? Ich beobachte und höre Dinge von den Deutschen, die in meinen Augen nicht gut und recht sind; sie maßen sich auch auf meinem Gebiet Rechte und Handlungsfreiheit an. Ich sage nichts, wenn sie sich Rechte auf den Gebieten der Kapitaine, die sich unter ihren Schutz gestellt haben, herausnehmen, aber daß sie auch auf mein Gebiet kommen, obwohl ich mich ihnen nicht unterstellt habe, das verstehe ich nicht. Denn ich habe ja gehört, daß Ihr auf Euren Konferenzen gesagt habt, daß niemand mit Gewalt gezwungen werden soll, Land abzugeben oder Schutz anzunehmen. Nicht so die Deutschen. Sie wollen mich mit Gewalt unterwerfen und mich wegen meines Landes mit Krieg überziehen. Sie behaupten weiter, daß sie um des Friedens willen in unser Land gekommen sind. Wenn ich mir ihr Tun ansehe, so sieht mir diese Behauptung auch nicht nach Wahrheit aus. Wenn ich ihnen sage, weshalb, in welcher Absicht und aus welchem Grund ich mit den Hereros Krieg führe, so sind sie einverstanden. Ich sagte ihnen, daß ich die Hereros wegen ihrer unmenschlichen Lebensart bekämpfe, weil sie sich nicht scheuen, Menschen mitten im Frieden ohne Ursache oder Schuld mit kalten Händen zu ermorden; daß ich zu Beginn der großen Schlächterei, als die Hereros alle roten Menschen ermordeten, selbst in die Hände der Hereros gefallen bin, und sie mir sagten, ich müsse an jenem Tag sterben; daß ich sie fragte, was denn meine Schuld sei, und sie mir antworteten, daß ich ein Hottentott sei; daß ich aber auf wunderbare Weise durch göttliche Macht und Vorsehung davongekommen bin, während sie allen anderen roten Menschen mit Messern die Kehle abschnitten, so wie man ein Stück Vieh abschlachtet; daß sie mit stumpfen Beilen auf Menschen losschlagen; daß sie Menschenfleisch essen; daß sie Achtung vor keinem Menschen haben; und daß ich aus diesen Gründen die Hereros bekämpfe. Dieser Hauptmann erklärte mir, daß er eines Sinnes mit mir sei und die Art der Hereros kenne. Aber anschließend sagte er trotzdem, daß er mit Eurer Zustimmung die Einfuhr von Schießbedarf gesperrt habe, so daß ich weder Waffen noch Munition erhalte und gezwungen werde, den Krieg einzustellen. Er sperrt mir Waffen, damit ich den Übeltäter nicht mehr mit Schußwaffen schlagen kann, den Übeltäter, den ich im Herero sehe. Mich aber will der Hauptmann wegen der Bosheit, die doch allein bei den Hereros liegt, mit denselben Waffen, die er mir sperrt, angreifen. Weiter sagt er, die Waffeneinfuhr sei gesperrt, damit das Blutvergießen aufhört. Für ihn aber sind die Waffen frei, wenn es sich darum handelt, mein Blut zu vergießen; in diesem Fall geht er mit Schußwaffen vor. Und daß er des Friedens wegen ins Land gekommen ist, ist auch nicht wahr; denn bei dem Hauptmann ist alles auf Krieg eingestellt; er verfügt über jegliches Kriegswerkzeug, bringt viel Waffen und Kanonen mit, baut Kriegsschanzen und unterhält eine große Zahl Soldaten: mit einem Wort, er kommt zu uns, um Krieg zu führen, hat auch bereits das Blut von 11 Menschen vergossen, sieht aber Blutvergießen nur auf meiner Seite. Während mein Blutvergießen ein freies Werk des Krieges ist, ermordet er die Menschen ohne Grund mitten im Frieden. Das sind die Sachen, die ich von den Deutschen, die Ihr doch auf Eurer Konferenz ausgewählt und in unser Land geschickt habt, nicht verstehe. Darum, mein lieber Magistrat, schicke ich Euch als einem wahren Freund diesen Brief und hoffe, daß Ihr meinen tiefen Unwillen verstehen werdet. Ich beklage mich aus innerstem schwerem Gefühl und aus Herzenskummer bei Euch. Es schmerzt mich, erstaunt mich und tut mir leid, daß Ihr solche Menschen für unser Land vorgesehen habt. Ich bitte Euch freundlich, gebt diesen Brief an die Kapregierung weiter, damit alle wichtigen Engländer von diesen Zuständen in Kenntnis gesetzt werden, damit sie wegen dieser Verhältnisse mit den Deutschen nochmals eine Konferenz ansetzen oder beraten, ob es nicht möglich ist, diese Menschen aus unserem Land zurückzurufen. Sie halten sich nicht an Eure Abmachungen und Beschlüsse. Da Ihr den Deutschen auf Eurer Konferenz das Recht, nach hier zu kommen, gegeben habt, so könnt Ihr das auch abändern und die Leute unter der Begründung zurückrufen, daß sie sich nicht an Eure Abmachungen halten. Wenn der Mensch etwas beschlossen hat und sieht später, daß nichts Gutes dabei herauskommt, so kann er den Beschluß jederzeit abändern. Ich schicke Euch dieses Schreiben in aller Eile durch einen meiner Leute, der es Euch persönlich übergeben wird. Ich bitte, mich schnellstens etwas hören zu lassen. Ferner will ich Ihnen noch Mitteilung über meinen Krieg und den Frieden mit den Hereros machen. Dieser Krieg ist nicht durch Schuld von beiden Kriegführenden entstanden, sondern nur durch Schuld der Hereros. Wir haben uns nicht über Worte gestritten, auch nicht über Worte, aus denen ein Mißverständnis hätte entstehen können, sondern die Hereros haben rote Menschen mitten im Frieden ermordet. Diese bösartigen Taten sind der Grund, daß ich mich gegen sie erhoben habe, um sie zu züchtigen. Der wahre Frieden sollte aus ihrem Herzen und Munde kommen, der Schuldige sollte seine Schuld erkennen, fühlen und zu mir sagen: „Ja, Bruder, ich habe gesündigt und unrecht gehandelt; durch meine Unrechten Taten hat der Krieg so lange gedauert und haben wir so viele Seelen verloren. Vergebt mir und macht Frieden!“ Seht! Sobald die Hereros auf diese Art zu mir kommen, werde ich mit großer Freude geneigt und bereit sein, wahren und dauerhaften Frieden mit ihnen zu schließen. Ich bin also dem Frieden nicht abgeneigt; aber ich habe ein Recht in meiner Brust, ein solches Bekenntnis zu erwarten, und ich will, daß der Schuldige seine Schuld vor Gott einsieht, Buße tut und um Vergebung bittet. Gott wird gnädig sein und dem Sünder vergeben. Das aber ist es, was ich von dem Hererovolk will und erwarte. Jetzt aber habt Ihr mir einstimmig die Einfuhr von Schießbedarf gesperrt, damit auf diese Art Frieden kommen soll, und Ihr glaubt, einen guten, gesunden Plan gemacht zu haben. In meinem dummen Verstand erscheint der Plan nicht gut und macht nicht gesund, sondern er bringt Land und Menschen um, da das Leben der Menschen dieses Landes zu einem großen Teil von Schußwaffen abhängt. Wir sind arme Menschen und leben vom Schießen. Waffen und Munition haben keine Schuld am Ausbruch dieses Krieges; er wurde durch die Bosheit im Herzen der Menschen veranlaßt, und wegen dieser Bosheit der Menschen hat Gott Euch weißen Menschen Kenntnisse und Verstand gegeben, Schießbedarf herzustellen, mit dem das Böse, das aus des Menschen Herz kommt, niedergeschlagen werden kann. Waffen sind eine Zuchtrute für jede Nation, die nicht nach Gottes Willen und Geboten leben will. Schußwaffen sind das Werkzeug Gottes im Krieg; Gott läßt eine Nation durch die andere strafen, und zwar mit Schußwaffen. Ich bitte Euch, liebe Freunde, gebt doch die Schußwaffen frei, frei für die ganze Welt, damit sie jedem Menschen wie bisher zugänglich sind und der Mensch leben kann. Dieses ist meine herzliche Bitte und mein Ersuchen an Euer Wohlgeboren. Ich muß nun schließen, obwohl ich Ihnen noch Verschiedenes erzählen möchte.
Ich schließe und sende Euer Wohlgeboren einen freundlichen Gruß. Ich verbleibe Euer Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi. Mein lieber, hochgeehrter Herr englischer Magistrat in Walfischbucht! Separat schicke ich Ihnen noch diese paar Zeilen. Dem Hauptmann in Windhuk habe ich einen Brief geschrieben, über den er sich erzürnt hat, weil ich ihn nicht mit den ihm zukommenden Titeln angeredet habe. Ich bitte Sie, mir Briefsachen mitzuschicken, wo die Anreden und Titel Eurer großen Leute aufgezeichnet sind; ich besitze weder solches Briefpapier noch Umschläge, in die ich solche Briefe legen könnte. Ich weiß nicht einmal Ihren Namen, muß Sie deshalb mit „englischer Magistrat“ anreden. Teilen Sie mir bitte Ihren Namen mit, nehmen Sie mir das bitte nicht übel; denn ich habe noch nicht viel schriftlichen Umgang mit Euren großen Leuten gehabt. Es könnte sein, daß wir von nun an brieflich miteinander zu verkehren haben. Senden Sie mir also Ihren Namen und Briefsachen mit Anreden für hochstehende Leute, ihren Titeln, da ich so etwas hier nicht habe. Bitte entschuldigen Sie mein Anliegen.
Angesichts der inzwischen geklärten internationalen Lage konnte Hendriks Vorstoß nur erfolglos bleiben. Hingegen schaltet sich nun van Wyk als Vermittler ein, wie Aufzeichnungen und ein Brief lehren.
72. Tagebucheintrag Friedensverhandlung: Hornkranz, 6. August 1892
Die Friedensrede von Kapitain Hermann van Wyk an Kapitain Hendrik Witbooi. Unterredung von Kapitain Hermann van Wyk und mir wegen der hauptsächlichen Friedensbedingungen. Erste Rede des Kapitain Hermann van Wyk: „Ich bin zu Euch, Kapitain, gekommen, um vor Euch meines Herzens Wunsch und Verlangen auszusprechen. Kapitain Samuel Maharero schrieb mir einen Brief, in dem er mich freundlich und wie einen Vater bittet und auffordert, zwischen Euch beide zu treten und in väterlicher Weise über Frieden zu verhandeln. Er bittet mich, ausfindig zu machen, ob kein Weg, keine Möglichkeit und Neigung zum Frieden besteht. Ich habe der Bitte des Mannes entsprochen, da er sich an mich als einen Vater wendet und mich bittet, den Frieden zu vermitteln. Seit langem schon ist Frieden meines eigenen Herzens Sehnsucht und Verlangen, und ich übernehme in meinen alten Tagen diese Aufgabe zwischen Euch beiden mit allem guten Willen und in aller Freude. Ich bin zu Euch gekommen, um von Euch Klarheit über die Friedensmöglichkeit zu bekommen und auch selbst etwas dazu zu sagen, sobald der Kapitain seinen Arm niederlegt. Darauf werde ich zu Maharero gehen.“
Meine, Kapitain Hendrik Witboois Antwort: „Lieber Kapitain! Von Eurer Ankunft und von Eurem Vorhaben habe ich gehört und bin von Herzen darüber erfreut und dankerfüllt. Euren Wunsch kann ich Euch heute noch nicht erfüllen; ich kann Euch heute nichts an die Hand geben, was feststeht und klar ist. Bei früheren Gelegenheiten, wenn Ihr mit mir über Frieden spracht, habe ich Euch immer gesagt, wartet noch, wir Menschen können keinen Frieden schließen, sondern müssen Gott, den Schöpfer des Friedens, bitten, er möge einen der Kämpfenden veranlassen, aus eigenem Herzenstrieb um Frieden zu bitten. Meine Leute, die ich nach Windhuk geschickt hatte, trafen dort einen Mann Samuel Mahareros namens Berend Beukus und haben mir Worte Samuels mitgeteilt. Bei der Mitteilung dieser Worte wurde mein Herz gerührt, sie erschienen mir wichtig und ernst. In meinem Herzen habe ich nachgedacht und ausgeschaut, woher diese Worte und von wem sie kamen. Da kam ich zu der Überzeugung, es sind die Worte, auf die ich warte. Aus dieser Richtung erwartete ich Friedensworte. Ich war überzeugt, nicht Worte aus Samuels eigenem, menschlichen Herzen, sondern Worte einer höheren Macht und Vorsehung zu hören. Da ich diesen Worten glaubte und sie für Samuels eigene Worte hielt, die wie aus einer Quelle kamen, gaben sie mir Offenheit und Freude; ich habe meinen Mund geöffnet und ihm Antwort geschickt, Samuel aber schickte mir, nachdem ich seinen Worten ganz und gar Glauben geschenkt hatte, einen Brief, über den ich erstaunt und verwundert war, da er darin alle Verantwortung auf mich abwälzt und die wohlgefälligen Worte aus seinem eigenen Munde gänzlich ableugnet. Den Mann, den er geschickt hatte, beschuldigt Maharero, er habe nicht seine Worte wiedergegeben, sondern aus Bangigkeit so gesprochen. Obgleich Samuel seine Worte verleugnet, so fühle ich doch in meinem Herzen und glaube doch, daß es seine eigenen waren. Maharero handelt genauso wie sein Vater. Am Tag von Gochaganas sprach sein Vater auch Wichtiges und Ernstes mit mir, das er ebenfalls kurz darauf verleugnete. Er versuchte, die Wahrheit zu sagen, um bald wieder von der Wahrheit abzugehen, und Maharero tut nun dasselbe, wie mir scheint. Als ich Mahareros Worte hörte, bin ich aufgestanden; sein Brief mit der Ableugnung dieser Worte veranlaßt mich zum Sitzen. Ich kann Euch heute aus diesen Gründen nichts Festes und Bestimmtes mitgeben. Ich denke, Ihr geht zunächst zu Samuel, sucht seine wahren Absichten und die Veranlassung für seine Bereitschaft zu solchen Worten festzustellen und kommt mit festen, wahren und bestimmten Worten Samuels zu mir zurück, worauf ich Euch dann auch feste und bestimmte Auskunft geben werde. Geht ohne zu ermüden ans Werk; Samuel bezeichnet Euch als Vater und will wie ein Kind hinter Euch zurückstehen, um von Euch belehrt, unterwiesen und beraten zu werden.“ Kapitain Hermann antwortet: „Ich habe dem Kapitain eine Frage zu stellen, falls sie nicht verfrüht ist.“ Kapitain Hendrik Witbooi antwortet: „Der Kapitain soll fragen.“ Kapitain Hermann fragt: „Was sollen Eure Friedensbedingungen sein, falls Samuel annimmt und Frieden schließt?“ Kapitain Hendrik antwortet: „Zwei Bedingungen werde ich ihm auferlegen: Er hat Leute von mir dort bei sich, die hat er zurückzugeben. Das ist das Erste. Das Zweite ist: Ich verlange Ersatz der Kriegskosten. Das wird ihm vielleicht schwer erscheinen, sollte ihm aber meines Erachtens nicht so schwer und unmöglich sein, denn er weiß und sollte bedenken, daß der Schaden und Nachteil, der ihm durch die Fortsetzung des Krieges erwächst, größer als die bisherigen Kosten sein wird, die er freiwillig in gewisser Höhe an mich übergeben wird, wenn wir Übereinkommen. Krieg fragt nicht nach dem Besitzer; er beschränkt sich auch nicht darauf, eine bestimmte Menge wegzunehmen, er verschont nichts, nimmt alles, was er sieht und bekommen kann, sei es gemästetes oder ungemästetes Vieh. Was der Eigentümer freiwillig nicht abgeben würde, das erfaßt der Krieg; er greift sogar nach der besten ungemästeten Milchkuh für das Haus. Unter diesen Umständen glaube ich, daß diese Bedingungen Samuel nicht zu schwer werden, wenn er tiefere Einsicht in die Dinge nimmt.“ Kapitain Hermann van Wyk fragt weiter: „Wo meint Ihr, Kapitain, daß die Friedensversammlung stattfinden soll, falls Maharero annimmt?“ Kapitain Hendrik Witbooi antwortet: „Ich bin der Ansicht, sie solle hier auf meinem Platz abgehalten werden.“ Hier war dieses Gespräch beendet. Kapitain Hendrik Witbooi.
73. Witbooi an Kapitain Hermann van Wyk: Hornkranz, 6. August 1892
Mein lieber Bruder und Kapitain Hermann van Wyk! Auf Eure Ankunft und auf Euer löbliches Vorhaben hin, wahren Frieden in Gottes Namen zwischen mir und meinen Feinden zu vermitteln, senke ich heute meine Arme vor Euch, um Eurem Wunsche und Verlangen nachzukommen. Ich gebe Euch Zeit und Möglichkeit und völlige Freiheit, in dieser Angelegenheit als ein Landeskapitain zu handeln. Samuel Mahareros Worte hatten mein Herz friedlich gestimmt; die Verleugnung seiner eigenen Worte veranlaßt mich, mein Werk wieder aufzunehmen. Ich übergebe Euch, Kapitain Hermann van Wyk, die ganze Angelegenheit und bitte Euch, sie mit aller Kraft, über die Ihr verfügt, in Angriff zu nehmen, mit Hilfe und Beistand des Allmächtigen. Mit herzlichem Gebet verbleibe ich Euer Freund und Kaptain, Hendrik Witbooi.
Auf einen nicht erhaltenen Brief des Kapitain Joseph Fredericks antwortet Hendrik mit neuen Warnungen vor den Deutschen.
74. Witbooi an Kapitain Joseph Fredericks: Hornkranz, 7. August 1892
Mein lieber Bruder und Kapitain Joseph Fredericks! Euren Brief habe ich erhalten und gelesen. Ich habe mich in meinem tiefsten Herzen darüber gefreut und bin Euch sehr dankbar, daß Ihr mir Eure zwei Großleute persönlich geschickt habt. Ich ersehe daraus, daß Ihr gute Absichten habt, und hoffe, daß keine Mißverständnisse zwischen uns entstehen mögen, um so weniger, als ich mich mündlich und klar mit den beiden Leuten über Eure Ansichten ausgesprochen habe. Ich schicke Euch diesen Brief mit den beiden Männern und betone nochmals, daß ich nach Kriegsrecht die Plätze als meine Plätze betrachte. Ihr wißt ja selbst gut, daß, wenn auch das Land und der Platz des alten Oaseb nun mein Eigentum sind, dies noch keinen Schaden und Verlust für Euch bedeutet. Wie ich Euch bereits in meinem ersten Brief auseinandersetzte, ist es bei uns Kapitainen der roten Stämme so, daß unsere Leute bequem ohne Behinderung, Beschränkungen, Schwierigkeiten oder Mißgunst auf demselben Platz zusammen wohnen und wir Kapitaine alles miteinander regeln können. Bei den Deutschen ist das nicht der Fall; deshalb wünsche ich nicht, daß Ihr diesen Leuten noch weitere Rechte in unserem Land einräumt, wodurch sie sich nur noch mehr Macht und Einfluß anmaßen, und das noch dazu auf meinem Gebiet und Plätzen, die zwischen Euch und mir, wenn auch mehr nach mir zu liegen. Ich spreche nicht nur von meinem Gebiet; ich wünsche auch nicht, daß Ihr von Euren Plätzen, die noch nicht vergeben sind, etwas an diese Leute abgebt. Das möchte ich verhindern, und dem bin ich abgeneigt, und das will ich nicht haben. Denn ich bin der Ansicht, Ihr Kapitaine, die Ihr Euch unter deutschen Schutz gestellt habt, Ihr solltet alle daran denken, wie gut und nützlich es noch für Euch werden könnte, daß ich als Kapitain mich und mein Volk und Land noch ausgeschlossen habe. Das könnte Euch einst wie das Stück Fleisch erscheinen, das für kommende schwere und mühselige Tage aufgehoben wird. Ihr habt Euch den Menschen bereits ergeben, und wenn Euch diese Leute mit ihren unerträglichen, unwiderstehlichen, gewaltigen Gesetzen und Werken überfluten, dann besteht vielleicht für Euch und Eure Leute noch eine Hoffnung und Aussicht von meiner Seite, wie ich von der Lebensart von uns roten Menschen Euer Wohlgeboren bereits geschrieben habe. Ich ersuche Euch, lieber Kapitain, mich in dieser Angelegenheit gut zu verstehen. Gegen Euch bin ich nicht mißgestimmt, aber Gesetze gegen diese Leute, die ich ganz und gar nicht kenne, und deren und Vorhaben ich nicht verstehen kann. In Windhuk haben sie ihre Regierungsverordnungen schon bekannt gemacht, wie Ihr auch von Euren Leuten erfahren werdet, die aus Kapitain van Wyks Munde selbst hörten, wie die Werke der Leute beschaffen sind. Ich bitte Euch, lieber Kapitain, widerruft diese Sache, ich meine, daß Ihr dem Mann eine Farm gegeben habt. Ich sage das um Euret- und meinetwillen, und ich möchte durch Euch keine Schwierigkeiten mit den Menschen bekommen, die unter meinen Füßen bereits wie unter einem Baum graben, den man umlegen will. Sie versuchen, mich auf allerlei Weise herüberzuziehen, aber nicht mit Recht und Wahrheit, sondern mit roher Gewalt. In großer Hoffnung und Vertrauen, daß Euer Wohlgeboren mich recht verstehen, schließe ich den Brief mit Grüßen an Euch alle, die ganze Gemeinde. Ich verbleibe Euer Freund, Bruder und Kapitain, Hendrik Witbooi.
Doch fehlt es den Witboois wegen der stillschweigenden Waffenruhe mit den Herero an Beutevieh. Die Verpflegung wird so knapp, daß Hendrik sich an zwei Farmer um Hilfe wendet. Robinson wohnte in der Nähe von Gibeon und war 1891 von den Herero bei einem vergeblichen Zug gegen die Witboois beraubt worden.
75. Witbooi an Jimpel: Hornkranz, 17. August 1892
Mein lieber Freund Jimpel! Ich schicke Euch diese paar Zeilen mit einer herzlichen und flehentlichen Bitte an Euch weiße Menschen, denen ich auf meinem Gebiet erlaubt habe, frei herumzuziehen, zu wohnen, Wasser und Weide zu benutzen, mir doch heute, wo ich in großer Not und Schwierigkeit wegen meines Lebensunterhaltes bin, zu helfen. Denn ich halte es so, daß wir Freunde sind, von denen einer dem anderen helfen muß, wenn einer in Not und Hilfsbedürftigkeit zu ihm kommt und um Hilfe bittet. So komme ich heute zu Euch und flehe Euch herzlich an, mir doch mit 10 Schlachtrindern auszuhelfen. Meine Leute sterben mit mir an Hunger, und ich kann in dieser schwierigen Zeit keinen Krieg führen. Samuel Maharero hat um Frieden gebeten und ist Kapitain van Wyk um Vermittlung angegangen. Der Kapitain ist zu ihm hin, und ich muß nun erst seine Rückkehr abwarten. Außerdem haben mir die Deutschen die Zufuhr von Schießbedarf gesperrt. Ich richte deshalb die freundliche Bitte an Euch, so gut zu sein, und mir mit Kost auszuhelfen, damit ich abwarten kann, bis der Kapitain zurückkommt; ich flehe Euch an, habt Barmherzigkeit und Mitgefühl mit mir und laßt Euch die wenige Kost, die Ihr mir abgebt, nicht leid sein. Habt tiefstes Mitgefühl mit mir, lieber Freund, wie Ihr es mit Euch selbst habt, und helft mir aus diesem Mitleid heraus mit 10 Rindern. Ich richte diese herzliche und flehentliche Bitte an Euch; teilt die wenige Kost, die Ihr dort für Euren eigenen Lebensunterhalt habt, mit mir, Eurem Freund. Ich schließe und grüße Euch herzlich. Ich bin Euer Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
76. Witbooi an Robinson: Hornkranz, 17. August 1892
Mein lieber Freund, alter Robinson! Ich schicke Euch meine Leute mit einem Brief und einer herzlichen und flehentlichen Bitte. Ich flehe Euch an, helft mir doch auf Rechnung der Bitte, die Ihr an mich gerichtet habt, woraufhin ich Euch freigestellt habe, auf meinem Gebiet herumzuziehen, zu wohnen, Wasser und Weide zu benutzen. Helft mir, lieber Freund, mit 20 Rindern und rechnet einen Teil auf den Vertrag, den anderen gebt aus Freundschaft. Die Lebensmöglichkeiten sind augenblicklich sehr schlecht für mich. Lieber Freund, Ihr dürft nicht denken, daß Ihr selbst nur wenig habt und davon niemandem etwas abgeben könnt. Denkt an mich! Habt Barmherzigkeit und Mitleid mit mir und sagt zu Euch aus diesem innigen Mitgefühl heraus: „Ich muß doch dem Mann mit der wenigen Kost, die ich habe, helfen und werde mit ihm teilen.“ Denkt an mich, wie Ihr an eigene Not und eigenes Leid dächtet, als ob Ihr Euch um Eures eigenen Körpers Bedürfnisse sorgtet. Laßt Euch das Wenige, das Ihr besitzt, nicht leid tun; denn meine Leute sterben mit mir an Hunger. Krieg kann ich jetzt nicht anfangen, nachdem mir die Deutschen die Zufuhr von Waffen und Munition ganz und gar gesperrt haben und Samuel Maharero außerdem um Frieden gebeten hat. Kapitain Hermann van Wyk ist zu ihm hin, um mit ihm weiter über Frieden zu sprechen. Ich muß Kapitain van Wyks Rückkehr abwarten, und für die Zwischenzeit habe ich keine Verpflegung. Ich richte deshalb die Bitte an Euch: Zeigt Euch heute als wahrer, mitfühlender Freund und denkt an meine Leiden, als ob es Eure wären. Bemitleidet mich, wie Ihr Euch selbst bemitleiden würdet, und helft mir mit 20 Rindern, die ich mit Hoffnung und Vertrauen erwarte. Mit herzlichen Grüßen verbleibe ich Euer Freund, Kapitain Hendrik Witbooi.
Der kritische Punkt bei den Friedensgesprächen ist Hendriks Forderung nach einer Kriegsentschädigung von 3000 Stück Vieh. Aber die Versorgungslage seines Stammes ist tatsächlich schlecht; sogar fremde Jäger gefährden sie. Erstmals beansprucht Hendrik nun ausdrücklich in der Unterschrift die Stellung eines Oberhäuptlings über den ganzen Norden des Namalandes.
77. Maharero an Hermann van Wyk: Okahandja, 23. August 1892
Lieber und werter Freund Kapitain Hermann van Wyk! Euch zwecks Von Eurer Ankunft und davon, daß Kapitain H. Witbooi Friedensverhandlungen geschickt hat, habe ich gehört. Ich will Euch darauf Antwort geben. Zu I. Ich sage „Ja“ zu Eurer Bitte. Alles hängt von Hendrik ab, Krieg oder Euch Frieden. Wenn es wahr ist, daß er seine Arme vor Euch senkt und Vollmacht zum Abschluß des Friedens zwischen uns gegeben hat, dann stimme ich auch für Frieden. II. Es ist ferner mein und meines Volkes fester Wille, daß der Frieden hier in Okahandja geschlossen wird. Ich verbleibe Kapitain Samuel Maharero, Oberkapitain des Hererolandes.
78. Witbooi an Hermann van Wyk: Rehoboth, 4. September 1892
Mein lieber Bruder und Kapitain Hermann van Wyk! Ich habe verstanden, und zwar schriftlich aus dem Brief von Kapitain Samuel Maharero und mündlich. Ich habe nichts dazu zu sagen, da ich die ganze Angelegenheit Euch übergeben habe und Ihr meine Vollmacht besitzt. Es sind drei Punkte, die meiner Vollmacht zugrunde liegen; wenn Kapitain Samuel Maharero in diese drei Bedingungen einwilligt, dann stimme ich dem Frieden zu. I. Er hat mir meine Mühe und Kosten zurückzuzahlen, und zwar durch 3000 Stück Groß- und Kleinvieh. II. Alle meine Leute, die er gefangen genommen hat, groß und klein, muß er zurückgeben. III. Die Friedensversammlung kann auf Eurem Platz Rehoboth stattfinden. Wenn Kapitain Samuel und sein Volk das tun, bin ich für den Frieden. Ich verbleibe Hendrik Witbooi, Oberkapitain von Nord-Großnamaqualand.
79. Witbooi an Andries Piek: Hornkranz, 9. September 1892
Mein lieber Freund Andries Piek und alle, die bei Euch sind! Ich schicke Euch allen diese wenigen Zeilen. Ich hörte, daß Ihr in Richtung auf die Bai gezogen seid und dort jagt. Ich teile Euch Folgendes mit: Ihr habt doch freie Jagdgründe genug und könnt jagen, wo Ihr wollt; ich aber habe keine freien Jagdgründe zu meiner Verfügung, und das Gelände, auf dem Ihr jetzt jagt, ist alles an freiem Jagdland, was ich zur Verfügung habe, von dem meine schwachen Frauen und Kinder und meine sämtlichen Leute leben. Ich bin deshalb darüber ungehalten, daß Ihr auf diesem Gebiet jagt. Geht also Euren Weg weiter, liebe Freunde, und jagt nicht dort. Laßt dieses Gelände still liegen. Ihr wißt ja selbst, wie schwach meine Lebensmöglichkeiten in jeder Beziehung sind, und dieses Gelände ist das einzige, das mir weiter helfen kann. Setzt also die Jagd auf diesem Gelände nicht fort. In der Hoffnung, daß Ihr mich nicht mißversteht, schließe ich meinen Brief mit herzlichem Gruß an Euch alle. Ich verbleibe Euer Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
80. Maharero an Hermann van Wyk: Okahandja, 22. September 1892
An den lieben Kapitain Hermann van Wyk! Ich teile Euch hierdurch mit, daß ich den Brief, den Kapitain Witbooi an Euch geschrieben hat, erhalten habe. Auf die drei Bedingungen antworte ich wie folgt: I. Der Friede soll in Rehoboth geschlossen werden. II. Die Kriegskosten, die Kapitain Hendrik von mir fordert, werde ich nicht bezahlen, da ich nicht weiß und nicht verstehe, wofür ich sie bezahlen soll. III. Über die gefangenen Menschen habe ich jetzt nichts zu sagen, da der Friede erst einmal geschlossen sein muß; wenn Hendrik und seine Leute hier zwischen uns herumlaufen und dabei auf einen ihrer Leute treffen, zurückdann sollen Hendrik und seine Leute das Recht haben, die Leute zufordern, und ich und meine Leute werden solche Menschen bestimmt herausgeben; denn dann sind wir im Frieden und sind Freunde. Hendrik wünscht ferner, daß ich einen Mann nach seinem Platz schicke und dessen Namen mitteile: sein Name ist Johannes, ein Ältester. Dieser Brief enthält meinen und meines Volkes festen Entschluß. Ich verbleibe Kapitain Samuel Maharero, der Oberkapitain des Hererolandes.
Während der Friedensgespräche wendet sich Hendrik erneut an die deutsche Verwaltung wegen eines geschäftlichen Konflikts mit einem gewissen Otto (s. Nr. 62). Vom Kapitain der Franzmannhottentotten, Köpper, an dem kriegerischen und auch noch unabhängigen Simon den Hendrik ebenfalls geschrieben hatte, erhält er eine unfreundliche Antwort.
81. Witbooi an den deutschen Kommissar Köhler: Rehoboth, 3. Oktober 1892
Hochwohlgeborener deutscher Kommissar Herr Köhler! Vor langer Zeit habe ich durch Samuel Isaak Herrn Otto um Rückgabe eines Wagens gebeten. Da er ihn nicht zurückgeben wollte, hat er mit Euer Wohlgeboren gesprochen, und Sie haben mich um eine Erklärung gebeten, weshalb ich Samuel wieder zu Ihnen schickte. Er traf Sie aber nicht geschrieben, der mich an. Darauf habe ich an den Herrn Hauptmann wieder an Sie verwies. Ich schicke Euer Wohlgeboren deshalb heute die Erklärung wegen des Wagens.
Otto hat den Wagen vor zwei Jahren von mir gemietet, um damit Frachten nach Rehoboth zu fahren, unter der Bedingung, daß er die Hälfte des Frachtgeldes an mich bezahlt. Ich habe Otto einen Wagen mit 8 Ochsen gegeben, da mir das Angebot günstig erschien. Bis heute habe ich Otto nicht wiedergesehen, auch nichts von ihm erhalten. Ich ersuche Euer Wohlgeboren, mir den Wagen zurückzugeben. Seien Sie so gut und nehmen Sie Otto den Wagen weg, und schicken Sie den Wagen mit 5 Ochsen durch Herrn Joh. Diergard zurück. In der Hoffnung, daß Sie mir den Wagen zurückgeben, schließe ich mit herzlichen Grüßen. Ich verbleibe Hendrik Witbooi, Oberkapitain des Groß-Nordnamaqualandes.
82. Simon Köpper an Witbooi: Goas-xas, 3. Oktober 1892
Wohlgeboren Herrn Kapitain Hendrik Witbooi! Ich habe Euren Brief erhalten und den Inhalt gelesen. Die Dinge, die Ihr gesehen habt, könnt Ihr mir mitteilen, damit auch ich darüber Bescheid weiß. Ich habe auch Eure Bitte um Schießbedarf verstanden; ich habe aber keinen Schießbedarf und kann Euch deshalb nicht helfen. Ferner bitte ich Euch freundlichst und frage bei Euch an, lieber Bruder und Kapitain, was es mit den Menschen auf sich hat, die Ihr mir verbietet. Ich verstehe nicht, ob ich oder Ihr gemeint seid. Andere Menschen kenne ich nicht. Ich kenne allein die Menschen von uns beiden und weiß nicht, welchen Menschen ich etwas verbieten soll. Sagt mir bitte deutlich, ob Ihr mich meint. Mit diesen Worten schließe ich meinen kleinen Brief. Ich verbleibe mit Grüßen und bin Euer Bruder, Simon Köpper.
83. Witbooi an Hermann van Wyk: Rehoboth, 4. Oktober 1892
Mein wohlgeborener Bruder und Kapitain Hermann van Wyk! Ich habe alles, was den Frieden betrifft, in Eure Hand gegeben, und Ihr könnt in aller Freiheit alles tun, was wir besprochen haben. Ich werde damit zufrieden sein, wie wir es besprochen haben. Was die Friedensbedingungen anbetrifft, so habt Ihr das in Eurer Hand. Fördert die Angelegenheit mit freiem Mute, soweit der Herrgott Euch Kraft dazu gibt. Hiermit schließe ich mit Grüßen. Ich verbleibe Euer Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
84. Den deutsche Kommissar Köhler an Witbooi: Windhuk, 10. Oktober 1892
An den Kapitain Hendrik Witbooi, Hornkranz! Ihren Brief in der Klagesache gegen Otto habe ich erhalten. Ich habe Otto vernommen, wobei er angab, daß Ihr ihm auf die Schuld von £ 68/19/0 am 10. Oktober 1890 £ 36/6/0 in Groß- und Kleinvieh bezahlt habt, so daß Ihr ihm heute noch £ 32/13/0 schuldet. Der Wagen befindet sich hier. Sobald Otto von Euch die Summe von £ 32/13/0 erhalten hat, wird er den Wagen zurückgeben. Falls Ihr beabsichtigt, ihm den Wagen zu überlassen, so soll Eure Schuld an ihn damit abgegolten sein.
Mit Grüßen! Der kaiserliche Richter im westafrikanischen Schutzgebiet: Köhler.
Anscheinend wurde die Waffenknappheit so groß, daß Hendrik zur Beschlagnahmung greifen mußte. Es könnte sich aber auch um ein Dokument zur Verschleierung eines Kaufes handeln. Faber wurde nämlich von den Deutschen bestraft, weil er Hendrik acht Gewehre verkauft hatte.
85. Eine Erklärung von Witboi: Oktober 1892
Ich, der Unterzeichnete Hendrik Witbooi, Oberkapitain von Groß- Namaqualand, erkläre hiermit, daß ich acht Gewehre, das Eigentum von Herrn Q. Faber, zweien seiner Mietlinge unterwegs bei Rehoboth weggenommen und mit Beschlag belegt habe, in der Absicht, dem Besitzer die Gewehre abzukaufen oder abzuhandeln, sobald ich ihn persönlich sehe. Als die genannte Person davon in Rehoboth erfuhr, ist sie wegen der Gewehre sofort zu mir nach Hornkranz gekommen und sagte mir, sie könne die Gewehre nicht verkaufen, da der Verkehr mit Schußwaffen durch die deutsche Regierung gesperrt sei. Die fraglichen Gewehre habe ich ihm nicht zurückgegeben.
Großen Wert legt Hendrik auf seine durch Eroberung gewonnene Hoheit über den Platz des Roten Volkes Hoachanas, dessen Besiedlung durch Deutsche geplant war.
86. Witbooi an die Bewohner von Hoachanas: Hornkranz, 15. Oktober 1892
Diese Zeilen richte ich an Euch, mein Platz Hoachanas! Mein verstorbener alter Großvater und Kapitain David Moses Witbooi hat Euch im Jahre 1865 mit seinem Blut vom alten verstorbenen Kapitain Cornelius Oaseb erkauft. Im Jahre 1889 habe ich Euch zum zweiten Mal vom gewesenen Kapitain Manasse Noreseb mit meinem Blut erworben. Ich bitte Euch deshalb, jedem Menschen, der zu Euch kommt, zu erklären, daß Ihr ein doppelt von mir erkaufter Platz seid. Ihr dürft vor niemandem, wer es auch sei, verschweigen, daß Ihr mein Platz seid, denn zweimal habe ich Euch durch Krieg und meines Volkes Blut erworben. Bald werde ich meine Brunnen bei Euch graben zum Vorteil meiner Macht. Ich schließe und verbleibe Hendrik Witbooi, Oberkapitain von Nord-Großnamaqualand. [Nachsatz:] Johannes, ich schicke diesen Brief an Euch; Ihr habt jedem Einzelnen dieses Papier zu zeigen: verwahrt es wohl, damit es nicht zerrissen wird oder verloren geht. Ich übergebe es Euch als Platzaufseher.
Unter Leitung des Hermanus van Wyk begann am 15. Oktober in Rehoboth die Friedenskonferenz. Hendrik war persönlich anwesend, während sich Samuel Maharero durch Johannes Mupurua vertreten ließ. Hendrik verzichtet schließlich auf Kriegsentschädigung, besteht aber auf persönlichem Abschluß mit Samuel Maharero. Unterdessen läuft der Rechtsstreit mit Otto weiter.
87. Witbooi an Johannes Mupurua: Rehoboth, 22. Oktober 1892
Mein lieber Abgesandter Johannes Mupurua! Ihr seid nach hier gekommen, und ich habe Euch am 16. d. M. mit Freude und Dankbarkeit begrüßt. Ich hörte, daß Ihr zu mir gekommen seid, um Frieden zu schließen und zu bekräftigen. Folgendes habe ich Euch, lieber
Freund, zu sagen: Ich schließe Frieden mit meinem ganzen Volk und in Anwesenheit von Kapitain Hermann van Wyk. Auch nehme ich Ihre Versicherung in Gegenwart von Kapitain Hermann van Wyk an, daß Euer Kapitain und sein ganzes Volk friedlich gesinnt sind. Nachdem ich Euch alles mitgeteilt und Euch meine Friedensbereitschaft zu erkennen gegeben habe, muß ich Euch sagen, daß ich mit Euch, mein lieber Abgesandter Joh. Mupurua, den Frieden nicht abschließen und in Kraft setzen kann. Der Abschluß des Friedens ist eine so wichtige Sache, daß nur wir zwei Oberhäupter ihn schließen können. So geht denn zurück mit den Friedensbeweisen, die Ihr von mir gesehen und gehört habt, berichtet Eurem Kapitain und bringt ihn selbst hierher, damit wir in Rehoboth in Gegenwart von Kapitain van Wyk Frieden schließen können. Als sichtbares Zeichen meiner friedlichen Absichten gebe ich Euch vier meiner Leute mit, damit Ihr Euren Kapitain überzeugen könnt, daß ich für Frieden bin. So nehmt denn diese Leute und reist mit ihnen ab. Grüßt Euren Kapitain herzlich von mir. Ich verbleibe Hendrik Witbooi. Oberkapitain von Groß-Nordnamaqualand. Die Namen der vier Leute sind: Samuel Isaak, mein Schreiber, Gert Pinaar, Unterkapitain, Jakobus Jager Afrikaner, Korporal. Schullehrer Hendrik Witbooi, mein Sohn.
88. Witbooi an Köhler: Rehoboth, 22. Oktober 1892
Wohlgeborener kaiserlicher Richter Köhler! Ich habe Euren Brief erhalten, der mich gar nicht befriedigt. Ich habe die Schuld gemacht, um sie zu bezahlen, habe aber Otto seither nicht mehr gesehen, und er hat mich auch nicht darum gebeten, ich bin jedoch willens zu zahlen. Den Wagen hat er unter den Bedingungen gemietet, die ich Euer Wohlgeboren in der Erklärung angegeben habe. Wenn Otto mich um Bezahlung bittet, werde ich die Zahlung nicht verweigern; aber dann sollten Euer Hochwohlgeboren, Herr kaiserlicher Richter, mir auch das Mietgeld für meinen Wagen und die Ochsen bezahlen. Ich bitte, sich noch etwas zu gedulden und meine Sache weiter zu betreiben, so wie ich es in meiner Erklärung zur Sache angesprochen habe. Mit Grüßen schließe ich und verbleibe Hendrik Witbooi. Oberkapitain von Groß-Nordnamaqualand.
Trotz Hendriks Drängen kommt Samuel Maharero nicht persönlich zum Abschluß des Friedens nach Rehoboth. Nichtsdestoweniger hat er den Friedensschluß akzeptiert.
89. Maharero an Witbooi: Okahandja, 1. November 1892
Mein lieber werter Kapitain Hendrik Witbooi! Ich und meine Leute haben mit Euren Leuten am 27. [vergangenen] Monats in Freude und Dankbarkeit Begrüßung gefeiert. Ich habe alles von ihnen gehört und habe den Brief selbst gelesen und seinen Inhalt verstanden. Es war meinem Herzen eine große Freude, daß Ihr und mein Abgesandter Johannes Mupurua soweit über den Frieden einig geworden seid und daß Ihr mir als äußeres Zeichen bestimmte Leute geschickt habt, an denen ich gesehen und aus deren Munde ich gehört habe, daß Ihr und Euer Volk friedlich gesinnt seid; von Euren Leuten werdet Ihr erfahren, daß ich und mein ganzes Volk ebenfalls friedlich gesinnt sind. Was den Friedensschluß weiter angeht, so erklärtet Ihr meinem Abgesandten Johannes Mupurua, daß der Frieden eine wichtige Sache ist, die nur wir zwei Oberhäupter erledigen können, und er solle zurückgehen, um seinen Kapitain zu holen und nach Rehoboth zu bringen, damit wir zwei in Rehoboth in Gegenwart von Kapitain Hermann van Wyk im Namen Gottes Frieden abschließen könnten. Gegen meine persönliche Einladung nach dort habe ich nichts einzuwenden; denn Friedensschluß ist eine sehr gewichtige Sache, die schwer durch Abgesandte zu erledigen ist. Ich werde auch persönlich kommen, da Ihr mich darum bittet. Aber nehmt es mir, lieber Kapitain, nicht übel, wenn ich nicht sofort komme; es soll nicht so aussehen, als wollte ich Abstand davon nehmen. Hier aber sind jetzt soviel Hindernisse, vor allem die Zustände im Land. Ich habe mir überlegt, was ich machen soll; soll ich zuerst nach dort gehen, oder wie soll ich es machen? Ich habe mich entschlossen, vorerst hierzubleiben, die Werften in Ordnung zu bringen und zu arbeiten, denn die Leute haben es recht eilig. Wenn ich zuerst nach dort komme, so scheint es mir hier zu spät zu werden. Ich will deshalb erst die Werften an den zwei Flußläufen, dem Nasob und Swakop, einrichten. Diese zwei Flußgebiete sind infolge all der Kriege zu Wüsten geworden. Die Menschen, die dieses Land übernehmen sollen, müssen sich dort erst einrichten. Ich scheue mich deshalb, jetzt nach Rehoboth zu gehen; der Frieden ist ja soweit abgeschlossen, und der endgültige Abschluß und die Bekräftigung sollen uns nicht behindern; ich habe hier allerlei Schwierigkeiten. Ich möchte ernstlich an die Arbeit gehen. Jeder uns gehörige Platz soll durch unseren Stamm besiedelt werden. Die stärksten und kräftigsten unserer Stämme sollen sich mit Macht ins Zeug legen, und nichts soll versäumt werden. Versteht mich also recht, lieber Kapitain, macht Euch Eurerseits auch an die Arbeit, und wenn wir all unser Land durch Besiedlung in der Tat als unser Eigentum nachweisen können, dann werden wir uns treffen, große Feiern abhalten, Frieden schließen und bekräftigen, jeden Tag, jede Stunde, jedes Jahr, das Gott, der Herr, uns noch schenkt. Ferner habe ich hier erfahren, daß die Buren in unser beider Land kommen wollen. Denkt daran und gebt ihnen den Weg durch Euer Gebiet nicht frei, damit sie nicht nach hier kommen oder sich bei Euch dort niederlassen. Setzt alles daran, sie am Zuzug zu hindern, und wartet nicht ab, bis das ganze Land voll von ihnen ist. Herzliche Grüße an Euch, Eure Frau und Kinder. Ich verbleibe Kapitain Samuel Maharero, Oberkapitain von Hereroland.
90. Witbooi an Maharero: Rehoboth, 10. November 1892
Mein lieber Bruder Kapitain Samuel Maharero! Als äußerliches Zeichen meiner und meines Volkes friedlicher Absichten habe ich Euch das erste Mal vier Leute geschickt. Ich schicke nochmals drei Leute, die Euch nach Rehoboth abholen sollen. Von Herzen bitte ich Euch, mein lieber Bruder Samuel, doch dort alles liegen zu lassen und mit den Mannen nach hier zu kommen. Laßt die Leute diesmal nicht allein kommen. Wenn die Leute zurückkommen, würde ich Euch gerne unter ihnen sehen. Der Frieden, den wir schließen, ist ein von Gott in unsere Hände gelegter Friede. Wenn andere Menschen, wie wir hören, uns in Gefahr bringen wollen, um unser Friedens werk zu verhindern, so wollen wir uns um diese Leute nicht kümmern; wollen uns nicht durch sie in unserem Werk hindern lassen, sondern unser Friedenswerk fortsetzen. Laßt diese Dinge von selbst in die Bahn unseres Friedenswerkes kommen. Das liebliche Werk des Friedensschlusses aber wollen wir nicht aufschieben. Jahrelang haben wir unseren himmlischen Vater mit schweren Seufzern um Frieden gebeten; der Herrgott hat uns erhört, und wir, unsere Frauen und Kinder, haben großen Durst nach Frieden. Wir wollen diesen Frieden genießen; wir wollen dieses Werk des Herrn, das in unsere Hand gegeben ist, nicht durch Menschenwerke behindern lassen, sondern Gottes liebliches Werk fortsetzen, damit die rechte Zeit zum Frieden nicht durch Menschenwerk an uns vorübergeht. Es scheint mir jetzt die rechte Zeit gekommen zu sein, die Gott zum Friedensschluß bestimmt hat.?
Ich schicke Euch drei Leute zu, die Euch nach hier begleiten sollen. Es ist meine ernsthafte Bitte, Ihr möget mich recht verstehen, mein lieber Bruder Samuel, und ich bitte Euch nochmals und rechne mit Eurem Kommen.
Ich schließe mit herzlichen Grüßen an Euch alle. Ich bin Euer Bruder und Kapitain, der Oberkapitain von Groß-Namaqualand. Folgendes sind die Namen der drei Leute: Gert Pinaar, Unterkapitain, Jakobus Jager, Korporal, mein Schwiegersohn, Hendrik Witbooi, Schullehrer, mein Sohn.
91. Witbooi an Maharero: Rehoboth, 10. November 1892
Mein lieber Bruder und Kapitain Samuel Maharero! Meine Leute haben mir Euren Brief in Rehoboth übergeben. Ich habe alles gelesen und verstanden, was im Brief steht und was mir die Leute berichteten. Ich danke Gott, unserem Herrn, von ganzem Herzen, daß er es so weit gebracht hat, daß jeder von uns die Mannen des anderen begrüßen kann und außer Zweifel steht, daß wir miteinander einen wahrhaften Frieden geschlossen haben. Eure Worte haben mich sehr befriedigt, von Herzen erfreut und erbaut. Die Gründe, die Euch hindern, nach hier zu kommen, sind gut, aufrichtig und recht, und ich vermisse nichts in Eurem Brief. Aber mein lieber Bruder Samuel, ich teile Euch in diesem Brief nochmals die Gedanken mit, die mich bewegen, und was ich über die Vorgänge denke. Ihr seht und beobachtet selbst Dinge, die für unser Volk und Land gefährlich und schädlich sind, und Ihr könntet dadurch behindert sein, daß Ihr zunächst die richtige Einstellung diesen Dingen gegenüber finden müßt. Ich denke folgendermaßen, lieber Bruder: Gerade weil die großen Gefahren vor uns stehen und uns bedrohen, möchte ich vor allen Dingen erst hören, daß wir zwei Kapitaine uns begrüßen, den Frieden klar beschließen und ihn, der bisher nur äußerlich geschlossen ist, bekräftigen. Ich ersuche Euch deshalb in Liebe und Vertrauen nochmals, mein lieber Bruder Samuel, dieses Mal doch meinen Wunsch zu erfüllen. Ich rate Euch, beeilt Euch, nach hier zu kommen, solange Ihr von den Vorgängen, die Ihr dort seht und hört, noch nicht berührt seid. Kommt nach hier, wohin uns anderen Kapitain van Wyk als unparteiischer Kapitain eingeladen hat. Alle anderen Angelegenheiten laßt liegen und übergebt die Sachen, die Ihr dort in Ordnung bringen wollt, einigen Eurer Großleute und sucht nach Weg und Möglichkeit, schnellstens nach Rehoboth zu kommen, sobald Ihr diesen Brief erhaltet. Verschließt den Angelegenheiten dort Augen, Ohr und Herz und seht gar nicht hin; denn die Angelegenheit zwischen uns ist nötiger und wichtiger; unsere Zusammenkunft hier ist eine Versöhnung. Die heilige Schrift sagt ja auch: „Wenn Ihr zum Altar geht, um zu opfern, und es fällt Euch ein, daß Ihr noch etwas mit Eurem Mitbruder habt, so steht ab vom Opfer und geht erst zu Eurem Bruder und söhnt Euch aus.“ Genau so verhält es sich mit unserer Angelegenheit. Laßt alles liegen, was Euch behindert, beeilt und zwingt Euch, damit wir Zusammenkommen können, lieber Bruder Samuel. Ich erfahre hier auch alles, was Ihr dort hört; und da diese Dinge so schnell vorwärts getrieben werden, möchte ich zunächst haben, daß wir uns treffen. Schickt mir auf diesen Brief kein Schreiben mehr. Ich erwarte Euch persönlich. Mit herzlichen Grüßen an Euch und die ganze Hererogemeinde verbleibe ich Euer Bruder und Kapitain Hendrik Witbooi, Oberkapitain von Groß-Namaqualand.
Es könnte sein, daß Samuel Maharero vermeiden wollte, von Hendrik in eine gemeinsame Offensive gegen die Deutschen hineingezogen zu werden. Zwischen November 1892 und März 1893 scheint Hendrik nämlich planmäßig an einem großen Bündnis aller Nama und Herero gegen die Eindringlinge gearbeitet zu haben. Etwas davon klingt in dem Schreiben an, das er gleichzeitig als flankierende diplomatische Maßnahme an die Kapregierung richtet. Aus dem Begleitbrief (Nr. 92) an den englischen Magistrat in Walfischbucht geht hervor, daß nunmehr die Landfrage in den Vordergrund getreten ist. Die Siedlungsgesellschaft bemühte sich, nicht nur Deutsche, sondern auch Buren zum Kauf von Farmen zu bewegen, besonders im Gebiet von Windhuk. Den Rechtsstreit mit Otto behandelt Hendrik mit einer Kombination zur Schau gestellter Naivität und Schläue.
92. Witbooi an die Kapregierung: Hornkranz, 10. November 1892
Meine hochwohlgeborenen lieben Herren Kapregierung! In dem Brief, den ich Euch durch den englischen Magistrat in Walfischbucht geschickt habe, habe ich Euch mein Innerstes geklagt, was mein Werk und die Ankunft der Deutschen in unserem Land anbetrifft. Bevor ich eine Antwort auf diesen Brief von Euer Wohlgeboren empfangen habe, fühle ich mich in dieser unsteten Zeit verpflichtet und genötigt,
Euch wissen zu lassen, was mich der Zustand des Landes lehrt und wozu mich die Ankunft der Deutschen und ihr Tun veranlassen. Seitdem ich seinerzeit den ersten Brief an Euer Wohlgeboren geschrieben werden habe, werden die Taten und Gesetze der Deutschen immer ärger, immer unmöglicher und härter für unser Volk und Land. Ich halte es für etwas nötig, Euer Wohlgeboren davon Mitteilung zu machen, bevor sich zwischen uns Landeskapitainen und den Deutschen ereignet. Euer Hochwohlgeboren sollen rechtzeitig benachrichtigt werden, damit Sie schnellstens eingreifen können. Die [Deutschen] sind die Leute, die auf Eurer Konferenz einstimmig angenommene Anweisungen bekommen Eure haben. Es sieht aber garnicht so aus, als ob sich die Leute an diese Beschlüsse halten wollten. Wir haben hier gehört, daß sie mit Euer aller Zustimmung nach diesem Lande kommen wollten, um den Krieg stillzulegen und durch freundliche Worte und Bitten Frieden zu bringen, nicht aber durch Anwendung von Gewalt. Auch Schutzverträge können sie mit uns abschließen, aber auch nicht mit Gewalt, sondern mit unserer Zustimmung und mit unserem freien Willen. Wir sehen nun aber je länger, desto mehr, wie die Deutschen tätig sind und und in unserem Land Gesetze aufstellen, und zwar unmögliche Taten haben, Gesetze. Die Kapitaine, die sich unter deutschen Schutz gestellt abgegeben, davon steht haben damit ihr Land nicht an die Deutschen nichts in den Schutzverträgen. Die Kapitaine selbst können die Taten und Gesetze der Deutschen nicht gutheißen; denn die Deutschen nehmen den Kapitainen ihre Gebiete eigenmächtig weg, um sich selbst darauf niederan diesen zulassen, und vergeben an andere Menschen Rechte, sich aber Plätzen niederzulassen. Die Deutschen haben sich diese Gebiete weder von den Kapitainen ausgebeten, noch haben ihnen die Kapitaine diese Gebiete zur Verfügung gestellt. Auf die gleiche Art und Weise gehen sie auch auf meinem Gebiet vor, Euer obgleich ich mich mit meinem ganzen Volk und Land, wie ich Wohlgeboren bereits in meinem ersten Brief mitteilte, nicht unter deutschen Schutz gestellt habe. Die Deutschen haben daher weder das Recht noch die Macht, auf meinem Gebiet ohne meine Zustimmung und Genehmigung irgend etwas zu tun oder anzuordnen. Ich kann das Verhal— und alle weißen ten dieser Leute durchaus nicht verstehen. Sie geben an führe, und roten Menschen sagen auch so — daß der Krieg, den ich unrechtmäßig und ungerecht sei und daß der Krieg alle nützlichen Arbeiten im Land verhindert. gebracht, Der Herrgott hat es nun in seiner Allmacht und Gnade soweit daß zwischen mir und Samuel Maharero Frieden werden wird: wir stehen in Friedensverhandlungen, und ich habe gute Hoffnung, daß der Friede zustandekommt. Wir zweifeln nicht mehr am Zustandekommen des Friedens. Nun scheint es aber so, als ob die Deutschen einen neuen Krieg anfangen wollten. Sie erklären, sie kommen in friedlicher Absicht, aber dem ist nicht so. Ich sehe Blutvergießen in ihren Händen. Die Deutschen sind durchaus auf Krieg vorbereitet. Sie sagten, sie wollen uns vor den Buren beschützen, die in unser Land kommen wollten; jetzt rufen sie aber die Buren selbst herbei, bringen sie in unser Land und geben ihnen Farmen, ohne bei den Landeskapitainen anzufragen. Euer Wohlgeboren werden selbst begreifen, daß wir Kapitaine des Landes uns damit nicht zufriedengeben können und so etwas nicht zulassen können. Das, was die Deutschen Vorhaben, bedeutet nichts anderes als Krieg, und das sind Vorgänge, aus denen nach dem eben geschlossenen Frieden ein großer Krieg, veranlaßt durch die Deutschen, entstehen wird. Der Anlaß wird sein, daß die Deutschen unsere Gebiete und die Plätze eigenmächtig wegnehmen und andere Menschen ohne unsere Genehmigung in unser Land kommen lassen. Das können wir nicht zulassen, denn wir haben unsere Gebiete an niemanden abgetreten. Was der Eigentümer nicht hergegeben hat, kann niemand in Besitz nehmen. Was abgetreten ist, das ist abgetreten; was nicht abgetreten ist, das ist eben nicht abgetreten. Ich teile Euer Wohlgeboren diese Lage der Dinge mit. Sie sollen wissen, durch wen und aus welchen Ursachen es wieder zum Krieg in unserem Land kommen wird. Der Krieg der Deutschen kann jeden Augenblick losbrechen! Denn Tag für Tag sehen wir Dinge mit an, die wir nicht ruhig mit ansehen können; wir sehen, wie die Leute sich in unserem Land aufführen, wie unverträglich und unverständlich sie mit unseren Leuten umgehen. Hier will ich schließen; ich habe Euer Wohlgeboren ja alles bereits im ersten Brief mitgeteilt. Ich schließe und grüße Euer Wohlgeboren in Liebe. Ich bin Euer Freund und Oberkapitain von Groß-Namaqualand, Hendrik Witbooi.
93. Witbooi an von François: Hornkranz, 14. November 1892
Mein lieber wohlgeborener Herr Leutnant François! Letzthin habe ich in Eurer Abwesenheit einen Brief an Herrn Köhler geschickt, habe aber bis heute keine Antwort erhalten. Ich schicke Ihnen diese Leute, die meinen Wagen, Ochsen und zugehöriges Geschirr in Empfang nehmen sollen. Ich bitte Sie herzlichst, meinen Leuten mein Eigentum zurückzugeben. Was ich Otto schuldig bin, werde ich ihm bezahlen, sobald er mich darum bittet. Was ich aber dem Richter übergeben habe, will ich auch vom Richter erhalten. Otto hat mich betrogen. In der Hoffnung, daß Sie mir meine Sachen herausgeben, schließe ich mit Grüßen. Ich verbleibe Ihr Freund, Hendrik Witbooi. Oberkapitain von Groß-Nordnamaqualand.
94. Witbooi an von François: Hornkranz, 14. November 1892
Mein lieber hochwohlgeborener Herr Leutnant François! Mein Wagen hat £ 60 gekostet, wie ich ihn Otto übergab. Wenn ich den Brief des Herrn Köhler recht verstehe, soll ich noch Geld herausbekommen. Ich verlange nun mein Geld voll und ganz, entsprechend unserer Abmachung. Otto hat nicht gemäß unserer Abmachung gehandelt. Ich grüße Euch! Ich verbleibe Euer Freund Hendrik Witbooi. Oberkapitain von Groß-Nordnamaqualand.
95. Witbooi an den englische Magistrat in Walfischbucht: Hornkranz, 17. November 1982
Mein lieber hochwohlgeborener englischer Magistrat in Walfischbucht! Ich schreibe Ihnen diesen Brief, hochwohlgeborener Herr. Ich habe wieder ein Schreiben an die Kapregierung fertiggemacht und bitte Sie herzlich [doch diesen Brief weiterzubefördern], obgleich ich auf den ersten Brief noch ohne Antwort bin. Meine Absicht war, die Antwort auf das erste Schreiben abzuwarten, ich halte es nun aber für nötig, nochmals an die Kapregierung zu schreiben, denn mir scheint, das Treiben der Deutschen ist schon mehr als arg geworden. Das Gebiet, das ich den Hereros weggenommen habe, haben sie an Buren gegeben und nennen es „Niemandsland“. Selbst auf meinem eigenen Gebiet haben sie Leuten Farmen gegeben, die ich ihnen weder verkauft noch sonstwie übergeben habe. Diese Dinge erscheinen mir ganz unmöglich! Die Sache ist doch so: was gegeben ist, ist gegeben; und was nicht gegeben ist, das ist nicht gegeben. Ich kann darum nicht verstehen, mit welchem Recht sie dieses Land an die Buren geben. Ich verstehe auch nicht, mit welchem Recht sie jemandem auf meinem Gebiet eine Farm geben; denn ich habe keinen Vertrag und keine Freundschaft mit ihnen
geschlossen, wodurch sie vielleicht ein solches Recht zu freier Verfügung über meinen Grund erhalten haben könnten. Seid so gut, hoch wohlgeborener Herr, und schickt meinen Brief schnellstens an die Kapregierung. Ferner bitte ich Euch, wenn Sie etwas über den Verbleib meines ersten Briefes erfahren haben sollten, es doch dem Überbringer dieses Briefes mitzuteilen. In der Hoffnung, daß Euer Wohlgeboren mir meine Bitte erfüllen, schließe ich mit Grüßen an Sie. Ich verbleibe Kapitain Hendrik Witbooi, der Oberkapitain von Groß-Nordnamaqualand. Diese paar Zeilen schicke ich Ihnen separat. Seien Sie doch so gut, und geben Sie den zwei Leuten Verpflegung, wenn sie ankommen. Ich bin sehr dankbar, daß Euer Wohlgeboren dem Boten mit dem ersten Brief Verpflegung gegeben haben. Ich bitte wieder darum in Hoffnung und Vertrauen.
Doch wie sollen Weiße behandelt werden, die ihren Landbedarf bei einheimischen Autoritäten decken wollen? Aus gegebenem Anlaß legt Hendrik seine Grundsätze für die Verpachtung von Land fest — Verkauf kommt ja nicht in Frage. Interessant ist die Mentalität des Nomaden, die hier an manchen Stellen zum Ausdruck kommt. Für einen Europäer dürfte freilich das vorgesehene freie Ermessen des Kapitains ein unerträgliches Maß an Rechtsunsicherheit bedeutet haben. Die von Hendrik angesetzten Beträge dürfen als angemessen gelten; die Siedlungsgesellschaft hatte ihren Verkaufspreis auf eine Mark pro Kap-Morgen festgesetzt und verlangte bei Inanspruchnahme von Kredit eine jährliche Abzahlung von 500 Mark.
96. Maharero an Witbooi: Okahandja, 29. November 1892
Ich schicke Euch, Kapitain Hendrik, diese wenigen Zeilen als Paß. Meine weißen Leute kommen bei Euch vorbei. Seid so gut, und laßt sie ohne Behinderung durch Euer Gebiet reisen: gebt ihnen einen Paß Eurerseits, damit sie ohne Schwierigkeiten durch Euer Gebiet reisen können. Ich unterzeichne diesen Paß. Mit Gruß. Ich verbleibe Kapitain Samuel Maharero.
97. Bericht Witbooi wegen Vertrags mit François: Anfang April 1893
Der Wortlaut des Vertrages, den ich mit Mister François Daniel Voeis oder mit jedem anderen Menschen abschließe, der von mit Land pachtet, ist folgender und gilt vornehmlich für Frans Daniel Voeis. Ihr habt Eure Gedanken und Absichten wegen der Pacht von Land schriftlich vor mir niedergelegt, und ich habe vor Euch zugestimmt, da mir die Bewilligung Eures Gesuches angängig erscheint. Ich sagte Euch, daß ich meine Ansichten darüber Euch gegenüber gern zum Ausdruck gebracht hätte. Vielleicht nehmt Ihr aber Anstoß daran, wenn ich meine Ansicht ausspreche. Aus diesem Grund habe ich meine Gedanken und Ansichten bisher nicht ausgesprochen, erkenne aber, daß das notwendig ist. Um Euch von meinen Ansichten und Gedanken in Kenntnis zu setzen, lege ich sie schriftlich nieder: I. Wenn jemand von mir eine Farm pachten will und ich einverstanden bin, so verlange ich £ 12 per Jahr. Ich meine, nachdem ich mir seinen Besitz an Vieh angesehen habe. Sollte eine Veränderung mit seinem Vieh eintreten, so werde ich die Pachtsumme auch verändern. II. Wenn er eigene Rechte auf dem Platz einführt und mehr an das Geld denkt, das er bezahlt, als an meine schwachen Menschen, die bei ihm vorbeikommen und auf einen Bissen von seiner Hand schielen, wenn er unfreundlich ist und ihnen sein Herz verschließt, dann hat er £ 24 jährlich an mich zu bezahlen. III. Wenn er von fremden Menschen, die bei ihrer Beschäftigung oder auf der Reise auf seiner Farm vorbeikommen, dort tränken und ihr Vieh weiden lassen, Geld unter dem Vorwand fordert, daß er auch an mich — seien es Pacht bezahlen muß, wenn er fremden Menschen gegenüber weiße, rote oder schwarze — hartherzig ist, dann hat er £ 36 jährlich an mich zu zahlen. IV. Wenn er sich meinen Gesetzen nicht beugen will und sich den Beamten, die ich zu ihm schicke, entgegenstellt, gegen diese Beamten Bosheit oder Zorn zeigt, mit ihnen streitet, oder wenn er absichtlich mit Leuten meines Volkes Streit oder Kampf anfängt und ich das mit meinen Augen sehe, so werde ich diesen Mann von meinem Platz und aus meinem Gebiet ausschließen; denn ich kann nicht zwei Hunde halten, die nicht einträchtig aus demselben Napf trinken. So etwas ist nicht möglich. Vorstehendes habe ich am 9. Januar 1893 ausgestellt. Ich, der Oberkapitain von Groß-Nordnamaqualand, zusammen mit meinen Beamten und Bürgern als Zeugen. Die anwesenden Beamten sind namentlich:
1. Unterkapitain Abel Isaak. – 2. Rat Jakobeus Rooman. – 3. Rat Paul Arie. – 4. Magistrat Jan Visser. – 5. Magistrat Daniel Pitter.6. Magistrat Petrus Jood. – 7. Korporal Jakob Jager. -8. Hauptfeldkornett Daniel Links und noch einige Beamte und alle Bürger.
Anfang April führte Hendrik eine Neubesetzung der Gemeindeämter von Hornkranz durch; anscheinend kraft eigener Autorität, aber nach Beratung mit der Gemeinde und Akklamation.
98. Witbooi an die Bewohner von Hornkranz: Hornkranz, 6. April 1893
Es wird der ganzen Gemeinde bekannt gemacht, was wir in diesen Tagen beraten und an Beamten eingestellt haben. Die Beamten haben mich um einen Unterkapitain gebeten, da wir augenblicklich keinen haben. Ich habe zugestimmt und drei Versammlungen abgehalten: eine Versammlung der Ältesten, eine der Beamten und eine Bürgerversammlung. Diese drei Versammlungen haben mir voll und ganz zugestimmt. Wir machen die Gemeinde mit dem, was wir beschlossen haben, hiermit bekannt. I. Habe ich einen Unterkapitain bestimmt, II. einen Kommandanten, III. habe ich aus der Bürgerschaft neue Beamte eingesetzt und habe auch Veränderungen unter den alten Beamten vorgenommen, wie die Gemeinde nun hören wird. Die Namen der Leute sind: 1. Samuel Isaak, Schreiber des Kapitains, 2. Daniel Pitter, Unterkapitain, 3. Isaak Witbooi, Schreiber des Unterkapitains, 4. Daniel Links, Hauptmagistrat, 5. Keizer Keizer, Kommandant, 6. Louder Bukuur, Hauptfeldkornett, 7. Jakob Pitter, Feldkornett, 8. Abel Paul, Korporal, 9. Jesaias Witbooi, Gemeinderat, 10. Salomo Witbooi, der ältere, Gemeinderat, 11. Salomo Witbooi, der jüngere, Gemeinderat, 12. Jonas Josef, Gemeinderat, 13. Markus Markus, Gemeinderat, 14. Elias Diedrick, Gemeinderat, 15. Johann van Zyl, Gemeinderat, 16. Thomas Links, Gemeinderat.
Da diese Maßnahme wenige Tage vor dem deutschen Angriff auf Hornkranzdurchgeführt wurde, kann sie als Indiz dafür gewertet werden, daß die Witboois vollkommen ahnungslos waren. Mit diesem Eintrag (Nr. 95) endet das Register Hendrik Witboois. Da aber weitere Originaldokumente vorliegen, die es gestatten, die Ereignisse bis zu ihrem Abschluß zu verfolgen, konnten die Herausgeber zusätzliche Quellen (Nr. 96—Nr. 120) anfügen, ohne den Charakter der Aufzeichnungen zu verändern.
Krieg mit den Deutschen und Niederlage
Von François forderte mehrfach Verstärkungen an und erhielt sie dank seiner guten Beziehungen auch. Mit seiner letzten Forderung nach weiteren 200 Mann legte er 1891 einen Angriffsplan gegen Hendrik Witbooi vor, den er zu Recht für den gefährlichsten Gegner hielt. Eine Niederlage der Witboois würde seiner Meinung nach die Herero stark beeindrucken, während eine Niederlage der Herero für die Witboois nur eine Ermutigung bedeuten würde. Am 16. März 1893 trafen ein Offizier, 21 Unteroffiziere, fünf Sanitäter und 189 Mann Verstärkung in Walfischbuchtein. Am 5. April erhieltvon François über Kapstadt eine neue Instruktion des Reichskanzlers. Festigung der deutschen Herrschaft war ihr Leitgedanke; militärisches Eingreifen wurde in das Ermessen des Landeshauptmanns gestellt. Von François entschloß sich auf der Stelle zum Angriff auf Hornkranz, während er Hendriks Unterkapitain Samuel Isaak bei dessen Besuch in Windhuk zur Irreführung weitere Verhandlungen ankündigte. Nach einem Gewaltmarsch wurde Hornkranz in der Morgendämmerung des 12. April mit rund 200 Mann überfallen. Dabei fanden ein Deutscher und 85 Nama den Tod, von den letzteren sollen 75 Frauen und Kinder gewesen sein. Jedenfalls wurde deren Zahl in amtlichen deutschen Verlautbarungen auf 30 reduziert. Doch Hendrik konnte mit fast allen Kriegern entkommen. Die Hütten wurden niedergebrannt und rund fünfzig Frauen und Kinder als Kriegsgefangene mitgenommen. Die großartige Siegesfeier in Windhuk erwies sich allerdings als verfrüht, denn Hendrik verschaffte sich in raschen Überfällen zahlreiche Pferde und gewann damit an Beweglichkeit gegenüber den schlecht berittenen Deutschen. Ein neues Hilfsgesuch an die Kapregierung blieb natürlich wieder vergebens. Zum Krieg entschlossen veranlaßte Hendrik jetzt den in Gibeon ansässigen Rest seines Stammes, diesen Platz aufzugeben und zu ihm an einen neuen, geheimgehaltenen Zufluchtsort im Gamsberg zu ziehen. Da sich die Rehobother Bastards von Hendriks Verhalten bedroht fühlten, schlugen sie sich nun als Verbündete auf die deutsche Seite. In den folgenden Monaten führte Hendrik aber einen recht erfolgreichen Guerillakrieg gegen die Deutschen, was ihm Prestige und Zulauf einbrachte. Ermöglicht wurden diese Erfolge durch seine weitgehende Kontrolle über den Süden des Landes, denn diese bildete die Voraussetzung fürdie ungehinderte Versorgung mit Waffen und Munition aus Südafrika durch dort ansässige Weiße, etwa den bereits erwähnten Robert Duncan. Von François forderte und erhielt unterdessen weitere Verstärkungen und wurde zum Major befördert. Erstmalig erhielt er auch zwei Kanonen, denen wegen der panischen Furcht der Eingeborenen vor Artillerie entscheidende Bedeutung zukommen sollte. Doch Hendrik kann noch recht selbstbewußte Briefe schreiben.
99. Witbooi an von François: 24. Juli 1893
Mein lieber kaiserlich deutscher Herr Franz! Ich schicke Euch diesen Brief und frage nach Eurem Befinden. Wie geht es Ihnen? Sind Sie wohlauf? Mir geht es noch nicht gut. Ich möchte Sie gern fragen, wie es mit den Leuten steht, die Sie gefangengenommen haben. Sorgen Sie gut für der Leute Seelen und Körper? Wenn Sie mit den Leuten nicht gut umgehen, so würde mir das nicht recht erscheinen. Sie als Befehlshaber haben die Leute gefangen und nach Ihrem Platz gebracht; diese Menschen sind machtlos und schwach, und falls es Ihnen schwerfällt oder unmöglich ist, die Leute zu unterhalten und gut zu behandeln, so bitte ich Sie, lieber Freund, mir doch alle Leute, die Sie von hier weggeführt haben, zurückzugeben. Lassen Sie die Leute nach Hause gehen! Ich bin das Oberhaupt dieser Menschen, und sie haben keine Schuld vor Euch, genausowenig wie ich. Sollten Sie eine Schuld bei mir festgestellt haben, die nur Sie selbst kennen, so ist das eben meine Schuld, und da ich, das Oberhaupt von allen, noch lebe, so sollten Sie die Leute an mich zurückgeben, da Sie nichts mit ihnen zu tun haben. Falls Sie Vorhaben, mich weiterhin zu bekämpfen, dann muß ich Sie, lieber Freund, bitten, mir zwei Kisten Henry-Martini-Patronen abzugeben, damit ich Ihnen den Angriff zurückgeben kann, denn ich habe mit Ihnen noch nicht richtig gekämpft. Sie haben mir den Schießbedarf gesperrt und mich angegriffen. Geben Sie mir den Schießbedarf frei, so wie es sich für große, ehrliche, zivilisierte Nationen schickt. Wenn auch ich über genügend Schießbedarf verfüge, dann können Sie mich besiegen. Das erst soll einen großen, ehrlichen Sieg für Ihre große Nation bedeuten. Ich muß nun schließen und bitte um Antwort. Mit besten Grüßen an Euer Wohlgeboren verbleibe ich Ihr Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
Zwischen Anfang Dezember 1893 und Mitte Februar 1894 versuchte von François, Hendrik in seiner Bergstellung einzukesseln. Mehrmals schien er dem Erfolg nahe zu sein, aber die Witboois vermochten jedesmal rechtzeitig durchzubrechen. Mit der erschöpften Truppe nach Windhuk zurückgekehrt, fand von François dort Major Theodor Leutwein vor, einen weiteren Liebert-Protege, den der Reichskanzler angesichts der heftigen Kritik der Öffentlichkeit an der erfolglosen Kriegführung des Landeshauptmanns zur Inspektion entsandt hatte. Leutwein besaß keine Befugnis zum Eingreifen, wohl aber die Vollmacht, an François Stelle zu treten, falls dieser fallen oder freiwillig ausscheiden sollte. Am 5. April 1894 war es soweit; von François hatte genug und ging auf Heimaturlaub. Zuvor hatten die beiden Majore eine goßangelegte Operation zur Befriedung des Landes und Isolierung Witboois durchgeführt. Ausschlaggebend war die Möglichkeit, dank der nunmehr auf runde 500 Mann verstärkten Schutztruppe feste Militärstationen in größerem Umfang einrichten zu können. Von François übernahm den Westen und gründete Stationen in Keetmanshoop, Warmbad und Bethanien, nachdem er am letztgenannten Platz einen Konflikt um die Nachfolge in der Kapitainswürde gegen Hendriks Schwiegersohn Cornelius Fredericks entschieden hatte. Leutwein sicherte den Osten. Zunächst suchte er Andreas Lambert, den Kapitain der noch übriggebliebenen Orlam von Gobabis, in dessen neuer Werft Naosanabis südlich Gobabis am Nossob auf und ließ ihn wegen verschiedener Vergehen zum Tod verurteilen und erschießen. Der Nachfolger mußte einen Schutzvertrag unterschreiben. Dann ging es über das verlassene Hoachanas nach Gochas, wo der widerstrebende Kapitain der Franzmannhottentotten Simon Köpper durch Hartnäckigkeit und Drohungen ebenfalls zum Vertragsabschluß bewegt wurde. Zum Schluß wurde in dem ebenfalls verlassenen Gibeon ein Militärposten eingerichtet. Nun erschien der Süden einigermaßen gesichert, und der neue Landeshauptmann konnte am 24. April 1894 gegen Hendrik aufbrechen, der sich in Naukluft festgesetzt hatte. Schon bevor Leutwein dort eintraf, hatte er mit Hendrik brieflich Kontakt aufgenommen, nicht zuletzt um durch den Botenverkehr ständig über den Aufenthalt des Gegners informiert zu bleiben. Der mit Hendriks Antwort auf Leutweins erste Anfrage beginnende Briefwechsel hat aber weit mehr als taktische Bedeutung.
100. 96a Witbooi an Leutwein. Naukluft, 4. Mai 1894
Mein lieber hochedler Deutsch-Kaiserlicher Herr Stellvertreter des Herrn von François! Euer Edeln fragen mich, ob ich Frieden mit Ihnen machen will oder Krieg? Darauf antworte ich: François weiß es ganz gut und Euer Hochedeln auch, obwohl Euer Edeln nicht hier waren, daß ich von alters her mit Ihnen, mit François und mit allen weißen Leuten Frieden gehalten habe. François hat auf mich nicht geschossen um des Friedens willen, sondern weil ich mit ihm in Frieden war. Ich lag ruhig in meinem Hause und schlief, da kam Francis, mich wach zu schießen, und das nicht wegen des Friedens oder einer Missetat, deren ich mich durch Wort oder Tat gegen ihn schuldig gemacht haben könnte, sondern weil ich etwas, was allein mein Eigentum ist und worauf ich das Recht habe, nicht aufgegeben habe. Ich habe meine Unabhängigkeit nicht aufgegeben, denn ich allein habe ein Recht auf das Meinige, um es jemand, der mich darum bittet, zu geben oder nicht zu geben, wie ich will. François hat mich bekriegt, weil ich mein eigenes Gut nicht hergeben wollte. Das kann ich nicht verstehen, und ich bin erstaunt und höchst verwundert, daß ich von dem Großmann François solch traurige und schreckliche Vergewaltigung erlitten habe. Zuerst wurde mir [der Nachschub] an Schießbedarf verstopft, und als ich dann mit leeren Händen dastand, wurde auf mich geschossen. Solche Werke hatte ich von François nicht erwartet, umsoweniger, als ihr weißen Menschen die verständigsten und gebildetsten Menschen seid und uns die Wahrheit und Gerechtigkeit lehrt. Ich kann nicht verstehen, daß das Sünde und Schuld ist, wenn ein Mensch sein Eigentum und Gut nicht hergeben will, wenn ein anderer Mensch danach verlangt. Ferner sage ich Euer Hochedeln, Krieg und Frieden liegen nicht in meinen Händen, denn dieser Krieg liegt nicht an mir und ist nicht durch mich verursacht, da ich François in keiner Weise Schaden zugefügt oder ihn beleidigt habe. Nun sagen Euer Hochedeln in Ihrem Briefe, daß François nach Deutschland zurückgereist ist und Sie vom Deutschen Kaiser als dessen Stellvertreter geschickt worden sind, um mich zu vernichten, wenn ich keinen Frieden haben will. Dies beantworte ich so: Der Friede ist etwas, was Gott eingesetzt hat auf Erden, denn Gott hat in seinem Wort gesagt: Es ist eine Zeit des Krieges, und es ist wieder eine Zeit des Friedens; darum will ich den Frieden nicht abschlagen, wenn Euer Edeln mit freundlicher und wahrer Aufrichtigkeit zu mir von Frieden sprechen, denn François hat meinen Frieden weggenommen. Und wenn Sie nun gekommen sind, um alles, was François unrecht und ungesetzlich an mir gehandelt hat, in Ordnung zu bringen und die Dinge, deretwegen François auf mich geschossen hat, zu erledigen und allein Frieden zu machen, dann will ich dem Frieden nicht widerstreiten. Ich werde Euer Hochedlen dann den Frieden geben und bin gewillt, Ihnen um des Herrn willen Frieden zu geben. Dies ist mein letzter Hauptpunkt, und ich will hier schließen und grüße Euch, hochedler Herr, Ich, Ihr Freund und Kapitain, Der Hauptkapitain von Namaland gez. Hendrik Witbooi
101. 96b Leutwein an Witbooi. Lager vor der Naukluft, 5. Mai 1894
An Kapitän Hendrik Witbooi, Naauklof. Deinen Brief habe ich erhalten und will versuchen, ihn klar zu beantworten. Auf Wunsch der meisten Kapitäne des Nama- sowie des Hererolandes hat seine Majestät der Deutsche Kaiser die Schutzherrschaft über beide Länder übernommen, dabei aber diejenigen Kapitäne, welche die Schutzherrschaft nicht annahmen, unbehelligt gelassen, solange sie mit den anderen Kapitänen Frieden hielten. Du aber hast letzteres nicht getan, sondern verschiedene Kapitäne des Namalandes abgeschossen und Dich schließlich in Hornkranz festgesetzt und von da Raubzüge in das Hereroland unternommen. Du hast mithin in dem Gebiete, das unter dem Schutz des Deutschen Kaisers stand, Ruhe und Frieden gestört. Seine Majestät hat Deinem Treiben lange in Geduld zugesehen, dann aber, als Du nicht davon ablassen wolltest, befohlen, daß auf Dich geschossen werde. Denn wie mit allen seinen Pflichten, so nimmt es der Deutsche Kaiser auch ernst mit seinen Pflichten als Schutzherr des Namalandes. Wenn Du ruhig in Gibeon geblieben wärest und Dein Volk in Frieden regiert hättest, so würde nicht auf Dich geschossen worden sein. Daß Du uns Weißen vorher nie etwas getan, das weiß ich wohl; aber nicht um unseres Vorteils willen ist auf Dich geschossen worden, sondern, wie oben gesagt, lediglich um der Ruhe und des Friedens des Namalandes willen. Ob Dir der Herr Major v. François das alles so deutlich erklärt hat, darüber habe ich kein Urteil; ich denke aber, daß er es getan und daß Du ihn zu lange nicht hast verstehen wollen. Jedenfalls hat es keinen Zweck, wenn wir jetzt darüber noch viele Worte machen. Unsere Pflicht ist, jetzt nur zu reden von dem, was geschehen soll, und da finde ich, daß Deine Antwort nicht deutlich ist. Ich habe Dir klargemacht, daß Du jetzt keine andere Wahl mehr hast als bedingungslose Unterwerfung unter den Willen Seiner Majestät des Deutschen Kaisers oder Krieg bis zur Vernichtung, und darauf ersuche ich Dich um klare Antwort. Der Wille seiner Majestät geht dahin, daß im Namalande jeder in Ruhe und Frieden seine Arbeit tun und kein Kapitän den anderen bekriegen soll. Welche weiteren Bedingungen Seine Majestät Dir persönlich noch stellt, das kann ich Dir erst mitteilen, wenn Du mir gesagt hast, ob Du Dich unterwerfen willst oder nicht. Ich habe Dir bereits geschrieben, daß ich jetzt noch hoffen kann, Dir günstige Bedingungen auszuwirken. Das eine sage ich im voraus und werde mich freuen, wenn Du dies ehrlich Deinen Leuten mitteilen wolltest. Wir Deutsche führen keinen Krieg gegen Deine Leute, sondern wir wollen in Frieden mit den Namas Zusammenarbeiten. Ich hoffe daher, daß Deine Leute von der Erlaubnis, bis zum 25. d. M. friedlich in ihre Wohnplätze zurückkehren zu können, recht zahlreich Gebrauch machen. Wir führen dagegen Krieg gegen Dich persönlich, solange Du Dich für den Oberherrn des Namalandes hältst und glaubst, das Recht zu haben, andere Kapitäne nach Belieben abzuschießen. Das hast Du früher so tun können, das soll aber jetzt nach dem Willen Seiner Majestät aufhören. Wenn Dir nun etwas noch nicht klar sein sollte, so halte ich es für das Beste, wir treffen uns zur mündlichen Unterredung mitten zwischen unseren Lagern; aber es muß bald geschehen, da ich wenig Zeit habe. Ich bin mit freundlichem Gruß Der Kaiserlich deutsche Landeshauptmann I. V.: gez. Leutwein, Major.
102. Witbooi an Leutwein. Naukluft, 6. Mai 1894
Mein hochgeehrter kaiserlich deutscher Herr Nachfolger von Major von Francis! Ihren Brief habe ich erhalten. Sie erklären mir deutlich, daß der Deutsche Kaiser François Befehl gegeben hat, mich anzugreifen, weil ich andere Kapitaine angegriffen habe, die unter deutschem Schutz stehen. Aber lieber Herr! Das ist doch nicht wahr! Alle Kapitaine, mit denen ich Krieg geführt habe, haben mich grundlos angegriffen, und ich habe die Angriffe nur erwidert. Nicht einen einzigen dieser Kapitaine habe ich als erster angegriffen; selbst im Hererokrieg ist zuerst auf meine Person geschossen worden. Das wissen alle Menschen, die hier und auch die, die nicht hier sind. Keiner von den Kapitainen kann mich von der Wahrheit überzeugen, daß ich irgendeinen Menschen angegriffen hätte, der mich nicht zuerst angegriffen hat. Zum Krieg mit François ist es folgendermaßen gekommen. François kam zu mir und ersuchte mich um Abschluß eines Schutzvertrages. Ich habe darüber nachgedacht, um ihm Antwort zu geben. François kommt, um sich Antwort zu holen, und greift mich an, während ich im Frieden ruhig liege und schlafe. Das war zu der Zeit, als ich bereits mit allen roten Menschen und auch den Hereros Frieden geschlossen hatte, so daß meine Leute und die Hereros miteinander verkehrten. Da ich auch mit François in Frieden lebte, war ich auf den Krieg nicht vorbereitet und habe durch François’ Krieg großen Schaden erlitten. Aber an dem Befehl des Kaisers, den er gegen mich durch François ausgegeben hat, bin ich unschuldig. Nun kommen Euer Wohlgeboren als ein zweiter vom Kaiser geschickter Mann auch mit einem Befehl an mich, Frieden zu schließen, um mich wiederum zum Abschluß eines Schutzvertrages zu bewegen. Ich gebe Euer Wohlgeboren folgende Antwort auf diese zwei Punkte: Zum Frieden wiederhole ich, was ich Euer Wohlgeboren bereits gesag habe. Ich bin aus ganzem Herzen dem Frieden geneigt, bin friedenswillig und biete Euch aus vollem Herzen, um des Herrn willen, wahren Frieden an. Wegen des Friedens, den ich Ihnen anbiete, brauchen Sie keine Zweifel zu hegen. Über den Schutzvertrag sage ich folgendes: Das, worum Euer Wohlgeboren mich ersuchen, ist genau die Sache, wegen der François mich angegriffen hat. Es handelt sich da um eine große Sache, und da Euer Wohlgeboren sagen, Sie hätten wenig Zeit, so erscheint auch mir die Zeit zu gering und zu kurz, als daß ich Ihnen in dieser kurzen Zeit und auf diesen Tag Antwort geben könnte. Ich richte deshalb an Euer Wohlgeboren die freundliche Bitte, doch so gut zu sein und mir Gelegenheit und Zeit zu geben, damit ich über diese bedeutende Angelegenheit nachdenken kann, um Ihnen dann eine wahre und feste Antwort geben zu können. Nehmen Sie zunächst den Frieden an, den ich Ihnen biete, gehen Sie nach Ihrem Wohnplatz zurück und erwarten Sie dort die Antwort auf den anderen Punkt; denn die Friedensangelegenheit, die wir verhandeln, ist keine leichte Sache, die wir in einem Augenblick oder an einem Tag erledigen könnten; es ist vielleicht mehr eine gewichtige und heilige Angelegenheit. Hiermit will ich schließen. Mit Grüßen an Sie, hochwohlgeborener Herr! Ich verbleibe Euer Freund und Kapitain Hendrik Witbooi.
103. Witbooi an Leutwein. Naukluft, 7. Mai 1894
Mein lieber hochwohlgeborener Kaiserlich deutscher Herr Nachfolger von Major François! Ihren Brief habe ich erhalten und verstanden. Trotzdem wiederhole ich meine freundliche Bitte, denn die zwei Tage Frist, die Sie mir gegeben haben, genügen mir nicht. Ihr Ansuchen an mich ist nicht leicht, es ist keine gewöhnliche Sache, sondern es ist eine schwere Angelegenheit für das menschliche Gemüt, für einen Menschen, der an sein eigenes, freies Leben gewöhnt ist. Und so ersuche ich Euch, lieber Herr, sich doch erst mit dem Frieden zu begnügen und zurückzugehen, damit ich die erforderliche Zeit habe, über die Sache ernsthaft und in Ruhe nachzudenken. Ich sage nicht, daß ich ablehne, aber lassen Sie mich meine eigene, freie Wahl in ruhigem Nachdenken treffen, damit ich in erster Überlegung einen Entschluß fasse, ob ich annehmen soll. Euer Wohlgeboren stehen mir mit Ihrer Truppe gegenüber. Diese Angelegenheit kann ich aber nur mit Zustimmung aller meiner Leute entscheiden. Drängen Sie mich also nicht durch die Anwesenheit Ihrer Truppe, und lassen Sie es nicht so aussehen, als ob ich mich in dieser Angelegenheit fügte, wenn mein Herz sich freiwillig noch nicht bereitgefunden hat. Ich bitte Euch, lieber hochwohlgeborener Herr, deshalb, erst einmal in Frieden zurückzugehen. Ich hoffe, daß Sie mich diesmal gut verstehen werden, womit ich schließe und Sie mit freundlichem Gruß begrüße. Ich verbleibe Ihr Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
104. 98a Leutwein an Witbooi. Lager vor der Naukluft, 7. Mai 1894
An den Kapitän Hendrik Witbooi, Naauklof. Mein lieber Kapitän. Ein ordentlicher Krieg ist besser als ein fauler Friede. Und wenn ich von diesem Platze ginge lediglich mit Deiner Friedensversicherung und nicht zugleich mit Deiner Unterwerfung unter den Willen Seiner Majestät des Deutschen Kaisers, so würde dies ein fauler Friede sein. Obwohl ich noch nicht lange im Lande bin, so weiß ich doch, daß Du seit 1884, mithin seit zehn Jahren, nur von Raub und Blutvergießen lebst, obwohl Du dazwischen oft Frieden geschlossen hast. Und darum werde ich nicht von Dir weichen, bis Du Dich entweder unterworfen hast oder vernichtet bist, und sollte dies Monate und Jahre dauern. Wenn es Dir persönlich jedoch so schwer wird, Du aber Deinem Volke doch den Frieden verschaffen willst, so bringe das Opfer der Selbstüberwindung, setze einen Deiner Söhne in Deine Rechte ein, und dieser mag dann den Vertrag abschließen. Dir selbst werde ich in diesem Falle das Leben verbürgen, auch das Recht des Aufenthalts außerhalb des deutschen Schutzgebiets. Ich wiederhole: „Friede ohne ausdrückliche Unterwerfung unter die deutsche Schutzherrschaft“ gibt’s für Dich und Dein Volk nicht mehr. Das ist mein letztes Wort in dieser Sache. Mit freundlichem Gruße Der Kaiserlich-deutsche Landeshauptmann I.V.: gez. Leutwein, Major.
105. Witbooi an Leutwein. Naukluft, 8. Mai 1894
Mein lieber hochwohlgeborener Herr Nachfolger von Major François! Ich habe Ihren Brief erhalten und werde mich fügen und Ihrer Bitte Folge leisten. Ich werde schriftlich noch ausführlich antworten. Warten Sie das bitte noch ab. Bis dahin werde ich meinen Sohn mit drei Beamten an meiner Stelle zu Ihnen entsenden. Ich verbleibe, Kapitain Hendrik Witbooi.
106. Witbooi an Leutwein. Naukluft, 9. Mai 1894
Mein lieber hochwohlgeborener Kaiserlich deutscher Herr Nachfolger von Major François! Aus Ihrem Brief aus Keetmanshoop ersehe ich, daß Sie mich um Frieden bitten. Ich habe Ihnen den Frieden gewährt. Sie sagten mir darauf weiter, daß Frieden ohne Schutzvertrag ungenügend sei, worauf ich gestern den Schutzvertrag angenommen habe. Sie haben mir weiter versichert, daß Sie zurückgehen werden, wenn ich in diesen Hauptpunkten nachgebe. Ich habe Ihrem Willen und Ihrem Ersuchen in diesen zwei Hauptpunkten entsprochen, weil Sie mir keine Zeit lassen wollen. Und nun verlangen Sie gestern wieder etwas, wovon in unseren ersten Briefen nicht die Rede gewesen ist. Sie haben neue Punkte als Friedensbedingungen aufgestellt und erklären mir, daß Sie mich angreifen werden, wenn ich nicht annehme. Diese Punkte sind sehr schwer für mich, vor allem der Punkt, daß ich mein Eigentum an Gewehren und Munition abgeben soll, und zweitens, daß ich nach Windhuk gehen soll. Ich bitte Sie nochmals, hochwohlgeborener Herr, zurückzugehen, damit ich darüber nachdenken kann, mit den Hauptbedingungen, die ich Ihnen bereits bewilligt habe. Ich schließe meinen Brief. Ich grüße Euer Wohlgeboren! Ich bin Euer Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
Ein Überfall der Witboois auf die Bastards veranlaßte Leutwein zur Eröffnung der Feindseligkeiten, allerdings einstweilen zur bloßen Demonstration seiner Absicht, Ernst zu machen. Zu einem vernichtenden Schlag reichten seine Truppen nämlich noch nicht aus. Daher sollte Witbooi hingehalten und in seiner Stellung festgehalten werden, bis die angeforderten weiteren Verstärkungen eingetroffen wären. Hendrik wittert zwar Unrat (Nr. 101), durchschaut das Spiel aber noch nicht. Er versucht, die Bedrohung durch Zugeständnisse abzuwenden, möchte dabei aber doch möglichst viel Unabhängigkeit für sich retten.
107. Witbooi an Leutwein. Naukluft, 20. Mai 1894
Werter Herr Kaiserlich deutscher Gesandter Major Leutwein! Ich bin Ihrem Ersuchen nachgekommen und habe mich bezwungen, habe Ihre Bitte erfüllt, damit einige Punkte, die gesetzlich erforderlich sind, in den Frieden aufgenommen werden können. Während Sie über den Frieden verhandelten, haben Sie auf uns schießen lassen. Diese Tat läßt mich verstummen und erstaunt sein. In meinem Inneren denke ich noch über dieses Euer Vorgehen nach, was Sie wohl damit bezwecken und was eigentlich die Grundlagen Ihrer Friedensverhandlungen sind; aber ich komme nicht auf den Kern der Sache. Ich bin still geworden, um erst Ihre weiteren Taten abzuwarten. Heute stellen Sie mir nun wieder drei andere Bedingungen. Klar und aufrichtig werde ich Ihnen antworten, wie ich mich auf jedes Menschen Worte hin klar und aufrichtig ausspreche. Ich habe mit Ihnen aus voller, innerer Überzeugung verhandelt; was ich gesprochen habe, habe ich aus Überzeugung gesprochen. Ich überlasse daher alles Ihnen, was Sie tun wollen, was Sie tun oder lassen werden. Meine Antwort auf Ihre erste Frage: Den Begriff „Frieden schließen“ verstehe ich so, daß jede am Friedensschluß beteiligte Partei ihr eigenes Staatsleben, ihre Rechte und alles, was von altersher ihr Eigentum ist, behält. So habe ich es beim Friedensschluß mit jeder Nation gehalten, die mit mir im Frieden lebt und mich nicht mehr angreifen will. Die Antwort auf No. 2: Meinen Sohn Hendrik habe ich auf Ihre Bitte hin zu Ihnen geschickt, um Ihnen die Aufrichtigkeit meiner Absichten zu zeigen. Er ist mein Sohn, der unter meinem Befehl steht. Antwort zu No. 3: Wenn Sie mir Frist bewilligt hätten, dann erst hätte ich sehen können, wieviel Zeit ich brauche. Statt dessen haben Sie mich angegriffen. Jeder Mensch, der eine Beschäftigung hat oder betreibt, braucht Zeit, um nachzusinnen, wie er eine Sache zu seinem Vorteil betreibt. Diese unsere Angelegenheit ist aber eine noch ernstere, auf die man sich vorbereiten muß. Zum Schluß: Die Rinder der Bastarde habe ich nicht während der Friedensverhandlungen weggenommen; damals war noch freie Kriegszeit, und ich war ungebunden und konnte tun, was ich wollte, da ich mich niemandem gegenüber wegen des Friedens festgelegt hatte. Es ist also vor unseren Friedensverhandlungen geschehen. Ich schließe hier mit Grüßen. Ich bin Euer Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
108. Witbooi an Leutwein. wahrscheinlich 21. Mai 1894
Werter Herr Major L.! Sie haben mich erst heute wieder zu einer Aussprache eingeladen. Auch vorher haben Sie mich zu Friedensverhandlungen eingeladen, und nachdem ich auf Sie gehört hatte und wir in Friedensverhandlungen standen, haben Sie mit Kanonen auf mich geschossen. Heute haben Sie mir erklärt, daß alle unsere Leute still an Ort und Stelle zu liegen haben. Ich habe meinen Leuten befohlen, sich untätig zu verhalten, worauf Ihre Truppe meine Leute heute wieder angegriffen hat. Ich erhalte diese Nachricht gerade, als ich Ihnen Antwort auf Ihren Brief schicken wollte. Ich verstehe nicht, wie Sie auf der einen Seite Friedensverhandlungen führen können und auf der anderen Seite fortfahren, mich anzugreifen und zu beschießen. Kapitain Hendrik Witbooi.
109. Witbooi an Leutwein. Naukluft, 22. Mai 1894
Mein lieber hochgeehrter Herr Kaiserlich deutscher Gesandter Major Leutwein! Ihren Brief, in dem Sie erklären, daß die Annahme des Friedens und des Schutzvertrages durch mich ohne die verschiedenen Punkte, die Sie mir als Friedensbedingungen vorgelegt haben, zu nichts nutze ist, habe ich erhalten. Erstens, was den Frieden angeht, antworte ich folgendes: Meine Auffassung vom Frieden ist die: Frieden ist der allergrößte, teuerste und lieblichste Schatz, den Gott uns sündigen Menschen gegeben hat. In seiner Weisheit hat Gott gesagt: „Da ist eine Zeit zum Krieg“ und: „Da ist wieder eine Zeit des Friedens“. Und nach der Wahrheit von Gottes Wort habe ich mir gedacht, daß nun vielleicht die Zeit des Friedens angebrochen ist, nachdem wir jahrelang Krieg gehabt haben. In diesem Vertrauen habe ich den Frieden, den Sie mir angeboten haben, angenommen und habe ihn als wahrhaften und aufrechten Frieden angesehen. Daß Euer Wohlgeboren diesen Frieden einen schlechten Frieden nennen, wundert mich sehr. Zu No. 2: Wegen des Schutzvertrages bemerke ich folgendes: Ich habe Schutzvertrag mit dem deutschen Kaiser abgeschlossen, so wie ich mit meinem Verstand diesen Schutzvertrag auffasse. Den Vertrag fasse ich nämlich so auf, daß die Kapitaine von verschiedenen Ländern und Königreichen als Brüder Verträge abschließen, um in Frieden zu leben und wichtige, ihre Länder und Völker betreffende Fragen zu beraten, wobei jeder Kapitain in seinem Land selbständiges Oberhaupt über sein Volk bleibt. Auf Grund dieser Auffassung habe ich mir gedacht, daß keine besondere Schwierigkeit oder Schaden entstehen kann, wenn ich mit dem deutschen Kaiser einen Schutzvertrag abschließe, und habe dem Abschluß des Schutzvertrages zugestimmt. Zu No. 3: Euer Wohlgeboren erklären, daß meine Leute in Zukunft anderen Menschen weder Groß- noch Kleinvieh wegnehmen dürfen. Darauf antworte ich: Meine Leute nehmen anderen Menschen kein Vieh ohne meinen Befehl weg. Ich nehme das Vieh weg, aber kein Vieh von Leuten, die mit mir nicht im Kriegszustand sind. Ich nehme nur denen Vieh weg, die mich zuerst angegriffen haben, was Euch die Leute von Rehoboth, die dort bei Euch sind, auch bestätigen können. Als ich mit den Hereros im Krieg lag, bin ich jedes Mal an ihren Viehständen mit meiner Truppe vorübergezogen, ohne daß sie auch nur ein Ziegenlamm oder Kalb vermißt hätten, das ich gestohlen oder mit Gewalt weggenommen hätte. Auch habe ich weder Ihnen noch anderen weißen Menschen je etwas weggenommen. Sie aber und die Rehobother Leute haben mich zuerst ohne jeden Grund oder Schuld meinerseits angegriffen, und von dem Tag ab ist Ihr Vieh auf Grund der Freiheit, die mir der Krieg gibt, für mich frei geworden. Aber falls wir wahren Frieden schließen, so weiß ich von selbst, daß alles, was im Krieg erlaubt war, nun eingestellt werden muß und daß ich kein Recht habe, Menschen Vieh im Frieden wegzunehmen. Euer Wohlgeboren kann ich versichern, daß ich niemals Menschen, mit denen ich im Frieden lebe, Vieh wegnehmen werde; denn soweit es in meiner Kraft steht, möchte ich mit allen Menschen im Frieden leben. Auch werden meine Leute nicht Vieh anderer Menschen ohne meinen Befehl nehmen; denn meine Leute stehen unter mir. Um meine Leute brauchen sich Euer Wohlgeboren daher keine Sorgen zu machen oder ihnen gegenüber mißtrauisch zu sein. Den Frieden, den ich Euer Wohlgeboren gegeben habe, werde ich nicht als erster brechen. Ich habe ihn klar und rückhaltlos angenommen, und für das Blut meiner und Ihrer Leute, das nun noch vergossen werden könnte, trage ich keine Verantwortung. Ich fühle mich frei und getrost im Herzen vor Gott und den Menschen wegen dieses Friedens, denn ich habe alles getan, was ich tun konnte. Zu No. 4: Nachdem Sie mir gesagt haben, daß der deutsche Kaiser Sie geschickt hat, damit Sie mit mir Frieden und Schutzverträge schließen, habe ich erstens den Frieden abgeschlossen und zweitens den Schutzvertrag angenommen. Zu No. 5: Euer Wohlgeboren erklären, daß Sie mir nur 2 Tage Zeit zu klarer Beantwortung der Friedensbedingungen bewilligen und daß Sie mich angreifen werden, wenn die Beantwortung länger in Anspruch nehmen sollte. Darauf gebe ich Euer Wohlgeboren folgende Antwort: Da alle diese Punkte für mich sehr schwer und hart sind, so bitte ich Sie von Herzen, sich doch zunächst mit den zwei Hauptbedingungen zu begnügen — Frieden und Schutzvertrag — und zurückzugehen. Ich glaube, obige zwei Punkte sind die Hauptursache dafür gewesen, daß so lange Blutvergießen zwischen uns war. Nach Annahme der zwei genannten Punkte fühle ich mich frei und gebe Ihnen die ganze Verantwortung, falls es nochmals zu Blutvergießen zwischen uns kommen sollte. Ich schließe hiermit und grüße Sie, hochwohlgeborener Herr. Ich verbleibe Ihr Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
Als Leutwein am 22. Mai die Nachricht erhielt, daß 250 Mann Verstärkung aus Deutschland unterwegs seien, kam er Hendrik mit einem Waffenstillstandsangebot entgegen.
110. Witbooi an Leutwein. Naukluft, 24. Mai 1894
Mein lieber hochgeehrter Herr Kaiserlich deutscher Gesandter Major Leutwein! Ihren Brief habe ich erhalten und daraus ersehen, daß Sie den Inhalt meines letzten Briefes gut verstanden haben, daß wir mit unseren Friedensverhandlungen soweit zu einer Verständigung gekommen sind und daß Euer Wohlgeboren sich nun vorgenommen haben zurückzugehen. Dem Herrgott bin ich von ganzem Herzen dankbar, daß er in dieser großen und schwierigen Angelegenheit als Vermittler zwischen uns gestanden und gewirkt hat und wir kein Blut mehr vergießen müssen, wie wir fürchteten, sondern in Frieden auseinandergehen werden. Und der Herrgott möge uns weiter beistehen, daß es nicht wieder zu Blutvergießen zwischen uns kommt. Euer Wohlgeboren sagen weiter, daß Sie mir noch zwei Monate Frist zum Nachdenken über den Schutzvertrag geben und daß ich während dieser Zeit keinen Krieg gegen Stämme unter deutschem Schutz unternehmen darf. Die Kriege, die ich mit den Stämmen geführt habe, sind keine Kriege, die ich begonnn habe, sondern die roten, schwarzen und selbst Ihr, die weißen Menschen, haben mich angegriffen, und mein Pulver ist noch nie gegen einen Menschen zuerst abgebrannt. Auch habe ich niemanden beleidigt oder geschädigt, weder mit Worten noch durch die Tat, sondern Ihr alle habt mich ohne Grund und Ursache angegriffen. Da wir nun Frieden geschlossen haben, versichere ich Ihnen, daß Sie, wie Sie auch in Ihrem Brief sagen, sich darauf verlassen und sicher sein können, daß ich mein Wort halte und nicht der erste sein werde, der diesen Frieden bricht. Ich werde niemanden als erster angreifen und niemandem Vieh wegnehmen. Euer Wohlgeboren kennen mich noch nicht. Sie sagen aber, Sie seien überzeugt, daß ich mein Wort halte. Während des kommenden Friedens werden Sie mich selbst kennenlernen und selbst herausfinden und erkennen, daß alle Dinge, deren die Menschen mich beschuldigen und weswegen sie mich angreifen, unwahr sind. Während der von Ihnen festgesetzten Zeit werde ich nichts unternehmen. Ich habe ferner noch folgendes zu fragen: Wie soll es in der Zeit der zwei Monate mit uns und unseren Leuten gehalten werden? Vielleicht werden sich unsere Leute unbeabsichtigt im Feld begegnen. Können Sie ohne Argwohn Zusammentreffen, ohne einander zu fürchten oder voreinander davonzulaufen? Von meiner Seite steht nichts im Wege, denn ich habe vollen und wahren Frieden geschlossen. Ich muß aber Leute ausschicken, um diejenigen meiner Menschen, die sich noch im Busch befinden und nichts vom Friedensschluß wissen, zu holen und ihnen Mitteilung von dem Frieden zu machen. Ich denke und hoffe, daß Sie ebenso verfahren werden, was Ihre Leute anbetrifft. Hiermit will ich schließen. Ich grüße Sie herzlich und freundlich und wechsele freudig und dankbar den Friedensgruß mit allen Ihren Leuten und wünsche auch, daß Euer Wohlgeboren mit derselben Freude und Dankbarkeit nach Hause zurückkehren möchten. Ich verbleibe Ihr Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi. Ferner bitte ich Euch, hochgeehrter Kaiserlich deutscher Herr, mir noch folgende Bitten zu erfüllen und entsprechende Anordnungen zu geben. Ich bitte, jeden Mann zu veranlassen, sich während der Waffenstillstandszeit dort aufzuhalten, wo er hingehört und seiner Beschäftigung nachzugehen hat. Ich denke mir das so, daß alle diejenigen, die Euch unterstellt sind, von dem Bereich, den ich mein nenne, fernbleiben und sich von allem, was mir gehört, fernhalten, bis wir die Friedensverhandlungen, die wir noch vor uns haben, fortsetzen! 1. Falls Sie, wie ich gehört habe, Mannschaften nach Gibeon gelegt haben, so nehmen Sie bitte diese Leute von dort weg. 2. Vorgestern hörte ich, daß meine Leute, die ich zum Einkauf von Kaffee und Tabak nach Bethanien geschickt habe, aufgegriffen und ins Gefängnis abgeführt worden sind. In diese Sache bitte ich Euer Wohlgeboren, mir doch einen Brief zu schicken, mit dem ich die Leute frei bekomme, damit ich Tabak und Kaffee bald erhalte. Schließlich habe ich gehört, daß mein Vieh, das dort in der Nähe Eures Lagers weidet, unter Ihr Vieh gelaufen ist. Wenn das der Fall ist, so treiben Sie doch bitte mein Vieh heraus. Indem ich Euer Hochwohlgeboren mit respektvollem Herzen grüße, verbleibe ich Ihr Freund, Hendrik Witbooi, Kapitain.
Der Waffenstillstand wurde am 24. Mai abgeschlossen und sollte bis zum 1. August dauern. Beide Teile verpflichteten sich, zu jenem Zeitpunkt die alten Stellungen einzunehmen: Leutwein wie Witbooi hielten nämlich die eigene Stellung für sehr vorteilhaft. In der Zwischenzeit suchte Hendrik Anhänger bei anderen Stämmen zu sammeln, während Leutwein seine Schlagkraft durch Erwerb von Pferden verbesserte. Am 21. Mai hatte sich Hendriks wichtigster Waffenlieferant Robert Duncan in Keetmanshoop gestellt und war festgenommen worden, um zu einem Kriegsgerichtsverfahren nach Windhuk geschafft zu werden. Hendrik verteidigt ihn heftig und schiebt alle Schuld auf den „großen Mann der Gesellschaft“, womit höchstwahrscheinlich Cecil Rhodes gemeint ist.
111. Witbooi an Leutwein. Naukluft, 11. Juli 1894
Mein lieber Kaiserlich deutscher Gesandter Major Leutwein! Ich schicke Ihnen diesen Brief als Antwort auf Ihr Ersuchen, eine ausführliche und klare Antwort nach Windhuk zu senden, wie ich sie mir wegen des Schutzvertrags in der Zwischenzeit der zwei Monate überlegt habe. Bevor ich Euer Wohlgeboren auf diese Punkte Antwort gebe, halte ich es für nötig. Ihnen zuerst etwas anderes mitzuteilen. I. Nach Abschluß unseres Friedens bin ich nach unten gegangen und hörte dort und sah, daß der alte Robert Duncan verhaftet, nach Windhuk gebracht und dort von Ihnen ins Gefängnis eingeliefert worden ist, unter der Beschuldigung, mir Schießbedarf geliefert zu haben. Ich kann den Mann wahrhaftig entschuldigen und ihn davon freisprechen. Er ist in Sachen Schießbedarf unschuldig. Nicht er, sondern der große Mann der Companie war es, der mir Schießbedarf besorgt hat; und wenn sich jemand wegen des Schießbedarfs schuldig gemacht hat, so ist es der große Mann der Companie. Euer Wohlgeboren können also Duncan nicht dafür verantwortlich machen, ihn gefangensetzen und bestrafen. Ich weiß die Sache bestimmt und kann ihn davon freisprechen. Die Companie hat mir Schießbedarf auch nicht während des Krieges mit François geliefert, sondern vorher, zu der Zeit, als ich noch mit den Hereros kämpfte. Außerdem ist dieser Schießbedarf verbraucht. Den Schießbedarf, der jetzt in meinem Besitz ist und mit dem ich bis jetzt gegen François gekämpft habe, habe ich von Ihren eigenen Untertanen in Windhuk und Rehoboth gegen Pferde gekauft, kurz bevor François mich angriff. Damit habe ich bislang gegen François gekämpft. Ich kann deshalb nicht verstehen, wie Sie den Mann jetzt nach Friedensschluß meinetwegen gefangengesetzt haben. In dem Waffenstillstandsvertrag haben wir festgelegt, daß wir uns während der zwei Monate untätig verhalten wollen und daß sich der Vertrag auf alle Ihnen und mir unterstellten Leute erstreckt. Dort unten in Bethanien sitzen auch noch Leute von mir im Gefängnis, wegen deren Freilassung ich Euer Wohlgeboren bereits geschrieben habe. Diese Bitte wiederhole ich um der Wahrheit und des Rechtes willen. Lassen Sie den alten Duncan frei, lassen Sie ihn nach Hause gehen, ohne daß er Schaden an seinem Leib oder Geld erleidet, denn er ist in dieser Sache wirklich unschuldig. Lassen Sie bitte auch die Leute frei, die in Bethanien im Gefängnis sitzen. II. Auf Ihre Frage wegen des Schutz Vertrages antworte ich wie folgt: Über hochwohlgeborediese Sache habe ich ernstlich nachgedacht. Aber lieber ner Freund, ich kann Ihnen nur meine alte Antwort wiederholen. Ich kann die Sache mit dem Schutz nicht durchschauen. Die Sache erscheint mir sehr schwerwiegend und unmöglich, denn ich kann und will nicht unter Ihnen stehen. Ich bitte Sie von Herzen, lieber Freund, lassen Sie mir meinem doch meine Selbständigkeit. Ich will unabhängiger Kapitain in Land und über mein Volk sein, denn das ist mir lieb und genug, dazu bin ich geschaffen und bin es seit langem so gewohnt. Mein freies, selbständiges Leben bringt weder mir noch anderen Menschen Schaden, und ich lebe dieses freie Leben im Frieden mit mir selbst, will auch mit anderen Menschen Frieden halten und in Frieden leben. Ich werde Euch und anderen Menschen nichts Böses durch Krieg zufügen. III. Den Frieden, den ich mit Ihnen geschlossen habe, den habe ich nicht für eine bestimmte Zeit, auch nicht für zwei Monate, sondern für unser ganzes Leben abgeschlossen. Er ist auch nicht mit Ihnen allein, sondern mit der ganzen Menschheit, die auf Gottes Erdboden lebt, geschlossen. Zum Schluß versichere ich Euer Wohlgeboren nochmals, daß durch mich kein Blutvergießen zwischen uns entstehen soll. Endlich hoffe ich, daß Sie mir eiligst Antwort auf diesen Brief schicken werden. Ich schließe hiermit und schicke Euer Wohlgeboren freundliche Grüße. Ich verbleibe Ihr Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
Hendrik war sich vielleicht über den Unterschied zwischen Waffenstillstand und Frieden nicht ganz im klaren. Jedenfalls möchte er die Waffenruhe verlängern, während Leutwein nach dem 1. August zwar noch nicht angreift, da seine Verstärkungen noch auf sich warten lassen, wohl aber vorrückt und Bäume fällen läßt, um das Schußfeld frei zu bekommen.
112. Witbooi an Leutwein. Naukluft, 15. August 1894
Mein lieber und hochgeehrter Herr Kaiserlicher Hauptmann Leutwein, Major! Wie kommt es, daß Sie sich so still verhalten? Kommt der Dolmetscher noch nicht? Ihre Ankunft habe ich seit langer Zeit erwartet, ohne daß ich etwas Bestimmtes davon gehört hätte. Wird uns der Dolmetscher wieder unsere wertvolle Zeit wegnehmen? Die verabredete Zeit war am 1. August. Da Sie, hochgeehrter Herr, sich verspäteten, ist das obenstehende Datum herangekommen. In der Zwischenzeit sind auf Ihrer Seite Dinge geschehen, die mir nicht nach Frieden aussehen. Und mir wird immer geantwortet, es geschehe alles auf Ihre Anordnung hin. Sie lassen rund um meinen Platz Verschanzungen anlegen, ohne mich von der Bedeutung dieser Maßnahme in Kenntnis zu setzen. Sprechen Sie sich darüber aus, damit ich diese Maßnahme verstehe. Ich verstehe Ihre Anordnungen nicht. Warum setzen Sie sich über mich hinweg, wenn Sie solche Anordnungen geben und durchführen lassen? Mit herzlichen Grüßen Ihr Freund, der Kapitain Hendrik Witbooi.
Leutwein antwortet mit einem ausführlichen Brief, von dem nur Auszüge vorliegen, abermals in der Absicht, Hendrik bis zum Eintreffen der Verstärkungen hinzuhalten. Dieser legt noch einmal seinen Standpunkt dar.
113. Leutwein an Witbooi. Lager vor der Naukluft, 15. August 1894
An den Kapitän Hendrik Witbooi, Naauklof. Dein zweimonatiges Nachdenken hat Dich also dahin geführt, daß Du die Anerkennung der deutschen Oberherrschaft abermals ablehnst. Das bedaure ich. Denn nach dem, was ich Dir bis jetzt über diese Sache geschrieben habe, mußt Du wissen, daß Deine Ablehnung einer Kriegserklärung gleichzuachten ist [. .]. Zum Schlüsse will ich Dir als Zeichen .
meines freundlichen Wohlwollens noch folgendes schreiben: Die Zeiten der unabhängigen Kapitäne im Namalande sind für immer vorbei, und diejenigen Kapitäne, die das rechtzeitig erkannt und sich offen der deutschen Regierung angeschlossen haben, das waren die klügeren, denn sie haben bei der Sache nur Nutzen und gar keinen Schaden gehabt. Ich halte Dich auch für einen klugen Mann, aber in dieser Sache hat Dich Deine Klugheit verlassen, weil Dein persönlicher Ehrgeiz Deinen Verstand verdunkelt hat. Du verkennst die Verhältnisse bis auf den heutigen Tag. Dem Deutschen Kaiser gegenüber bist Du nur ein kleiner Kapitän. Ihm Dich zu unterwerfen würde für Dich keine Schande, sondern eine Ehre sein. […] gez. Leutwein.
114. Witbooi an Leutwein. Naukluft, 17. August 1894
Mein lieber hochwohlgeborerier Herr Major Leutwein! Ihren langen Brief habe ich gestern spät empfangen. Aus dem Brief ersehe ich, daß Sie mich verschiedener Dinge beschuldigen und glauben, deswegen das Recht und die Freiheit zu haben, über mich die Todesstrafe auszusprechen und mit Waffengewalt gegen mich vorzugehen. I. Sie geben an, ich wollte Kirris angreifen. Das ist ganz und gar nicht wahr. In Wahrheit kann kein Mensch mit Recht sagen, daß er dies von mir gehört oder bei mir gesehen hat. II. Sie geben an, ich verleite Menschen zu Unrecht. Auch das ist nicht wahr. Sie sprechen von Simon Köpper. Sie persönlich waren bei Simon Köpper und haben gesehen, wie sehr er ohne mein Zutun gegen Sie eingenommen war, und zwar war das, bevor ich bei ihm war. Sie können deshalb die Veränderung, die Sie jetzt an Simon Köpper wahrnehmen, nicht mir zur Last legen und können nicht annehmen, daß die Veränderung durch mich hervorgerufen worden ist; denn das ist auch nicht wahr. III. Sie sagen, ich maße mir an, Herr über gewisse Gebiete zu sein, und bilde mir ein, Recht zum Verkauf dieses Geländes zu haben. Ich antworte:
Die weißen und alle roten Menschen wissen sehr wohl, daß dieses Gebiet seit den Tagen meines verstorbenen Großvaters tatsächlich mein Eigentum ist. Denn die roten Stämme haben meinen verstorbenen Großvater, ohne daß er ihnen Veranlassung dazu gegeben hätte, angegriffen, aber er hat sie besiegt. Zweitens haben dieselben Stämme mich grundlos angegriffen; ich habe sie auch besiegt, daher habe ich ein doppeltes Anrecht auf dieses Gebiet. Nicht mit Geld, nicht als Geschenk, nicht durch List, sondern durch vergossenes Blut habe ich dieses Gebiet erworben, wie es nach altbekanntem Kriegsrecht Brauch ist. Daß das Gebiet in der Tat mein Eigentum ist, bezeugen Sie selbst dadurch, daß Sie jetzt beschlossen haben, mir das Gebiet mit Gewalt wegzunehmen, da Sie auf andere Art nicht in seinen Besitz kommen können. Wenn dieses Gebiet nicht mein Eigentum wäre, so bestünde für Sie auch keine Notwendigkeit, mich deswegen anzugreifen. Mich trifft also auch in dieser Angelegenheit keine Schuld. IV. Sie sagen, es tue Ihnen leid, daß ich den Schutzvertrag des Deutschen Kaisers nicht anerkennen will, daß Sie mir das als Schuld anrechnen und mich deswegen mit Waffengewalt strafen wollen. Darauf antworte ich: Ich habe den Deutschen Kaiser noch nie in seinem Leben und er hat mich noch nie gesehen; ich kann ihn deshalb auch nicht mit Worten oder Taten verletzt haben. Gott hat uns in der Welt über verschiedene Königreiche gesetzt, deshalb glaube und weiß ich, daß es keine Sünde oder Schuld ist, wenn ich ein selbständiges Oberhaupt über mein Land und Volk bleiben will. Wenn Sie mich jetzt wegen meiner Selbständigkeit und um meines Landes willen töten wollen, dann bedeutet das weder Schaden noch Schande; dann sterbe ich ehrlich für mein Eigentum, falls Sie, wie Sie angeben, mich wegen meiner Selbständigkeit und meines Gebietes töten wollen. Es ist wirklich keine Schuld, wenn ich Ihnen nicht unterstellt sein will, und ich habe keine Schuld an all den Dingen, die Sie mir in Ihrem Brief als meine Schuld Vorhalten und auf Grund deren Sie die Todesstrafe über mich ausgesprochen haben. Alles, was Sie anführen, sind Ihre eigenen, zu Ihrem Vorteil erdachten Gedanken und Annahmen, die Sie sich zurechtgemacht haben, um vor der Welt die Ehre von Recht und Wahrheit für sich zu haben und meine Schuld zu beweisen. Ich aber sage Ihnen, lieber Freund, mein Gewissen ist frei und ruhig, weil ich weiß, daß ich an all den Dingen unschuldig bin. Ich weiß auch, daß Sie selbst von meiner Unschuld überzeugt sind, aber Sie sagen: „Macht hat Recht“, und nach diesem Wort handeln Sie gegen mich, weil Ihre Waffen und Ihre Hilfsmittel groß sind. Darin stimme ich mit Ihnen überein, daß Sie in der Tat mächtig sind, und daß ich nichts gegen Sie bin. Lieber Freund, Sie kommen mit Gewalt und Waffen und erklären mir, daß Sie mich angreifen wollen. So werde ich mich denn diesmal gegen Sie zu wehren haben. Nicht in meinem Namen, nicht aus eigener Kraft, sondern im Namen des Herrn; im Vertrauen auf seine Kraft und Hilfe werde ich mich ihm zu Füßen werfen und mich wehren. Ferner sagen Sie, Sie seien an dem Blutvergießen, das nun kommen muß, unschuldig, und schieben mir die Schuld zu. Das ist ganz unmöglich, und ich wundere mich sehr, wie Sie so denken können. Ich habe Ihnen erklärt, daß ich den Frieden annehme und daß durch mich kein Blutvergießen entstehen soll. Und jetzt erklären Sie, mich angreifen zu wollen: die Verantwortung für das unschuldige Blut meiner und Ihrer Leute, das Sie vergießen werden, liegt deshalb nicht bei mir. Ich bin nicht der Urheber dieses Krieges, somit fallt auch die Verantwortung nicht auf mich. V. Ich ersuche Sie nochmals, lieber Freund, nehmen Sie den wahrhaften und aufrichtigen Frieden an, den ich Ihnen angeboten habe; Sie bezeichnen ihn selbst als wahren Frieden und haben ihn als solchen erkannt. Lassen Sie mich in Ruhe, gehen Sie zurück! Rufen Sie Ihre Truppe zurück und gehen Sie zurück. Gehen Sie zurück von mir. Das ist meine ernstliche Bitte an Sie. Ich bin Ihr Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
Inzwischen treffen die deutschen Verstärkungen ein, und Leutwein kündigt seinen Angriff für den 20. August an.
115. Witbooi an Leutwein. Naukluft, 20. August 1894
Mein lieber Kaiserlich deutscher Gesandter Major Leutwein! Ihren Brief, in dem Sie mir erklären, daß Sie mich am 20. d. M. angreifen wollen, habe ich erhalten. Ich fühle mich aber in meinem Innern gezwungen, mich in einem Punkt zu verteidigen. Euer Wohlgeboren beschuldigen mich, daß ich den Kaiser nicht ehre. Dem ist nicht so. Ich ehre den Kaiser, und weil ich ihn weder durch Worte noch Taten beleidigen will, habe ich jederzeit das Vieh der Weißen zurückgegeben, das ich in meinen ersten Kriegen mit den schwarzen und roten Kapitainen versehentlich weggenommen habe. So habe ich sorgfältig darauf gesehen, daß ich den Kaiser nicht beleidige. Daß ich dem deutschen Kaiser nicht unterstellt sein will, das ist doch keine Sünde, Schuld oder Ehrlosigkeit, die Sie berechtigte, die Todesstrafe gegen mich auszusprechen. Ich bitte Sie nochmals, lieber Freund, nehmen Sie den guten und wahren Frieden an; greifen Sie mich nicht an, und lassen Sie mich in Frieden. Gehen Sie zurück, und senden Sie dem Kaiser zunächst diese Schriftstücke über unseren guten Frieden, damit er etwas von unseren Friedensverhandlungen sieht. Euer Wohlgeboren wundern sich ferner, daß ich sage, ich werde Ihnen Ihre Angriffe vergelten. Das ist doch begreiflich! Sie erklären, daß Sie mich am 20. d. M. angreifen wollen, und wenn Sie so etwas sagen und tun, dann kann ich doch nichts anderes sagen oder tun. Erst als Sie von Angriffen sprachen, habe ich geantwortet, ich würde mich wehren. Wenn Sie gesagt hätten. Sie würden mich nicht angreifen, so hätte ich Ihnen auch anders geantwortet; ich hätte Sie auch nicht angegriffen; denn von mir geht kein Angriff aus. Der Angriff kommt allein von Ihrer Seite, und meine Aufgabe ist es, mich zu verteidigen. Ferner teilen Sie mir mit, daß ich Ihren Brief meinen Leuten bekannt geben soll. Ich habe nach Ihrem Wunsch gehandelt und nehme an, daß Sie Ihren Leuten meine Briefe auch bekanntgeben. Mit herzlichen Grüßen verbleibe ich Ihr Freund und Kapitain Hendrik Witbooi.
Von Leutweins Antwort liegen Auszüge vor; der Rest ist aus einem weiteren Schreiben Hendriks zu erschließen. Offenbar ist von den Angriffen der Witboois auf Wagentransporte zwischen Swakopmund und Windhuk im August 1893 die Rede, ferner von dem Überfall auf Hermanns Farm in Kubub am 6. November 1893, bei dem Hendrik 3.000 Wollschafe, 150 Ochsen und 20 Pferde erbeutete, die er umgehend bei Duncan für Munition eintauschte.
116. Leutwein an Witbooi: August 1894
Auf Deinen letzten Brief vom 17. d. M. antworte ich folgendes: Daß Du Dich dem Deutschen Reiche nicht unterwerfen willst, ist keine Sünde und keine Schuld, aber es ist gefährlich für den Bestand des deutschen Schutzgebietes. Also, mein lieber Kapitän, sind alle weiteren Briefe, in denen Du mir Deine Unterwerfung nicht anbietest, nutzlos. Ich hoffe indessen, daß Du mit mir darin einverstanden bist, daß wir den Krieg, der bei Deiner Hartnäckigkeit leider nicht zu vermeiden ist, menschlich führen, und hoffe ferner, daß derselbe kurz sein werde. Ferner bin ich gern bereit, Dir auch während des Krieges jede Aufklärung zu geben, die Du wünschst, da ich dann hoffen kann, daß nicht mehr Blut vergossen wird, als durchaus notwendig ist. gez. Leutwein
117. Witbooi an Leutwein:Naukluft, 23. August 1894
Mein lieber Kaiserlich deutscher Gesandter Major Leutwein! In Ihrem gestrigen Brief beschuldigen Sie mich wieder anderer Dinge. I. Sie behaupten, ich habe wehrlose Menschen in Swakop getötet. Sie sprechen von wehrlosen und unschuldigen Menschen. Was sagen und denken Sie von den vielen unschuldigen Seelen und dem Blut der einfältigen und wehrlosen Menschen, die auf Hornkranz liegen? Blut im Schlafe liegender Menschen, von Frauen, von an der Mutterbrust liegenden Säuglingen haben Sie vergossen. Ich sage Ihnen, das Blut Ihrer Leute, von dem Sie sprechen, und das Blut meiner Leute, von dem ich spreche, das kommt auf Ihre Verantwortung; denn Sie haben mich ohne meine Schuld angegriffen. Daß ich Ihre Leute getötet habe, ist nichts als Vergeltung. Ich habe Ihnen gesagt, ich greife niemanden als erster an; alle meine Feinde haben mich zuerst angegriffen, und ich übe lediglich Vergeltung. Sie wissen ganz genau, daß Sie ebenso wie meine [anderen] Feinde gehandelt haben; folglich können Sie mich nicht für den Tod der Menschen verantwortlich machen. Hätten Sie mich nicht angegriffen, so hätte auch ich mich nicht an diesen Leuten vergriffen. II. Sie sagen, ich habe mich auch durch Wegnahme von Hermanns Eigentum schuldig gemacht. Diese Angelegenheit liegt genauso, und ich habe ihn aus demselben Grund angegriffen. Seit langem weiß ich, daß Hermann auf Kub wohnt, daß er ein deutscher Untertan ist, habe aber nie daran gedacht, gegen Hermann vorzugehen. Aber als Sie mich angriffen, habe ich erkannt, daß Sie mein ganzes Geschlecht ausrotten wollen, daß mein ganzes Volk als mitschuldig gilt und in diesen Krieg eingeschlossen ist. Daraus habe ich für mich das Recht abgeleitet, auch den Besitz des Hermann anzugreifen. Ich weiß außerdem, daß er mit seiner Person an diesem Krieg beteiligt ist. Sie haben auf diese Weise durch diesen Krieg das Ansehen und die Achtung, die ich um des Kaisers willen vor den weißen Menschen gehabt habe, untergraben. Alle diese Ereignisse sind Folgen des Krieges gegen mich, die Sie mir nicht zur Last legen können; denn ich habe keine Schuld daran. III. erlären Sie, daß Sie mich zu unterwerfen haben. Einmal ist mir das unmöglich; ich kann es nicht tun und will es nicht tun! Lassen Sie den Punkt Unterwerfung, darum bitte ich Sie nochmals von Herzen; nehmen Sie den guten Frieden an; greifen Sie mich nicht an, sondern lassen Sie mich in Frieden, und gehen Sie zurück, damit nach Abschluß dieses guten Friedens nicht wieder unschuldiges Blut durch Sie vergossen wird. Ich hatte mir vorgenommen, Ihnen noch Erklärungen wegen meines Wanderzuges und meines Gebietes zu geben; aber Sie haben gesagt, daß alles, was ich noch sage, ohne Unterwerfung zwecklos ist. Mit herzlichem Gruß verbleibe ich Ihr Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
118. Leutwein an Witbooi: Lager vor Naukluft, 23. August 1894
An den Kapitain Hendrik Witbooi, Naukluft. Mein lieber Kapitain! Mit den gegenseitigen Anklagen kommen wir nicht weiter. Ich habe von den Dingen in meinem letzten Brief nicht geschrieben, um Euch anzuklagen, sondern um Euch aufzuklären. Daß Hornkranz anders hätte angegriffen werden können, ist möglich. Sicher ist aber, daß Ihr von dort vertrieben werden müßt, wenn das deutsche Schutzgebiet zu Ruhe und Frieden kommen soll. Ebenso sicher ist, daß ich keine Ruhe und keinen Frieden für das deutsche Schutzgebiet voraussehen kann, solange Ihr Euch dem Deutschen Kaiser nicht unterworfen habt. An dieser Überzeugung ändern alle Eure Worte und Unschuldsbeteuerungen nichts. Sollte dabei wieder Blut fließen, so bekage ich das ebenso, wie wir alle das unschuldige Blut, das auf Hornkranz geflossen ist, beklagen. Mit Absicht schießt gewißlich keiner von uns auf Frauen und Kinder. Inzwischen hoffe ich, daß Ihr darin mit mir einig seid, daß wir den Krieg, der wegen Eurer Hartnäckigkeit nicht zu vermeiden ist, menschlich führen, und hoffe weiter, daß er kurz sein möge. Ich verbleibe mit freundlichen Grüßen, der Kaiserliche Landeshauptmann Leutwein, Major.
Inzwischen hatten die Deutschen den Bergstock auf drei Seiten umstellt: im Westen grenzte er an die wasserlose Sandwüste. Am 27. August begann der Angriff mit Artillerieunterstützung. Am 3. September fiel Gurus, die letzte Wasserstelle des Gebirges, in die Hand der Deutschen. Bei der Leiche des dort gefallenen Oberleutnants Distel lag ein Brief Hendriks, mit selbstgemachter Tinte auf ein Stück Papier geschrieben.
119. Witbooi an Leutwein: Gurus, 3. September 1894
Mein lieber wohlgeborener Herr Major Leutwein! Ich schicke Ihnen diese Zeilen und flehe Sie an: Seien Sie doch so gut, und drehen Sie um! Sehen Sie denn nicht, daß ich auf der Flucht bin? So große Schuld habe ich doch nicht vor Ihnen. Deshalb bitte ich Euer Wohlgeboren nochmals herzlich, den Kampf einzustellen und umzukehren. In der Hoffnung, daß Sie das tun werden, schließe ich mit herzlichen Grüßen. Ich verbleibe Ihr Freund Hendrik Witbooi, Kapitain. Lassen Sie doch nach Erhalt dieses Briefes kein unschuldiges Blut mehr fließen.
Am 4. September versuchte Hendrik, mit 250 Mann und dem gesamten Troß an Frauen, Kindern und Vieh nach Süden durchzubrechen, was ihm gelungen wäre, hätte er nicht zu seinem Unglück eine Stelle gewählt, wo der deutsche Posten Artillerie zur Verfügung hatte. Bei diesem Stand der Dinge entschied sich Leutwein im Gegensatz zu Vorstellungen seines Vorgängers von François und seines späteren Nachfolgers von Trotha gegen den Versuch einer völligen militärischen Vernichtung der Witboois für eine politische Lösung. Die deutschen Truppen waren nämlich trotz aller Überlegenheit nicht stark genug, um einen Ausbruch des taktisch versierten Hendrik Witbooi mit einem Teil seiner Krieger auszuschließen. Das hätte aber die Fortsetzung des Guerillakrieges bedeutet und das politische Ziel der Befriedung des Landes verfehlt. Auf Grund dieses Kalküls hielt Leutwein es für zweckmäßiger, Hendrik zu schonen, aber zur endgültigen Unterwerfung zu zwingen. Tsam war Hendriks letzte Stellung im Naukluftgebirge.
120. Witbooi an Leutwein: Im Naukluftgebirge, 7. September 1894
Mein lieber Freund, Kaiserlich deutscher Gesandter, Herr Major Leutwein! Ihren Brief habe ich auf der Flucht erhalten und daraus ersehen, daß Sie zu Verhandlungen geneigt sind. Ich bin einverstanden und lasse das Feuer einstellen, solange Ihre Leute nicht in das Gebirge eindringen. Antwort auf Ihren Brief werde ich Ihnen von der Wasserstelle aus schicken. Haben Sie deshalb etwas Geduld. Ich befinde mich hier in trockenem Feld ohne Wasser; das Vieh kann hier kein Wasser bekommen. Ich halte es für besser, wenn Sie meine Antwort in Naukluft abwarten, ich gehe jetzt nach dem Bezirk Naukluft. Mit guter Hoffnung, mit den besten freundlichen Grüßen, Ihr Freund, Hendrik Witbooi, Kapitain. Schicken Sie mir ein Paket Schreibpapier mit etwa 30 Stück und auch Kaffee und Tee. Hendrik Witbooi.
121. Witbooi an Leutwein: Tsam, 10. September 1894
Mein lieber wohlgeborener Herr Major Leutwein! Ihr Brief und Ihr Bote sind angekommen. Aber, Gott, was soll ich Ihnen antworten! Ich werde Ihnen einige wenige Fragen stellen, denn alles, was ich konnte, habe ich Ihnen bereits geschrieben und habe auch getan, was ich tun konnte. Frieden und Vertrag habe ich Ihnen zugestanden, aber es hilft mir nichts. Sie zwingen mir die Stellung unter ScLutzherrschaft auf, und ich kann wohl sagen, daß mir das sehr schwer fällt. Ich frage nun folgendes: Wenn ich nach Ihren Worten und Wünschen handle, wird dann mein Leben, Gebiet und alles, was mir gehört, mit aller Sicherheit mein Eigentum bleiben? Und wird mir meine Kapitainschaft sicher sein? Ich schließe hiermit in der Hoffnung auf eine volle Antwort und grüße Sie freundlich. Ich verbleibe Ihr Freund Hendrik Witbooi, Kapitain.
122. Witbooi an Leutwein: Tsam, 12. September 1894
Mein lieber wohlgeborener Herr Major Leutwein! Ihren Brief habe ich erhalten. Derselbe Bote bringt mir die erstaunliche Nachricht, daß meine Leute auf Ihre geschossen haben. Es ist ohne meinen Befehl geschehen. Ihre Leute stießen auf meine, und da Ihre Leute nicht zurückgehen wollten, ist es zu der Schießerei ohne unseren Befehl gekommen. Können Sie mir dazu eine Erklärung geben? Das Ganze hat sich auf dem Berg zugetragen und ist ein Unglück. Aber heute morgen sind Ihre und meine Leute dicht beieinander gewesen, und es ist nichts geschehen. Ordnen Sie doch an, daß Ihre Leute dort bleiben, wo sie stehen. Ich grüße Sie. Ich verbleibe Ihr Freund Hendrik Witbooi, Kapitain.
123. Witbooi an Leutwein: Tsam, 13. September 1894
Mein lieber wohlgeborener Herr Major Leutwein! Gestern habe ich Ihren Brief erhalten und zugleich die traurige Nachricht verstanden. Der Brief hat meine Gedanken verwirrt und meine Gefühle in Aufruhr gebracht. Ich sandte Ihnen gestern aus diesem Grund nur einen kurzen Brief. Für das Gehörte bin ich Ihnen sehr dankbar und bitte, mir Zeit bis zum Nachmittag zu bewilligen, damit ich meine Beamten zusammenrufen und eine Versammlung abhalten kann, in der wir die Angelegenheit besprechen können. Was die Sachen des toten Soldaten anbetrifft, so werde ich sie Ihnen zurückgeben und meinen Leuten auch verbieten, weiter nach vorn zu gehen. Mit freundlichen Grüßen verbleibe ich Ihr Freund. Hendrik Witbooi, Kapitain. Ich habe kein Schreibpapier mehr!
Friede und Schutzvertrag wurden am 15. September in Hendriks Lager abgeschlossen. Hendrik selbst war verwundet, und seine Leute waren erschöpft. Langsam zogen die Witboois nach Süden ab, wo sie künftig in Gibeon unter der Aufsicht des Bezirkshauptmanns von Burgsdorff leben sollten. Wenigstens diese ständige unmittelbare Kontrolle versuchte Hendrik bis zuletzt zu umgehen: das ist der Sinn des Konfliktes um § 7 des Schutzvertrags.
124. Schutzvertrag: 15. September 1894
Schutz- und Freundschaftsvertrag vom 15. September 1894. Zwischen dem Major Leutwein als Vertreter Seiner Majestät des Deutschen Kaisers und dem Kapitän Hendrik Witbooi wird heute nachstehender Vertrag abgeschlossen. § 1- Kapitän Hendrik Witbooi wünscht für sich, sein Volk und seine Rechtsnachfolger unter die Schutzherrschaft seiner Majestät des Deutschen Kaisers zu treten. Major Leutwein nimmt im Namen Seiner Majestät des Deutschen Kaisers den Kapitän Witbooi nebst seinem Volke für sich und seine Rechtsnachfolger unter Allerhöchsten Schutz Seiner Majestät des Deutschen Kaisers. Der Kapitän Witbooi verspricht der deutschen Regierung in ihrem Bestreben, für das Wohl des Namalandes zu sorgen, stets eine treue Stütze zu sein. § 2. Als Wohnsitz überweist Major Leutwein im Namen seiner Majestät des Deutschen Kaisers dem Kapitän Hendrik Witbooi, den Wünschen desselben Rechnung tragend, für sich und sein Volk den Platz Gibeon, dazu ein Gebiet von hinreichendem Umfang, über dessen Grenze Major Leutwein und Kapitän Witbooi sich an Ort und Stelle noch einigen werden. §3. Kapitän Hendrik Witbooi verpflichtet sich, mit den Kapitänen des Deutschen Schutzgebietes stets Frieden zu halten und bei Streitigkeiten mit denselben die Vermittlung der deutschen Regierung in Windhuk anzurufen. In seinem eigenen Lande sorgt der Kapitän für Ruhe und Ordnung und gestattet, daß Weiße in demselben ungestört Handel treiben und Aufenthalt nehmen, dafür sollen diese letzteren gehalten sein, die Gesetze und Sitten seines Landes zu achten und nichts dagegen zu tun.
§ 4. Innerhalb seines Gebietes entscheidet bei Streitigkeiten zwischen Eingeborenen der Kapitän selbständig. Bei Streitigkeiten zwischen Weißen und Eingeborenen sowie zwischen Weißen unter sich entscheidet das Kaiserlich Deutsche Gericht, doch soll im ersteren Falle der Kapitän berechtigt sein, einen seiner Ratsleute als Beisitzer abzuordnen. § 5. Dafür, daß der Kapitän Hendrik Witbooi im Namen Seiner Majestät des Deutschen Kaisers in seinem Lande für Ruhe und Ordnung sorgt, zur Aufrechterhaltung des Friedens im ganzen Namalande beiträgt und der deutschen Regierung eine treue und zuverlässige Stütze ist, erhält derselbe eine jährliche Regierungsbeihilfe von 2000 M, gleich 100 £, zahlbar in halbjährlichen Raten, in bar an der nächsten Regierungskasse oder auch, wenn der Kapitän dies wünscht, in Lebensmitteln geliefert nach seinem Wohnplatze. § 6. Bei der Gewißheit, die der Major Leutwein haben zu dürfen glaubte, daß der Kapitän Hendrik Witbooi sein einmal gegebenes Wort unverbrüchlich halten wird, beläßt er denselben im Besitz seiner sämtlichen Waffen und Munition. Der Kapitän verbürgt sich dafür, daß auch seine Leute keinen Mißbrauch damit treiben. Die während der Kriege in Besitz des Kapitäns gekommenen deutschen Gewehre und Karabiner wünscht Major Leutwein wieder zurück zu erhalten, will aber den Kapitän auf dessen Bitte nicht darauf drängen, sondern freiwillige Rückgabe abwarten. Sobald letztere erfolgt, erhält der Kapitän Ersatz in anderen Gewehren, oder je nach Wunsch in Lebensmitteln, der Kapitän verspricht, diese Rückgabe im Auge zu behalten. § 7. Zur Unterstützung des Kapitäns in seinem Bestreben, Ruhe und Ordnung aufrecht zu erhalten, sowie zur Erhöhung seiner und seines Volkes Sicherheit will der Major Leutwein nach Gibeon eine deutsche Garnison legen. Der Kapitän Hendrik Witbooi erklärt sich damit einverstanden und wird derselben einen Platz zum Bau eines Garnisonsgebäudes überlassen. Der Major Leutwein wird dem Stationschef ein freundliches und entgegenkommendes Verhalten zu dem Kapitän und seinem Volke zur Pflicht machen. Der Kapitän verspricht dagegen, auch seine Leute zu einem solchen gegen die Garnison anzuhalten. § 8. Dieser Vertrag tritt sofort in Kraft und ist nach erfolgter Bestätigung durch die Regierung Seiner Majestät des Deutschen Kaisers in Berlin von beiden Seiten unkündbar.
Geschehen: Tsam, den 15. September 1894.
gez. Leutwein, Major und Kaiserlicher Landeshauptmann a. i. — gez. Hendrik Witbooi, Kapitain. – gez. von Sack, Hauptmann. — gez. Abel Chr. Isaak, Unterkapitain. – gez. Lampe, Sekonde-Lieutenant und Adjutant. — gez. Jonas Jezef, Kirchenältester. – gez. L. Kleinschmidt, Dolmetscher. — gez. Cornelius Fredricks, Unterkapitain.
125. Witbooi an Leutwein: Tsam-Ams, 18. September 1894
Mein lieber wohlgeborener Herr Major Leutwein! Ihr Abgesandter, Herr Schwabe, ist heute mit einem Brief in meinem Lager angekommen. Ich bin sehr erfreut und dankbar für die Wohltat, die Sie an mir tun, aber es ist so, wie ich Euer Wohlgeboren gestern geschrieben habe, nämlich, daß ich meinen Körper auf dem Pferd nicht in der Hand habe. Außerdem sind meine Leute noch im Gebirge verstreut, und ich möchte sie erst zusammen haben. Ich wiederhole meine Bitte, wie ich sie Ihnen schon schriftlich mitgeteilt habe. Die wichtigsten Punkte haben wir bereits erledigt. Sie können die Schriftstücke fertig machen und für mich zurücklassen. Verdenken Sie mir nichts: Sobald ich fertig bin und mich einer etwas besseren Gesundheit erfreue, werde ich abziehen. Ich denke, wir werden von nun an öfter Zusammenkommen und Briefe wechseln, weshalb Sie, sobald Sie dazu bereit sind, abmarschieren können. Auch wenn es mir [selbst zum Reiten noch zu] schlecht geht, bin ich [doch] jederzeit bereit, welche von meinen Leuten auf die [künftigen Wohn-]Plätze zu setzen, falls Sie das für nötig halten. Mit freundlichen Grüßen verbleibe ich Ihr Freund und Kapitain, Hendrik Witbooi.
126. Witbooi an Leutwein: Tsam, 21. September 1894
Mein lieber und hochgeehrter Freund! Herr Major Leutwein! um Ihrer Es tut mir leid, daß ich heute noch nicht gesund genug bin, freundlichen Einladung Folge leisten zu können, aber die Ihnen bereits mitgeteilte Entzündung ist noch nicht besser geworden. Garnisonen Ferner haben wir das, was im Vertrag, Paragraph 7, über Wohlgeboren gesagt ist, noch nicht abgesprochen, und ich habe Euer zweiten gebeten, es so einzurichten, daß ich nicht verpflichtet bin, einer Person Rechenschaft über meinen Umgang, Lebensführung und Genach den deutschen Regieschäfte abzulegen, wenn ich mich von jetzt ab rungsgrundsätzen und Gebräuchen richten werde. Ich habe darum gebewenn Euer Hochten und erklärt, daß es vollkommen genügen würde, wohlgeboren von Windhuk aus in schriftlichem Verkehr mit mir stehen. Als Antwort wurde mir mitgeteilt, daß Euer Wohlgeboren von mir verlangen, die Garnisonen vorderhand dorthin legen zu lassen, bis wir uns in Euer Wohlgeboren die Gibeon persönlich sprechen können, und daß noch wünsche. Leute von dort wegnehmen wollen, falls ich dies dann Punkten Ich meine nicht, daß der Punkt 7 unter den anderen festgelegten anderen aufgeschrieben worden ist. Unterstellen Sie mir bitte keine wie es mir Gedanken. Ich habe mich auf das Schriftstück verlassen, vorgelegt wurde, habe es nicht vorlesen lassen, und Herr Kleinschmidt hat mir erklärt, daß nur die Punkte, über die wir uns geeinigt haben, auf anderem Papier mit Tinte niedergeschrieben seien. Aber als ich das die Schriftstück nun ansah, stellte ich fest, daß dieser Punkt 7 auch unter Vertragspunkte aufgenommen ist. Ich bitte Sie deshalb als guten Freund, den Punkt 7 aus dem Vertrag herauszunehmen, der hier unter Zeugen am 15. d. M. unterschrieben worden ist, wie es in der Versammlung verabreverständigen. det war. Ich hoffe, wir werden uns über diesen Punkt noch Ich verbleibe mit respektvoller Achtung. Ich grüße Sie, Ihr Ihnen geneigter Freund, Hendrik Witbooi, Kapitain.
127. Witbooi an Leutwein: Naukluft, 23. September 1894
Mein lieber und hochgeachteter Freund Herr Major Leutwein! Ich bin hier angekommen und habe gestern den Herrn Leutnant gesehen. Er hat mich sehr freundlich begrüßt und mich und meine Leute empfangen. Auch hat er mir Kaffee, Tabak und Reis abgegeben und zur Befriedigung meiner anderen Bedürfnisse beigetragen. Ich gedenke, meinen Zug morgen oder übermorgen in Richtung Fischfluß fortzusetzen; aber es geht sehr langsam. Euer Wohlgeboren werden wohl verstehen, daß meine Menschen, Pferde und das wenige Vieh, das mir geblieben ist, schlecht laufen können. Ich bitte Sie, mir mit mehr Verpflegung, auch Fleisch, auszuhelfen auf dem weiten Weg von Rehoboth über Sendlingsgrab nach Khub (Dornfluß, der in den Fischfluß mündet). Ich bitte, die Verpflegung innerhalb zweier Wochen auf Khub am Fischfluß bereitzuhalten. Zu diesem Zeitpunkt gedenke ich dort einzutreffen, wenn alles gut geht. Ich habe ferner noch die sehr ernstliche Bitte an Euer Wohlgeboren, mir noch alle gefangenen Leute, die sich in Windhuk und dem Windhuker Bezirk und in Rehoboth und dem Rehobother Bezirk befinden, zukommen zu lassen. Es sind auch noch einige Frauen und Kinder in Windhuk und Rehoboth. Ich will nun hier in der guten Hoffnung schließen, daß wir uns in nicht zu langer Zeit als Freunde wieder treffen werden. Ich verbleibe respektvoll Ihr Freund, Hendrik Witbooi, Kapitain. Mit Verpflegung meine ich Vieh, Milch, Reis, Kaffee, Tee, Tabak und ein Faß Wein. H.W. Kapitain
128. Witbooi an Leutwein: Blomrivier, 10. Oktober 1894
An den wohlgeachteten Herrn! Den wohlgeborenen und lieben Freund! Herrn Major Leutwein! Durch die wohlgeborenen Herrn Leutnant Trost und Herrn Kleinschmidt habe ich Ihren Brief vom 30. September erhalten. Ich sehe, daß Sie meine Gedanken und Ansichten meiner Meinung nach nicht recht verstanden haben. Ich habe es nicht so gemeint, wie Sie es aufgefaßt haben: daß ich Euer Wohlgeboren einer Betrügerei beschuldigen will. Ich habe vielmehr geglaubt, daß der Paragraph 7 noch zwischen uns besprochen werden muß. Bis das geschehen ist, sollte der Paragraph für sich allein stehen. Das ist meine Ansicht, die ich in dem Brief ausdrücken wollte. Aber ich verstehe nun und sehe den Fehler ein, den ich gemacht habe. Es soll also alles so bleiben, wie wir es unterzeichnet haben, bis wir uns persönlich treffen, um die Angelegenheit von Mund zu Mund zu besprechen. Ich verbleibe Ihr Ihnen treu ergebener Freund und grüße Sie mit aller Ehrerbietung und mit Respekt. Ich verbleibe Ihr Freund, Hendrik Witbooi, Kapitain.
129. Zusatz zum am 15. September 1894 abgeschlossenen Schutzvertrag: 16. November 1895
Zusatz zu dem zwischen dem Kaiserlichen Landeshauptmann Herrn Major Leutwein und dem Kapitän Witbooi am 15. September 1894 abgeschlossenen Schutzvertrage. Um deutlich und öffentlich zu zeigen, wie fest der Kapitän Witbooi auf den Bedingungen steht, die der Schutzvertrag Seiner Majestät des Deutschen Kaisers Wilhelm II. mit ihm am 15. September 1894 geschlossen hat, um ferner zu beweisen, wie der Kapitän Witbooi sich mit ganzem Herzen der deutschen Sache zu ergeben bemüht, und schließlich, um den vielen, Mißtrauen erregenden Gerüchten, die fortgesetzt durch das Land laufen, ein für allemal einen festen Damm entgegenzusetzen, haben der Kaiserliche Landeshauptmann Herr Major Leutwein und der Kapitän Hendrik Witbooi dem oben erwähnten Schutzvertrage folgenden Artikel hinzugefügt: Zusatz-Artikel (§ 9). Der Kapitän Hendrik Witbooi verspricht für sich und seine Nachfolger Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser und der Regierung Desselben gegen alle äußeren und inneren Feinde des deutschen Schutzgebietes, auf den Ruf des von Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser eingesetzten Landeshauptmanns hin mit allen waffenfähigen Männern unbedingt und unverzüglich Heeresfolge zu leisten. Die dieses heilige Versprechen betreffenden Einzelheiten, als da sind: jährliche Angaben über die Zahl der waffenfähigen Männer, ihre Bewaffnung usw. setzt ein zwischen dem Kapitän Witbooi und dem Distriktschef von Gibeon besonders aufzusetzender Vertrag fest. Gibeon, den 16. November 1895.
Der Kaiserliche Landeshauptmann gez. Leutwein. — Der Kapitän gez. Hendrik Witbooi. – Der Distriktschef von Gibeon gez. von Burgsdorff. – Als Zeugen: gez. Abel C. Izaak, gez. Daniel Pitter, gez. Jonas Jozef, gez. Samuel Izaak, gez. Petrus Tood.
Hendrik fand nach einiger Zeit ein loyales und geradezu freundschaftliches Verhältnis zu Leutwein und Burgsdorff. In sechs Feldzügen zwischen 1896 und 1904 leistete er den Deutschen Heeresfolge, zuletzt gegen die seit Januar 1904 aufständischen Herero. Dann aber trat er im Oktober 1904 selbst an die Spitze einer Erhebung der Nama, aus Verzweiflung über die brutale deutsche Unterdrückungspolitik und unter dem Einfluß eines Predigers der nativistischen „äthiopischen Bewegung“. Am 3. November ist er seinen im Gefecht erlittenen Verletzungen erlegen. Sein Grab ist heute noch eine Gedenkstätte seines Volkes.

