Johannes Spiecker ist als Inspektor der Rheinischen Missionsgesellschaft ab 1903 Adressat der Berichte von Friedrich Heinrichs. (Geboren am 29.03.1856 in Boppard am Rhein; gestorben am 19.01.1920 in Barmen an einer Infektionskrankheit). Im Jahr 1908 wird Spiecker Direktor der Rheinischen Mission.

Die zweite Inspektionsreise von Johannes Spiecker nach Namibia (1905 bis 1907)
Spiecker betreut die Dezernate Afrika und Borneo der Rheinischen Mission. Eine erste Inspektionsreise durch die Kapkolonie und Deutsch-
Südwestafrika in den Jahren 1902–1903 bricht er wegen des Todes von Missionsdirektor Schreiber ab. Seine zweite Reise unternimmt er vom Oktober 1905 bis März 1907. Während Spiecker auf der ersten Reise einen Sekretär dabei hatte, reist er auf der zweiten allein und verfasst ein 2050 seitiges Tagebuch – handschriftlich mit Tinte und Feder.
Sein Urenkel Martin Siefkes hat 2006 Teile des Tagebuchs veröffentlicht und kommentiert:

Ein Bild von Johannes Spiecker im Verlauf seiner zweiten Reise

Spiecker besucht im November 1906 die Missionsstation Bethanien
In seinem Reisetagebuch berichtet er über seinen Besuch:
Dienstag, den 27. November 1906
Schon um 5 Uhr rief mich Bruder Fenchel. Bruder Fenchel und ich gingen sofort nach Bethanien, das ganz wunderschön im Morgenglanz vor uns lag und wo wir gegen halb 6 Uhr schon eintrafen. Bald erschien auch Bruder Heinrichs und war ganz erstaunt, dass wir schon da waren. Wir standen auf der Veranda hinter dem Haus und besahen uns die schönen Gärten. Die Pforten waren geschmückt, so dass wir gewissermaßen durch Ehrenbögen einzogen, die schwarz-weiß-rote Fahne war gehisst. Im Garten war ein schönes Gebäude mit 2 Zimmern. Der Eingang war schön mit Fächerpalmen geschmückt. Bruder Fenchel sagte gleich: „Da werden Sie wohnen.“ Bruder Heinrichs bedauerte sehr, dass die Gemeinde nun nicht versammelt sei, um uns feierlich zu empfangen. Ich bat mich auf mein Zimmer zurückziehen zu dürfen, da wir natürlich noch im Reiseanzug und ungewaschen waren. Als ich mich umgekleidet hatte, erschien auch Schwester Heinrichs mit ihrem kleinen Friedel. Der sechsjährige Theodor und die kleine Ella hatten sich mir schon vorgestellt und Theodor wich nicht von meiner Seite. Wir frühstückten unter herrlichen Feigenbäumen im Garten. Vor allem wunderten sich Heinrichs, dass wir von Sendverhaar ohne Bedeckung reisen durften. Nachher kam die ganze Gemeinde, um uns zu grüßen.
Mittwoch, den 28. November 1906
Am Morgen fand eine Prüfung der Konfirmanden und Taufbewerber statt. Anwesend waren 12 weibliche und 2 männliche, es fehlten 6. Ich prüfte in holländischer Sprache, die die meisten verstehen. Bruder Heinrichs fragte in Namasprache, Holländisch und Deutsch, musste also in 3 Sprachen den Unterricht erteilen. Sie verstehen wohl fast alle die 3 Sprachen, sprechen sie aber nicht. Nachher kamen der Distriktschef und der Oberarzt und machten ihren Gegenbesuch. Sie blieben sehr lange. Von Bruder Nyhof bekam ich ein Telegramm aus Lüderitzbucht, dass er mich dort erwarte. Ich telegrafierte ihm wieder und bat ihn, sich wegen der Wohnung schon mit der Etappe in Verbindung zu setzen. Nachmittags überzog sich der Himmel mit Wolken, es blitzte und donnerte und ein schrecklicher Sturm entstand, so dass alles verstaubt wurde. Mit Bruder Fenchel war ich eifrig dabei, um die Geschichte Bethaniens klarzustellen. 1842 trat Knudsen hier ein. Er hat, wie einst Schmelen, eine mächtige Erweckungszeit hier erlebt. Die Bethanier nahmen Gottes Wort mit Freuden auf. Sie waren aus der Kapkolonie hier hinauf gezogene Orlams, die dem Worte Verständnis entgegenbrachten, auch hatte Schmelens Wirksamkeit ihre Spuren hinterlassen. Offenbar hat es Knudsen an der tiefen Einführung in den göttlichen Heilsratschluss und besonders seine ernsten sittlichen Konsequenzen fehlen lassen. Er pries die Gnade und freute sich, dass die Bethanier dieselbe nach kurzem tiefen Bußkampf mit Freuden ergriffen. Nachher aber stellte es sich bald heraus, wie wenig tief dieses Christentum wurzelte. Zur Zeit der Anfechtung fielen sie scheinbar ganz ab. Nun verstand es Knudsen aber gar nicht, die Leute recht anzufassen. Während er anfänglich allzu brüderlich mit ihnen verkehrte und den sozialen Unterschied ganz beiseitesetzte, wurde er jetzt ein harter gesetzlicher Bußprediger. Während einer Reise nach dem Kap im Jahre 1846, um einige Bücher zu drucken, vertrat ihn der Missionsgehilfe Jan Bam und während einer Europareise, von der er verheiratet zurückkehrte, vertrat ihn der Missionskolonist Samuel Hahn. Besonders durch die Arbeit des letzteren ist das Verhältnis zur Gemeinde Bethanien nicht gebessert worden. Von der Europareise, die Knudsen 1847 antrat, kehrte er 1849 zurück. Das Verhältnis zur Gemeinde scheint immer angespannter geworden zu sein und als schließlich seine Frau geistesgestört wurde, verließ er 1851 Bethanien, blieb noch eine Zeit lang in der Kapkolonie und kehrte dann nach Europa und in seine norwegische Heimat zurück. Ostern Kopfschmerzen, dass ich am liebsten zu Hause geblieben wäre und mich hingelegt hätte, aber es half nichts. Erst nach 12 Uhr kamen wir zurück. Es war eine sehr lebhafte Unterhaltung, zu der ich trotz meiner Kopfschmerzen vielleicht am meisten beitragen musste. Die beiden Herren waren sehr liebenswürdig und entgegenkommend, aber das tritt mir in solcher Gesellschaft doch immer entgegen: „Ihr habt einen anderen Geist als wir.“ In der Unterhaltung suchte ich immer wieder Missions- und Eingeborenenfragen zu besprechen, um den Vorurteilen, in denen diese Leute befangen sind, möglichst entgegenzutreten und ihnen ein wenig Verständnis für die Missionsarbeit zu öffnen.
Freitag, den 30. November 1906
Heute war der Himmel wieder ganz schwarz bewölkt, doch weht ein so starker Wind, dass kein Regen hernieder kam, wie sehr ihn auch jedermann herbeisehnte. Der ganze heutige Tag galt der Bücher- und Kassenrevision. Das macht auf einer so alten Station viel Arbeit und sollte öfter geschehen. Bruder Heinrichs war wenigstens sehr froh und dankbar, dass er über manches Aufschluss bekam und nun besser weiß, wie alles zu regeln ist. Abends nach Tisch besprachen wir noch die Urlaubsreise der Geschwister Heinrichs. Sie würden gerne noch weiter ausharren, wenn ich ihnen zuredete, besonders wird ihnen der Gedanke schwer, vielleicht nicht wieder nach Bethanien zurückkehren zu können. Letzteres kann ich verstehen, aber es scheint mir unbillig, vom Vertreter Bruder Nyhof zu verlangen, dass er nach 2 Jahren wieder weiterzieht und so nie zur Ruhe kommt. Ich bat deshalb Geschwister Heinrichs, diesen Punkt ganz der Führung des Herrn zu überlassen. Im Übrigen scheint es mir richtig, dass Heinrichs im Frühjahr nach Deutschland reisen. Der Gesundheitszustand beider ist so, dass es nicht ratsam ist, länger hierzubleiben. Da ich sehr müde war von allem Rechnen und Durchsehen, ging ich früh zu Bett. Leider lebe ich ganz ohne Uhr, da mir schon die zweite Uhr durch das Rütteln des Ochsenwagens verdorben ist. Wahrscheinlich ist die Feder gebrochen. Es ist aber sehr unangenehm, so ohne Uhr zu leben.
Samstag, den 1. Dezember 1906
Heute ist der Himmel wieder ganz blau, doch ist es recht kühl geworden. Die Sonne wird aber bald einheizen. Sie geht jetzt sehr früh auf. Sie war schon lange da, ehe ich aufstand. Bis jetzt weiß ich nicht, eingehend mit ihm über sein Seelenheil und suchte ihm zu zeigen, dass all das Schwere ihm zum Heil und zur Rettung seiner Seele dienen solle. Nachher besuchten wir noch eine Burenfamilie Bessingweith. Der Mann war nicht zu Hause, doch setzten wir uns ein wenig zur Frau, die einen guten Eindruck machte. Sie war lange bei Doenges im Hause und hat da eine gute Erziehung erhalten. Überhaupt macht die Familie Bessingweith eine Ausnahme. Da war es reinlich, ordentlich und alles zeugte von Fleiß. Diese Familie hat natürlich auch zur Mission ein gutes Verhältnis. Wann man so viele schmutzige und schlechte Buren sieht, freut es einen umso mehr, in ein solches Haus zu kommen. Die Begeisterung für die Buren versteht hier niemand und immer wieder höre ich: „Nun, jetzt ist man in Deutschland doch auch besser unterrichtet und schämt sich der einstigen Begeisterung.“ Solche Leute wie die Bessingweiths werden auch von den hiesigen Deutschen recht geachtet. Auch einen nahe beim Ort liegenden verlassenen Kirchhof besuchten wir noch. Für die Weißen ist wieder ein anderer Kirchhof eingerichtet. Sie wollen auch im Tode mit den Farbigen nicht vereinigt sein. Diesen Kirchhof sah ich schon bei meiner Ankunft, besuchte ihn aber noch einmal. Er ist gut im Stande gehalten. Die etwa 12 Soldatengräber sind alle mit schlichten Holzkreuzen versehen. Als Umzäunung dienen Dornen, doch schützen die den Gottesacker und die Gräber nicht vor eindringendem Kleinvieh. Mich wundert, dass das Militär nicht einmal eine Mauer um den Kirchhof gemacht hat. Bruder Fenchel geht es heute gar nicht gut. Er leidet sehr an Kopfschmerzen. Ich glaube, dass der Tabakdampf, mit dem Bruder Heinrichs uns einräuchert, daran schuld ist. Mir bekommt der auch sehr schlecht. Die Raucher denken nicht daran, wie lästig sie anderen werden. Ich glaube auch nicht, dass das viele Rauchen dem Bruder Heinrichs gut ist. Natürlich habe ich ihm das auch gesagt. Aber ein Raucher lässt nicht nach, bis er gründlich damit hereingefallen ist.
Sonntag, den 2. Dezember 1906
Um 8 Uhr morgens war deutscher Gottesdienst. Ich predigte über das Evangelium des zweiten Jahrgangs der Württemberg. Perikopen für den 1. Advent: Lukas 17 V 20-25. Die Adventsfrage: Wann kommt das Reich Gottes? Findet im Text eine dreifache Antwort: I. Es ist schon gekommen öffnet nur eure Augen II. Es kommt noch täglich in die Herzen der Gläubiger – öffnet nur euer Herz III. Es kommt auch dereinst in Herrlichkeit – darum seid gleich den Knechten, die auf ihren Herrn warten. Um 11 Uhr war Gottesdienst für die Gemeinde der Eingeborenen in holländischer Sprache und Übersetzung in Naman. Ich predigte über das eigentliche Sonntagsevangelium Matth 21 V 1-9, der Einzug in Jerusalem. Der Adventsruf: Zion Dein König kommt zu Dir lehrt uns achten I. Auf diesen König selbst II. Auf die rechte Art ihn zu empfangen. Die Gemeindeglieder waren wohl alle anwesend, doch die schöne Kirche lange nicht besetzt. Nach der Predigt trat Bruder Heinrichs vor dem Altar und dankte mir in schlichten herzlichen Worten für mein Kommen und teilte mit, dass die Gemeindeglieder es sich nicht hätten nehmen lassen, einen Beitrag zu meiner Reise zu geben. Es seien 100M zusammengekommen. Das ist viel für die jetzt so kleine arme Gemeinde. Nachmittags um halb 4 Uhr sollte die Abreise erfolgen, es wurde aber halb 5 Uhr bis wir wirklich abfuhren. Die ganze Gemeinde kam, um uns noch einmal die Hand zu reichen. Sehr viele gingen singend noch eine halbe Stunde hinter dem Wagen her. Auch Geschwister Heinrichs mit ihren 3 ältesten Kindern fuhren so weit mit uns. An einem Wochentag hätten uns die Leute nicht so weit begleiten können. Das war aber noch besonders schön und gerade diese Art des Abschieds wird den Bethaniern noch lange im Gedächtnis bleiben. Ich war natürlich sehr müde und ruhebedürftig. Mit besonderer Freude las ich auf der Vorkiste aus einem Büchlein von einem Prediger Torey aus Chicago über das Wesen und die Wirksamkeit des Heiligen Geistes. Als es zu dunkeln begann, ging ich eine gute Stunde vor dem Wagen zu Fuß. Das Land ist hier entsetzlich öde und steinig. Überall lagen auch auf und am Wege wieder die Leichen von Mauleseln, Pferden und Ochsen und verpesteten die Luft.
Montag, den 3. Dezember 1906
Schon um 3 halb Uhr brach Bruder Fenchel auf und fuhr bei herrlichem Mondschein bis 5 Uhr. Ich blieb liegen, zumal ich in dieser Nacht wenig geschlafen hatte. Wir kamen um 10 Uhr am Bett des Guibib-Flusses an, wo dann wieder ausgespannt werden konnte. Hier weilten wir über Mittag. Fleisch und Reis sind unsere bekannte Mahlzeit. Heute ist es übrigens wieder sehr heiß. Sehr froh bin ich, dass das Leben im Ochsenwagen nun bald zu Ende geht. Freilich, die Karrenfahrten in der Kapkolonie sind fast noch anstrengender. Am Ziel sind wir übrigens noch nicht. Um 3 Uhr brachen wir auf und kamen gleich nach 4 Uhr in Kiuibis an.
Die besondere Rolle, die Johannes in der RMG inne hat
Johannes Spiecker und sein Wirken in der Rheinischen Missionsgesellschaft (RMG)
Missionsinspektor Johannes Spiecker (1856–1920) war eine der prägendsten administrativen und theologischen Figuren der RMG um die Jahrhundertwende. Seine Rolle wandelte sich im Laufe seiner Karriere von der praktischen Missionsarbeit vor Ort hin zu einer zentralen Leitungsposition in der Barmer Zentrale.
I. Seine Rolle und Funktionen innerhalb der RMG
Spiecker trat 1881 in den Dienst der Rheinischen Missionsgesellschaft und durchlief eine klassische, aber steile Karriere, die ihn in die obersten Führungsgremien führte.
- Der Auslandsmissionar (Sumatra): Vor seiner administrativen Karriere in Deutschland war Spiecker selbst in der praktischen Mission aktiv. Von 1882 bis 1891 wirkte er auf Sumatra (Indonesien) unter den Batak. Diese Phase prägte sein Verständnis von Gemeindeaufbau, kolonialen Spannungsfeldern und der Dynamik von Massenbekehrungen nachhaltig.
- Der Missionsinspektor (Zentrale Barmen): Nach seiner Rückkehr nach Deutschland wurde er 1891 in den Vorstand der RMG berufen und übernahm das Amt des Missionsinspektors. In dieser Funktion war er für die theologische Ausrichtung, die Finanzen, die Personalauswahl und die strategische Überwachung spezifischer Missionsgebiete – insbesondere Südafrikas und Deutsch-Südwestafrikas – zuständig.
- Der Visitator und Krisenmanager: Eine seiner wichtigsten Rollen war die des Kontrolleurs vor Ort. Wenn Konflikte zwischen Missionaren ausbrachen oder das Verhältnis zur indigenen Bevölkerung bzw. der Kolonialmacht kriselte, reiste Spiecker als offizieller Gesandter der Leitung ins Feld. Seine Inspektionsreise nach Deutsch-Südwestafrika in den Jahren 1905–1907 war ein Paradebeispiel für diese Funktion: Er führte Kassenrevisionen durch, schlichtete Kompetenzstreitigkeiten unter den Missionaren (wie zwischen Heinrichs und Nyhof) und prüfte den Zustand der dezimierten Gemeinden nach dem Krieg.
II. Die Bedeutung der Missionstätigkeit in „Südwest“ für Spiecker
Für Spiecker nahm das Missionsgebiet Deutsch-Südwestafrika (Namibia) eine Sonderstellung ein. Es war nicht nur ein geografischer Schwerpunkt der RMG, sondern für ihn persönlich ein Schauplatz fundamentaler theologischer und politischer Grundsatzfragen.
1. Ideologische Rechtfertigung der kolonialen Ordnung
Spiecker teilte das eurozentrische und paternalistische Weltbild seiner Epoche. Für ihn war die Mission in Südwestafrika untrennbar mit dem Kulturauftrag des Deutschen Kaiserreichs verbunden. Er sah die Kolonisierung als eine von Gott gegebene Möglichkeit, das Christentum zu verbreiten. Die Unterwerfung der indigenen Völker unter die deutsche Herrschaft betrachtete er grundsätzlich als ordnungspolitischen Fortschritt, solange die Kolonialbeamten „christliche Maßstäbe“ anwandten.
2. Die Mission als Anwalt der Eingeborenen (im patriarchalischen Sinne)
Trotz seiner Loyalität zum Reich verstand Spiecker die RMG in Südwestafrika als Schutzinstanz für die afrikanische Bevölkerung gegen die ungezügelte Ausbeutung durch weiße Siedler. Bei seinen Besuchen und in seinen Schriften trat er den Vorurteilen der deutschen Militärs und Siedler entgegen, die den Nama und Herero jegliche Kulturfähigkeit absprachen. Er versuchte, bei den Behörden Verständnis für die Belange der Afrikaner zu wecken – allerdings stets aus einer Position der moralischen und kulturellen Überlegenheit heraus.
3. Bewältigung der Völkermord-Krise
Der Herero- und Nama-Aufstand (1904–1907) traf das theologische Fundament der RMG ins Mark, da viele der Aufständischen getaufte Christen waren. Für Spiecker bedeutete Südwestafrika in dieser Phase eine immense theologische Rechtfertigungskrise:
- Kritik an der Oberflächlichkeit: Wie seine Tagebucheinträge aus Bethanien zeigen, analysierte er die Kirchengeschichte vor Ort kritisch. Er bemängelte, dass frühere Missionare (wie Knudsen) die Nama zu schnell getauft hätten, ohne ihnen die „ernsten sittlichen Konsequenzen“ und die tiefe Verwurzelung des Glaubens zu vermitteln. Der Aufstand war für ihn das Resultat eines „unzureichenden“ Christentums.
- Pragmatismus im Angesicht des Elends: Während seiner Visitation 1906 erlebte er die katastrophalen Folgen des Krieges, den Niedergang der Gemeinden und das Sterben in den Lagern. Seine Reaktion war rein pragmatisch-konservativ: Er ordnete die Finanzen der zerstörten Stationen und drängte darauf, die überlebenden Nama durch Arbeit und Zucht zu „nützlichen“ kolonialen Untertanen umzuerziehen, um das Überleben der Mission zu sichern.
Zusammenfassung
Johannes Spiecker war das administrative Rückgrat der RMG in einer Ära des radikalen Umbruchs. Für ihn war Südwestafrika das Paradebeispiel einer „schwierigen Mission“: Ein Feld, auf dem er den Spagat zwischen bedingungsloser Treue zum deutschen Vaterland und der seelsorgerischen (wenn auch bevormundenden) Sorge um das Überleben der indigenen Gemeinden meistern musste.