Reisebericht Friedrich Heinrichs an Rheinische Missionsgesellschaft im Dezember 1899
Bethanien, Dezember 1899.
In dem Herrn geliebte Väter! Gestatten Sie mir ergebenst, im Folgenden einen Bericht zu geben über meine Reise nach Grootfontein und Amtses. Nachdem am Sonntag, den 5. November d. J. der Nachmittagsgottesdienst beendet war, trat ich meine Reise mit Sonnenuntergang nach Grootfontein und Amtses an. Hinter Kamus traf ich an einer Stelle ziemlich viele Werften zusammen, die über 100 Menschen zählten, meist Gemeindeglieder von hier. Es war Nacht, als ich hier ankam, und weil es am Tage sehr heiß ist, so wollte ich sehr bald weiterreisen. Doch daran war nicht zu denken, die Leute hielten mich so lange fest, bis der Tag anbrach. Dann versammelten sie sich und baten mich wiederholt, ihnen doch das Gotteswort zu verkündigen. Wie konnte ich diese Bitte unerfüllt lassen. Ich verkündigte ihnen diesmal und auf dem Rückwege noch einmal das Wort des Lebens.
Nach Beendigung der Versammlung unter schattigen Dornbäumen erfuhr ich, daß die etwa 120 Personen, außer einer Familie, welche von ihren 2 Kühen und einigen Ziegen lebte, sämtlich von einer einzigen Familie lebten. Wie geht das zu? Nicht etwa, daß jeder Einzelne einer besonderen Arbeit nachging, nein, das findet man bei einem Nama nicht so leicht – nur einige von diesen Vielen waren Viehhirten –, sondern alle leben von der Milch, welche die Kühe und Ziegen, deren über 1000 sind, dem einen Viehbesitzer liefern. Keiner von den vielen Menschen besitzt ein einziges Stück Vieh, und deshalb haben sie sich bei dem einen Reichen versammelt, der die Armen auch alle freudig aufnimmt. Diese Opferwilligkeit des einen Mannes ist aber sehr einseitig. Zum Bau der neuen Kirche hat er, obwohl er Gemeindeglied ist, noch nicht einmal M. 1,00 gegeben. Schon oft hielt ich dem guten Mann das vor, aber jedesmal hat er nichts und sagt in der Regel: „Ich bin arm, die vielen Leute bei mir verbrauchen zu viel.“ Das ist nicht gerade erfreulich. Doch nun weiter.
Donnerstag Abend, den 9. November kam ich auf meiner Filiale an. Wie immer, so fand ich auch diesmal ein rechtes Verlangen nach Gotteswort bei den Bastards. Täglich wurde am Morgen Gottesdienst und am Abend Gesangstunde gehalten, an denen auch bethanische Gemeindeglieder, die hier im Dienst der Bastards und der Polizeistation stehen, sich beteiligten. Sonntag, den 19. d. M. feierten wir das hl. Abendmahl. Nachmittags desselben Tages fand eine Missionsstunde statt und am Abend wurde noch auf Wunsch der Grootfonteiner eine Gebetsstunde gehalten. Leider musste ich diesmal ein Gemeindeglied (Jüngling) wegen Übertretung des 7. Gebots ausschließen, das erste Mal auf Grootfontein.
Erfreulich ist, daß der deutsche Ehemann, Ator [Otto] Kahmann, der im Monat April d. J. aus der katholischen Kirche austrat und evangelisch wurde, welcher außerhalb Grootfontein wohnt, die gläubigen Namas und Buschleute jeden Abend in sein Haus versammelt und mit ihnen Andacht hält mit kurzer Erklärung, wobei ihm Jonas, ein früherer Schulmeister von Franzfontein, dolmetscht. Jonas ist nicht wegen Verfehlungen hierher geraten, versucht vielmehr sein Leben zu bessern. Otto Kahmann hat viel mit Zweifeln zu tun, weil er noch keine Gewißheit der Vergebung seiner früheren Sünden erlangen kann. Wir wollen den Herrn bitten um Gnade für ihn.
Der Portugiese, der seiner Zeit auch übertreten wollte, scheint nun, wo er allein steht, nicht mehr große Lust zu haben, evangelisch zu werden, wenigstens floh er, als ich auf Grootfontein war. Ich will ihn auch nicht drängen, sondern ruhig gehen lassen, bis er von selbst kommt und sich mit einem wirklichen Verlangen erklärt.
Die Fortschritte in der Schule sind nur gering, doch geht es langsam weiter. Das Schul- und Kirchengebäude hat ein neues Wellblechdach erhalten. Neue Fenster sollen noch eingesetzt werden. Sämtliche Unkosten wurden in den Tagen meines Hierseins von den Bastards bezahlt.
Am 13. und 14. November war ich auf Amtses, etwa 8–9 Reitstunden nördlich von Grootfontein. Gartenbau kann auf demselben Ort weniger betrieben werden, da es an Wasser und genügendem Boden gebricht. Dagegen am Fischfluß scheint der Boden fruchtbar zu sein. Herr Hermann hat hier einen Garten, ungefähr 1/2 Wegstunde von seinem Hause, angelegt, in welchem alles gut zu wachsen scheint. Auch hat er 100 Maulbeerbäume dort angepflanzt, die später zur Seidenzucht dienen sollen. Einige eingeborene Viehwächter haben auch ganz hübsche Hütten am Fischfluß.
Einmal hielt ich Gottesdienst. Da mein Kommen ganz unerwartet war, so war es Herrn Hermann unmöglich, seine weit zerstreut wohnenden Leute zeitig zu sammeln, deshalb nahmen nur 14 Personen am Gottesdienst teil. Alle Bewohner im Gebiet des Herrn Hermann und in der nächsten Umgebung belaufen sich auf 158–204 Personen, meist Buschleute. Unter diesen sind auch 4 Familien Rehobother-Bastards gerechnet, die am Fischfluß wohnen. Eine von diesen Familien nahm auf Grootfontein am hl. Abendmahl teil. Die geehrte Gesellschaft mag nun selbst urteilen, ob es ratsam ist, auf Amtses oder später auch auf Grootfontein einen Missionar zu stationieren. Erwähnen möchte ich aber noch, daß die Grootfonteiner später, wenn ihre Seelenzahl größer geworden ist, auch einen eigenen Missionar wünschen, den sie dann, wenn möglich, selbst unterhalten wollen.
Montag, den 20. November reiste ich wieder von Grootfontein ab und hielt auf Kleinfontein, 4 Reitstunden diesseits Grootfontein, bei den Boeren Gottesdienst. Hier taufte ich auch 2 Kinder. Die Boeren baten mich, auch bei ihnen alle 3 Monate einige Tage zu verweilen und Gottesdienste zu halten, was ich ihnen versprochen habe. 9 Boerenfamilien, die um Grootfontein herum wohnen, wollen, wenn ich dorthin komme, auf Kleinfontein sein. 4 Boerenfamilien sind auf dem letztgenannten Platz ansässig. Fast jede von diesen Familien zählt unter 12 Glieder. Somit würde sich auch auf Kleinfontein in Zukunft eine kleine Gemeinde sammeln.
Der Herr wolle seine Arbeit auf Grootfontein und Umgegend auch im neuen Jahre segnen, wie er es in diesem nun bald abgelaufenen Jahre so reichlich getan hat.
Mit herzlichen Grüßen, Ihr Sendbote F. Heinrichs