Friedrich Heinrichs Bericht über Pestquarantäne und Kriegsausbruch 10. Juni 1901
Bethanien, den10. Juni 1901.
In dem Herrn geliebte Väter! Mit Lob und Dank durften wir mit unserem kleinen Sohn am 6. Mai hier auf Bethanien wieder einziehen. Leider sind aus drei Monaten, die wir dachten fortzubleiben, sechs geworden. Es ging aber mit dem besten Willen nicht anders, weil keine Möglichkeit war, früher die Cape Colony zu verlassen. Deshalb möchte ich hier gleich zu Anfang die geehrte Deputation um Verzeihung ersuchen für meine längere Abwesenheit von meiner Gemeinde, als ich auf unserer letzten Konferenz bat.
Unser Aufenthalt in der Cape Colony hätte sich fast noch mehr ausgedehnt, weil, wie schon allgemein befürchtet wurde, Cape Town in Quarantäne gekommen wäre wegen der Beulenpest, die dort täglich mehr Menschenleben forderte und dies die Gemüter sehr beunruhigte. Der Herr erhörte unser Flehen und ließ uns den Weg für unsere Heimreise offen. So konnten wir am 27. März mit der Gertrud Woermann die gefürchtete Peststadt verlassen.
Auf der ganzen Reise wurden wir von der traurigen Wahrheit überzeugt, daß das Land fast gänzlich von den gefürchteten Heuschrecken vernichtet sei. Mit großer Mühe haben wir unsere Ochsen lebend bis Bethanien gebracht. Von 3 Zugochsen weiß ich heute noch nicht, ob sie sich wieder erholen werden. Hier auf Bethanien haben wir so wenig Milch, daß wir oft schwarzen Tee trinken und Theodor anstatt frischer oft Kondensmilch geben müssen. Das zeigt vielleicht, wie wenig Lebensunterhalt die Eingeborenen gegenwärtig haben. Wer noch Vieh besitzt, flieht dorthin, wo die Heuschrecken noch Gras übriggelassen haben. In den letzten Jahren hat der Viehbestand der Eingeborenen ziemlich gut zugenommen. Es wäre deshalb ein Jammer, wenn in diesem Jahre Groß- und Kleinvieh durch Hungersnot wieder vermindert würde. Der Herr aber weiß, was für unser armes Namavolk das Beste ist, deshalb wollen wir über diese neue Heimsuchung nicht klagen und murren, sondern uns beugen unter seine gewaltige Hand.
Der Schulbesuch hier auf der Station ist sehr schwach. Man kann es den Eltern auch nicht zumuten, daß sie ihre Kinder in solch einer knappen Zeit hier im Dorf behalten; sie würden einfach zu Skeletten abmagern. Und alle Unterstützung hilft nicht viel. Unsere Feldschule soll besser besucht werden, wie ich höre. Es ist nur schade, daß der Gehilfe für seine ihm anvertraute Arbeit nicht genügend befähigt ist. Treue hat er bis jetzt bewiesen, nur machen die Kinder zu wenig Fortschritte.
Der Kirchenbesuch ist noch ziemlich gut, wird aber schwächer werden, wenn die Pfingsttage und der Sonntag nach den Festtagen, an welchem das hl. Abendmahl ausgeteilt werden soll, vorüber sind. Die meisten Bethanier wollen dann ins Feld ziehen, und nur die, welche hier Beschäftigung haben bei Bauarbeiten, bleiben hier. Ich werde dann wohl reisen müssen, um die Gemeindeglieder draußen aufzusuchen.
Sehr schmerzlich ist uns das Ende der Filialgemeinde Grootfontein. In der Tat, eine schöne, blühende Missionsarbeit ist vielleicht für immer dahin. Das hätten wir bei unserem Weggang von hier nie gedacht. Sie werden davon erfahren haben, daß im Monat Januar dieses Jahres Krieg ausbrach (zwischen den Grootfonteiner Bastards und der deutschen Polizeistation). Bei diesem Gefecht fielen 1 deutscher Soldat und 1 eingeborener Soldat auf deutscher Seite sowie der Kapitän Nicolaus Zwart und 5 Bastards auf der Gegenseite. Wer aber zuerst von beiden Parteien geschossen hat, soll noch nicht ausgemacht sein.
Wie ich höre, sollten die Bastards Pferde, ungefähr vierzig, an die deutsche Regierung verkaufen. Da so viele Pferde nicht entbehrlich waren, schlugen die Bastards den Antrag ab und daraufhin sollen Missverständnisse entstanden sein, die dann zu dem traurigen Kampf geführt haben. Mir ist die ganze Sache dunkel und ich verstehe heute noch nicht, weshalb die Schuld der Bastards so groß sein soll, daß außer den Männern, die zum Teil lebenslängliche und zum Teil mehrere Jahre Gefängnisstrafe erhalten haben, auch Frauen und Kinder in die Gefangenschaft nach Windhoek abgeführt sind und den Bastards Land und Vieh genommen ist.
Der Evangelist Benade wohnt nun mit seiner Familie hier auf Bethanien und ungefähr 20 Personen Bastards, welche in der Nähe von Grootfontein wohnten und nicht mitgefochten haben, sind hier in der Nähe von Bethanien ansässig, wo sie ihren Wohnsitz aufgeschlagen haben. Einzelne von ihnen verhandeln noch mit dem hiesigen Kapitän, um sich hier auf der Station einen Bauplatz anzukaufen. Das ist der Rest meiner schönen Filialgemeinde, die mir stets viel Freude bereitet hat.
Mit der Bitte, unserer und unserer Arbeit fürbittend gedenken zu wollen, grüßt herzlich, Ihr ergebener Sendbote F. Heinrichs