Gibeon (Südwestafrika)

Als sich die Witbooi 1863 hier niederließen, hieß der Ort noch Kowesin. Der den Witbooi nachziehende Missionar Jacob Knauer (Rheinische Missionsgesellschaft) gab dem neuen Stammessitz der Witbooi den Namen Gibeon, nach einem Ort nahe Jerusalem, dem eine alttestamentliche Bedeutung zukommt.

Der Ort hat eine schwere Startphase: noch im Gründungsjahr schleppt ein aus Südafrika zugewandertes junges Mädchen die Pocken ein. Die Krankheit breitet sich schnell im ganzen Lande aus und forderte allein in Gibeon 122 Todesopfer unter den Witbooi. Sie weigern sich, die Oberherrschaft der Oasibs anzuerkennen. Um militärisch gewappnet zu sein und verbündes sie sich mit den benachbarten Orlamstämmen der Berseba-Nama (ǀHai-ǀkhauan) unter Paul Goliath (ǂHobexab) und Bethanien-Nama (ǃAman) unter David Christian Frederiks (ǁNaixab).

Am 31. Dezember 1875 stirbt Kido Witbooi in Gibeon im 91. Lebensjahr. Sein Sohn Moses Witbooi (ǀGâbeb ǃA-ǁîmab), ebenfalls schon 68 Jahre alt, wird sein Nachfolger und versucht, die Machtstellung seines Stammes auszubauen. Er verschafft sich durch erfolgreiche Überfälle auf die Afrikaner (ǃGû-ǃgôun) (1889) und Herero (1890) eine gute Ausgangsposition – allerdings zum wachsenden Missfallen der Missionare, die die Station Gibeon 1889 aufgeben, und der in Südwest-Afrika Fuß fassenden deutschen Kolonialmacht. Dem sucht sein Nachfolger Hendrik Witbooi zu begegnen, indem er sich mit seinem kurz zuvor besiegten Feind – den Herero – verbündet (1892) und den unsicher gewordenen Standort Gibeon räumte, um sich bei Hornkranz und danach im Naukluftgebirge zu verschanzen. Die deutschen Schutztruppe stürmt Hornkranz und Hendrik Witbooi wird am 19. September 1894 zum Abschluss eines Schutz- und Beistandspaktes zu genötigt. Außerdem müssen sich die Witbooi zur besserer Kontrolle wieder in Gibeon niederlassen; Gibeon erhält hierzu 1893 eine befestigte Schutztruppenstation. Die deutsche Präsenz im Ort wird durch die 1900 gegründete deutsche Internatsschule deutlich. Hendrik Witbooi hält sich an den Beistandspakt mit den Deutschen und unterstützt sie bei den folgenden militärischen Unternehmungen durch Gestellung von Freiwilligen, so auch bei der Schlacht am Waterberg im Jahre 1904. Wegen der hier von den Deutschen begangenen Gräueltaten verlassen die Witbooi die Truppe und werden selbst gefangen genommen und als Arbeitssklaven in die Deutsche Kolonie Togo verschifft. Dies veranlasst Hendrik Witbooi in Gibeon, den Deutschen am 3. Oktober 1904 offiziell den Krieg zu erklären. Zahlreiche Farmen in der Umgebung von Gibeon werden überfallen. Damit wird Gibeon zum Ausgangspunkt des bis 1908 dauernden Namakrieges, der eigentlich Orlamkrieg heißen müsste. Hendrik Witbooi fällt in diesem Kriegs im Oktober 1905, woraufhin sein Nachfolger Isaak Witbooi (ǃNanseb ǂKharib ǃNansemab) im Dezember des gleichen Jahres kapituliert. Den Namakrieg führen Simon Kooper (ǃGomxab) und Jakobus Morenga weiter.

Gibeon kommt im April 1915 ins Rampenlicht der Geschichte, als die deutsche Schutztruppe hier im Ersten Weltkrieg von überlegenen Kräften der südafrikanischen Armee eingeschlossen werden und nur unter schweren Verlusten aus dem Kessel ausbrechen und nach Norden flüchten.

In der Missionsstation Gibeon waren im Laufe der Jahrzehnte verschiedene deutsche Missionare der Rheinischen Missionsgesellschaft (RMG) tätig. Zu den bedeutendsten und am längsten dort wirkenden Persönlichkeiten gehören:

Johannes Olpp (sen.): Er ist der Begründer der Gemeinde ab 1868 (nach den ersten unruhigen Gründungsjahren der Station um 1863/1865). Er baut eine enge Beziehung zum Nama-Kaptein Kido Witbooi auf, tauft dessen bekannten Enkel Hendrik Witbooi und bleibt bis 1879 in Gibeon.

Christian Spellmeyer: Er ist der am längsten in Gibeon aktive Missionar. Zusammen mit seiner Frau Else wirkt er dort von 1903 bis zu seiner Pensionierung im Jahr 1939 – also auch während des folgenschweren Nama-Aufstands gegen die deutsche Kolonialmacht und des Ersten Weltkriegs.

Als Hendrik Witbooi (der im Jahr 1868 von Johannes Olpp sen. getauft worden ist) 1904 den Deutschen den Krieg erklärt, gerät die Station Gibeon logistisch ins Zentrum. Christian Spellmeyer bleibi vor Ort. Die Witboois schonen das Leben des deutschen Missionars und seiner Familie wegen des jahrzehntelangen Respekts vor der Mission, obwohl sie gleichzeitig deutsche Farmen angreifen. Nach der Zerschlagung des Aufstands und dem Tod Hendrik Witboois im Jahr 1905 liegt Gibeon in Trümmern. Spellmeyer organisiert fortan die traumatisierte, dezimierte und weitgehend enteignete Nama-Gemeinde unter strenger deutscher Kolonialüberwachung neu zu organisieren.

Die wichtigsten schriftlichen Zeugnisse von Christian Spellmeyer und seiner Ehefrau Else sind im Welwitschia Verlag in Buchform erschienen. Ihre Aufzeichnungen – vor allem in Form detaillierter Briefe an die Familie in Deutschland – gelten als eine der wertvollsten Quellen für die Alltagsgeschichte einer deutschen Missionarsfamilie im damaligen Deutsch-Südwestafrika zwischen 1899 und 1913. Sie beleuchten das Leben in Gibeon und der Außenstation !Gochas aus einer sehr persönlichen, oft drastischen Perspektive. Zentrale Einblicke aus den Aufzeichnungen:

Im Sommer 1893 wurde Christian Spellmeyer nach Beendigung seines Wehrdienstes ins Seminar aufgenommen. Sechs Jahre dauerte die Ausbil­dung, dann wurde er nach Deutsch-Südwestafrika ausgesandt. Noch vor seiner Ab­reise nach Afrika hatte er das Glück, die ihm zugedachte Braut Else Lange und deren Familie kennenzulernen. Kurze Zeit nach der Verlobung verließ Chri­stian die Heimat zu seinem ersten Einsatz in Afrika. Zwei lange Jahre danach folgte Else, nachdem sie bei der Rheinischen Mission eine Einweisung in ihr zukünftiges Leben als Missionarin erhalten hatte. In Afrika wurde dann geheiratet. Zuerst in Otjimbingwe und Okombahe eingesetzt, wurde Christian Spellmeyer zusammen mit mit seiner Frau Else für die Nama-Missionierung bestimmt, wo sie dann von Oktober 1901 bis Ostern 1903 in ǃGochas und schließlich von 1903 bis zur Pensionierung 1939 in Gibeon ihren Dienst verrichteten. [….] Es dauerte nicht lange, dann stellte sich Nachwuchs ein. Das brachte noch mehr Leben und vor allem Arbeit in das Missionarshaus. Sechs Kindern schenkte Else im Lauf von zehn Jahren das Leben unter teils schwierigen Um­ständen. Dabei hatten Christian und Else das große und seltene Glück, dass alle ihre Kinder trotz mancher schweren Erkrankung am Leben blieben und wohl gerieten. […] Im Leben einer Gemeinde kam der Missionarsfamilie eine bedeutende Rolle zu. Davon profitierten allerdings nur diejenigen, die an einem größeren Ort wohnten, der auch eine weiße Bevölkerung hatte. Wer auf einsamer Station die lokale Bevölkerung betreute, zog wenig Nutzen daraus. Hier waren der Missionar und seine Frau zwar auch die geachteten Lehrer, aber außer Arbeit bot das Dasein hier wenig. Daher waren die jährlichen Kon­ferenzen für viele eine willkommene Gelegenheit zur Aussprache und zum Erfahrungsaustausch und zur Erbauung. Die Beschwernisse der Reise zum alljährlich wechselnden Konferenzort wurden dafür gerne ertragen. Span­nungsfrei und nur von christlicher Nächstenliebe geprägt war das Miteinander der Missionarsfrauen (und der Missionare) allerdings nicht. Das galt ganz be­sonders in Krisenzeiten. […] 

Gerade an den bedeutenderen Orten hatten die Missionare auch Umgang mit den maßgebenden Beamten der Verwaltung und den Offizieren der Schutztruppe. In diesem Zusammenhang finden sich in den Briefen von Else und Christian Spellmeyer einige Notizen und Bemerkungen zu Meinungen und Verhaltensweisen gegenüber den kriegführenden Nama und Herero, die Einblick in die Seelenlage der Deutschen geben. Leider nur zu oft hatten die Missionare wenig Verständnis für die Sorgen und Nöte der afrikanischen Be­völkerung und betrachteten die Niederschlagung des ‚Aufstandes‘ als ein göttliches Strafgericht. Bedingt war dies einmal durch die Grundeinstellung, dass nicht nur der himmlischen, sondern auch der weltlichen Obrigkeit zu ge­horchen sei, aber ebenfalls durch die prägenden lebensbedrohenden Erfahrun­gen, die sie selbst machen mussten. Dabei waren sie beim Nama-Krieg, im Gegensatz zur zum Herero-Krieg, ebenfalls Zielscheibe des Hasses der lokalen Bevölkerung geworden. Hatten Herero die Missionare noch ganz bewusst geschont, so scheuten Nama zumindest in einem Fall nicht davor zurück, den wehrlosen Missionar Ludwig Holzapfel, eingesetzt in Rietmond, vor den entsetzten Augen seiner Frau und seiner Kindern kaltblütig zu ermorden (vgl. Briefe von Christian Spellmeyer vom 12.10.1904 und von Else Spellmeyer vom 03.11.1904).

1. Der Alltag der „Missionsfrauen“ und das Familienleben

Ein Großteil der alltagsgeschichtlichen Dokumente stammt von Else Spellmeyer. Sie beschreibt die enorme Belastung, eine Familie unter den Bedingungen der kargen Region am Rande der Kalahari aufzubauen. Dazu gehören: [1, 2]

  • Monatelange, entbehrungsreiche Reisen mit dem Ochsenwagen zu abgelegenen Außenstationen (wie nach !Gochas im Jahr 1901).
  • Die ständige Konfrontation mit Krankheiten, extremer Hitze und Versorgungsengpässen.
  • Die Doppelrolle als Hausfrau, Mutter und Lehrerin für die einheimischen Nama-Mädchen in der Gemeinde. [1]

2. Das Überleben im Nama-Aufstand (Oktober 1904)

Als Hendrik Witbooi im Oktober 1904 den deutschen Truppen den Krieg erklärte, befand sich das Ehepaar Spellmeyer mitten im Geschehen. Christian Spellmeyer berichtet in seinen Briefen von einer paradoxen Situation:

  • Verschonung durch die Nama: Obwohl die Witbooi-Krieger deutsche Farmer angriffen und töteten, ließen sie die Familie Spellmeyer unversehrt. Aus Respekt vor der jahrzehntelangen Arbeit der Rheinischen Mission durften der Missionar und seine Familie die Station lebend verlassen.
  • Spellmeyer beschreibt den Moment des Aufbruchs der Nama in den Krieg als einen tiefen Schock, da viele der Männer, die nun zu den Waffen griffen, von der Mission getauft und ausgebildet worden waren.

3. Die Zeit der Not und die „Sammelstellen“ (ab 1905)

Nach dem Zusammenbruch des Aufstands und dem Tod Hendrik Witboois veränderten sich die Berichte dramatisch. Spellmeyers Briefe dokumentieren das Elend der überlebenden Nama-Bevölkerung: [1]

  • Er beschreibt die traumatisierten, hungernden und enteigneten Menschen, die Zuflucht an der Missionsstation suchten. [1, 2]
  • Aus den Briefen geht hervor, wie die Missionare versuchten, die Not der Menschen durch die Verteilung von Decken, Nahrung und Kleidung zu lindern (oft finanziert durch Spenden aus Deutschland). [1]
  • Gleichzeitig reflektieren die Briefe das moralische Dilemma: Die von den Missionaren eingerichteten „Sammelstellen“ wurden von der deutschen Schutztruppe kontrolliert, um die Menschen anschließend in die Konzentrationslager abzutransportieren. [1]

4. Spätere Jahre und Reisen

In den späteren Jahrzehnten (die Spellmeyers blieben bis 1939 in Namibia) enthalten die Berichte vermehrt Reisedokumentationen: [1]

  • Christian Spellmeyer verfasste unter anderem Berichte über sogenannte „Filialreisen“ (z. B. 1923), bei denen er weit verstreute Nama-Siedlungen im Süden des Landes besuchte, um den Kontakt zur Kirche aufrechterhalten. [1]
  • Ein Bericht beschreibt zudem einen Besuch auf den damals boomenden Diamantenfeldern bei Lüderitzbucht, wo ebenfalls viele Nama als Zwangsarbeiter oder billige Arbeitskräfte lebten. [1]

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