13.09.1901 Bericht Friedrich Heinrichs an RMG

Bericht Friedrich Heinrichs an Rheinische Missionsgesellschaft 13. September 1901 (Scheintoten-Geschichte)

Bethanien, den 13. Sept. 1901.

Lieber Herr Insp. Spiecker! Schon lange wollte ich Ihnen ein Lebenszeichen senden von uns, aber wegen Mangel an Zeit kam ich nicht dazu. Da ich vielleicht heute nicht so viel gestört werde, so will ich diesen Tag, d.h. mein Stündchen opfern für einen Gruß von hier und Ihnen das Eine und Andere von uns und der Gemeinde mitteilen.

Wenn ich auch erst heute an Sie schreibe, so soll das nicht heißen, daß wir erst heute an Sie denken, nein, an jedem Tage gedenken wir Ihrer wie auch der anderen Lieben im Missionshause vor dem Gnadenthron. Wissen wir ja auch, daß dasselbe bei Ihnen geschieht. Wir freuen uns sehr, daß der Herr Ihnen noch immer Kraft & Freudigkeit für Ihren schweren, aber herrlichen Beruf schenkt, daß Sie bei Ihrem Kopfleiden demselben dort noch allezeit vorstehen können. Es ist sicher Gnade und Kraft, daß auch Ihre liebe Frau die Arbeit als Hausmutter im Missionshause, die keine geringe ist, noch immer bewältigen kann. Der Herr gebe auch ferner Freudigkeit & seinen Segen zu allem Tun.

Auch uns gibt der Herr Kraft & hilft in aller Schwachheit, sodass wir ihm noch dienen dürfen. Meine l. Frau leidet zwar noch immer an ihrem Unterleibsleiden, doch geht es Gott Lob und Dank etwas besser. Unser kleiner Theodor, der Sonnenschein unseres Hauses, wächst & gedeiht sehr gut. Er ist so stark, daß jeder, der ihn sieht, sich verwundert. Die Gemeinde ist auch sehr glücklich, daß nun auch hier am Missionshause ein kleines Wesen lebt.

Vor 8 Tagen wurde mir von einer Kranken mitgeteilt, die eine Stunde von hier zu Fuß wohnte, daß sie Vergebung ihrer Sünden haben möchte, damit sie in Frieden sterben könne. Sie war leider mit einem Soldaten gefallen & wie sie sagte, habe die Not sie zu diesem bösen Schritt geführt. Wir ließen sie warten & drangen auf aufrichtige Reue. Als sie aber so schwach wurde, daß man bald ihr Ende erwartete, erfüllten wir ihren Wunsch & sie wurde getauft. Am folgenden Tage schlief sie ruhig ein und man dachte, daß der Tod eingetreten sei. Da war kein Atem mehr & der Körper war kalt. Sie wurde gewaschen, gekleidet und als ein toter Körper beiseite gelegt, um am anderen Morgen hierher geschafft zu werden.

Etwa 4 Uhr morgens richtete sich die Scheintote auf & sagte: „Gib mir zu trinken.“ Das war ein Schrecken für die Umgebung! Sie brachten sie mit dem Wagen hierher nach der Station. Hier hat sie noch schwere Anfechtungsstunden durchmachen müssen und auch heute ist sie noch nicht frei davon. Ob sie wieder genesen wird, ist noch fraglich. Der Herr wolle ihr gnädig sein & falls sie wieder gesund wird, ihr Überwindungskraft schenken, damit sie nicht wieder in Sünden fällt.

Dem Herrn sei Dank, daß bei den Meisten unserer Gemeinde ein Verlangen nach Gottes Wort vorhanden ist, das bei dem Einen mehr bemerkbar wird als bei dem Anderen. Möge des Herrn Wort allezeit ausrichten, wozu es gesandt ist. Hiermit möchte ich für heute schließen. Seien Sie und Ihre Familie aufs Herzlichste gegrüßt von Ihrem dankbaren Schüler

F. Heinrichs

P.S. Herzlichen Dank für die Zusendung des Buches „Die ewige Wahrheit“ von Baronin von Balascheff. Ich freue mich sehr im Besitze des nützlichen & gesegneten Buches zu sein, das eine so klare Übersicht bietet über das Leben und Handeln unseres Herrn und Heilands.

Gerne würde ich eine Anzahl Exemplare übernehmen, aber die Deutsch-Redenden haben weniger Interesse, die Englisch-Redenden können nicht deutsch lesen. Seit kurzem haben wir eine Tochter einer englischen Familie aus unserer Gemeinde im Hause, die hier Schreiben, Lesen, Rechnen, Handarbeiten & Kochen lernen will. Es ist oft jammervoll, wie die Kinder von den hiesigen Weißen aufwachsen müssen. So kam es vor einiger Zeit vor, daß 2 Jünglinge einer englischen Familie vor die Polizeistation vorgeladen wurden und als sie ihre Aussagen unterschreiben sollten, sie drei +++ machen mussten, weil sie ihren Namen nicht schreiben konnten. Die Eltern von der Tochter, die wir hier haben, stehen etwas besser; die Mutter macht wenigstens einen Anfang mit dem Unterrichten ihrer Kinder. Zwei andere englische Familien unterrichten ihre Kinder selbst. Sie hätten seinerzeit ihre Kinder nach Keetmanshoop schicken können, aber dort will kein Weißer von hier seine Kinder haben; das ist, so viel ich verstehe, wegen des Militärs & des Trunks.

Im vorigen Monat machte ich eine Predigtreise nach dem Norden meiner Gemeinde. Meine Frau und unser Liebling fuhren mit bis Tsissab [?]. Hier wohnten wir bei der englischen Familie Mason, die eine große, schöne Farm besitzen. Von hier aus machte ich zu Pferd meine Besuche auf folgende Plätze: Krügerswerft, Arnab, Witmanhaar, Gonis und Chamis. Auf allen genannten Plätzen hielt ich Gottesdienst, auf Arnab nicht, weil die Bewohner dieses Platzes zu dem Berg kamen. An den 2 Sonntagen, die wir auf Tsissab verlebten, hielt ich auch dort Gottesdienst.

Hier auf Tsissab hatte vorher der Bischof Dr. Gibson aus Cape Town Kinder von der Familie Mason konfirmiert. Bischof Gibson, der in jener Zeit auf einige Tage unser Gast war, besuchte uns in Worcester, als wir bei den l. Geschwistern lagen, erkundigte sich nach den Engländern hier & sagte uns damals schon, daß er dieselben besuchen möchte. Wie es scheint, sollen dieselben von ihm regelmäßig, d.h. jährlich besucht werden, oder doch wenigstens alle 2 Jahre.

Ich erwähnte oben den Berg Arnab, den ich von Tsissab aus besuchte, wo die Leute, welche an diesem Riesen mit seinem schönen Wasser, welches aus ihm heraussprudelt, wohnen. Eine Anzahl von ihnen lebt in der Gefangenschaft in Windhoek und Rehoboth. Und zu all diesem Traurigen ist ihr Mann mit ihr nicht eins im Glauben. Er ist ein Portugiese, also katholisch. Früher hatte er Lust, evangelisch zu werden, lernte auch anfänglich gut, wurde dann aber wieder lässig & verlor zum Schluß die Lust. Obwohl er unbeteiligt am Aufstand der Bastards ist, so ist sein Herz durch die Vorgänge doch sehr erbittert worden gegen die Regierung. Und solch innerlicher Groll bietet einer traurigen Frau keine Kraft.

Die betrübte Hausfrau sagte mir, das traurige Ende ihres Vaters, das Leiden ihrer Familie sowie der große Verlust des irdischen Gutes mache ihr Herz so schwer, daß sie es kaum ertragen könne. Ich wies sie auf den, der mächtiger ist als alle Not, der gesagt hat: „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid, ich will euch erquicken.“

Es ist eine ganz wunderliche Geschichte um den Aufstand der Grootfonteiner. Ein recht klares Bild wird man noch immer nicht erhalten von dieser traurigen Affäre. Das, was man hört, ist so sehr verschieden, daß fast jeder etwas anderes zu berichten weiß. Dennoch glaube ich nicht, daß die beteiligten Bastards ganz unschuldig sind. Es ist nicht zu leugnen, daß sie schließlich nicht mehr genug Weideland gehabt haben würden, weshalb einzelne Bastards schon früher nach Chamis hier bei Bethanien ziehen wollten. Trotzdem hätten sie vorsichtiger sein sollen, als zu den Waffen zu greifen.

Zur Zeit wohnten die Bastards damals im Felde. Der Kapitän und einige andere ritten zum Pferde- und Viehposten und hier in der Nähe sammelten sich die Männer mit Gewehren. Ich glaube, schon am folgenden Tage traf der Stationschef mit seinen Soldaten auf Grootfontein ein und stellte sich bei der Kirche, gerade dem Kapitän gegenüber, mit geladenen Gewehren auf. Der Stationschef ging ins Haus und ließ die Gewehre und Munition fordern, da er erfuhr, daß alle Männer Gewehre besäßen. Es begann ein Wortwechsel. Der Stationschef verließ unwillig den Platz und sagte, daß er wiederkommen werde. Dies war genug für die gereizten Bastards, um ihm keine Möglichkeit zu geben, sie gefangen zu nehmen. Als der Kapitän im Felde beim Viehposten war, ritt auch er hin und es begann das traurige Schießen. Man ist noch nicht sicher, wer zuerst geschossen hat. Wie ich höre, sind wieder neue Untersuchungen im Gange.

Manche Kleinigkeiten haben die Leute mir erzählt, die erregt haben, z.B. daß der Kapitän sich geweigert habe, Munition abzugeben, was er verweigerte. Wenn er klug gewesen wäre, dann hätte er dieser Forderung Genüge getan & Beschwerde in Windhoek eingereicht. Wir sehen, die eine Partei wie die andere ist nicht ohne Schuld. Die Grootfonteiner und auch der junge deutsche Stationschef hätten vorsichtiger handeln können. Die Auflösung unserer schönen, blühenden Filialgemeinde hätte sehr gut verhütet werden können. Und die deutsche Regierung ist um einen Volksstamm ärmer geworden, der lebensfähig war und in späterer Zeit Abgaben hätte leisten können.

Trotz der Dürre leben auf der Station noch immer ziemlich viele Menschen. Es ist oft wunderbar, wie die Leute aushalten. Man sieht es manchem an, daß er Hunger leidet; die Milch, die er von seinen Ziegen erhält, bleibt bei der Dürre oft aus und die Ziegen geben auch nicht immer genügend Milch. So reicht oft die Nahrung in der Familie nicht aus und sie müssen sich hungrig schlafen legen. Da freut sich dann der, welcher zur Arbeit nicht zu träge ist, wenn er sich etwas verdienen kann. Leider ist aber nicht immer Arbeit zu haben, das ist ein großer Mangel hier im Lande. Die Gärten, welche hier bestellt sind von den Eingeborenen, haben schöne Weizenäcker und andere Gewächse, die aber erst im nächsten Monat abgeerntet werden können. Möchte der Regen nicht zu lange ausbleiben, damit die Leute wieder mehr Milch bekommen.

Heinrichs