08.12.1899 Bericht Friedrich Heinrichs an RMG

Bericht Friedrich Heinrichs an Rheinische Missionsgesellschaft 8. Dezember 1899

Bethanien, den 8. Dezember 1899.

Lieber Herr Insp. D. H. Schreiber! Heute möchte ich doch endlich mein Gewissen von einer Briefschuld befreien, die mich schon lange Zeit gedrückt hat. Diese Schuld habe ich Ihnen, l. Herr Inspektor, abzutragen. Hoffentlich werden Sie mir verzeihen, daß ich so lange nicht an Sie schrieb, wenigstens bitte ich Sie sehr darum. Als Sie auf Reisen waren, wußte ich nicht, wohin ich schreiben sollte. Sodann nahm mich der Kirchenbau so sehr in Anspruch, daß ich kaum Zeit fand zum Schreiben. Endlich hinderten mich schwere Krankheitszeiten, durch welche der Herr meine l. Frau führte, die auch heute noch sehr schwach ist.

Demnach haben wir Ihrer stets fürbittend gedacht, als Sie auf Ihrer Inspektionsreise waren. Auch jetzt und zu allen Zeiten gedenken wir Ihrer vor dem Gnadenthron. Wie könnten wir auch anders, die wir doch wissen, daß Sie unserer auch allezeit fürbiddend gedenken. Wir waren sehr dankbar, als wir im Bericht lasen, daß der Herr Sie wieder gesund zu Ihren Lieben zurückgeführt hat und Ihre Reise reichlich gesegnet hat.

Welch ein großer Unterschied ist doch zwischen der jetzigen und der früheren afrikanischen Inspektionsreise! Doch wir wollen nicht neidisch sein über den großen Segen, den unsere Mission besonders im Ovamboland & Hereroland erntet, sondern uns freuen über die gewaltige Ausdehnung. Sind es ja nicht Menschen, die den Segen wirken, sondern der Herr allein. Ihm allein sei auch Dank und Ehre. Hier geht es nur immer langsam voran. Doch auch dafür wollen wir dankbar sein, daß es überhaupt voran geht, wenn es auch stets nur wenige Seelen sind, die dem Herrn zugeführt werden. Was wäre uns Brüdern hier im Namalande lieber, als daß auch hier alle Christen und Heiden lebendige Glieder an dem wahren Weinstock würden.

Wunderbar ist allerdings die Erfahrung, daß viele Gemeindeglieder, die in ihren gesunden Tagen dem Namen des Herrn wenig Ehre gemacht haben, auf ihren Sterbebetten doch selig heingingen, nachdem sie durchgedrungen waren. Ich kenne nur wenige Gestorbene, die vielleicht verloren gingen. Das zeigt uns doch, daß der Herr den Eingeborenen hier das Seligwerden vielleicht leichter macht als uns Christen in der Heimat. Das ist ja auch sehr erklärlich. So wollen wir dann getrost weiterarbeiten an den armen Hottentotten und den Herrn bitten, daß er seine Arbeit auch hier stets mehr segnen wolle.

Sie werden sicher sehr betrübt sein über den Fall des hiesigen Schulmeisters Nicodemus Davids. Leider ist die Sache zwischen ihm und dem Mädchen, der Tochter des hiesigen verstorbenen Kapitäns Josef Frederiks, noch immer nicht klar. Die erwähnte Tochter leugnet die Tat noch immer, obgleich sie von der Behörde geprügelt ist. Auf verschiedene Weisen hat die Behörde die Sache untersucht, aber stets vergeblich. Das hat die Obrigkeit zu der Ansicht gebracht, daß Nicodemus Davids gelogen habe, was ich jedoch nicht glaube. Die deutsche Regierung aber glaubt es leider zu leicht, und deshalb hört man von dieser Seite auch oft die traurigen Worte: „Keinem Nama kann man trauen!“ Das ist offenbar zu weit gegangen.

Auch hier in dieser Gemeinde sind Glieder, die als falsch und hinterlistig bekannt sind, aber auch solche, die treu und wahr dem Herrn dienen und als Muster gelten können für manches Gemeindeglied in der Heimat. Natürlich haben diese weniger mit der deutschen Regierung zu tun und bleiben deshalb ihr unbekannt. Unserem Heiland sind sie doch bekannt und das ist genügend.

Da nun wieder die Festtage vor der Tür stehen, so wünsche ich Ihnen nebst Familie reichsten Segen & besonders für das neue Jahr. Möchte der Herr Ihnen auch Gesundheit verleihen zum Wohl Ihrer Familie und der Mission. Gedenken Sie auch ferner in Liebe unserer Namamission, wie Sie es bisher getan haben. Meine l. Frau grüßt herzlich, wie auch Ihr dankbarer Schüler.

F. Heinrichs

P.S. Lieber Herr Inspektor! Ich wollte Ihnen noch gerne in Betreff der hiesigen Kirchenschuld Folgendes mitteilen. Wie ich erfahren habe, sind Sie unzufrieden über die Schuld, die noch auf der Kirche ruht, und meinten, wir hätten keinen neuen, teuren Turm bauen lassen sollen. Wenn ich allein über den Bau zu verfügen gehabt hätte, dann hätte ich Ihren Wunsch erfüllen können. Aber hinter mir stand die Gemeinde, d.h. Eingeborene und Weiße, die einen Turm wünschten und sagten: „Wenn derselbe später angebaut wird, dann wird es viel teurer und kann mit dem übrigen Bau nicht verbunden werden.“ Somit konnte ich nicht allein machen, sondern musste die Wünsche der Gemeinde beachten, wenn ich keine Feindschaft ernten wollte. Weil nun aber die Wünsche der Gemeinde so weit wie möglich erfüllt wurden, muss sie auch ernstlich für die Tilgung der Schulden sorgen.

Zur Tilgung haben die Weißen hier vor kurzem unter sich gesammelt und mir das Geld abgegeben, sodass ich im vorigen Monat M. 1588,- nach Kapstadt senden konnte. Die weißen Ansiedler, besonders die Engländer, sind sehr froh, daß sie nun ein anständiges Gotteshaus haben. Es sind nur wenige, aber sie tun, was sie können, damit die Schuld kleiner wird. Sie wollen später auch wieder für eine Gabe sorgen. Nicht wahr, so brauchen wir nicht zu sehr trauern über die Schuld. Wenn die M. 1000,- von Frau Geh. Rat Sticht dazu kommen, dann wird die Schuld bald gedeckt sein.

Mit freundlichem Gruß, Ihr ergebenster F. Heinrichs