Bericht Friedrich Heinrichs an Rheinische Missionsgesellschaft 26. März 1900
Bethanien, den 26. März 1900.
Lieber Herr D. Dr. Schreiber!
Empfangen Sie herzlichen Dank für Ihren Brief vom 2. Dez. 1899, den ich mit der letzten Post, die alle 14 Tage hier eintrifft, am Mittwoch voriger Woche empfing. Sie erwähnen zunächst die Kirchenschuld der hiesigen Kirche & drücken Ihr Bedauern darüber aus, daß noch eine Schuld auf dem Bau ruht. Freilich drückt auch mich die Schuld sehr & ich möchte wünschen, daß sie bald gedeckt würde. Allein was kann ich tun? Als der Bau begonnen wurde, sagten Sie, wir hätten den Turm fortlassen sollen, dann hätten wir heute nicht mit Schulden zu kämpfen. Unsere Bethanier aber hatten die Keetmanshooper Kirche gesehen & wollten auch einen Turm haben. Anfänglich war der Gemeinde die Kirche nicht einmal groß genug. Die Mauern waren schon 2 Meter hoch, als gerade eine englische Familie von draußen hier zu Besuch war und mit den Ratsleuten von hier mich so lange überredeten, bis ich den Bau noch 2 Meter verlängerte.
Ich sagte der Gemeinde und den Weißen (hauptsächlich Engländern, denn diese haben von den Weißen bisher am treuesten geholfen): „Wir haben das Geld nicht und müssen deshalb den Turm fortlassen.“ Da weigerten sie sich alle & sagten: „Später bekommen wir nie einen Turm, & dazu wird der Anbau in Zukunft viel teurer sein.“ Somit konnte ich nicht allein entscheiden, sondern musste die Wünsche der Gemeinde beachten, wenn ich keine Feindschaft ernten oder die Leute zurückstoßen wollte. Weil ich nun aber die Wünsche der Gemeinde so weit wie möglich erfüllte, muss sie auch ernstlich für die Tilgung der Schulden sorgen. Und ich bin auch erfreut, daß sie das bisher willig tut. Der Kapitän Paul Frederiks von hier hat auch wieder einen Beitrag in diesem Jahre versprochen. Ferner die oben erwähnte Familie Masons. So glaube ich sicher, daß die Kirchenschuld sehr bald gedeckt sein wird. Mit Dank haben wir davon Kenntnis genommen, daß Frau Geh. Rat Sticht in Koblenz eine jährliche Gabe zur Deckung der Kirchenschuld bestimmt hat.
Nun möchte ich Sie aber auch privatim um Rat bitten. Es handelt sich um Folgendes: Im Monat Oktober vorigen Jahres, als der Kaiserliche Bezirksamtmann Dr. Burchardt von Keetmanshoop hier Gerichtstage abhielt, waren hier viele weiße Familien anwesend, die zur Kircheinweihung nicht hier sein konnten. Wir beschlossen in den Tagen auf Wunsch der Familie Mason, eine Kollekte unter den Weißen abzuhalten. Ihr Sohn übernahm das Geschäft. Der Anfang war ein sehr guter. Freudestrahlend kam er u. seine Mutter alle paar Stunden zu mir & teilten mir mit, wie viel sie schon wieder erhalten hatten. Endlich stießen sie auf einen harten Widerstand, als sie zu unserem Stationschef kamen.
Der hiesige Ansiedler Groeneveld (Deutscher) hatte ihn zurückgestoßen und unwillig gemacht, vorerst auf der Liste zu zeichnen. Groeneveld hatte ihm nämlich gesagt, die Kirche sei Eigentum der R. Missionsgesellschaft & sie müsse die Schulden allein bezahlen. Diese Worte hatten Herrn Bezirksamtmann ein wenig stutzig gemacht. Mrs. Mason sagte ihm dieselben Worte von der deutschen Regierung und fügte dann noch folgende Worte hinzu: „Die Mission will die Kirche später an einen Händler verkaufen.“ Nun will er sich hier rächen.
Schreiben Sie an Herrn Gouverneur Leutwein und bitten Sie ihn, daß er Klarheit schaffen möge, wem die Kirche gehöre. Mit der Zeit müsse doch Sicherheit geschaffen werden. Oder ersuchen Sie ihn, daß er Groeneveld verbiete, durch sein törichtes Gerede das Vertrauen der Gemeinde zur Mission zu schädigen. Dies habe ich getan & zwar Entwürfe geschrieben, eins für Windhoek und eins für die Deputation. Beide sandte ich an Br. Judt mit der Bitte um Weiterbeförderung. Br. Judt schreibt mir wiederum, daß er die Schriftstücke nicht absenden werde, weil die Kirche ohne Zweifel Eigentum der R. Missionsgesellschaft sei, einerlei ob die Gemeinde das meiste Geld dafür geopfert habe. Dies würde der Gemeinde nur Unruhe bereiten, deshalb wollen wir das zurückhalten. Die Gemeinde brauche das nicht zu wissen, daß die Kirche Eigentum der R. Missionsgesellschaft ist.
Das scheint mir nicht recht zu sein. Dazu wusste ja Herr Stationschef Winkler von der ganzen Sache & schrieb auch nach Windhoek und teilte mit, daß die Mission anfragen werde wegen des Eigentumsrechtes der hiesigen Kirche. Auch er möchte gerne Klarheit haben. Hoffentlich hat Dr. Judt das eine Schreiben für die Gesellschaft nach Barmen abgesandt. Vielleicht wäre es im Fall, daß es nicht abgesandt ist, besser, Schweigen über den oben erwähnten Fall zu bewahren. Die Gemeinde ist schon zufrieden mit dem, was ich aus dem letzten Brief vorlas. Für die Weißen hier möchte ich gerne noch eine genauere Erklärung haben. Wenn es also angeht, dann möchte ich Sie sehr darum bitten.
Obwohl einige Engländer auch dachten, ich sei reformiert, freue ich mich dennoch über den schönen Kirchenschmuck, da er das Geschenk edler Menschen ist. Die Gemeinde hat auch keinen anderen Gedanken, als daß der Herr uns wieder reichlich dafür segnen kann. Wie aber fiel die Kollekte aus? Trotzdem über M. 500,- in bar zusammenkamen. Herr Stationschef und Herr Bezirksamtmann zeichneten je M. 10,-, Herr Stationschef Winkler M. 40,-. Außerdem hat er aber auch ein silbernes Altarkreuz & eine weiße Altardecke gestiftet. Was halten Sie von dem silbernen Kreuz? Aus der letzten Konferenz waren einige Brüder dagegen & wünschten, daß das Kreuz nicht ausgestellt würde, weil es die Gemeinde verleiten könne zum Katholizismus. Ich konnte aber nicht anders, weil ich Herrn Winkler nicht sehr beleidigen wollte. Ich habe es doch auf dem Altar stehen. Und auf die Frage an die Gemeinde „was denkt ihr davon?“ antworteten sie: „wir freuen uns darüber, das erinnert uns, so oft wir im Gotteshause sind, an unseren Erlöser und an das, was er für uns getan hat.“ Das ist ja das Richtige und deshalb habe ich es stehen lassen.
Über das gegenwärtige Gemeindeleben kann ich mich nur freuen, wenn es auch immer ein Säen mit Zittern ist. So viel wir als Menschen sehen & wahrnehmen können, führen viele Gemeindeglieder ein rechtes Christenleben. Ein Beweis in der Gemeinde ist zu sehen: Jeden ersten Mittwoch im Monat halten wir nun eine Gebetsstunde für die ganze Gemeinde ab, die sehr gut besucht ist.
Schwer wird es uns und der Gemeinde, wenn wir an die Zukunft denken. Nur zweimal hat es in diesem Jahre hier geregnet; das Wasser, das ohne Zweifel geboten wird, reicht kaum aus, um das Vieh zu tränken. Es kaufte der Kapitän Paul Frederiks noch vor einigen Wochen 25 Schafe, das Stück zu M. 15,-. Andere kauften von dem Erlös ihrer Gartenfrüchte. Noch nie habe ich das hier wahrgenommen, daß so mancher mit Gewalt versucht, seine Herde zu vergrößern, das war mir vollständig fremd. Als ich auf Grootfontein Vieh gekauft hatte für die R. Missionsgesellschaft von den bewilligten M. 800,-, da wollten die Bethanier zu gerne mir das Vieh wieder abkaufen. Darüber können wir uns nur freuen. Hätten sie nur früher daran gedacht, wo das Großvieh noch viel billiger war, dann würde heute die Not nicht so groß sein. Indessen fürchte ich sehr, daß, wenn wieder eine Hungersnotzeit kommt, das Vieh entweder stirbt oder man schlachtet wieder drauf los, denn der Hunger tut weh.
Die verteilten Ziegen und Kühe, soweit sie Milch geben, sind natürlich unter den ganz verarmten Gemeindegliedern verteilt, und zwar nur unter denen, die auf der Station wohnen. Von Herrn Gessert kann ich Ihnen nicht viel mitteilen. Seitdem Fräulein Meierfeld wieder nach Deutschland zurückgereist ist, wird auch wohl weniger Anlaß zu bösem Geschwätz gegeben werden. Obwohl Gessert bei seinen vielen Arbeiten wirklich eine Wirtschafterin nötig hat, so verstehe ich dennoch nicht, weshalb er sich von der Person nicht löst. Nur macht er alles mit rechtem Fleiß. Er hat schon viele Dämme bauen lassen, aber immer wieder zu schwach. Er will billige Dämme bauen, vergisst aber dabei, daß das öftere Dammaufbauen schließlich viel teurer wird und nie zum rechten Ziel führt.
In einem nassen Jahre säte er Weizen; derselbe wuchs anfangs gut, später, als er in Ähren stand, war das Land trocken. Er müsste also Wasser haben, aber es war keins vorhanden. Das ganze Weizenfeld musste somit verbrennen. So ist so manches, was in der Theorie wohl recht sein mag, aber in der Praxis grundfalsch ist, besonders hier im Süden, wo wieder ganz andere Regeln befolgt werden müssen als daheim. Leider lässt sich Herr Gessert von seiner Methode nicht so leicht abbringen. Dagegen ist sein Viehbestand in den letzten Jahren sehr gut vorangekommen. Finanziell steht Herr Gessert gut. Wie ich letztens von verschiedenen Seiten hörte, soll er wieder eine ziemlich große Erbschaft gemacht haben. Hoffentlich steckt er nicht noch mehr Geld in seinen Besitz, wo es seinen Zweck nicht erfüllen kann. Denn was von Anfang an verkehrt angelegt wird, lässt sich später nur mit großen Unkosten wieder gutmachen.
Meine l. Frau trauert noch viel um unseren kleinen seligen Friedel. Sie ist bedeutend stiller geworden als früher. Möchte der Herr ihr die Gesundheit wieder schenken. Die Hoffnung, daß der genannte Arzt hierher kommt, haben wir leider noch nicht, weil Bethanien nicht zu seinem Bezirk gehört. Der Arzt in Keetmanshoop soll von Frauenleiden nichts verstehen, wie Br. Fenchel sagt. Deshalb fürchtet meine Frau diesen Arzt. Wir sind also noch immer ganz allein auf Gottes Hilfe angewiesen. Täglich bitten wir ihn um Genesung.
Solange ich aber durch die Schule so sehr gebunden bin, kann ich nicht gut größere äußere Arbeiten vornehmen. Das neue Gartenland kann ich also noch nicht ummauern. Ich würde sonst in diesem Jahr Weizen gesät haben & vielleicht Kartoffeln gepflanzt haben. Die Erde hier hat ziemlich viel Lehmboden, und die Kartoffeln, die im Lehmboden am besten wachsen, fehlen uns leider noch. Auch ist es sehr schwer, Kartoffelsamen brauchbar bis hierher kommen zu lassen. Meist sind sie verdorben oder schon ausgekeimt. – Nun empfangen Sie und Ihre Frau Gemahlin herzliche Grüße von meiner Frau und Ihrem allezeit dankbaren Schüler.
F. Heinrichs