.Zweiter Bericht Friedrich Heinrichs an Rheinische Missionsgesellschaft 26. März 1900
Bethanien, den 26. März 1900.
In dem Herrn geliebte Väter! Da ich mit der letzten Post durch Br. Fenchel die Nachricht empfing, daß für die hiesige Kirchbautenschuld von Frau Geheimrat Sticht in Coblenz M. 3905,70 bewilligt worden sind, so möchte ich doch gleich meinen herzlichsten Dank aussprechen. Auch im Namen der hiesigen Gemeinde soll ich Ihnen herzlich danken. Das war eine freudige Überraschung. Denn mehr, als wir erwartet hatten, ist uns zuteil geworden. Der Herr wolle es Ihnen reichlich vergelten.
Die Gottesdienste werden Gott Lob und Dank noch immer gut besucht. Ob der gute Besuch aber noch lange anhalten wird, ist sehr fraglich. Heute kam z. B. der Kapitän Paul Frederiks zu mir und sagte: „Ich muss meine Kinder für eine Zeit lang aus der Schule nehmen und sie mit meiner Frau draußen auf den Viehposten senden. Auch das Vieh, das ich hier beim Hause habe, muss hinaus, sonst werde ich in Zukunft große Verluste haben.“ Schon fast ein ganzes Jahr haben wir kaum einen nennenswerten Regen gehabt. Daher herrscht wieder die furchtbare Dürre. Zum Glück haben wir noch stellenweise altes Gras vom vorigen Jahre. Wie lange dasselbe noch vorhält, weiß ich nicht. Der Herr wolle in Gnaden durch diese trockene Zeit hindurch helfen.
Im inneren Leben der Gemeinde ist ein erfreulicher Fortgang zu berichten. Das Gebetsleben und ein Suchen nach dem Heil in Christo macht sich stets mehr bemerkbar. Das darf ich Gott Lob und Dank fast allemal bei den Besuchen in der Gemeinde sehen. Gestern Abend nach dem Nachmittagsgottesdienst ging ich zu einem Schwerkranken, der vielleicht nur noch einige Tage zu leben hat. Es ist ein alter Mann von über 80 Jahren. Er hat nur den einen Wunsch, bei Christo zu sein.
Auf einem weiteren Gang kam ich an einem Hause vorbei, wo ich eine Frau von etwa 40 Jahren unter Tränen flehen hörte. Sie ist noch Heidin, geht aber treu in den Taufunterricht und wird, so Gott will, um Pfingsten getauft werden. Als ich eintrat und mich erkundigte nach ihrem Schmerz – sie ist nämlich leidend und seit einigen Tagen etwas fieberkrank –, da teilte sie mir Folgendes mit: „Ich höre so oft die Glocken zur Kirche und zum Taufunterricht rufen und möchte dann auch gerne hin, um Gotteswort zu hören. Ich versuche es auch, aber ich kann nicht vor Schwachheit. Nun weiß ich nicht, ob ich vor Gott recht tue, wenn ich daheim bleibe. Ferner kann ich es kaum ertragen, daß ich so lange Zeit ohne Gott blieb.“ Hier hat der hl. Geist sein Werk begonnen. Wir freuen uns und bitten den Herrn täglich, daß er die angefochtene Seele zu seinem vollen Eigentum machen wolle.
Ihre Mutter, ungefähr 80 Jahre alt, ist als Kind getauft, aber noch nicht konfirmiert, besucht jedoch den Konfirmandenunterricht. Diese durchlebt dieselben Anfechtungsstunden. Obwohl fast gänzlich taub und leidend an einem bösen Zungenübel, fehlt sie doch fast nie im Gottesdienst. Ein gläubiges Mädchen aus der Gemeinde geht täglich zu ihr und spricht ihr laut die Hauptstücke aus dem Katechismus vor; auf diese Weise lernt sie das Notwendigste.
Einen dritten Kranken, der schon über 2 Jahre leidend ist, besuchte ich noch. Leider merkte ich bei ihm eine Unzufriedenheit über seine Umgebung. Er muss nämlich alle halbe Stunde umgelegt werden, was er selbst nicht kann, und muss sogar gefüttert werden wie ein kleines Kind. In den Nächten findet er meist ungenügende Pflege, dann erregt er sich oft so sehr über seine Krankheit, daß man sein Rufen in der stillen Nacht sehr weit hören kann. Es ist zu schwer für beide Parteien, da es sich in die Länge zieht. Der Herr gebe ihm ein stilles und williges Herz zum geduldigen Tragen. Im Übrigen vergisst er nie, täglich im stillen Gebet beim Herrn Kraft und Trost zu suchen.
Wir können also Gott danken, daß die Dürre und die daraus entstehenden Nöte die Menschen hier nicht von Gott und unserem Erlöser fortziehen, sondern sie noch mehr dem Herrn nahe bringen. Darum möchte ich schließen mit dem Wunsch: Gedenken Sie auch ferner fürbittend unserer Gemeinde, daß noch Viele ernstlich suchen, selig zu werden.
Da Br. Judt, wie ich höre, verreist ist, so wollen Sie gütigst erlauben, diesen Bericht direkt zu senden. Werde aber Br. Judt eine Abschrift zusenden, sobald er wieder daheim ist.
Es grüßt herzlich in dankbarer Liebe, Ihr Sendbote F. Heinrichs