Bericht Friedrich Heinrichs an Inspektor Schreiber vom 28. April 1896 – Enttäuschung, daß Grootfontein keinen eigenen Missionar hat; die unergiebige Getreidernte bereitet Sorgen; Klage über Kapitän Paul Frederiks: Alkoholkonsum und grenzenlose Fauheit; Unzufriedenheit der Gemeinde; Colonialgesellschaft zahlt 2000 Pfund für den Bau einer neuen Kirche = Wiedergutmachung für Lüderitzvertrag wegen Meilenproblem; einige Tage Erholungsurlaub in Lüderitzbucht
Hier ist die sorgfältige und lesbare Transkription des historischen Briefes, basierend auf den von Ihnen bereitgestellten Dokumenten:
Lüderitzbucht, den 28. April 1896.
Lieber Herr Insp. D. Schreiber!
Vor 3 Wochen erhielt ich Ihren Brief vom 11. Febr. d. J., wofür ich bestens danke. Ihren Wunsch öfter nach Grootfontein zu reisen, werde ich sehr gerne erfüllen. Schon im Monat Februar haben mich die Grootfonteiner abermals sicher erwartet. Leider konnte ich aber bisher unmöglich abkommen, weil die Konfirmanden & Täuflinge mir sehr am Herzen lagen, um sie am Festtage aufnehmen zu können, was mir auch gelungen ist. Mein nächstes Vorhaben ist aber Ende nächsten Monats nach Grootfontein zu fahren & von dort nach Hoachanas zur Conferenz, die Mitte Juni daselbst stattfinden soll.
Einen passenden Ältesten aus Grootfontein wohnen zu lassen, ist mir bis heute wirklich unmöglich, da ich eigentlich nur 2 treue aus Bethanien habe, der dritte ist nur dem Namen nach Ältester, weil er die meiste Zeit im Außenfelde wohnt. Von Br. Hegner sowohl wie von mir selbst ist er darüber schon öfter zur Rede gestellt worden, aber immer wieder zwingt ihn seine Heerde Vieh nach draußen, weil er keine treuen Wächter hat, bald hier oder bald dort Wasser graben muß. Dazu kommt, daß der Älteste Petrus Stoffel, ein sehr treuer Arbeiter, alt wird und nicht immer wohl gerne möchte.
Aus Grootfontein selbst hält der dortige Schulmeister Benade (Schwiegersohn von Kap. Klaas Zwart) Schule an den Sonntagen & 2mal Bibelstunde. Trotzdem aber wünschen sie sehr, daß sie wieder einen Missionar aus Grootfontein haben könnten. Ich denke auch, daß Grootfontein fürs erste als eine Filiale von Bethanien od. Gibeon behandelt werden kann, bis daß wieder eine größere Seelenzahl dort vorhanden ist, aber dennoch glaube ich sagen zu können: nicht für längere Jahre, vorausgesetzt, daß die Grootfonteiner Gemeinde sich gut stellt, um einen Missionar (entschuldigt bitte diesen Ausdruck, ich kann keinen anderen finden) selbst an die Hand zu nehmen. Denn wenn Br. Schröder oder ich auch abwechselnd Grootfontein besuchen, so kann die Seelsorge daselbst doch stets nur mangelhaft bleiben. Das wird sicher auch Ihr Wunsch sein. Nun, wird später die Notwendigkeit vorhanden sein, dann wird der Herr auch wohl für einen Seelsorger sorgen. Ich werde diese wichtige Angelegenheit auf der Conferenz auch vorbringen.
Was die Körnernte betrifft im vergangenen Jahre, so habe ich seiner Zeit gemeldet, wie viel Ernte. Ich konnte damals den Ertrag nicht genau angeben, weil leider der Reif Schaden gebracht hatte, sodass die Ernte nicht so groß war, wie wir wohl im Ganzen dachten. Es waren zwischen 40–50 Säcke voll, also ungefähr 80 Centner. Ein Teil unserer Gemeinde wird es daher schwer haben, unter solchen Umständen zu arbeiten. Denn wenn geerntet wird, dann wollen Alle davon mit genießen, sodass Viele um die Ernte kommen, was ja natürlich mit Schaden verursacht und deshalb die Leute den Muth verlieren, weiter zu säen. Seither hat die Gemeinde wieder bei Herrn Gessert bestellt, die hier in der Bai liegen. Das ist auch ein Zeichen, daß wenigstens ein Teil der Bethanier beginnt zu begreifen, daß der Ackerbau & Viehzucht schließlich doch mehr Bestand bringt, als nur Viehzucht.
Ach, lieber Herr Inspector, hier geht es mit unserem jungen Kapitän Paul Frederiks nicht ja soweit gut. In letzter Zeit ließ er sich von Händlern oft verführen. Im Übrigen ist er aber, die Hauptseite verzeichnet, faul. Nur sehr selten sieht er seinen Garten nach, anstatt ihn zu vergrößern, verkleinerte er ihn mehr & mehr. Sein verstorbener Vater legte für ihn noch einen neuen Garten an, dessen sich seine noch lebende Mutter schließlich über den neuen Garten erbarmte und ihn für sich bearbeiten läßt. Oft klagt mir die gute Frau über die grenzenlose Faulheit ihres Sohnes. Nicht nur giebt er dadurch ein trauriges Beispiel, daß andere ihm Untergebene demselben folgen, sondern hält auch eine Besserung unmöglich.
Die Rückschritte stets vorzuhalten, diese Arbeit aber gänzlich zu vernachlässigen, um die erstere zu betreiben, wäre auch ein schwerer Tausch. Beides mit voller Energie zu handhaben, das suche ich den Leuten stets vorzuhalten. Bekämpfer der Spiritusflut bin ich.
Dass das so nicht lange weitergeht, erkennt auch die Gemeinde, und sofolgedessen ist sie unzufrieden mit ihrem Kapitän. Aber ich hätte nicht geglaubt, daß sich die Trennung zwischen Kapitän u. seinen Richtern & dem größten Teil der Gemeinde, so viel ich weiß, in letzter Zeit so sehr gesteigert hätte, wie es tatsächlich der Fall ist, und ich gerade in den Tagen des Landprüfungstermins aus Bethanien das deutlich vor Augen zu sehen Gelegenheit hatte. In jenen Tagen hörte ich sogar sagen: „Wir wollen Paul nicht als unseren Kapitän!“. Andere beth. Männer ließen ihren Kapitän allein & beratschlagten allein über Landangelegenheiten. Paul kann auch wie ein Viecher wütend werden, wie vor kurzem, als ein Händler seine Schulden forderte. Da er die Schulden nicht bezahlen wollte, wollte der Kapitän die ersten besten Ochsen von ihren Posten holen lassen. Als Bevollmächtigter Herrn L. Hermann aufmerksam machte, dass er das nicht thun darf, wollte Paul wüthend werden. Rechtlich handeln ist ja ganz heilsam, aber sein Volk untergehen lassen wollen ist erbärmlich.
Vielleicht mag der Haß gegen den Kapitän auch von dem letzten Kontrakt an entstanden sein, den Paul mit nur einem Bethanier, kein Richter, mit Herrn V. Hermann im vorigen Jahre abschloß, der aber nie von der Gemeinde u. den Richtern anerkannt wurde. Ja, nachher wollte Paul, als er Bange kriegte, seinen Namen wieder ausstreichen unter dem Schriftstück, aber nun war es zu spät. Die Herren Richter klagten bei Herrn Bezirksamtmann Weiß. Es ging dann diese Klage bis zum Landeshauptmann Major Leutwein, der ihm dann die Antwort erteilte: „Was du Paul unterschrieben hast, kann ich nicht wieder rückgängig machen.“. Wäre dieser Kontrakt nicht gewesen, so hätten wir vielleicht die ganze Lage zum Besseren wenden können, nun ist es aber ein großer Schade.
Sie können denken, lieber Herr Inspector, daß diese Nachricht die alten Wunden der Gemeinde, die Erbitterung nur vergrößern mußte. Es handelte sich nämlich um die 20 deutsche geogr. Meilen, die nicht Herr Lüderitz von verst. Kap. Moses Frederiks abgekauft hatte, sondern nur bis zum Keitäge im Lande verkaufte. Die Bethanier geben vor, daß sie nicht gewußt hätten, was eine deutsche geogr. Meile zu bedeuten hätte. Br. Hermann hätte aber deutsche Meilen aufschreiben lassen, deshalb sie das Schriftstück nicht hätten lesen können. So hatten die Bethanier jammernd hierüber mit dem Vertreter der Colonial-Gesellschaft, als Besitzerin der Lüderitzschen Territorien, gestritten, bis endlich Herr Hermann im vorigen Jahre am Landtermin ausdrücklich die 20 deutsche geogr. Meilen betonte, sodass Paul sehr gut wußte, dass die genannten Meilen auch den ganzen Ort Bethanien mit einschließen würden. Rückgängig kann der Contract in keinem Fall mehr gemacht werden – die Colonial-Gesellschaft wird sich auch in Zukunft als die alleinige Eigentümerin behaupten.
Dennoch will die Gesellschaft, um allen Unruhen ein Ende zu machen, der beth. Gemeinde soweit entgegenkommen, als sie die jährliche Abgabe an Paul von 260 auf 500 erhöht & Mark 2000 für den Bau einer neuen Kirche geben wird. Zudem hat sie versprochen, jährlich von Dez. bis Mai die beth. Heerde an den Küstenplätzen frei weiden zu dürfen, weil diese dann nicht auf den Weideplätzen in der Nähe von Bethanien weiden. Diese beiden Küstenplätze sind von Bethanien die alleinigen Plätze. Dies ist mündlich soweit in Gegenwart des Bezirkshauptmann Herrn Weiß abgemacht, später wird es hoffentlich in Kürze auch schriftlich geschehen. Doch nach dem Landtermin aus Bethanien dachte der Kapitän, daß er das Land mieten wolle. Wenn er wirklich später derartiges im Sinne haben sollte, soll es wohl der Nachweis sein? Für die Schreibgebühren des erwähnten Termins mußte ich schon im Voraus M. 100 Unkosten einsenden, die ich mir doch wieder von der Gesellschaft zurückfordern darf, nicht wahr Herr Inspector? Ich werde der Conferenz noch eine sehr lange Auseinandersetzung mit dem Herrn Br. Schad statt über die 20 Meilen vorlegen, die dann endlich endigte mit obiger Versprechung, die die Bethanier sichtlich befriedigte. Leider war ich nicht auf diesem Termin.
Auf diesen Termin haben die Richter nach hartem Kampf die 20 Meilen nach dem Sinne von Bethanien, die ich mir durch Br. Heinrichs in Schwelm dargelegt habe, doch wieder als rechtlich anerkannt, aber freilich, wie Sie oben sehen, nur mit bitterem Groll auf ihren Kapitän P. Frederiks. Sehr schnell dagegen wurde ich fertig, als Vertreter der Mission. Die Gesellschaft, mit dem Grundbesitz auch Bethanien, der Garten, die Kraalräume, der Grund, worauf das Wohnhaus, Wagen, Gartenhäuser stehen, mit 5–6 Waterstellen und den ganzen erwähnten Raum herum, machten ohne jeglichen Widerspruch anerkannt. Dieser ganze Boden erklärte der Bezirksamtmann ganz wichtig, daß die Missionsgesellschaft die alleinige Eigentümerin von dem erwähnten Boden ist. Weil aber aus diesem Prüfungstermin nur die vor dem Jahre 1888 erworbenen Landbesitzungen in Betracht kamen, so muß leider das geschenkte Khoroomtes erst noch so stehen bleiben. Es soll aber so bald wie möglich erledigt werden. Kürzlich hörte ich, daß ein Cornelius Frederiks läßt freundlichst danken für Ihren Brief.
Sehr gefreut hat es der Gemeinde Bethanien – ich bin nicht weniger dankbar – daß bei Herrn Kämpfer 2007 M. für den neuen Kirchbau eingegangen sind von Koblenz. Ich habe mit dieser Post auch ein Dankschreiben an die werte Frau Geh. Räthin gesandt. Wenn nun noch die 2000 M. von der Col. Gesellschaft hinzu kommen, dann wird sicherlich die Kirche schuldenfrei erbaut werden können. Wegen der Trockenheit konnte bisher noch nicht begonnen werden, doch hoffe ich sehr bald den Anfang machen zu können. In Ihrem werten Schreiben steht die Summe 2007 für die Junge-Gemeinde. Es will mir unglaublich scheinen, dass eine so große Summe gesammelt sei für die Jungen. Ist dem wirklich so, oder irre ich dennoch? Dies wäre aber schön, dann könnten wir für Gartenanlage noch mehr hoffen.
Herr Br. Schad lud mich ein, mich nach Beendigung des Landprüfungstermins mit Gewalt mitzunehmen, zudem redeten Herr Br. Desel & Herr D. Pöhlwinkel, der auch aus Bethanien war, mir sehr zu, eine kleine Erholung mir zu gönnen. So bin ich nun schon voriger Woche Mittwoch hierher nach Lüderitzbucht gekommen, um Seebäder zu machen. Wie Ihnen das Datum zeigt, weile ich in unserem schönen deutsch-Südwest. Hier fand eine Begegnung mit dem Dampfer aus dem prächtigen M. Ocean statt. 5 hübsche große Häuser, von denen 2 große Verkaufshäuser mit allen möglichen Sachen sind, stehen hier & eine hübsche Schiffsbrücke zur Linken meines Logierzimmers ist gut stark erbaut worden. Übermorgen gehe ich zurück. Viele Grüße an d. Bewohner des Missionshauses, Ihre Frau Gemahlin nebst Kinder, grüßt Sie herzlich hoch über Ihr wertes Schreiben.
Ganz gewiß werde ich meine l. Schwiegereltern auch weiter lieb in Ehren halten & fleißig mit Brieflich verkehren.
Lieber Herr Inspector, wegen der Heirathssache wollen Sie mir es aber bitte nicht verübeln, wenn ich mich an Sie wendete, eine Braut zu suchen. Ich that es nur deshalb nicht, weil ich weiß, wie sehr Ihre Zeit in Anspruch genommen ist, und ich es nicht zu thun wachte, sondern bat ich eine passende Person von Herrn Pastor Platzen in Schwelm mir vorzuschlagen, ohne aber direkt schon zu machen, ohne davon in Kenntnis gesetzt habe. Herr Past. Platzen hatte die Freundlichkeit, mir eine Person zu bezeichnen. Da mir die betreffende Person gänzlich unbekannt war, so habe ich Herrn Pastor gebeten, keine weiteren Schritte thun zu wollen, weil ich erst noch die rechte Freudigkeit finden konnte. Nicht direkt habe ich es abgewiesen, sondern ihn um seinen Rat gebeten. Es ist mir unangenehm, doch hoffe ich, daß es nicht weiter gefährlich ist, weil die bezeichnete Person ganz ahnungslos ist. Auch Herr Past. Platzen teilte mir schon im Monat Januar davon mit. Seitdem weiß ich nun noch nichts Bestimmtes, doch hoffe ich fest, daß der Herr mein Gebet recht bald erhören wird, mir die rechte Person zu weisen.
Heinrichs.