Missionar und Inspektor der RMG L.v.Rhoden

Hier sind wichtigsten Passagen (Seiten 206 bis 233). Die Überschriften hat der verantwortliche der Homepage eingefügt:

Groß-Namaqualand – Bethanien und Bersaba. Keetmanshoop und Gibeon.

1.       Die Natur, Landwirtschaft und Bevölkerung

2.       Die Namaqua und Bergdamra

3.       Die Orlams

4.       Die Station Bethanien und Missionar Schmelen ab 1814

5.       Bethanien und Missionar Knudsen (ab November 1842)

6.       Knudsen versorgt aicj die Gulbrandsdalener Filialgemeinde der Bethanischen Muttergemeinde

7.       Knudsen verläßt 1845 die Gulbrandsdalener Filialgemeinde der Bethanischen Muttergemeinde und wir nun in Bethanien von seinem Gehilfen Bam unterstützt

8.       Im Juni 1847 verläßt Knudsen Bethanien. Sein Nachfolger ist ab Februar 1848 Missionar Samuel Hahn

9.       Knudsen kehrt im Juni 1849 nach Bethanien zurück und unterstützt den erkrankten Missionar Hahn

10.          Die Gründung Bersabas und Missionar Hahn

11.          1851 trifft Missionar Krönlein auf Bersaba ein, um Hahn zu unterstützen

12.          1851 ist Bethanien verödet; Krönlein wird Hauptmissionar in Berseba

13.          Hahn bleibt noch bis Mai 1852

14.          Neubeginn mit Missionar Krönlein in Berseba

15.          Ende Oktober 1852 trifft Missionar Gorth in Bethanien ein. Er stirbt aber schon am 5. Januar 1853

16.          Missionar Krönlein kehrt Ostern 1853 nach Berseba zurück

17.          Bethanien wird 1853 zur Filialgemeinde von Bersaba. Missionar Kreft, der auf Bethanien stationirt wird ist noch nicht ordinirt. Deswegen muss Krönlein ihn unterstützen.

18.          Kreft wird am 9. November 1856 ordiniert und vollendet Juni 1859 den Bau der Kirche in Bethanien

19.          1867 gelingt es dem Häuptling David Christian von Bethanien Frieden zwischen den Namaqua und den Damra

20.          1862 wird die Missionsstation Gibeon für den Stamm der Kido Witbooi und 1864 Keetmanshoop für den Zeib’schen Stamm gegründet

21.          Krönlein muss im August 1859 wegen Krankheit Berseba vorübergehend verlassen.

22.          Die Gründung der Missionsstation Gibeon 1862. Knauer wird dort Missionar

23.          1864 greifen feindliche Namaquastämme Gibeon an.

24.          Gibeon wird am 25. September 1866 erneut angegriffen und geplündert

25.          1868 trifft der neue Missionar Olpp auf Gibeon ein.

26.          Miss. Joh. Schröder gründet Keetmanshoop 1866

27.          Am 18. Juli 1869 wird in Keetmanshoop die Kirche eingeweiht

28.          Krönlein wird im Mai 1867 Conferenzpräses der Missionsstationen.

29.          Bersaba ist missionarischer Mittelpunkt des Landes

Groß-Namaqualand – Bethanien und Bersaba. Keetmanshoop und Gibeon.

1.    Die Natur, Landwirtschaft und Bevölkerung

In Warmbad hatten wir bereits den Großfluß überschritten und befanden uns im Groß-Namaqualand, Warmbad selbst gehört zu den Namaquastationen, aber da es mit seiner Vorgeschichte zu genau verbunden war mit den südlichen am Großfluß gelegenen Stationen, mußten wir es mit diesen zusammen behandeln. Jetzt ziehen wir weiter nordwärts im Groß-Namaqualand. Ueber sieben Breitengrade zieht es sich zwischen dem Atlantischen Ocean und der unbekannten Wüste des inneren Hochlandes entlang nach Norden hin, selbst eine wilde Gebirgswüste, mit zahllosen Felsbrocken wie übersäet, von einer Zahl tiefer Schluchten durchrissen, welche beim jeweiligen Herabstürzen großer Regenmassen sich in reißende Ströme verwandeln. Nur sehr sparsame Quellen, sehr geringe Spuren von Hölzung oder vielmehr Buschwerk sind auf den kahlen Flächen oder Höhen zu finden, die Weideplätze für das Vieh müssen mühsam in weitem Umkreis gesucht werden. Nur wenn einmal, was selten genug geschieht, die Gewitterregen reichlich fallen, dann bedeckt sich das ganze Land wie durch einen Zauberschlag mit einem wunderlieblichen Teppich von Blumen und Kräutern und die Berge umkränzen ihre Häupter mit duftig blühenden Kronen. Das sind aber meist sehr schnell vorübergehende Festzeiten. In den meisten Jahren behält das Land sein dürres und durstiges Angesicht, nur hier und da fallen vereinzelte Gewitterregen.

2.    Die Namaqua und Bergdamra

Dahin bringt dann der Wüstenbewohner seine Heerde, bis anderswo sich wieder ein reicherer oder spärlicherer Tisch für dieselbe gedeckt hat. Denn nur Nomaden können in diesem Lande leben, eine ackerbauende Gemeinde kann nirgend auf die Dauer bestehen. Eine Nomadenbevölkerung kann aber immer nur sehr gering sein; die Zahl der

Bewohner dieses weit ausgedehnten Landstrichs mag sich auf 10,000 bis 15,000 Köpfe belaufen, meistens Namaqua. Diese gelben Namaqua, sowie alle Hottentottenstämme, unterscheiden sich aber durch Farbe, Gestalt und Sprache so durchaus von den schwarzen Völkerstämmen Süd-Afrika’s, daß man auf die Vermuthung gekommen ist, sie seien fremde Einwanderer, die in uralter Zeit etwa aus Phönizien oder Aegypten herübergewandert, durch Schiffbruch in diese unwirthlichen Gegenden festgebannt worden seien. Ihre Sprache soll einen Zusammenhang mit der altägyptischen Hieroglyphensprache haben und ihre Geräthe in überraschender Weise den ägyptischen Geräthen gleichen, die wir auf den Pyramiden abgebildet sehen. Fände wirklich ein Zusammenhang zwischen dem alten Pharaonenvolk in Egypten und den jetzigen Namaqua Statt, dann hätten wir wieder einen traurigen Beweis, bis in welche Rohheit und Uncultur die Reste eines vormals hoch civilisirten Volkes zurücksinken können. Die Namaqua verstehen keinerlei Kunst als ihre Mattenhütten bauen, Kalebasse verfertigen, Karosse verbrämen, Eisen bereiten und Ochsen zähmen. Ihre Volksgenossen, die im Caplande wohnenden Hottentotten, sind, wie schon erzählt, schon seit länger als einem Jahrhundert unter die Herrschaft der Weißen gekommen, haben nicht blos ihre Freiheit, sondern auch die Reinheit ihres Bluts, ihre Sprache und ihre nationale Eigenthümlichkeit verloren, sind größtentheils zu einem elenden Mischvolk herabgesunken. Aber die freigebliebenen Namaqua jenseits des Oranje haben ihre wundersame schnalzreiche Sprache behalten, und noch etliche Reste von uralten Traditionen, von Fabeln und Geschichten, in denen sie eine tiefe Weisheit zu finden glauben, so abgeschmackt sie auch sein mögen. Sie haben auch noch eine dunkle Ahnung von einem höchsten Wesen, aber keine Spur von Gottesdienst, nur etliche Gebräuche, die vielleicht ursprünglich einen religiösen Sinn gehabt haben, jetzt aber ganz bedeutungslos geworden sind. Sie erzählen auch von einem Umherwandeln abgeschiedener Seelen, von dem mächtigen Heizi Eibib, der oftmals wieder aus seinem Grabe hervorgekommen sei, um den Leuten zu helfen, die ihm Geschenke brachten. Seine Gräber findet man in den Stammsitzen der Namaqua überall zerstreut. An Zaubereien, Schwarzdoktoren, Amuletten und Teufeleien aller Art fehlt es nicht unter diesen rohen Heiden, aber Priester, Altäre und Götzen kennen sie nicht. So laufen sie ohne Gott und ohne Trost durch die Welt, ein elendes Geschlecht. Ihr ödes Land, ihre jämmerlichen Mattenhütten, ihre schmutzigen Kalebassen, ihre paar Fetzen von Fellen oder alten Lumpen, die sie um den Leib binden — nichts könnte uns reizen, unter ihnen zu wohnen; nur ein von brennender Jesusliebe erfülltes Herz vermag in solcher Umgebung Freude und Genüge zu haben.

Die Namaqua sind aber nicht die einzigen Bewohner des Landes. In früheren Zeiten scheinen sie nur die südliche Hälfte inne gehabt zu haben. Die nördliche Hälfte dagegen war bewohnt von einem großen stattlichen Negervolk, den Haukoïn oder Bergdamra, welche,

ähnlich wie die Namaqua mit ihren Heerden im Lande umherzogen, übrigens aber auf einer wo möglich noch tieferen Stufe des rohen Heidenthums standen, als die Namaqua. Ob nun die Bergdamra, im Norden ihres Landes von andern schwarzen Völkern angegriffen, die Namaqua zu Hülfe gerufen haben, oder ob diese aus eigen Gelüsten nordwärts in das Gebiet der Schwarzen eingerückt sind, das läßt sich nicht ermitteln. Jedenfalls sind die Namaqua Herren der ganzen Gegend geworden, welche ehemals den Haukoïn gehörte, diese letzteren sind jetzt ihre Unterthanen und Knechte, und tragen das schwere Joch ihrer gelben Herren mit dumpfer Unterwürfigkeit, haben sogar ihre eigne Negersprache verloren und reden die Schnalzsprache ihrer Herren.

3.    Die Orlams

Zwischen diese Namaquastämme, zu denen die Topnaar und das rothe Volk, und die Horden des Zwartbooi, Arnold, Franzmann, Zeib, des Bondelzwart und Paul Links gehören, hat sich nun aber seit 50 oder 60 Jahren ein neuer Keil hineingeschoben, nämlich die hottentottischen Orlamstämme von den Grenzen der Capcolonie und aus dem Klein-Namaqualand, welche von den weißen Colonisten ein wenig europäische Cultur, einige Kenntniß von europäischer Denk- und Lebensweise, und etliche Brocken der holländischen Sprache angenommen haben. Diese Orlams mit der in der Missions-Geschichte wohlbekannten und vorhin bereits erwähnten Familie Afrikaner an ihrer Spitze hatten schon eine Kunde vom Christenthum, viele von ihnen, namentlich ihre Häupter, waren schon getauft, als sie unsere Missionare ins Land riefen.

4.    Die Station Bethanien und Missionar Schmelen ab 1814

Wir begleiten dieselben zunächst nach der Station Bethanien. Sie liegt ziemlich in der Mitte des Landes bei einer schönen lauwarmen Quelle, und in einer für das Namaqualand schön zu nennenden Gegend am Goangib. Der Orlamstamm des David Christian hat sich daselbst niedergelassen, ein Haufen von etwa 600 Köpfen. Schon 1814 wurde hier eine Station angelegt von dem alten Vater Schmelen, dessen wir schon bei Kommaggas gedachten. Ein großer Trupp Orlam zog mit ihm und ließ sich mit ihm im Gebiet der dortigen Namaqua, die den Namen Veldschoendragers führten, nieder. Die Eingedrungenen blieben aber nicht lange in Frieden mit den Namaqua. Während einer mehrjährigen Abwesenheit des Missionars hatten sie die Namaqua zurückgeworfen und sich zu Herren von Bethanien und der ganzen Umgegend gemacht. Von seiner Station Bethanien aus hat dann Schmelen weit und breit das Land durchstreift bis an die nördlichen Grenzen, hat die meisten zerstreut wohnenden Horden besucht, und ihnen allen das Evangelium fleißig gepredigt. Er hat große Erweckungen unter dem Volke erlebt, aber auch schweren Rückfall ins alte Heidenthum und scheinbar gänzliche Vernichtung des ausgestreuten guten Samens. Nach zehnjähriger mehrfach unterbrochener Wirksamkeit hat er dies Arbeitsfeld verlassen müssen.

5.    Bethanien und Missionar Knudsen (ab November 1842)

Aber nach seiner Entfernung zeigte sich’s, daß er doch keineswegs umsonst gearbeitet hatte. Die Leute fingen allmählig an, zu begreifen, welchen Segen sie unter sich gehabt, und was sie nun verloren hatten. Sie hungerten nach dem Worte Gottes, sie zogen aus, sich wieder einen Lehrer zu suchen. Auf Eben Ezer sind wir ihnen schon begegnet. Mit welcher Freude ward unser Miss. Knudsen von ihnen empfangen, als er am 3. Novbr. 1842 bei ihnen eintrat (S. 81). Wie gern thaten sie ihm alles zu Willen! Da er in seinem Mattenhause sich nicht behelfen konnte, halfen sie ihm die Ruinen des alten Schmelen’schen Hauses wieder herstellen und ein Dach darauf setzen. Von ihm ließen sie ihre Streitigkeiten entscheiden, von ihm den Häuptling einsetzen und Gesetze geben, ihm brachten sie die Schuldigen zur Bestrafung, nach seinem Rath gingen sie oder blieben sie. Sein frisches keckes Auftreten unter ihnen gewann ihm aller Herzen, und obwohl er sich nicht in ihrer Sprache mit ihnen unterreden konnte, sondern meist dolmetschen lassen mußte, so verstand er sich doch aufs beste mit ihnen. Denn grade die Weise, wie Knudsen das Evangelium unter ihnen predigte, sagte diesem leicht erregbaren Heidenvolk am meisten zu. Es war keine ernste methodische Belehrung, die langsam von Stufe zu Stufe fortschreitet, sondern ein fröhliches Anpreisen der ewigen Gnade, eine Verherrlichung des Liebesrathschlusses Gottes, eine Feier der geschehenen Erlösung und dringende Einladung der großen Heilsgüter, die für Jedermann bereit seien, sich sofort durch Buße und Glauben zu bemächtigen. Diese Forderungen schienen so leicht, dies vorgesteckte Ziel so bald erreichbar — kaum war der Same ausgestreut, so begann er schon aufzugehen, nur freilich er hatte nicht tiefe Erde. Eine sogenannte Erweckung erfolgte schon in den ersten Wochen nach Knudsen’s Amtsantritt. Seufzen und an die Brust schlagen, mitten in der Predigt in Zerknirschung niederfallen, mit lauter Stimme hinter den Büschen zum Herrn flehen, die Sünden bekennen und nach Vergebung schreien, das waren die Erscheinungen, welche sich bald über den ganzen Platz verbreiteten, und Jung und Alt mit fortrissen. So war es auch einstmals gewesen, als Schmelen 1814 auf Bethanien angehoben hatte, das Evangelium zu predigt, so war es auf fast allen Namaquastationen einmal zugegangen, aber leider die Früchte der Bewegung waren jedesmal sehr gering und dürftig ausgefallen. Wie ein Obstbaum, der im Frühjahr mit einem ganzen Blüthenmeer unser Auge und Herz erfreut, und darnach im Herbst unsere Erwartungen jämmerlich täuscht, weil Sturm und Nachtfrost und Wurm und Dürre die Entwicklung der Blüthen verhindert haben, so ist es fast immer noch mit den Namaquastationen gegangen. Knudsen taufte in seinem freudigen und hoffnungsreichen Eifer gleich in den ersten Monaten an 46 Erwachsene und 60 Kinder, er setzte Aelteste, Diakonen und Diakonissen ein, er hielt Liebesmahle mit ihnen, ließ sich von ihren geistlichen Erfahrungen erzählen, wählte mit ihnen die biblischen Texte zur Predigt und zur Besprechung aus, und bezeigte ihnen ein solches Zutrauen, als wenn er bereits gereifte Christen vor sich hätte. Aber es zeigte sich bald, daß es eben nur Anfänger waren, und leider solche Anfänger, die selber schon meinten am Ziele angekommen zu sein. Sie hielten es nicht für nöthig (das böse Herz wehrte es ihnen), den Kampf gegen Satan, Welt und Fleisch zu beginnen, mit tiefem Bußernst gegen ihre alten heidnischen Gewohnheiten und Laster zu Felde zu liegen, und täglich sich als größere Sünder vor Gott erkennend, täglich ihren alten Adam in der Kraft Gottes zu kreuzigen. Wohl mochte es bei einzelnen Seelen wirklich der Fall sein, und etliche sind in Frieden heimgefahren. Aber bei der Mehrzahl war das erste Feuer bald wieder am Erlöschen, und der alte unruhige Namaquasinn, der nicht Fuß beim Male halten kann, brach wieder hervor. Fast anderthalb Jahr gelang es Knudsen, die Gemeinde auf Bethanien zusammen zu halten. Dann aber zerstreute sie sich unter dem Vorwand der Dürre wieder nach allen Seiten. Gern hätte sich Knudsen in die traurige Nothwendigkeit geschickt, mit ihnen und hinter ihnen her von einem Weideplatze zum andern zu ziehen, und er that es auch. Aber das war es, was ihm das Herz schwer machte, daß das kaum erwachte geistliche Leben in seiner lieben Gemeinde schon wieder am Absterben war, daß Lauigkeit und Herzensträgheit, Widersetzlichkeit gegen die heilsame Zucht, heidnische Ausschweifung und Sündenknechtschaft wieder allgemein wurde, und auch unter den zahlreichen Getauften sich eine bittre Erfahrung an die andere reihte.

So stand es in den Jahren 1844 und 1845 unter demjenigen Theile der Bethanischen Gemeinde, welcher zu des Häuptlings David Christian Stamme gehört.

6.    Knudsen versorgt aicj die Gulbrandsdalener Filialgemeinde der Bethanischen Muttergemeinde

Aber noch ein anderer Stamm von Orlam’s hielt sich zu dem Bethanischen Missionar, der des Paul Goliath mit seinem getreuen „Presbyter“ Christoph Tibot. Der hatte auch früher weiter südlich am Oranjefluß gesessen, und auf Pella von Miss. Albrecht das Wort Gottes gehört, und viele hatten sich taufen lassen. Da aber die Predigt auf Pella verstummte, und die Gemeinde daselbst sich zerstreute, war dieser ganze Stamm nordwärts gezogen an den Fischfluß. Dort hatte er aufs Neue die Stimme des guten Hirten vernommen durch den alten Vater Schmelen von Bethanien, und durch ihn war Christoph Tibot, der sich von ganzem Herzen zum Herrn bekehrte, in das Verständniß der Wege Gottes eingeführt. Der versah nun das Zeugenamt bei seiner Horde nach Schmelen’s Abreise in aller Demuth und Treue, las ihr aus seiner holländischen Bibel in aller Einfalt vor, Jahr aus Jahr ein, und erklärte es so gut er es verstand. Als nun Knudsen 1842 nach Bethanien gekommen war, und der alte Tibot sich ihm vorstellte, setzte der ihn sogleich zu seinem Mitarbeiter und Aeltesten für Paul Goliath’s Leute ein und versprach selber so oft zu ihm hinüber zu kommen, als Zeit und Kraft es ihm verstatteten. Das that er denn auch, kam gleich im Mai 1843, und der Platz, wo die kleine Filialgemeinde eben hauste, sprach ihn so heimathlich an, daß er ihn nach seinem norwegischen Thale Gulbrandsdalen nannte. Noch mehr aber erfreute ihn die frische Wirksamkeit des alten Presbyters, der ihm gleich 23 Taufcandidaten vorstellte, alle, wie sich bei angestellter Prüfung erwies, hinlänglich befestigt in den Heilswahrheiten und wohl bewandert in der Bibel. Knudsen taufte, traute, feierte mit 17 Communicanten das h. Abendmahl, sandte zwei seiner eigenen Schulgehülfen, um den alten Tibot beim Unterricht der Kinder zu unterstützen, und als er im Herbst desselben Jahres sein Filial am Fischfluß zum zweiten Male besuchte, konnte er schon wieder 18, nach einem weiteren halben Jahre 21 Seelen taufen, und eine Anzahl von Abgefallenen, unter ihnen den Capitain Paul Goliath selber wieder in die Gemeinde aufnehmen. Von jetzt an machte die Gulbrandsdalener Filialgemeinde der Bethanischen Muttergemeinde bereits den Rang streitig, sowohl an Zahl der Mitglieder (jede zählte etwa 300 Getaufte), als an geistlichem Leben; besonders auch in dem Herzen des Missionars. Je mehr die beginnende Erschlaffung und Zerstreuung der Bethanier unserem Knudsen den Aufenthalt unter ihnen verleidete, desto wohler fühlte er sich unter der frischen und lebendigen Schaar, die sich um den ehrwürdigen Vater Tibot gesammelt hatte. Erst nach Jahresfrist, Ostern 1845, konnte er wieder zu ihnen zurückkehren. Er war verreist gewesen nach den nördlicheren Stationen, und hatte dann eine geraume Zeit fern von Bethanien nach der entgegengesetzten Seite hin bei dem Haupttheil seiner zerstreuten Gemeinde wohnen müssen, und es war ihm öde und trübe unter ihr zu Muthe geworden. Das Land war kahl und hart, der Himmel ehern, die Gluth unerträglich, Hunger und Durst weit und breit. Auch die Gulbrandsdalener hatte sich zerstreuen und ihren Platz verlassen müssen. Aber Gottes Wort hatte sie voll freudigen Glaubens und voll getroster Zuversicht erhalten, die Schule war in gedeihlichem Zustande, die Zahl der Taufcandidaten so groß, daß Knudsen innerhalb 8–10 Wochen 56 Erwachsene und 92 Kinder taufte. Und mitten in dieser Nothzeit überraschte die Gemeinde den Missionar mit einem Geschenk für die Missionskasse, einer ganzen Viehheerde, 320 capische Thaler an Werth, und dictirte ihm dabei einen Brief an die hiesige Gesellschaft: „daß sie das Geld zusammengebracht hätte, damit mehr treue Gottesknechte ausgesendet werden können zu den Heiden, die noch nie das Wort Gottes gehört haben.“

7.    Knudsen verläßt 1845 die Gulbrandsdalener Filialgemeinde der Bethanischen Muttergemeinde und wir nun in Bethanien von seinem Gehilfen Bam unterstützt

Knudsen dachte wohl selber nicht, daß er dies Mal schon zum Letzten Male auf seinem lieben Gulbrandsdalen gewesen sei. Aber er kam nicht wieder, und drei Jahre lang blieb Tibot’s Gemeinde verwaist. Knudsen hatte während des Jahres 1845 alle einzelnen Werfte seiner weit nach Norden hin zerstreuten Bethanischen Gemeinde besucht, bis nach Rehoboth hin, hatte von dort gegen Ende des Jahres den Gehülfen Jan Bam mit zurückgebracht, und dem seine Gemeinde provisorisch übergeben, während er selbst nach Capstadt reiste, um dort ein Lesebuch in der Namaquasprache drucken zu lassen. Erst im Herbst 1846 hatte er den Druck der Uebersetzung des Evangeliums Lucas vollendet und kehrte damit nach seinem Bethanien zurück. Er fand es trauriger, dürrer, verödeter wieder, als er es verlassen, verkehrte nur noch mit einem kleinen Teil der zerstreuten Gemeinde und folgte schon nach einem halben Jahre einer Einladung, die ihn nach Europa rief.

8.    Im Juni 1847 verläßt Knudsen Bethanien. Sein Nachfolger ist ab Februar 1848 Missionar Samuel Hahn

Anfangs Juni 1847 verließ er Bethanien, Namaqualand, Afrika, und wir haben schon S. 79 uns an seinen Aufenthalt in Europa erinnert. An seine Stelle trat für Bethanien und Gulbrandsdalen Miss. Samuel Hahn, der bis dahin auf Eben Ezer thätig gewesen war. Im Febr. 1848 kam er, der schrecklichen Durstesnoth unterwegs fast erliegend, mit den Seinen in Bethanien an. Kaum war S. Hahn etliche Tage auf Bethanien gewesen, so öffnete Gott der Herr die lange verschlossenen Fenster des Himmels und ließ eine solche Fülle von Regen und Segen auf die verschmachtete und verbrannte Erde herabströmen, daß wie mit einem Zauberschlag sich die öde Wüste in ein weites duftiges Blumenfeld verwandelte, die nackten Steinklippen sich mit grünen Kronen zierten, und Menschen und Vieh jauchzten in der Fülle der Gaben, welche die überströmende Freundlichkeit des Herrn ihnen zugewendet. Da ging dem wackern Colonisten S. Hahn der Gedanke durch den Kopf: solch herrliches Land, in so erstaunlicher Frische und Ueppigkeit — und doch nichts als ein paar elende Nomadenhorden darin! Das muß anders werden. Das Feld müssen sie bauen, seßhafte Landwirthe werden, nur so kann ihnen auch im Geistlichen geholfen werden! Indem er nun seine mitgebrachten Pflüge in Stand setzte, kam schon der alte Tibot von der Gulbrandsdalener Gemeinde geritten, um den neuen Lehrer zum Besuch seines Filials am Fischfluß einzuladen. S. Hahn zögerte nicht, der Einladung zu folgen, nahm aber auch seine Pflüge mit. Und nachdem er nun an dem noch immer andauernden frischen Leben unter dieser lieben Gemeinde sich erquickt, an 30 Taufen verrichtet und mit 60 Gästen das Abendmahl gefeiert, so suchte er alsbald in der Umgegend ein Stück Land auf, welches für den ersten Versuch am geeignetsten schien, und fing an zu pflügen und zu säen. Es war am Fuße des stattlichsten Berges der ganzen Gegend, des Grootbroekaros, wo das im Namaqualand noch nie gesehene Ding, der Pflug, zum ersten Mal den Boden furchte, und 12–14 Stunden weit kamen die Leute gelaufen, um sich das Wunder mit anzusehen. Auch ging die Saat gar prächtig auf, aber Frost und Hitze waren ihr zu mächtig, es kam nichts darnach. S. Hahn versuchte es auf einer anderen Stelle, westlich von Bethanien, bei Dus, nach der Seite des Meeres zu. Und auch dort war die Verwunderung und das Interesse der Leute außerordentlich; die Saat kam auch fröhlich empor; aber da S. Hahn nicht am Orte bleiben konnte, so ging die ganze Ernte verloren. Nach etlichen Monaten kamen Leute von Dus nach Bethanien und erzählten, das Korn sei ganz gelb, und die Körner lägen alle auf der Erde umher — kein Mensch hatte sich darum bekümmert. Dergleichen Erfahrungen stimmten die Culturhoffnungen und Ackerbaupläne des lieben Bruders gewaltig herab, und auch sonst hatte er nicht viel Freude. Wenigstens in Bethanien nicht. Anders war es in der Gulbrandsdalener Gemeinde. Im August und September 1848 war Hahn wieder bei ihr. Die Leute hatten den Weg für ihn gebessert, ein großes Mattenhaus für ihn hergerichtet, und mit Milch, ihrer einzigen Kost, versorgten sie ihn überreichlich. Aber dabei gab es viel Arbeit, für den kranken Bruder fast zu viel. Alle Tage zwei Predigten, dazu Taufunterricht, Abendmahlsvorbereitung, Unterweisung der Kinder, der Confirmanden, und zu dem allen die unaufhörlichen Einzelgespräche, denn das Sehnen und Fragen nach der Seelen Seligkeit dauerte beständig fort, und ließ dem Missionar keine Ruhe. Er taufte wieder an 30 Seelen und feierte das Abendmahl mit 70 Personen, sagte auch der lieben Gemeinde zu, wenn Knudsen wieder zurückkäme und auf Bethanien bliebe, so wolle er ganz zu ihnen ziehen, wenn sie nur einen geeigneten Platz finden könnten, wo er sich mit ihnen anbauen könnte.

9.    Knudsen kehrt im Juni 1849 nach Bethanien zurück und unterstützt den erkrankten Missionar Hahn

Knudsen kam wirklich im Juni 1849 nach Bethanien zurück und S. Hahn hätte nun sofort sein Versprechen erfüllen können. Aber viel Noth und Krankheit in seiner Familie und am eigenen Leibe hielt ihn noch über ein Jahr auf Bethanien zurück. Das war ein schweres Jahr. Die Bethanische Gemeinde in tiefster Verwirrung, von weißen Handelsleuten, die jetzt das Land nach allen Richtungen hin zu durchschwärmen anfingen, um ihr Gut und Vieh gebracht für etliche lumpige Kleidungsstücke, für Pulver und Branntwein, aufgehetzt von diesen Störenfrieden gegen die Autorität der Missionare, zweifelhaft gemacht an der Wahrheit ihrer Lehre, bestärkt in ihren fleischlichen Lüsten, durch Jonker’s böses Beispiel im Norden zur Raubsucht angestachelt; ihr gegenüber Knudsen mit seiner jungen Frau, mit gesteigerten Ansprüchen und Bedürfnissen, ihnen fremder als sonst entgegengetreten: da konnte Streit und Hader nicht ausbleiben. Was Knudsen auch anordnen und anrichten mochte, Niemand wollte Folge leisten, was er auch von ihnen bat, Niemand wollte ihm und seiner Frau zur Hülfe sein. Wollte er gar Strenge anwenden, so wurden sie erst recht frech, verließen im Zorn die Station und zogen nach alter Namaquamanier in die Wildniß hinaus. Nach Jahresfrist war der Platz fast leer geworden, nur zwei Familien waren am Ende noch da, auch kein Dolmetscher war mehr zu haben, Schule und Gottesdienst hörte auf. Und während dieser Elendszeit lag der arme S. Hahn krank, an allen Gliedern gelähmt, sein Weib und seine Kinder ebenfalls krank und pflegebedürftig um ihn her, auf seinem Schmerzenslager zu Bethanien. Einmal noch war er im Juli und August 1849 bei seinen lieben Gulbrandsdalern gewesen, und hatte sie aufgefordert, sich doch endlich auf den Weg zu machen, um einen bessern Wohnort zu suchen, wo er dann eine feste Station mit ihnen anlegen könne. Denn auf Gulbrandsdalen erklärte er nun einmal nicht auf die Dauer wohnen zu können, denn es fehlte zu sehr an Wasser, und die Gemeinde hätte in fortwährender Zerstreuung leben müssen. Nun meinte S. Hahn, daß etwa nordwestwärts von Bethanien, weiter nach dem Meere zu, sich wohl eine recht günstige Stelle zum Anbau finden würde, vergaß aber dabei, daß jenes ganze Feld ja schon einem anderen Herrn gehörte, nämlich dem David Christian von Bethanien. Oder meinte er, daß der es gutwillig abstehen würde an den fremden Stamm? Da sollte er bald enttäuscht werden. Der Gulbrandsdalener Capitain mit seinen Aeltesten war gutmüthig genug gewesen, im September wirklich nach Bethanien herüber zu kommen, um S. Hahn zur Untersuchungsreise abzuholen. Das gab aber einen Lärm auf dem Platz. Der David Christian wurde ganz wild, daß die Missionare fremde Leute in sein Gebiet bringen und ihm etwas von seinem Eigenthum rauben wollten. Da war keine Verständigung möglich, es erfolgte einer der ärgerlichsten Auftritte, die Gulbrandsdalener kehrten eilends wieder über die Berge zurück an ihren Fischfluß, S. Hahn sank auf sein Krankenlager, und Knudsen mußte von jetzt an erfahren, daß er beim Capitain und dessen Leuten alles Vertrauen und allen Einfluß verloren habe. Am 11. Febr. 1851 verließ Knudsen das verödete Bethanien für immer. Es waren noch etliche Versuche zur Aussöhnung gemacht, noch etliche große Raths-Versammlungen gehalten, allein das alles führte zu keinem Ziele. Der Missionar war ausgethan, der weiße Handelsmann mit seinem Branntwein und Schießgewehr war jetzt der beste Freund und die wichtigste Autorität für den Orlam wie für den Namaqua geworden.

Nur nicht für die Gemeinde am Fischfluß. Die hielt ihren Lehrer Samuel Hahn nach wie vor in hohen Ehren. Da er so schwer krank in Bethanien lag, betete sie ohne Unterlaß mit allem Eifer und Anliegen zu Gott, daß er ihnen den Lehrer doch erhalten und wiedergehenken möge. Und als er dann zu Ostern 1850 wieder anfing aufzustehen von seinem Schmerzenslager, und wie ein kleines Kind wieder anhub gehen zu lernen, da jauchzten die zu Gulbrandsdalen und sangen Loblieder, daß der Herr ein solches Wunder gethan und ihr Gebet erhört habe, und schickten alsbald Leute hinüber, um zu sehen, wie schnell es mit der Genesung vorwärts ginge, und ob der liebe Bruder nicht bald zu ihnen werde kommen können. Er kam im Juli 1850, aber noch nicht, um ganz bei ihnen zu bleiben, sondern um noch einmal sein Bestes zu thun, und das Land mit ihnen auf und ab zu durchsuchen, ob denn nirgend ein besserer Platz für die Station zu finden sei. Er glaubte ihn zu Zwartmorast gefunden zu haben, im Gebiet des Zeib, des heidnischen Namaquahäuptlings, der eben auf einem Raubzuge gegen die Damra’s war. So gewiß, meinte S. Hahn, wolle er mit seinen Leuten und der Predigt des Evangeliums hierher kommen, daß er schon seinen großen Farbstein vom Wagen nehmen und auf den Boden niederlegen ließ als Unterpfand seiner Wiederkehr. Es schien ihm gar keine Schwierigkeit zu haben, daß die kleine Horde des Paul Goliath sich mit Zeib’s großem Stamme vereinigen sollte. Aber Paul Goliath und Tibot und Daniel und alle Aeltesten protestirten dagegen aus aller Macht. Mit dem wüsten Heidengesinde wollten sie sich nicht wieder vermischen.

10.  Die Gründung Bersabas und Missionar Hahn

Am Ende nach vielen Verhandlungen wurden sie mit S. Hahn einig, daß er einen Versuch mit ihnen machen wollte am Grootbroekaros, wo er das erste Korn gesäet. Hahn ging und holte Weib und Kind und alle Geräthschaften herbei, und am 9. Septbr. hielt er mit Wagen und Ochsen am Fuße der Grootbroekaros (s. Barm. Miss. Bl. 1855, Nr. 3 u. 16). Auch diese Stelle war nicht etwa Eigenthum des Stammes. Der kleine Stamm des Paul Goliath hatte überhaupt gar kein Eigenthum. Er konnte nicht wie die mächtigeren Orlamstämme des David Christian, Jan Booi, und Jonker Afrikaner den alten Namaquagrundsatz geltend machen: so weit meine Füße und so weit meine Augen reichen, ist Land und Volk mein Eigenthum; sondern mußte versuchen, wo und wie weit er von den Nachbarstämmen geduldet wurde. Sie hatten ihn bisher geduldet, die Veldschoendragers, und Zeib’s und Willem Franzmann’s Stamm, so lange er mit seinen Leuten und Heerden als Gast und Fremdling an ihren Grenzen umherpilgerte, heute in Gulbrandsdalen, morgen in Habigas oder in Huns u. s. w. Aber da er nun die Quellen am Fuß des Heizi Kubib oder Grootbroekaros förmlich in Besitz nehmen, und sich als Herr und Besitzer des schönen Feldes mit den Ebenholzbäumen betrachtet wissen wollte, da erwachte ihre Eifersucht, das wollten sie nicht leiden. Der arme Paul Goliath wußte selbst recht gut, daß es mit seinem Besitztitel sehr übel bestellt war. Als er in der großen Rathsversammlung am 17. Octbr. 1850 sich definitiv dafür entschied: hier wolle er mit seinem Volke bleiben, hier eine Kirche bauen, hier das Evangelium hören, setzte er gleich etwas kleinlaut hinzu, „bis die Völker dieses Landes kommen und mich und mein Volk wegjagen.“ Und in der That, es sah danach aus. Kaum war der Bau des massiven Hauses auf Bersaba, so nannte S. Hahn den neuen Platz, begonnen, kaum war die Quelle gereinigt, Gärten angelegt und der Boden in etwa bearbeitet, kaum war das Gerücht von den Gottesdiensten und der Schule auf Bersaba und all dem neuen Wesen der kleinen christlichen Gemeinde in die Umgegend erschollen, so machten auch schon die Nachbarn Ansprüche auf das Feld und auf die Quellen, und trieben ihre Heerden absichtlich nach dieser Richtung hin und bedrängten die armen Leute so sehr, daß Paul Goliath sich endlich demüthig bittend an Cornelis Dasib wandte, den Oberhäuptling vom rothen Volk, und ihn um Schutz gegen die zudringlichen Nachbarn ersuchte. Dasib ließ ihn dann zwar eine Strafe dafür zahlen, daß er ohne seine Erlaubniß sich auf Bersaba niedergelassen habe, doch gestand er ihm zu, daß er dort im Frieden wohnen bleiben solle, „so lange bis Dasib selber den Platz für sich werde gebrauchen müssen.“ So wohnte denn also die kleine Gemeinde zwar mit Fug und Recht auf Bersaba, aber doch nur bedingungsweise und auf unbestimmte Zeit.

Die Hauptursache, weshalb die heidnischen Nachbarn der kleinen Christengemeinde das kleine Stück Landes am Keizi Kubib nicht gönnte, war übrigens keine andere, als die, daß sie das Hereinbrechen des Lichtes in ihre Finsterniß und zur Beleuchtung ihrer bösen Werke nicht leiden wollten. Die heidnischen Namaquahäuptlinge waren im ganzen Lande weit und breit auf Plündern und Beutemachen, Rauben und Morden aus. Seit die europäischen Handelsleute ihnen ihr bestes Vieh abgekauft hatten, sahen sie sich fleißig nach Gelegenheit um, den Abgang wieder zu ersetzen. Da stachen ihnen die zahlreichen fetten Ochsen der nördlicher wohnenden schwarzen Damrastämme in die Augen. Alsbald begann ein allgemeines Treiben und Jagen im Namaqualand nach Norden hin, der ehemals christliche Orlam Jonker voran, der heidnische Namaqua Dasib daneben, hinter ihnen drein Christ und Heide, Orlam und Namaqua, alle Häuptlinge durcheinander, Jan Booi und Zwartbooi, Zeib und David Christian, Willem Franzmann und David Afrikaner. Unaufhörlich zogen die beutegierigen Schaaren an Bersaba vorüber nach Norden hinauf, und kehrten mit großen Heerden, Gefangenen und Sclaven zurück. Und zwischen all dieser Räuberwirthschaft saß die kleine Gemeinde auf Bersaba still und bauete sich aus Gottes Wort; zu einem Zeugniß über die Räuberhaufen. Deshalb wollten die wilden Gesellen das gottselige Häuflein nicht unter sich dulden. Gar schlau fing es der Satan an. Den Paul Goliath verjagen, das ließ sich nicht wohl thun, aber ihn verführen. Wie, so redete jetzt die Schlange zu ihm, bist du denn noch Capitain? der weiße Lehrer ist dein Capitain, und du mußt thun und lassen, was er will. Er will dein Unglück, du wirst arm und elend bleiben, während wir alle reich werden. Und dabei wurde ihm das geraubte blanke Vieh unter die Augen gestellt, Franzmann allein brachte an 100 schmucke Damraochsen mit und unzähliges Kleinvieh. Wie bestanden die Bersabaer Gemeindeglieder diese Versuchung? Ja, sie war schwer genug; von ihrer eignen Lust wurden sie gereizet und gelocket; von Jugend auf waren sie gewohnt, solche Einfälle in fremdes Gebiet, Eroberungen und Plünderungen als erlaubte Politik anzusehen, die mit der Religion nichts zu schaffen habe; die Christen hatten es ja eben so gemacht und machten es noch heute eben so — warum sollten sie nicht auch ihren Antheil von der Beute holen? Da hatte S. Hahn eine schlimme Zeit auf seinem lieben Bersaba. Seine Predigten und Belehrungen, sobald sie auf dies Thema kamen, fanden keinen Anklang. Das seien politische Dinge, hieß es, in die sich der Missionar nicht zu mischen habe; der ganze oberste Rath der Gemeinde, selbst der alte treue Tibot und Paul Goliath waren unter seinen Gegnern. Es kam so weit, daß S. Hahn in öffentlicher Rathsversammlung erklärte, er würde sie augenblicklich verlassen, wenn sie sich nicht unter die klaren Aussprüche des Wortes Gottes beugten und von ihren kriegerischen und beutesüchtigen Plänen Abstand nähmen. Das schlug denn doch am Ende durch. Nach langem Besinnen, nach mehrwöchigen Berathungen kamen sie zu dem Beschluß, um keinen Preis ihren Lehrer ziehen zu lassen. Ob sie das Unrecht ihrer politischen Grundsätze einsahen, mag dahingestellt bleiben. Aber sie kamen alle und baten Hahn um Vergebung; ja der alte Tibot weigerte sich nicht, sogar öffentlich in kirchlicher Versammlung das von ihm gegebene Aergerniß zu bekennen. Der Capitain, mit Thränen in den Augen, sagte: „ich kenne unser Leben, als wir das Wort Gottes noch nicht hatten, und kenne es nun, da wir das Wort unter uns haben; ich kann ohne dasselbige nicht mehr leben; Gott weiß es, daß ich keine böse Absicht dabei gehabt habe.“ So wurde denn der Friede wieder hergestellt. Aber S. Hahn’s Aufenthalt in Bersaba war nicht mehr von langer Dauer. Das hier Erzählte war in den ersten Monaten des Jahrs 1851 geschehn. Bald darnach trat der südafrikanische Winter ein, in seinem Gefolge Kälte, Dürre, Krankheit und Hungersnoth. Die Gemeinde mußte sich zerstreuen, um für ihre Heerden Weide zu suchen. Hahn hätte ihnen zu den verschiedenen Lagerplätzen folgen und Rundreisen bei den zerstreuten Familien machen müssen. Aber dazu reichten Gesundheit und Kräfte nicht mehr hin. In den rauhen Wintertagen hatte sich sein Uebel wieder gesteigert, er konnte oft vor Schmerzen nicht Hände noch Füße regen. Und doch durfte der Hausbau nicht stille stehn. Denn noch immer wohnte der Missionar mit seiner Familie unter einem Zelte und der Gottesdienst wurde immer noch in einer luftigen Laubhütte gehalten. Dazu kam noch, daß Hahn die Mangelhaftigkeit des Dolmetschens immer schwerer empfand. Er selbst war nicht mehr im Stande, die schwierige Namaquasprache zu erlernen, aber seine Kinder waren zum Teil damit aufgewachsen, und durch sie konnte er sich hinlänglich überzeugen, daß ein Missionar, ohne die Sprache des Volkes selber zu sprechen, nie etwas Gründliches und Dauerhaftes in einer Heidengemeinde ausrichten kann.

11.  1851 trifft Missionar Krönlein auf Bersaba ein, um Hahn zu unterstützen

Da kam im August 1851 sein Gehülfe und Nachfolger, unser Miss. Krönlein, auf Bersaba an. Der Superintendent aus der Capcolonie, unser Miss. Zahn, brachte ihn selbst dahin, und Weich von Kommaggas sammt Knudsen begleiteten ihn. Zahn hatte nämlich von Deutschland aus den Auftrag bekommen, selber ins Groß-Namaqualand zu reisen, und zu sehen, wie es mit der zerfallenen Bethanischen Gemeinde stände, ob sie nicht zu bewegen sei, einen Lehrer wieder bei sich aufzunehmen. Er hatte den David Christian und die Aeltesten der Gemeinde nicht in Bethanien, sondern bei Dus getroffen, und war ziemlich gut mit ihnen zurecht gekommen. Einen Lehrer wollten sie gern wieder haben, selbst Knudsen, wenn es sein müßte. Daraus ist freilich nichts geworden, statt dessen wurde ihnen bald nachher Gorth gesandt. Von dessen traurigem Schicksal werden wir noch zu reden haben.

12.  1851 ist Bethanien verödet; Krönlein wird Hauptmissionar in Berseba

Auf Bethanien selbst fand Zahn alles öde und einsam. Nichts Lebendiges war zu hören und zu sehen außer einer wilden Gans bei der Quelle, die sofort geschossen wurde. Die Kirche war halb fertig stehen geblieben; Knudsens früheres Wohnhaus war aufgebrochen und die Fensterscheiben in Stücken. Im Vorhause hatte man Feuer angemacht, und es war zu verwundern, daß es nicht abgebrannt war. Der Garten war wüst und kein grünes Zweiglein da. Wie lag die Stadt so wüst, die einst voll Volks war! Auch auf Bersaba fand Zahn wegen der Dürre nur wenig Familien. S. Hahn hatte Gärten angelegt und sein Haus war bis zum Dach fertig. Hahn selbst, obwohl stets eifrig an der Arbeit, war doch schwach und kränklich. Nachdem Zahn an Ort und Stelle alles auf’s Genaueste erkundet, hielt er es für’s Beste, dem Br. Krönlein sogleich die Bersabaer Gemeinde völlig zu übergeben. Darüber waren die Leute sehr erfreut, und die Presbyter gaben dem Superintendenten einen Brief mit an die Gesellschaft, der hieß: „Wir Aeltesten dieser Gemeinde danken dem Herrn, daß er so unerwartet unsre vielen Bitten und Gebete erhört und uns einen Lehrer gesandt hat. Auch der Gesellschaft danken wir, daß sie die Hand nach uns Unwürdigen ausgestreckt hat. Mit all unsern Kräften wollen wir suchen unserm Lehrer zu gehorchen und ihm zur Hülfe und zur Freude zu sein, wozu uns der Herr in Gnaden helfe. Unsre Schwachheit ist groß. Grüße an alle Freunde in dem Herrn Jesus in Deutschland von Christoph Tibot, Paul Goliath, Salomon David, Isaak, Daniel Jakob.“

13.  Hahn bleibt noch bis Mai 1852

Mit großer Bereitwilligkeit halfen sie gleich beim Haus- und Kirchenbau. S. Hahn selbst hatte noch die Freude, in dem Hause zu wohnen. Der kränkelnde Bruder konnte nämlich nicht daran denken, vor Ende der Dürre und der heißen Zeit die Station zu verlassen. So blieb er noch bis zum Mai 1852 und half so lange noch treulich mit am Bauen und in allen äußern Geschäften der Station, so daß der jüngere Bruder eine erwünschte Anleitung empfing.

14.  Neubeginn mit Missionar Krönlein in Berseba

Von Anfang an hatte der neu eingeführte junge Pfarrer von Bersaba sich’s zur Aufgabe gesetzt, wie er denn von hieraus die bestimmteste Weisung dazu erhalten hatte, die Namaquasprache zu erlernen. Das war freilich ein schweres Stück Arbeit. Außer der Knudsen’schen Uebersetzung des Lucas fehlte es an allen litterarischen Hülfsmitteln, fast alles mußte von dem Munde der schnalzenden Leute abgehorcht werden. Es ging deshalb sehr langsam vorwärts, und das elende Dolmetschen dauerte noch eine geraume Zeit fort. Erst als später in der Person des Bastard Daniel Cloete ein tüchtiger Sprachlehrer ankam, als gemeinsame Forschungen und Uebungen mit andern Brüdern angestellt werden konnten, rückten die Sprachstudien etwas vorwärts, und die Uebersetzung und Ausarbeitung kleiner Katechismen, biblischer Geschichten und sonstiger Schulbücher war die Frucht davon. Mit der Schule ging es gleich Anfangs recht frisch voran, nachdem die Kinder von den zerstreuten Werften wieder etwas zusammen gebracht waren. Der junge Lehrer hatte seine Freude an der schnellen Auffassung, dem guten Gedächtniß und den treffenden Antworten seiner gelben Schüler, und meinte, daß manche deutsche Christenschule den Vergleich mit der Bersabaer Schule nicht aushalten würde. Mit den Alten dagegen hatte der neue Seelsorger erst mancherlei Kämpfe zu bestehen. Es fehlte ihnen noch allzusehr die gründliche und durchgreifende Sündenerkenntniß, und sie konnten nicht begreifen, warum der weiße Mann diese und jene heidnische Sitte, die ihnen ganz unverfänglich schien, mit so strenger Kirchenzucht bedrohte. Es gab eine Scheidung. Mehrere Familien zogen hinweg zu den heidnischen Nachbarstämmen, um dort ungestört ihren Lüsten wieder fröhnen zu können. Aber die Mehrzahl hielt aus; der bösen Einflüsse waren weniger geworden, ein besserer Geist erwachte wieder in der Gemeinde. Sündenerkenntniß und Bekenntniß erfolgte zuerst bei den Häuptern der Gemeinde; viele der Geringern folgten. Und als zu Anfang des Jahrs 1852 der Herr reichlichen Regen gesandt und die Wüste einmal wieder in einen blühenden Garten verwandelt hatte, und die von allen Seiten mit ihren Heerden wieder herbeiziehenden Schaaren neuen Hunger mitbrachten nach der lange nicht genossenen Predigt des Wortes Gottes, da füllte sich das eben fertig geworbene neue Kirchhaus mit vielen gnadenhungrigen Seelen, und ein geistlicher Fortschritt der Gemeinde war unverkennbar. Da trat nun leider eine Störung und Stockung ein. Krönlein mußte sein liebes Bersaba auf längere Zeit verlassen. Nach Abgang der Familie S. Hahn wurde es ihm als Unverheiratheten schwer, sich auf der einsamen Wüstenstation durchzubringen. Er reiste nach dem Cap, um sich eine Frau zu suchen, und blieb fast sieben Monate aus (Aug. 1852 bis März 1853).

15.  Ende Oktober 1852 trifft Missionar Gorth in Bethanien ein. Er stirbt aber schon am 5. Januar 1853

Während dieser Zeit wären nun unsre beiden Stationen in diesem Theile des Groß-Namaqualandes, Bethanien und Bersaba, völlig verlassen gewesen, wenn nicht grade jetzt für die Bethanische Gemeinde der ihr versprochene neue Missionar angekommen wäre. Es war der Br. Gorth, seine Wirksamkeit im Namaqualand sollte leider kaum ein Vierteljahr dauern. Von den nördlichen Stationen war er herbeigerufen, und traf Ende October 1852 mit dem Haupthaufen der Bethanier auf Koais zusammen, welches etliche Tagereisen nördlich von Bethanien ist. Nach der Station selbst ist er nie gekommen, nur seine Leiche ist dahin gebracht. Die Häuptlinge und Aeltesten des Stammes empfingen den neuen Lehrer zwar etwas befangen und zurückhaltend, aber doch nicht gerade unfreundlich. David Christian war selber nicht gleich auf dem Platze, kam aber bald von einer Reise zurück, und brachte auch den schwarzen Schulgehülfen Jonas Rynhards mit. Jetzt ward eine Rathsversammlung gehalten, ob man den neuen Lehrer annehmen und behalten wolle oder nicht. Anfangs lautete der Bescheid sehr ungünstig. Der Capitain äußerte: nach den Erfahrungen, die er gemacht habe, sei er nicht gewillt, einen Missionar wieder bei sich aufzunehmen. Als dann aber Gorth ihm die Folgen vorhielt, wenn er jetzt wieder ginge und kein Wort Gottes mehr unter ihnen verkündigt werde, wurde die Stimmung eine andre. Es waren doch immer etliche Leute, denen es ein Herzensbedürfniß war, sich aus Gottes Wort zu erbauen, und am Ende lautete der Beschluß: „wir nehmen dich heute zu unserm Lehrer an und übergeben dir unsre Kinder, thue nun, was du willst.“ Das ließ sich denn der liebe Gorth nicht zweimal sagen. Sogleich begann er Gottesdienst, Katechisation, Schule, Morgen- und Abendandacht, und trachtete vor allen Dingen sich das Zutrauen der arg verkommenen Leute zu gewinnen. Das schien ihm zu gelingen. Die Alten wie die Kinder wurden zusehends freundlicher; freiwillig kamen die Weiber und bauten ihm ein Mattenhüttchen, damit er doch nicht mehr in seinem Wagen zu wohnen brauche, die Kinder kamen gern zur Schule und sammt den Erwachsenen fleißig zum Gottesdienst, der stets unter freiem Himmel gehalten ward, denn außer den paar elenden Mattenhütten gab es keinerlei Gebäude weit und breit. So gingen etliche Wochen vorüber, da brach mit dem Monat December eine hier ganz ungewöhnlich feuchte Zeit herein. Es regnete unaufhörlich durch die Mattenhütten, der Missionar hatte Tag und Nacht keinen Ort, wo er sich vor der Nässe genügend schützen konnte. Gegen Weihnacht brach das Landesfieber aus, jenes schreckliche schnell verzehrende Fieber, welches an den westafrikanischen Küsten jeden Ankömmling bedroht und unter den Weißen furchtbare Verwüstungen anrichtet, im trocknen Namaqualande abernur dann erscheint, wenn anhaltende sommerliche Regengüsse dieselbe feuchtheiße Atmosphäre erzeugen, wie auf der Westküste. Gorth, sein Gehülfe Jonas, und auch der schwarze Damraknabe, dessen Mutter verhungert war und den er zu sich genommen hatte, wurden fast zugleich vom Fieber ergriffen. Mühselig raffte sich bald Gorth, bald Jonas von seinem Lager auf, um den noch schwächern Leidensgenossen etwas Medicin zu reichen. Doch predigte Gorth noch an beiden Weihnachtstagen. Da er es aber auch zu Neujahr noch versuchte, vermochte er’s nicht mehr, und am Morgen des 5. Januar 1853 ging der liebe Bruder heim zu seinem Herrn und Seligmacher. Jonas folgte ihm wenig Tage später im Tode, und der ganze Stamm ward von der Krankheit lange Zeit heimgesucht. Noch um Pfingsten wagten sie nicht wieder auf die Station zu ziehn, und wollten den neugesandten Lehrer auch nicht zu sich kommen lassen, damit er nicht sofort Gorth’s Schicksal theile.

16.  Missionar Krönlein kehrt Ostern 1853 nach Berseba zurück

Es war aber der neugesandte Lehrer kein anderer, als der jetzt noch auf Bethanien verweilende Miss. Kreft, welcher dem Br. Gorth zu Hülfe gesandt war, ihn aber nicht mehr unter den Lebenden antraf. Geschw. Kreft waren mit dem rückkehrenden Miss. Krönlein und seiner jungen Frau in’s Namaqualand gereist. Zu Ostern des Jahrs 1853 war die ganze Reisegesellschaft auf Krönlein’s Station angekommen. Das war eine freudige und herzliche Begrüßung auf Bersaba. Der ganze Platz hallte wieder von dem Geschrei: „unser Lehrer ist wieder da, Gott Dank, Gott Dank,“ und gleich waren hundert Hände in Bewegung, um das Haus zu lüften, zu reinigen, zu ordnen, zu schmücken, so gut wie denn Namaqua dergleichen Dinge zu Stande bringen können. Wie freute sich Krönlein, die Bersabaer Gemeinde noch wieder in derselben liebevollen und anhänglichen Stimmung zu finden, in der er sie verlassen, und hungrig nach dem Wort der Predigt, das sie so lange entbehrt hatte. Mit Freuden kehrten sie wieder zu den Gottesdiensten, und die Kinder zur Schule, wo nun auch des Missionars Frau („Juffrouw“) thätig mit eingriff, und den Mädchen das Stricken und Nähen lehrte. Leider hieß es schon im Juni wieder: die Weide wird zu knapp; wir müssen uns theilen und umherziehn; und die armen Kinder mußten auch wieder mit fort. Aber etliche waren durchaus nicht fortzubringen, sie gewannen’s über ihre Eltern, daß sie am Platze blieben, um nur nicht ihre liebe Schule zu verlieren, und zwei oder drei Mädchen nahm der Missionar selber in sein Haus, und sie wurden ihm treue und fromme Hausmädchen. Unter diesen Erfahrungen mußte dem Missionar alles daran liegen, dem leidigen Herumziehen ein Ende zu machen, und seine Leute durch Ackerbau und Gartencultur zusammenzuhalten. Er selbst ging ihnen mit gutem Beispiel voran, pflanzte Feigenbäume, Datteln und Mandeln, und hier und da fing auch wirklich der eine und andre an, den Grund umzupflügen, den schlechten Boden mit besserm zu vermengen, zu graben und zu pflanzen, um auch so schöne Melonen, Kürbisse u. s. w. zu gewinnen, wie der Missionar. Auch mit dem Feldbau wurden Versuche gemacht, oder doch in Aussicht genommen. Dazwischen ging die geistliche Arbeit ununterbrochen fort. Eine Zeitlang hatte Krönlein viel zu kämpfen mit dem jüngeren Geschlecht. Wegen Unzuchtsünden, Zauberei und anderm heidnischen Treiben mußten viele aus der Gemeinde ausgeschlossen werden, aber die meisten besannen sich und baten reumüthig um Wiederaufnahme. Besser ging es mit den Alten. Die ehrwürdigen Grauköpfe Tibot und Paul Goliath, neben ihnen die Aeltesten und Richter Jacobus Isaak, Hanse und Bloom, die greisen Diaconissen Mutter Beetje und Sabina waren noch immer die Zierden und Stützen der Gemeinde. Die Liebe der Gemeinde zu ihrem Lehrer und Seelsorger sprach sich bei allen Gelegenheiten in rührender Weise aus. Mit Liebe und Lust konnte Krönlein unter Alten und Jungen thätig sein.

17.  Bethanien wird 1853 zur Filialgemeinde von Bersaba. Missionar Kreft, der auf Bethanien stationirt wird ist noch nicht ordinirt. Deswegen muss Krönlein ihn unterstützen.

Der Missionar von Bersaba hatte aber jetzt nicht blos für seine eigne Station zu sorgen, sondern auch für Bethanien. Denn das Verhältniß hatte sich umgekehrt, und Bethanien war die Filialgemeinde von Bersaba geworden. Missionar Kreft, der auf Bethanien stationirt wurde, war noch nicht ordinirt. Die pastoralen Handlungen, die etwa vorkamen, fielen daher Krönlein zu. Leider gab ihm die Bethanische Gemeinde in ihrer hartnäckigen Fernhaltung vom Worte Gottes anfangs wenig Gelegenheit, seines Amtes unter ihr zu pflegen. Auch Kreft hatte anfänglich nur eine sehr geringe Wirksamkeit daselbst. Der größte Teil der Bethanier lag weit und breit im Felde und war nicht zu bewegen, auf den Kirchplatz zu ziehn. Nicht einmal die Kinder konnte Kreft zum Unterricht auf dem Platze sammeln. Die Eltern sagten, sie könnten sie daselbst nicht nähren. Kreft dachte schon daran, eine Heerde Ziegen anzuschaffen, um nöthigenfalls die Schüler auch ohne Hülfe der Eltern ernähren zu können. Br. Rath von Otjimbingué, der auf seiner Reise von Capstadt nach dem Damraland etliche Monate auf Bethanien fungirte (Decbr. 1853 bis Aug. 1854), hatte bei der Zerstreuung und Vereinzelung der Werfte und Familien, nur sehr wenig mit ihnen in wirksame Berührung kommen können. Auf den Rundreisen, die er unter ihnen machte, fand er die Gemeindeglieder zwar sämmtlich in tiefem Verfall, aber doch nur wenige in so ganz entschiedenem Gegensatz gegen das Wort Gottes und christliche Lehre, daß gar keine Hoffnung mehr für sie gewesen wäre. Wie werth z. B. der Capitain doch immer noch die Missionare schätzte, zeigte sich bei einer sehr merkwürdigen Verhandlung, welche im Juni 1854 zu Kuinis stattfand. Dort lag der Capitain David Christian mit dem Haupthaufen seines Volks, hatte auch schon mehrmals versprochen, wenn Kreft dort die Kinder unterrichten wollte, so wolle er ihm eine Hütte bauen lassen, und Kreft hatte sich dazu bereit erklärt. Da brachen im Norden des Landes die kriegerischen Bewegungen zwischen den Orlam und Namaqua aus, und David Christian war in großer Furcht, daß auch er von der einen oder andern Seite her einen Angriff zu erwarten habe. Sein erster Gedanke war Flucht. Mit seinem ganzen Stamme wollte er sich unter den Schutz eines mächtigern Häuptlings stellen. Aber ehe er dazu schritt, ließ er erst die Missionare zu sich rufen und sie um ihre Meinung befragen. Kreft und Rath kamen eilends nach Kuinis, und fanden Fürst und Volk in großer

222 Groß-Namaqualand.

Verlegenheit. In die politischen Händel wollten sich die Brüder natürlich nicht einlassen, aber sie ergriffen den Anlaß, um den erschrockenen Leuten deutlich zu machen, daß jetzt die längst angekündigten Gerichte Gottes wirklich anfingen über das Namaqualand und speciell über die Bethanische Gemeinde hereinzubrechen, daß Flucht nichts helfen könne, das einzige Mittel sei gründliche Buße, Demüthigung und Beugung unter die gewaltige Hand Gottes, und Gebet und Flehen um Abwendung des drohenden Strafgerichts. Ob nun die Leute das vollständig begriffen haben, mag dahin gestellt bleiben, aber sie handelten in diesem Sinne. Von Flucht war keine Rede mehr, dagegen erließen sie ein Rundschreiben an sämmtliche benachbarte Häuptlinge, in ganz christlichem Tone, welches ihnen die Gefahren der Entzweiung und die Folgen der überhandnehmenden Gottlosigkeit vor Augen legte, und sie zum Frieden in Gottes Namen ermahnte. Es blieb auch Friede in diesem Theile des Namaqualandes, und Bethanien gewann ein etwas andres Aussehn. Im Anfang des Jahres 1855 fielen gewaltige Regenmassen auf das dürre Land, und die Wüste um Bethanien her begann in unbeschreiblicher Herrlichkeit zu prangen. Mehrere Familien, am Ende auch der Häuptling selbst mit seinem Troß, zogen wieder auf die Station, und Krefts Schule begann sich zu füllen, auch zeigten die Kinder mehr Freude am Unterricht. Eine Anzahl Erwachsener verlangte nach den Gnadenmitteln, Krönlein wurde deshalb von Bersaba gerufen, eine geistliche Bewegung ließ sich in der Gemeinde spüren, so daß man neue Hoffnung für Bethanien zu fassen begann.

18.  Kreft wird am 9. November 1856 ordiniert und vollendet Juni 1859 den Bau der Kirche in Bethanien

Der treue Miss. Kreft, welcher nach Beschluß der Gesellschaft am 9. November 1856 die Ordination empfangen, konnte mit Freuden sich wieder an den Kirchbau machen, und obwohl in den nächsten Jahren das Werk noch etliche Male durch wiederkehrende Dürre unterbrochen wurde, so hielt er doch endlich am 26. Juni 1859 ein sehr frohes und gesegnetes Kirchweihfest, inmitten einer großen Schaar von Festgästen aus den benachbarten Stämmen und Stationen, und feierte das Abendmahl mit 108 Communicanten aus seiner eignen Gemeinde. Die Gesammtzahl der Getauften bestand aus 560 Gemeindegliedern. Die Ernte in den Gärten war gut ausgefallen, das Vieh wohlgenährt und zahlreich, kurz es war eine Zeit fröhlichen Behagens auf der Station. Schon machten sich einige Bewegungen zu einer strengeren kirchlichen Zucht auf Bethanien wieder geltend. Ein gottloser Mensch, der während Kreft’s Abwesenheit gestorben war, wurde von den Aeltesten nicht auf dem Kirchhof, sondern am ungeweihten Orte verscharrt. Als ein Ochsendiebstahl vorgefallen war, und man vermuthen mußte, daß ein Teil der Gemeinde darum wisse, und doch die Wahrheit nicht aufdecken wollte, wurde die Feier des Abendmahls bis nach gereinigter Sache ausgestellt. Im Jahr 1862 fing die Gemeinde aus eignem Antriebe an, Beiträge für die Mission zu sammeln, und beschloß eine Viehherde heranzuziehn, deren Ertrag ausschließlich der Mission zu Gute kommen sollte. So schien alles in trefflichem Fortgang zu stehn, und die schweren Krankheiten im Jahr 1862, die Masern-Epidemie und das Landesfieber, dazu die Lungenseuche des Viehs, schienen nur noch dazu mithelfen zu sollen, die Gemüther ernster zu stimmen, und der Predigt des Evangeliums desto geneigter zu machen. Aber Satan hatte noch nicht alle seine Pfeile verschossen. Jetzt brachte er einen der schärfsten zum Vorschein: den Branntwein. Bisher wurde auf der Station kein Branntwein geduldet. Aber im Jahr 1863 ließ sich der Häuptling David Christian auf’s neue in Verhandlungen ein mit etlichen Unternehmern am Cap, die in seinem Gebiet nach Kupfer graben wollten, und gab ihnen nicht blos den gewünschten Landstrich und die Erlaubniß zum Graben, sondern ließ sich auch zum Trinken verführen, und trank nun ohne Maaß Tag für Tag, bis endlich sehr gefährliche Symptome ihn einen nahen und schrecklichen Tod fürchten ließen, und ihn wieder nüchtern machten. Dem Beispiel des Oberhauptes folgte natürlich ein großer Theil seines Volks; und nur die ernsteren und tiefer gegründeten Christen hielten sich fest, und wiesen jede Verlockung zum Saufen von sich ab. Sie sahen freilich auch genugsam vor Augen, zu welcher Armuth und Verkommenheit die Familien der Trunkenbolde herabsanken, und wie es mit David Christian’s Macht und Ansehn immer rascher abwärts ging. Aber er hat sich doch auch wieder ermannt.

19.  1867 gelingt es dem Häuptling David Christian von Bethanien Frieden zwischen den Namaqua und den Damra

Als 1867 der Kampf der Namaqua gegen die Damra das ganze Land in Unruhe und tausend Fehden gestürzt hatte, machte sich der Häuptling von Bethanien auf, um mit den Häuptlingen der nächsten Stämme den Frieden im Lande wieder herzustellen. Es ist ihm das bis auf einen gewissen Grad gelungen. Die Freude an diesem Gelingen, an einer ersprießlichen Wirksamkeit überhaupt, war dem alten Häuptling sehr zum Segen. Er schloß sich den Missionaren wieder herzlicher an, und so lange er unter ihren Augen war, hielt er sich wacker und unanstößig. Anders war es freilich, wenn er fern von der Station mit einem der gottlosen Weißen verkehrte. Mit Bersaba war Bethanien in enger und förderlicher Verbindung geblieben. Eine Zeitlang, sahen wir, war Bethanien das Filial des Miss. Krönlein in Bersaba, und er hatte dort alle Rechte und Pflichten eines Pfarrers und Seelsorgers. Aber auch nachdem Miss. Kreft selbständiger Pfarrer von Bethanien geworden war, blieb das Liebesband nicht blos zwischen den beiden Missionaren und ihren Familien, sondern auch zwischen den beiden Gemeinden und ihren Häuptlingen Paul Goliath von Bersaba und David Christian von Bethanien hatten ein Schutz- und Trutzbündniß mit einander geschlossen, welches etliche Jahrzehende hindurch, so zu sagen, die letzte Zuflucht für die friedfertigen Leute im Lande blieb, wenn die Kriegspartei alle Stämme in die wildeste Aufregung brachte. In allen schwierigen Fällen, bei Mord, Zauberei, Händel mit den Weißen, wo sich der einzelne Häuptling nicht zu helfen wußte, ließ er den Bundesgenossen mit seinen Rathsleuten herbeirufen, damit er ihm die Entscheidung finden helfe. Wenn die eine Gemeinde ein Fest zu feiern hatte, wie z. B. Bersaba die Einweihung der neugebauten Kirche zu Pfingsten 1857, da war die andere Gemeinde bei der Feier mit Freuden gegenwärtig, und eben so war es zwei Jahre später bei der Kirchweihe in Bethanien. Der Wetteifer und die gegenseitige Controle wirkte höchst wohlthätig und belebend auf beide Gemeinden zurück. Die Zeit geistlichen Regens und Bewegens auf Bersaba von 1853–57, die ernste darauf folgende Zeit der Sichtung, und dann wieder die Zeit des fröhlichen Ueberwindens 1862 bei der schweren Masern-Epidemie, sind in ihren Einzelnheiten lieblich und erbaulich zu lesen. Der Herr hatte in der That Segen zu der Arbeit des Br. Krönlein gegeben.

20.  1862 wird die Missionsstation Gibeon für den Stamm der Kido Witbooi und 1864 Keetmanshoop für den Zeib’schen Stamm gegründet

Zu diesen zwei Gemeinden ist aber seit 1862 eine dritte und seit 1864 noch eine vierte gekommen, nämlich die beiden Stationen Gibeon für den Stamm der Kido Witbooi und Keetmanshoop für den Zeib’schen Stamm. Mit Kido Witbooi war Krönlein zuerst im Jahre 1850 zusammengetroffen. Er war vor Jahren Häuptling von Pella gewesen (S. 195), war aber von dort, schon lange ehe unsere Missionare Pella besetzten, in das Groß-Namaqualand gezogen, um eine Quelle zu finden, an der er sich mit seinem Volke niederlassen könnte. Ihm selbst, dem alten Häuptling lag nicht viel am Worte Gottes, und auch nicht viel an dem ruhigen Wohnen; er war ein ächter Nomade, und das Umherschweifen war sein Leben. Aber unter seinem Volk waren etliche, die von Pella her ein Verlangen nach der Heilsbotschaft und eine Liebe zum Worte mitgebracht hatten. So lange sie in der Nähe von Bersaba herumzogen, suchten sie es möglich zu machen, wenigstens von Zeit zu Zeit nach Bersaba zur Kirche zu kommen, oder Krönlein selbst kam auf seinen Predigtreisen bisweilen zu ihnen in die Wüste. Er mußte dazu freilich einen Stellvertreter auf der Station haben, der die Aufsicht führen konnte während seiner Abwesenheit und die Schule halten. Zu diesem Zwecke waren ihm denn auch nach einander verschiedene Gehülfen zugesandt; Eggert, der von December 1853 bis Juli 1854 bei ihm war, dann Weber von Februar 1857 bis October 1860, und nach ihm Knauer, Schröder, Olpp, Dubiel. Sowohl die jüngeren Brüder als auch Krönlein selbst gaben sich viel Mühe, die umherschweifenden Stämme zu einer festen Niederlassung zu bewegen, und von Witbooi’s Stamm wäre der weibliche Teil wohl gar zu gern auf diese Vorschläge eingegangen. Aber die Männer und besonders der Häuptling selbst wollten immer weiter nordwärts ziehn nach dem Damraland, wo die schönen fetten Ochsen zu holen waren, und wohin Jonker ihn unaufhörlich einlud. Lange hielten sich diese beiden Parteien in dem Witbooi’schen Stamme das Gleichgewicht, und durch Krönlein’s Einwirkung schien das bessere Element bereits die Oberhand zu gewinnen.

21.  Krönlein muss im August 1859 wegen Krankheit Berseba vorübergehend verlassen.

Aber dann wurde Krönlein durch schwere Krankheitsfälle genöthigt, auf eine Zeitlang sein Arbeitsfeld zu verlassen, um Heilung am Cap zu suchen. Im August 1859 verließ er Bersaba und blieb fast ein Jahr aus. Als er zurückkehrte, fürchtete er, und nicht ohne Grund, daß inzwischen die angeknüpften freundschaftlichen Beziehungen zu Witbooi’s Stamm sich wieder gelockert haben möchten. Das jüngere Geschlecht hatte sich unter Führung des jungen Witbooi wirklich noch mehr entfernt.

22.  Die Gründung der Missionsstation Gibeon 1862. Knauer wird dort Missionar

Aber der alte Häuptling war im Gegenteil durch die Frauen beinahe herumgeholt (?). Er hatte mehrere Wochen auf Bersaba zugebracht, war wiederholt dahin zurückgekehrt und hatte sich ganz besonders mit Krönlein’s Stellvertreter, dem Miss. Weber, befreundet, und jetzt nachdem Krönlein zurückgekommen war, stellte er den förmlichen Antrag, Weber solle zu ihm ziehn; er wolle sich in Goamus oder an einem andern passenden Platze niederlassen, und dort sich mit seinem Volk wieder um Gottes Wort sammeln. Leider konnte dieser Wunsch nicht erfüllt werden. Durch eine Bestimmung, die kurz vorher aus Deutschland gekommen war, war Weber angewiesen, nach der nördlichen Station Gobabis zu ziehn. So schien sich alles wieder zu zerschlagen. Aber die eifrigen „Liebhaber des Wortes“ ließen sich dadurch nicht abschrecken. Konnte Weber es nicht sein, so richteten sie ihre Augen auf seinen Nachfolger Knauer, der im December 1860 als Krönleins Gehülfe in Bersaba eintraf. Sie mußten sich freilich noch etwas gedulden. Erst im Jahr 1862 ließ sich der Alte zu neuen Verhandlungen mit den Missionaren Krönlein und Knauer herbei. Er erklärte, daß Goamus kein passender Platz für ihn sei, daß er dagegen einen andern Platz, etwa 18 Stunden zu Pferd von Bersaba, Kachazus, gefunden habe in einem Seitenthale des Leberflusses, wo reichlich Wasser, Holz und Weide zu finden sei; dort wolle er sich mit seinen Leuten niederlassen, wenn Miss. Knauer ihn dahin begleiten und bei ihm bleiben wolle. Die Station sollte Gibeon heißen. Die Missionare gingen auf alles ein, und gleich in der Adventzeit desselben Jahres machte sich Knauer auf, um vorläufig wenigstens das Weihnachtsfest bei dem alten Häuptling zuzubringen und seine definitive Uebersiedelung vorzubereiten. Er fand auf dem Platze bereits etwa 50 Haushaltungen, eine Buschkirche mit sehr aufmerksamen Zuhörern, schönen Gartengrund, der bereits bearbeitet wurde, und eine Quelle, die nur einer erweiterten Oeffnung bedurfte, um für sämmtliche Gärten hinlänglich Wasser zu spenden. Knauer legte selbst Hand an, um die Steinbank zu sprengen, und einen Damm anzulegen zum Auffangen des Wassers, und kehrte, recht befriedigt von dem ersten Empfang in Gibeon, nach Bersaba zurück, um sich zu seinem definitiven Umzug zu rüsten. Kurz vor Ostern 1863 sandte Kido Witbooi seine Leute mit vier Wagen nach Bersaba, um den Br. Knauer abzuholen und gleich nach den Festtagen (am 7. April) verließ der neue Missionar von Gibeon seine bisherige Arbeit auf Bersaba und zog mit seinen neuen Gemeindegliedern in die Wüste nach Kachazus. Er fand dort schon ziemlich viel Leute versammelt, und konnte seine Schule gleich mit 106 Kindern eröffnen, konnte mehrere Erwachsene in den Tauf- und Confirmationsunterricht nehmen, und hatte zahlreiche und andächtige Versammlungen bei den Sonntagsgottesdiensten und in den gemeinsamen Morgengebeten. Der ganze Stamm kam jedoch nie auf Gibeon zusammen. Der Sohn des Häuptlings, Klein Kido, hielt sich mit seiner heidnisch gesinnten und zu Raubkriegen geneigten Schaar fern vom Vater und von der Station, und schloß sich eher den Feinden der Missionare an. Es war in der That ein gefährlich Wohnen in Gibeon. Kaum hatte Knauer im Juli 1864 (bei einer Generalkonferenz der Namaqua-Missionare in Gobabis) die Ordination empfangen und war dann feierlich in sein Pfarramt in Gibeon eingesetzt, als auch schon die Pocken auf der Station ausbrachen und furchtbar aufräumten. Von Anfang November bis Mitte Januar 1864 starben 122 Erwachsene. Viele entflohen und starben in der Wüste. Auf der Station blieben noch 30 Abendmahlsgenossen und etwa 120 Kinder, von denen 70 getauft sein mochten.

23.  1864 greifen feindliche Namaquastämme Gibeon an.

Noch waren die Nachwehen der Epidemie nicht verwunden, als vom Norden her feindliche Namaquastämme sich gegen Gibeon in Bewegung setzten. Dasib, Nanib und Aimab, die es mit Jonker hielten, hatten sich verbunden, den alten Kido Witbooi zu strafen, weil er von ihrer Partei abgefallen und zu den christlich gesinnten Häuptlern von Bersaba und Bethanien übergetreten sei. Am Sonnabend vor dem zweiten Advent 1864 rückten sie in hellen Haufen gegen die Station an, riefen die Vertheidiger von Gibeon aus den leichten Verschanzungen, in denen sie sich aufgestellt, als wollten sie mit ihnen unterhandeln und fielen dann über sie her. Aber die 40 oder 50 wehrhaften Männer von Gibeon wußten sich wacker zu halten. Gleich ihre ersten Schüsse streckten jeder einen der großprahlerischen Feinde zu Boden, so daß sie erschreckt zurückwichen. Denn in diesen Namaqua-Kämpfen wird sonst nur geknallt, nicht ernstlich geschossen, und wer sich vor dem Knallen am ersten fürchtet und zurückweicht, ist geschlagen. Auf Gibeon ging es ernsthaft zu. Das Schießen dauerte von früh Morgens bis spät Abends, und die sämmtlichen Mattenhäuser auf dem Platz, besonders aber das steinerne Wohnhaus des Missionars, in welches sich alle Weiber und Kinder geflüchtet hatten, wurde von Kugeln durchlöchert. Auch den folgenden Sonntag dauerte das Schießen fort. Die Leute von Gibeon hatten bereits alle ihre Munition verschossen und mußten auf Flucht denken. Der Missionar, dessen Haus ganz besonders heimgesucht war, hatte selbst einen Streifschuß bekommen. Doch machte er sich am Montag Morgen auf und ritt selbst hinüber zu den feindlichen Führern, um sie zum Abzug zu bewegen. Da die Räuber bereits alle Pferde, Ochsen, Schafe, Ziegen und was sonst etwa werthvolles auf der Station war, in ihren Händen hatten, so ließen sie sich bewegen, am Dienstag früh abzuziehn. Die armen Stationsbewohner sahen ihnen mit schwerem Herzen nach. All ihr Hab und Gut, ihre Nahrungsquelle hatten die Feinde geraubt, ihre Gärten zertreten, ihre Kleider ihnen vom Leibe gerissen, was sollten sie nun essen, womit sich kleiden! Auch dem Missionar ging’s kaum besser. Seine Vorräthe, seine Viehheerden, seine Kleider, es war fast alles geraubt oder verderbt, sein Haus eine Ruine, sein Garten eine Wüste. Dazu hatte er den Tod von sechs Gemeindegliedern zu beklagen.

Es war vorauszusehen, daß die Häuptlinge von Bethanien und Bersaba einen solchen frechen Raubzug gegen den befreundeten Stamm des Kido Witbooi nicht ungestraft lassen würden. In der That ließen sie sogleich ihre Leute zusammenrufen, kamen auch mit etlichen hundert Mann in Gibeon zusammen, und schienen sich eifrig der Sache annehmen zu wollen. Aber nach Namaquaweise ging alles sehr langsam, und da Miss. Krönlein während aller dieser Geschichten in Europa war und somit der rechte Mittelpunkt und Treiber fehlte, so schien sich die Sache im Sande verlaufen zu sollen. David Christian von Bethanien zog sich in der That ganz wieder zurück. Erst als im Juni und Juli die Feinde immer frecher wieder vorrückten, und bald hier bald dort Vieh stahlen, kam wenigstens der alte Paul Goliath mit seinem Commando von Bersaba zu Hülfe; und nun gab es ein beständiges Hin- und Herziehn nach Art der Namaqua’schen Kriegführung. Jede Partei sucht die andre zu beschleichen, hier und da aus einem Versteck hervorzubrechen, etwas Vieh wegzutreiben, einige Mannschaft zu tödten, um darnach vorerst wieder nach Hause zu gehen. So ging es fast zwei Jahre.

24.  Gibeon wird am 25. September 1866 erneut angegriffen und geplündert

Ein Hauptschlag wurde noch ausgeführt gegen Gibeon. Am 25. September 1866, zur Zeit als Miss. Knauer seit mehreren Wochen von der Station abwesend war, rückten die Häuptlinge Dasip und Aimab mit einem großen Haufen vor Gibeon, und überfielen gleichzeitig auch Goamus, wo, wie sie wußten, Kido Witbooi mit einem Teil seiner Leute lag. Dort wurden sie freilich übel empfangen und ein großer Teil von ihnen erschossen. Desto besser gelang dagegen die Plünderung von Gibeon. Was fliehen konnte, war geflohen; sieben Männer, die sich dem Feinde auf seine stärksten Betheuerungen hin, daß ihnen kein Leid geschehen sollte, ergeben hatten, waren erschossen, und die Weiber und Kinder geschändet und nackend fortgeschleppt. Als Knauer am 2. October wieder auf seine Station kam, war es ein Anblick zum Erbarmen. Alle Häuser der Leute verbrannt, das Missionshaus ruinirt, die Thüren und Fenster zerschlagen, Tisch, Bett, Kommode, Harmonium, Bücher, Manuscripte, alles war vernichtet und in der scheußlichsten Weise unbrauchbar gemacht. Das Getreide, was gerade in diesem Jahr um Gibeon her reichlich gesäet war und schön stand, war ebenfalls alles vertreten. Knauer und der Capitain Witbooi, die ungefähr zugleich auf der zerstörten Station wieder eingetroffen waren, machten sich sofort mit ihren Leuten auf, um den Feind wo möglich noch einzuholen, und ihm wenigstens einen Teil des Raubes wieder abzunehmen, und die weggeschleppten Gefangenen zu erretten. Einige hundert Stück Hornvieh und Kleinvieh und ein paar Wagen, die mit Gütern beladen waren, haben sie ihnen glücklich wieder abgejagt. Sie drangen sogar bis in die Nähe von Dasibs Werft, und begannen Unterhandlungen mit ihm. Halb mit Gewalt, halb mit Güte kamen sie wieder in den Besitz der weggeschleppten Weiber und Kinder, und brachten sie wieder nach Gibeon zurück. Aber die Feindseligkeiten dauerten in der alten Namaqua-Manier fort, und dauerten so lange, bis im Jahr 1867 der Häuptling Cornelis Dasib im Kampf gefallen war, und sein Sohn und Nachfolger Barnabas sich zu Friedensverhandlungen mit den südlicheren Häuptlingen herbeiließ. Das Betrübendste bei all diesen kriegerischen Unruhen war, daß die Gemeinde von Gibeon mehr und mehr verwilderte. Längere Zeit wollte sie gar nicht wieder auf den verwüsteten Stationsplatz ziehn, sondern lag hie und da im Felde umher, hatte auch alle Liebe und alles Vertrauen zu ihrem Missionar verloren, und wollte kaum mehr zu ihm in die Kirche gehn.

25.  1868 trifft der neue Missionar Olpp auf Gibeon ein.

Etwas besser wurden die Zustände, als mit Anfang 1868 der neue Missionar Olpp auf Gibeon eintrat. Man beruhigte sich allmählig. Verschiedentliche Aussöhnungen fanden statt. Wo es nur irgend die Dürre und der Regenmangel zuließ, hielten sich die Leute treulich auf der Station, kamen fleißig zur Kirche und zu den Morgengottesdiensten und die Kinder zur Schule; auch von entfernten Weideplätzen kamen sie vier bis fünf Stunden weit herbei. Nicht minder fleißig besuchte der Missionar die entfernten Werfte, auch die neu hereingezogenen Stämme der Bastards, die von Süden herkamen und ihr Augenmerk nach den Damragrenzen gerichtet hatten. Dort auf den fetten Weiden des Damralands beginnt das Paradies des Südafrikaners; darum sind alle südlichen Stämme, welches Namens und Geschlechts sie auch sein mögen, mit ihrem Verlangen allewege nach dem Norden gerichtet, und es wäre leicht möglich, daß auch ein Teil der Gemeinde von Gibeon diesem Zuge folgte. Jedenfalls wäre es aber doch nur ein Teil des Stammes. Die meisten Christen würden beim Missionar und bei der Kirche zurückbleiben.

26.  Miss. Joh. Schröder gründet Keetmanshoop 1866

Etwas weniger stark trat dies Verlangen nach dem Norden in Keetmanshoop hervor, der zweiten Namaquastation, welche im Jahr 1866 von Bersaba aus gegründet wurde. Der Gründer war Miss. Joh. Schröder, Sohn des auf Pella verstorbenen Veterans. Der junge Schröder war seit December 1863 Gehülfe des Missionars Krönlein auf Bersaba, und war oft genug mit ihm oder ohne ihn nach Zwartmorast gereist, zu Zeib’s Stamm, um sich ihnen als Lehrer des Evangeliums anzubieten. Er hatte dazu die besondre Weisung aus Barmen mitgenommen, denn die Deputation der Rheinischen Gesellschaft achtete es, so zu sagen, für eine Gewissenspflicht, dem Zeib’schen Stamme die Predigt des Evangeliums zu bringen, und namentlich der Präsident der Gesellschaft, Commerzienrath Keetman, beschäftigte sich in seinen letzten Jahren, auch noch während seines schweren Siechthums, besonders lebhaft mit diesem Namaquastamm, dem unsre Mission durch ein feierliches Versprechen verpflichtet war. Das Versprechen war im Jahr 1850 durch den damaligen Missionar von Bersaba, Samuel Hahn, gegeben und war von seinem Nachfolger, Miss. Krönlein, mehrfach bestätigt. Krönlein hatte diesen Zeib’schen Stamm in Zwartmorast, wo er mehrentheils lagerte, wenige Tagereisen ostwärts von Bersaba öfter besucht, zumal da er einige Getaufte (von früheren englischen Missionaren getauft) unter ihnen angetroffen hatte. Diese Getauften und etliche verlangende Seelen kamen auch wohl selber hinüber nach Bersaba zum Gottesdienst, aber ihren Capitain, den alten Zeib, konnten sie nicht bewegen, selbst etwas zur Erlangung eines Missionars zu thun. So waren 15 Jahr vergangen und darüber, und noch immer war der so feierlich verheißene Missionar nicht nach Zwartmorast gekommen. Es hatte der geeignete Mann und die Vollmacht dafür gefehlt. Nun aber war beides da, und so machte sich der junge Miss. Schröder mit seiner jungen Frau im April 1866 auf, und ließ sich, ohne erst viel weiter um Erlaubniß zu fragen, auf dem Platze nieder, den er zu Ehren unsres theuren Präsidenten, der inzwischen schon entschlafen war, Keetmanshoop nannte. Dem Capitain Zeib war diese etwas gewaltsame Weise, in sein Gebiet einzudringen, gar nicht recht, und er machte allerlei Versuche, den lästigen Gast wieder zu entfernen. Da sich aber Schröder nicht mehr vertreiben ließ, so zog sich der Häuptling grollend möglichst weit von der Station zurück, und rief auch seine Leute davon ab. Aber es blieben immer noch genug Familien, zum Teil Bastards, die gar nicht zu Zeib’s Stamm gehörten, auf Keetmanshoop übrig, und der Missionar hielt sich frisch am unterrichten, predigen, pflanzen und bauen. Es gelang ihm auch nach gar nicht langer Zeit, die Gemüther zu besänftigen, und auch seine Feinde mit sich zufrieden zu machen. Als im Jahr 1867 auf Bersaba Conferenz gehalten wurde, und es sich um eine anderweitige Vertheilung der Brüder auf den Stationen handelte, da trat der alte Zeib, der auch mit zugegen war, sehr entschieden gegen die Zumuthung auf, seinen Miss. Schröder wieder abzugeben oder gegen einen andern Missionar umzutauschen. So kam er denn auch mit seinen Werften allmählig immer näher und näher wieder an die Station herangerückt, und als Schröder sein schönes Kirchlein baute, 50 Fuß lang und 30 Fuß breit und sogar mit einer Turmspitze versehen, da konnte sich der alte Heide gar nicht satt sehen an dem Wunder, das da vor seinen Augen emporstieg. Welch ein Wechsel. Zwei Jahre vorher hatte er durchaus nicht zugeben wollen, daß Kirche und Gottesdienst auf seinem Platze gehalten würden, und die Frauen und Kinder hatten ihm oftmals mit Thränen angelegen, daß er ihnen doch einen Lehrer gönnen möge. Jetzt stand er nicht bloß andächtig mit den vielen übrigen Gaffern bei dem Kirchbau, sondern half auch wohl eigenhändig mit, und sein grämliches Gesicht schien sich ordentlich dabei aufzuheitern.

27.  Am 18. Juli 1869 wird in Keetmanshoop die Kirche eingeweiht

Ja als am 18. Juli 1869 die Kirche eingeweiht, und nachdem die alte Buschkirche verlassen war, feierlich von der singenden und preisenden Gemeinde in Besitz genommen wurde, da konnte es doch auch der alte Häuptling nicht lassen, sich dieser feiernden Gemeinde anzuschließen und selber auch ein Zeugniß abzulegen. Vorher hatte sein Missionar ihn und die ganze Festversammlung daran erinnert, wie traurig und öde es bei seiner Ankunft auf Keetmanshoop ausgesehen, wie er seinen ersten Gottesdienst mit einer einzigen Familie gehalten, und mit dieser Familie und den wenigen, die nach und nach dazu kamen, habe von Baum zu Baum wandern müssen. Als aber das Häuflein sich mehrte, da hatten sie sich eine Buschkirche gemacht, um doch einigermaßen gegen die brennenden Sonnenstrahlen geschützt zu sein. Aber gegen Staub, Regen und Wind gab die Buschkirche keinen Schutz und so hatte sich der Missionar daran gemacht, die Kirche zu bauen und zwar ganz gegen den Willen Zeib’s, der immer fürchtete, daß er und sein Volk alle Kosten des Baues würde bezahlen müssen. Es hatte ihm aber nichts gekostet. Als er nun an das alles erinnert war, und an die früheren Besuche der älteren Missionare, und die Thränen und Bitten der wenigen gläubigen Frauen in seinem Stamm, da konnte der alte Häuptling auch nicht mehr schweigen, sondern sprach es öffentlich aus, „daß ihm und seinem Volk durch die Mission ein Segen zu Teil geworden sei, und forderte die Seinigen auf, daß sie mit ihm von diesen geistlichen Gütern ernstlichen Gebrauch machen möchten, damit die Mühe und Arbeit der Missionare an ihnen nicht vergeblich sei.“

Möge ihm der Wunsch recht aus dem Herzen gekommen sein und Erfüllung finden. Die Zahl der Getauften auf Keetmanshoop belief sich bisher auf etwa 300, Communicanten auf 60, und der Schüler auf ungefähr 100. Die Hauptmasse der Bewohner bildet der Zeib’sche Stamm; von den übrigen Bewohnern, Bastards aus dem Süden, sind neuerdings viele weiter nach dem Norden gezogen. Durch dies Zusammenwohnen von Namaqua’sch redenden Hottentotten und Holländisch redenden Bastards wird selbstredend die geistliche Wirksamkeit vielfach behindert und der Dolmetscher kann nicht ganz entbehrt werden. In der Schule hat der Missionar eine Stütze an dem eingebornen Schulgehülfen Daniel, der für die Zukunft noch mehr zu leisten verspricht. Ueber den Besuch der Schule und des Gottesdienstes ist nicht zu klagen, und der Missionar steht bei allen Stationsbewohnern in großer Achtung. Neuerdings haben auch andre Bastardhausen, die sich auf Slangkop, auf Leberbrik u. s. w. niedergelassen haben, um einen Missionar gebeten, und auch Franzmann’s Stamm hat die gleiche Bitte durch unsern Conferenzpräses, den Miss. Krönlein, an uns gelangen lassen.

28.  Krönlein wird im Mai 1867 Conferenzpräses der Missionsstationen.

Das neue Amt eines Conferenzpräses war dem Miss. Krönlein bei seinem Besuch in Deutschland übertragen. Den Anlaß zu seiner Reise nach Deutschland gab der Druck der Namaqua-Uebersetzung des Neuen Testaments, welche Krönlein in Verbindung mit den übrigen Namaqua-Missionaren (Sprachkonferenz) angefertigt und nach mehrmaliger Revision zum Druck vorbereitet hatte. Der Druck sollte eigentlich in Capstadt geschehn. Bei näherer Ueberlegung aber fand sich’s, daß er besser und zweckmäßiger in Deutschland geschehen könnte, und da die Brittische Bibel-Gesellschaft in gewohnter Freigebigkeit sich erboten hatte, sämmtliche Unkosten zu tragen, so unterlag die Reise des Br. Krönlein und sein längerer Aufenthalt in Deutschland keinem Bedenken. Im August des Jahres 1864 verließ Krönlein seine Station, kam nach einem mehrmonatlichen Zwischenaufenthalt in Capstadt, am 20. Mai 1865 in Barmen an, kehrte nach wohl ausgerichtetem Werk (außer dem Neuen Testament waren auch Katechismus, Biblische Geschichten und kleinere Schriften gedruckt) im December 1866 über England nach seinem Arbeitsfeld zurück, und landete im Mai 1867 in der Prince of Walesbai, dem Haupthafen des Groß-Namaqualandes. Er brachte eine neue Conferenzordnung (Synodalordnung) für unsere Namaqua Missionare und Gemeinden mit. Es waren jährliche Conferenzversammlungen angeordnet, und der Miss. Krönlein als Conferenzpräses hatte die Befugnisse eines Superintendenten.

Es war kein leichtes Amt, welches dem Miss. Krönlein zugetheilt war. Er hatte es zwar im Gehorsam angenommen, war auch durch das entgegenkommende Vertrauen der Brüder und durch die große Freude der Gemeinden über seine Rückkehr sehr gestärkt und erfreut, aber er bekam doch auch sogleich zu fühlen, welch eine schwere Bürde ihm auferlegt war. Während seiner Abwesenheit war der ganze nördliche Teil des Landes in Krieg und Verwirrung gestürzt. Mehrere der nördlichen Stationen waren zerstört, die Brüder verjagt oder weggerafft, und selbst in dem mittleren Namaqualand, wo die Stationen Bethanien, Bersaba, Keetmanshoop und Gibeon in nicht zu großen Entfernungen von einander lagen, waren Häuptlinge und Missionare durch den Krieg erregt und verwirrt, und es fehlte nicht viel, daß der Häuptling von Gibeon selber den Bersabaern Krieg angekündigt hätte. Krönlein’s erstes Geschäft mußte also sein, den Häuptling Kido Witbooi von Gibeon mit den übrigen Häuptlingen, und mit seinem eignen Lehrer, mit dem er ebenfalls verfeindet war, zu versöhnen, was ihm auch nach mancherlei Schwierigkeiten gelang. Kaum aber schien die Station Gibeon wieder in geordnetere Bahnen geleitet zu sein, als sich eben daselbst ein neues Aergerniß erhob. Die Gemeinde wurde klagbar gegen ihren Lehrer, und Krönlein in seiner Eigenschaft als Superintendent, sah sich in die Nothwendigkeit versetzt, nach einer genauen Untersuchung an Ort und Stelle, den Beschwerden der Gemeinde Rechnung zu tragen und ihren Lehrer zu suspendiren. Die weitere Entwickelung der Sache führte dahin, daß mit Anfang des Jahres 1868, wie schon erzählt, der Miss. Olpp nach Gibeon gesendet wurde und die Leitung der Station übernahm.

Inzwischen war Krönlein auch nach einer andern Seite hin thätig gewesen, und hatte die Station Warmbad von den Wesleyanern übernommen (S. 204). Es war gerade die Zeit, als der Generalkassirer unserer Missionsgesellschaft, Herr C. Ritter, von Stellenbosch aus seine Rundreise durch die nördlichen Gebiete machte (S. 126). Er war im April und Mai des Jahres 1867 von Capstadt nach Walfischbai gefahren und kam von Norden aus dem Damraland durch das nördliche Namaqualand im August desselben Jahres nach Bersaba, wo der Präses sofort die sämmtlichen Brüder zu einer Conferenz versammelte, und sodann mit dem Kassirer nach Warmbad reiste. Da es sich gerade traf, daß einer der Namaqua-Missionare, Br. Weber, disponibel war, so konnte der Präses, nachdem die Verhandlungen mit der Gemeinde an Ort und Stelle beendigt waren, ihn am 22. September 1869 in sein Amt einführen, und mit seiner Hülfe die Gemeindeverhältnisse soweit ordnen, daß Warmbad von nun an als eine mit den übrigen Namaqua-Stationen gliedlich zusammengeschlossene Gemeinde sich auch in politischer Hinsicht den übrigen Stämmen anschloß. Dadurch bekam diese Mission im Süden des Namaqualandes einen festeren Halt, die Kette der Stationen durchzog in ununterbrochener Linie das Land bis zur südlichen Grenze, der Verkehr mit der Kapkolonie wurde erleichtert und das Gemeinschaftsgefühl wurde wesentlich gestärkt. Krönlein sah diesen südlichsten Posten für so wichtig an, daß er einen Augenblick schwankte, ob er nicht sein Bersaba verlassen und künftig seinen Sitz auf Warmbad nehmen solle. Aber die Liebe seiner Gemeinde und der Wunsch der Brüder hielt ihn auf seinem alten Kampfplatz zurück, und es würde ihm auch wohl kaum möglich geworden sein, von seiner lieben Gemeinde zu scheiden.

29.  Bersaba ist missionarischer Mittelpunkt des Landes

Es zeigte sich auch bald genug, daß in Bersaba, als dem Mittelpunkt des Landes, sein Sitz bleiben müsse. Denn immer von Neuem bedurfte es seiner Vermittelung bald zwischen den verbündeten Häuptlingen selber, die niemals recht einig werden konnten, bald zwischen den südlichen und den nördlichen Stämmen, von denen lettere, als in einem fortwährenden Raubkrieg gegen die Damra begriffen, die Hülfe der südlicheren mit List oder Gewalt sich zu verschaffen suchten; endlich zwischen den Namaqua und Damra, namentlich auch den Damra-Missionaren, welche einen Teil der Schuld, weshalb der Krieg nie zu Ende käme, auf die Missionare des Namaqualandes werfen wollten. Dem Conferenzpräses gelang es, nicht bloß eine Aussöhnung zwischen den südlichen Häuptlingen, namentlich dem Kido Witbooi von Gibeon und dem Paul Goliath in Bersaba zu Stande zu bringen, sondern auch ein Bündniß mit Barnabas, dem Capitän des nördlichen Stammes, Rothes Volk genannt, und eine Gesammtkonferenz aller Missionare des Namaqua- und Damralandes, welche Anfangs Mai 1870 in Otjimbingué zu einer gemeinsamen Berathung zusammentreten sollten. Auch den Frieden zwischen Damra und Namaqua hoffte er zu Stande zu bringen, da nach seinem Rath gegen das Ende des Jahres 1869 sich die Häuptlinge von Bethanien, Bersaba und Gibeon auf den Weg nach dem Damraland begaben, um die Einstellung aller Feindseligkeiten zu erwirken. Nur leider waren sie nicht recht einig über die Art, wie das geschehen sollte, auch fehlte wohl das diplomatische Geschick, vielleicht auch hier oder da der gute Wille, so daß der ganze Versuch in’s Wasser fiel. Aber im Mai und im September 1870 kam der Friede zwischen dem Damrahäuptling und Jan Jonker wirklich zu Stande. Die vielen Arbeiten und Reisen, welche mit dem Präsidium der Namaqua-Mission verbunden sind, hätte Krönlein nicht über sich nehmen können, wenn er nicht einen jüngeren Missionar als Gehülfen neben sich gehabt hätte. Bis Ende 1867 war es Miss. Olpp, der dann aber nach Gibeon zog. Statt seiner kam im April 1869 Miss. Dubiel, der speciell den Auftrag hatte, für die Heranbildung von Schulgehülfen aus den Eingeborenen zu sorgen. Solche Schulgehülfen waren schon längst in den Schulen von Bethanien, Bersaba, Keetmanshoop und Gibeon angestellt; in Bersaba war es Zachäus Isaac. Sie erwiesen sich wohl nicht immer als ganz zuverlässig, und bedurften einer sorgfältigen Controle, aber im Ganzen ging es doch eine nicht geringe Hülfe. Das Gehülfenseminar ist gleichwohl noch nicht zu Stande gekommen. Kaum war Dubiel angelangt, so streckten schon mehrere Stämme ihre Hände nach ihm aus und verlangten ihn zu ihrem Missionar; so die Bastards auf Slangkop, so Franzmann’s Stamm. Und doch konnte Krönlein ihn nicht wohl entbehren, namentlich wenn er etwas Weiteres in der Namaqua Litteratur schaffen sollte. Es fehlte noch eine Grammatik und Wörterbuch, es fehlte Liturgie und Gesangbuch. Dazu sollte auch das Alte Testament übersetzt werden. Nur langsam und stoßweise konnten diese wichtigen Arbeiten vorrücken, und wir können dem Br. Krönlein das Bedauern nachfühlen, wenn er immer auf’s Neue wieder die Feder niederlegen muß, um in Schule und Kirche, auf der eigenen und auf den fremden Stationen nach dem Rechten zu sehen. Die schwere und langwierige Conferenzreise sämmtlicher Namaqua-Missionare nach Otjimbingué zur Conferenz mit sämmtlichen Damra-Missionaren im April und Mai 1870 wurde inzwischen auch vollendet, und Anfangs Juni konnte Krönlein wieder nach Bersaba zurückkehren. Kaum war er zurückgekehrt, so mußte er schon zu einer neuen Besetzung der Station Keetmanshoop sich entschließen, und dafür seinen Gehülfen Dubiel bestimmen, denn Schröder sollte zu Jan Jonker zie