17.08.1897 Brief Ehefrau Friedrich Heinrichs

Brief Ehefrau von Friedrich Heinrichs an ihre Geschwister in Deutschland vom 17. August 1897

Bethanien, den 17. Aug. 1897
Meine lieben Geschwister!

Endlich will ich Euch nun auch einmal schreiben. Ihr müsst mir nicht zürnen, dass ich damit so lange gewartet, dachte ich doch, dass Ihr durch die lieben Eltern wohl schon ausführlich das Meiste erfahren habt. Früher dazu zu kommen, war wirklich nicht gut möglich, denn sooft ich Zeit fand, habe ich mich an die Eltern gewandt und so lange als irgend möglich geschrieben. Alle anderen lieben Briefe, die ich bis jetzt von Euch empfangen, brachten mir schon im Voraus eine herzliche Freude, besonders die ersten zu lesen. Sie waren so recht geeignet, mich zu erfreuen.

Hättest Du, liebe Anna, eigentlich die Adresse schon erst zur Hochzeit bestimmt? Rechts wegen dürfte ich den Brief gar nicht öffnen, denn der war ja erst an meinen lieben Wilhelm gerichtet. Von Friedrichs Verlobung konnte ich erst nach und nach zu den Dingen dringen. Ich kann Euch gar nicht sagen, wie das mein Herz mit Dank erfüllt. Der Herr wolle nun alle Wünsche erfüllen.

Mein lieber Friedrich und ich, wir sind ja so sehr glücklich geworden u. fühlen uns so recht einig miteinander verbunden. Wir wollen es auch sein u. – was die Hauptsache ist – mit ihm. Unser Hauptbestreben soll es sein, ihm, dem Allerhöchsten, zu dienen. Wie wunderbar, wie alles so herrlich hinausgeführt hat, ich wage es nicht zu hoffen. Vor der Reise war mir nur bange, ob mir auch der Schritt gelingen würde, obgleich ich mich hier schon durch Liebe zu ihm hingezogen fühlte. Aber die erste Begrüßung stand mir schwer vor Augen; ich wünschte nur, dass dieselbe glücklich vorüber sei. Dieser Augenblick kam dann auch endlich nach einer langen & mühsamen Seereise, die mir manchmal recht lang wurde, trotz mancherlei Schönheiten u. Neuem, was das Meer bot. Wenn wir auch in den ersten Stunden etwas befangen waren, so verlor sich dasselbe doch bald, wie wir uns einmal aussprechen konnten. Es war uns, als hätten wir uns schon eine lange Zeit gekannt. Und wie freue ich mich nun an dem lieben Bruder Heinrichs, der mir immer ein so liebevoller leiblicher Bruder sein wird.

Ihr werdet nun, besonders Du, liebe Anna, erst ganz beruhigt sein, da Du ja eigentlich die Erste warst, die mich nach Afrika zu befördern wünschte. Weißt Du noch im vorigen Jahr Deine Andeutung in der Küche bei uns: „So eine kleine Reise, ein lieber Wilhelm in Afrika, der vielleicht für mich bestimmt sei“? Ich lachte aber nur und dachte, es sei nur Scherz. Damals ahnte ich noch nicht, wie bald sich das alles erfüllen sollte. Nun sind wir schon beinahe ein Vierteljahr verheiratet. Wie schnell vergeht doch die Zeit! Und mein lieber Wilhelm hat in dieser Zeit schon so viel getan. Alle Erlebnisse scheinen zwar schon in weiter Vergangenheit zu liegen. Zuerst sah ich alles Neue, was sich unseren Blicken zeigte, natürlich mit großer Freude. Sie konnte mich nicht erfreuen, denn der Abschied von all den Lieben lag mir schwer auf dem Herzen. Als das Dampfboot sich in Bewegung setzte, sah ich die Bande, die uns aneinander binden, schmerzlich zerrissen. So gab es manche zaghaften u. traurigen Stunden. Aber der Herr hat mich ja nicht verlassen, er war mir oft mit seinem Trost u. Worten nahe, sodass ich auch wieder fröhlich sein konnte. Euer aller Fürbitten haben gewiss auch dazu beigetragen. Herzlichen Dank für Eure Liebe und Euer Gedenken im Gebet, nicht wahr? Das ist ja jetzt noch das einzige Band, was uns vereinigt vor Gottes Angesicht.

Aber Ihr müsst mir doch öfter schreiben, um mich zu erfreuen, wenn ich auch nicht immer sobald antworten kann. Ihr wisst doch, dass ich mich besonders nach Euch allen sehne. Wir haben jetzt schon über eine Woche keine Nachricht erhalten. Die Postverbindung zwischen hier u. dem Keetmanshooper Weg ist noch immer nicht geregelt. Ich hoffe jedoch, dass bald Besserung darin eintritt, da seit einigen Wochen ein tüchtiger Postbeamter angestellt ist, der dem Verkehr wohl nützen wird, was auch sehr zu wünschen ist. Es wird eben doch viel getan, das Land hier zu verbessern u. den Weg fahrbar zu machen. Wasser ist hier gar nicht, nun kostet es große Mühe, täglich solches herbeizubefördern. Dieses Jahr haben manche Leute in unserer Gegend in Bethanien Gärten angelegt. Meinen Bereich behütet mein l. Wilhelm vor dem Vieh, was für die Kirche übrig geblieben. Sie haben nun die Aussicht, etwas zu bekommen. Wir hoffen recht sehr, dass sie ihre Früchte sehen werden. Sie haben fast gar keine Nahrung mehr; man sieht auch den Menschen an, dass sie nicht mehr geben können. Sie kommen deshalb meist recht erbärmlich und bitten um Essen, was sehr häufig geschieht; aber dafür haben wir auch das Brot nicht groß genug, um alle Bedürfnisse zu befriedigen.

Zur Gegend habe ich mich ganz gut gewöhnt. Was die Sprache betrifft, so geht es dann manchmal recht schwer. Die Leute verstehen mich aber, wenn ich etwas stümperhaft spreche. Ich werde am liebsten ausgelacht. Es gibt aber viele, die kein Wort verstehen, da ist natürlich meine Kunst zu Ende u. Friederike muss dann die Dolmetscherin sein. Meinen lieben Fritz, der auch in der Landessprache predigt, kann ich recht gut verstehen. Aber die Namasprache selbst ist gar zu schwer zu erlernen, namentlich die verschiedenen Klicktöne. Ob ich sie eigentlich sprechen lernen werde, ist mir fraglich.

Aus unsrer Sprechzeit schrieben Sie von den Schiffen. Wir haben so lange nichts von Friedrich u. Fabe gehört. Über diese liebe Hochzeit habe ich auch sehr ein eigenes Gefühl. Wie gerne hätten wir mitgeschrieben. Wir hätten Euch wohl gerne besucht, aber sie konnten nicht möglich das Weite über das Meer wagen. Leider hörten wir, dass die lieben Geschwister durch die Rinderpest schweren Verlust erlitten haben. Wie wird es denn nun den Ochsen u. dem Geschirr gehen? – Dort sollen ja namentlich eine Menge Ochsen gefallen sein. Hoffentlich sind im Hereroland wenigstens einige geblieben. Das ist in der Tat eine große Not im Lande. Wir haben hier in der Gegend auch ziemlich großen Viehstand, sodass wir hoffen, nicht alles verlieren zu müssen. In den letzten Tagen scheint die Seuche glücklicherweise wenigstens nicht weiter um sich zu greifen. Und das ist eine große Erleichterung, dass das Fleisch hier nicht teuer ist, sonst wären die Preise der Nahrungsmittel, die sehr viel ausmacht, bedeutend höher als in Deutschland.

Wir haben, wie Ihr wohl schon gehört habt, mehrere Mägde verheiratet. Ihr Mann ist unser Knecht u. arbeitet im Garten. Außerdem haben wir Arbeitsleute nötig. Unsere Leute bekommen ja lange nicht so viel Lohn wie in Deutschland, weil sie das meiste Essen von uns bekommen. Unsere Friederike ist eine Ausnahme, denn sie versteht schon lange Jahre das Kochen, ist auch im Kochen gut angeleitet, sodass sie mich in mancherlei Weise versteht. Das ist ja doch beruhigend, darüber, dass im Falle einer Erkrankung nicht alles auf mich fällt.

Vorigen Dienstag musste ich zu Bett liegen. Erst hatte ich vermutete Arbeit auf dem Tisch bekommen, wurde ein wenig mürrisch, musste mich jedoch recht bald fügen. Gott sei Dank geht es mir jetzt wieder ganz gut, sodass ich kräftig meine Arbeit tun kann. Das Kochen für uns mache ich natürlich selbst im Haushalt. Es gibt gar mancherlei zu tun, besonders das Waschen. In den letzten Wochen gab es viel zu tun, denn wir haben einen starken Wind, der den Sand in alle Zimmer treibt; auch den Dachboden fegt es aus, sodass wir natürlich auch sehr viel Staub haben. Wir müssen bald alles flicken, namentlich viel Nähwerk, wovon manch Teilchen zu flicken ist.

Unser Garten fängt nun an, wahrhaft grün zu werden. Pfirsichbäumchen stehen schon in Blüte. Denselben können wir täglich beim Wachsen zusehen. Salat habe ich auch schon gepflanzt, den wir gerne essen. Ich habe ihn doch aus dem deutschen Garten lieber als aus dem afrikanischen.

Wir haben in diesen Tagen ein altes Großmütterchen hier gehabt, das so ganz so aussah wie selten eine in Deutschland. Das war ein gutes Weiblein, mit dem ich so viel zu tun hatte. Sie wollen hauptsächlich Wäsche gewechselt haben, da es nachts noch recht kalt ist. Aber tagsüber sinkt die Hitze hier recht nieder. Der Unterschied ist am reichsten, wenn bei Euch die größte Kälte ist. Mir wird bange, doch man wird mit Gottes Hilfe ja auch durchhalten.

Nun, liebe Anna, wie gefällt es Dir bei Deiner l. Mama & Wilhelm? Es ist ja aus eurem Brief zu ersehen, wie schön es ist, die Lieben bei Euch zu haben. Wir machen uns oft Gedanken, wie es Euch gehen mag. Was machen die lieben Kinder? Der kleine Frindel ist jetzt in einem schönen Alter und wird Euch viel Freude bereiten, wie die anderen Kinder auch. Willy macht wohl gute Fortschritte in der Schule unter beständiger Aufsicht.

In diesem Augenblick habe ich noch keine Rücksicht genommen. Lebt wohl und lasst bald von Euch hören.