Brief Friedrich Heinrichs an Rheinische Missionsgesellschaft vom 8. September 1897
Bethanien, den 8. Sept. 1897
Lieber Herr Insp. Dr. Schreiber!
Ihr wertes Schreiben vom 17. Juni erhielt ich bei meiner Rückkehr von der Konferenzreise am Sonntagabend, spät den 30. Aug., wofür ich von Herzen danke.
Während meiner Abwesenheit ist die Angelegenheit, die die 20 d. gegr. [deutsch-gegründeten] Meilen betrifft, in Keetmanshoop in Gegenwart des Bezirksamtmanns Herrn von Duft und des Bezirkshauptmanns Herrn Dr. Golinelli endgültig zum Abschluss gebracht worden, wobei Kaptein Paul Frederiks mit seinem ganzen Rat und Schulmeister erschienen war. So ist diese viel besprochene Sache endlich erledigt & hoffentlich die Streitigkeiten zu Ende. Obwohl mir noch kürzlich ein deutscher Kaufmann erzählte, dass die Minen allein das Geld wert seien, was die Kolonialgesellschaft für das große Rückland bezahlt habe, so freue ich mich dennoch über das Ende. Nicht allein deswegen, weil ich die elenden Sitzungen und Schreibereien in Betreff der 20 Meilen nicht mehr habe – ich musste immer wieder Aufklärung geben und Mittler spielen –, sondern weil alles Protestieren von Seiten der Bethanier nutzlos blieb; ja noch mehr, weil die Kolonialgesellschaft ihr Recht schließlich doch behauptet haben würde und der Schaden für die Gemeinde größer gewesen wäre: namentlich der Entzug des jährlichen Gehaltes. Die 2000 Mark für die neue Kirche können hoffentlich nun ausbezahlt werden ohne weitere Schwierigkeiten.
Eine elende Wirtschaft ist es weiter, dass viele Deutsche immer wieder den Bethaniern in die Ohren schwätzen, sie (die Bethanier) würden gewonnen & die Kolonialgesellschaft verloren haben, wenn sie nur fest geblieben wären und sich irgendeinen guten Advokaten gemietet hätten. Schon lange vor dem Prüfungstermin am 15. April in meinem Hause wurden die Leute in dieser Weise bearbeitet. Daraus können Sie ersehen, wie unnötigerweise die ganze Situation erschwert wurde, da doch nach dem zweiten, mit Herrn Hermann abgeschlossenen Traktat nichts mehr zu hoffen war. – Soviel ich weiß, haben sich nun auch die Richter, welche seinerzeit den zweiten Traktat mit J. Hermann nicht unterschrieben hatten, zufrieden gestellt.
Leider konnte bis heute das Dokument in Betreff der Schenkung (Khoro-Oamtes) noch nicht zurückgesandt werden; es liegt noch in Windhoek. Weshalb, weiß ich nicht, werde aber demnächst an Herrn Landeshauptmann schreiben wegen dieser Angelegenheit.
Was die Badtjespumpe betrifft, so freue ich mich, dass dieselbe bezahlt ist. Part. [Partikulier] Matzhasche wird wohl inzwischen das Fehlende gesammelt haben. Mir scheint aber, dass Herr Ostertag in W. [Wiesbaden] die Pumpe zu teuer berechnet hat, da die Badtjespumpe laut Angabe von Herrn Hermann £ 25 kostete. Die Pumpe ist erst vor einigen Tagen aus der Bai hier angekommen und noch verpackt, deshalb habe ich sie noch nicht genau besehen können; ich glaube aber kaum, dass sie größer ist als die Gibeoner Pumpe.
Noch mehr hat es mich gefreut, dass Sie Pastor Ratzhoff bitten wollten, zu uns zu kommen, um mit ihm meine persönliche Angelegenheit zu besprechen. Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Mühe, dass Sie trotz Ihrer vielen Arbeiten meiner auch in dieser wichtigen Sache gedenken. Allein ich hoffe sehnlichst auf die Sorgenlosigkeit Ihrer Beratungen, da ich Ihnen inzwischen eine Person angewiesen habe & glaube sicher aus Erhörung des Glaubens zu Gott. Ich bin überzeugt, dass Elisabeth Göbel, die Tochter des Herrn Pastors Göbel in Rengsdorf bei Neuwied, auch bei Ihnen wie der geehrten Deputation das volle Vertrauen erweist, um meine herzliche Bitte zu genehmigen. Gleichzeitig möchte ich Sie hiermit ersuchen, nachdem Frl. Göbel ihr Jawort gegeben hat, ihre Aussendung so viel wie möglich beschleunigen zu wollen, da ich eine Hilfe hier im Haushalt dringend nötig habe. Im Übrigen wünsche ich, dass durch den Besuch das Band zwischen Herrn Pastor Ratzhoff und der Mission noch mehr befestigt werde. Das ist eine Notwendigkeit, damit er den Missionssinn in meiner Vaterstadt noch weiter wecke und die Freudigkeit dazu erhalte. Ich kann es behaupten, dass er es bisher treu getan hat; aber wo so wenig Lust zur Mission ist, wie es in Neuwied zu sein scheint, da wird es auch schließlich einem Pastor schwer, stets mit derselben Freudigkeit für die Mission zu arbeiten. Da ist es notwendig, dass auf irgendeine Weise durch die Mitte die Freudigkeit gestärkt wird.
Ihre Bitte, stets baldigen Bericht zu liefern über die weitere Entwicklung der hier und nach der Bai hin geschehenen Dinge, werde ich sehr gerne erfüllen. Das ist auch meine feste Überzeugung, dass Bethanien ein noch viel wichtigerer Posten wird, wenn die Eisenbahn von der Bai aus gebaut sein wird. Allein ich glaube kaum, dass um der wenigen Kaufleute willen eine solche entstehen wird, wenn nicht Minen im Lande erschlossen werden. Nun erzählte mir aber auf der Reise hinter Gibeon ein Herr, dass ein Apparat nach Gibeon geschickt sei, um dort Diamanten zu graben. Hoffentlich glückt seine Sache, sodann wird auch die Eisenbahn von der Bai aus eher zurecht sein.
Die Leute zu weiteren Versuchen im Kornbauen zu ermutigen, ist mein stetes Bemühen. Bei meiner Rückkehr teilte mir der Kaptein Paul mit, dass er auf Groendorn (3 Tagereisen südlich von hier gelegen) & auf Chamis (2 Tagereisen nördlich von hier gelegen) Kornbau betreiben wolle, sodass auf beiden Plätzen, die nebenbei gesagt viel Wasser haben, mehrere Familien mit je einem Richter wohnen sollen & dass Letzterer von Zeit zu Zeit ihm Rechenschaft gebe von dem Verlauf der Dinge daselbst. Schon längst hatte ich ihn gebeten, das zu tun, und hoffe nun auf Ausführung. Das wäre dann wieder ein guter Fortschritt.
Was den Ort und die Zeit des Kornsens betrifft, so wird hier nicht in Flussbetten gesät, sondern in einer großen Fläche. Dieselbe liegt zum Teil südlich von dem Garten, grenzt an denselben auch östlich, und westlich von hier. Nach Westen hin zieht sich auf einer kleinen Anhöhe die Wasserader hin, die an verschiedenen Stellen geöffnet ist, wo überall fließendes Wasser ist. Die erste Quelle (5 Minuten von hier) tränkt meinen Garten & die südlich, zum Teil westlich von hier gelegenen salpeterlosen Gärten. Die zweite und dritte tränken den früher dem kaiserlichen Fischer Lüderitz, jetzt aber dem Mr. Gordon (der Garten und Haus für £ 300 gekauft) gehörenden Garten. Die vier letzten, kurz nacheinander folgenden Quellen tränken die von hier aus hinter Mr. Gordon gelegenen Gärten der Bethanier.
Die zum größten Teil salpeterhaltige Fläche ist nur zum kleineren Teil sandig, wo das Korn gesät wird. Sehr salpeterreich ist der Boden, was an mehreren Stellen, wo es besonders stark ist, das Wachstum bedeutend erschwert. Durch viel Düngen, was aber jahrelang dauert, bringen die Leute den Boden endlich einigermaßen ertragsfähig; doch wird er stets wieder salpeterig. Zum Glück ist der Salpeter 3 Zoll dick. Ich würde denselben jedenfalls besser herausholen, aber wenn die Leute säen, dann wollen sie nicht eine Kleeart, sondern Weizen säen, weil Letzteres zu genießen ist, jene Kleeart aber nicht. Nach Osten hin, bei meinem Hause und der Kirche, ist ebenfalls eine kleine Fläche, so dass die meisten Gärten sich anschließen an einen von Süden nach Norden sich erstreckenden Hügel, der eine Wasserader zeigt, aber nicht so stark wie die erstere.
Zwei Brunnen sind hier gegraben & beide haben Wasser. Für einen dieser beiden ist auch die Badtjespumpe bestimmt. Das Wort Brunnen zeigt an, dass hier das Wasser nicht so hoch liegt wie westlich von hier & daher gegraben werden muss. Wäre hier das Wasser fließend, so könnte hier sehr viel geschafft werden. Die ganze östliche Hälfte dieser Fläche hat guten Lehmboden, das Wasser aber von Westen nach Osten hinzuleiten, würde nicht allein beschwerlich sein, sondern auch durch die Entfernung und die große Verdunstung erschwert werden. Zudem ist auch so viel Wasser westlicherseits nicht übrig, dass sich eine derartige Mühe lohnte. Ich hoffe außerdem, dass ein alter Richter das dort noch übrige Wasser in der Fläche in einem kleinen Damm auffangen wird, um außer seinen Gärten noch mehr anzubauen.
Die Zeit, in welcher gesät wird, ist Mai bis September. Diejenigen, welche nun vor Ende August säen, die haben sehr viel Verluste, da gerade in dieser Zeit, also September, der erst gesäte Weizen Blüten und zum Teil auch schon Ähren trägt. Ende August und Anfang September kommen von Westen her oft sehr starke und kalte Nebel, die dann schadenbringend wirken können. Einer hat auch in diesem Jahre wieder so früh gesät, dass jetzt seine zwei Weizengärten schon überall Ähren tragen. Sein Wunsch war, so früh wie möglich einige Melonen oder Kürbisse (Pampoonen) zu pflanzen. Diese werden von allen direkt vor der Weizenernte gepflanzt, von Monat Januar bis März. Ein Bethanier hatte von seinem kleinen Stück Land über 500 Pampoonen geerntet, diejenigen nicht mitgezählt, die er mit seiner Familie schon vorher verzehrt hatte. Einen so reichen Boden bringt das freilich nicht überall; manche müssen auch mit einem kleineren Quantum zufrieden sein.
Ich möchte nur wünschen, dass bei irgendeiner Gelegenheit Geld für die Landwirtschaft geschenkt würde. Die vom Kaptein für die Kirche geschenkte Gartenanlage könnte noch bedeutend vergrößert werden, um den bisherigen sehr hübschen und fruchtbaren Garten noch um einen zweiten zu erweitern, wobei man dann allerdings auch mit dem Salpeter zu kämpfen haben wird. Auf der östlichen Hälfte wäre nach meinem Dafürhalten noch immer das Richtige, weil eine Badtjespumpe doch immerhin nur eine kleinere Fläche bewässern kann. Ich sprach ja schon früher davon, leider wird wohl nichts daraus werden, weil die Unkosten zu groß sind.
Nur die ersten Auslagen eines kleineren oder größeren Gartens oder einer größeren Gartenanlage überhaupt werden geschenkt, da die meisten Bethanier nur einige Milchböcke, oder 10 bis 15 Schafe, oder auch gar nichts besitzen. Eine neue Gartenanlage kostet stets Fleischspeise, Mehl, Tabak, denn ohne eine solche Stärkung können sie nun einmal nicht arbeiten. Wer will es ihnen auch verargen, da wir selber bei schwerer Arbeit auch gut und kräftig zu essen wünschen. Da aber diese Speisen in der Regel fehlen, so bereiten meistens die ersten Auslagen unüberwindliche Hindernisse.
Einige Notizen über meine meteorologischen Beobachtungen würden Sie hier sicher interessieren, ich gebe also nur ein Einzelnes an: 1895, Monat Januar: 0 mm Regen; Monat Februar: 54 mm Regen; März & April brachten weniger Regen: 4,6 mm und 17,9 mm. Sehr viel Sturm gab es in den drei letztgenannten Monaten; Regen gab es nur in den Monaten Juni u. Juli; Reif im August und Anfang September.
Laut Beschluss unserer Konferenz ist Grootfontein nicht zur Filiale von Bethanien geworden. Dies bewog mich, meine Rückreise über dorthin zu nehmen. Während meines dortigen Aufenthaltes wurde ein Buschmann aus dem Velde gebracht, dem beide Arme und der Rücken entzweigeschlagen waren, sodass die Speiche des rechten Armes fast nach außen stand. Man weiß nicht genau, ob es von einem Nama oder von den Buren ausgeführt ist. Zwischen meinem vorletzten und diesem Besuch sind nämlich 4 Burenfamilien nach Grootfontein gezogen. Eine Familie wohnt auf Grootfontein (3 Stunden südlich von hier), eine auf Kleinfontein (1 Stunde westlich), und 2 Familien weisen hier aus Bethanien hin. Auf Kleinfontein wohnte schon mehrere Monate lang eine Bastardfamilie und ein verheirateter Deutscher. Beide Familien wurden von den Buren gewaltsam vertrieben, was zur Schlägerei geführt hätte, wenn der Deutsche (Sprecher hier im Volke) nicht zum Nachgeben gemahnt hätte. Eine Burenfamilie auf Grootfontein hat einfach das dortige Wasser ummauert, sodass die dortigen Ureinwohner genötigt waren, ihr Wasser dort wegzunehmen. Fast täglich kamen Klagen über Misshandlungen von den Buren (Buschmänner oder Namas). Das ist wirklich nicht leicht für die Grootfonteiner und wird noch ein schwieriger Weg werden, wenn unsere deutsche Regierung derartige Ausschreitungen nicht direkt im Keim erstickt. Wie ich aber hörte, soll diese traurige Situation heimlich untersucht werden.
Von hier aus Bethanien hat der Hauptmann während meiner Abwesenheit zwei notorische Diebe (Buschleute) erschießen lassen; drei andere (2 Buschleute und 1 Nama) sind ebenfalls zum Tode verurteilt worden. Diese werden gesucht, haben sich aber schon mehrere Male aus ihren Vierteln entfernt.
Seit 2 Monaten hat der südliche Teil meiner Gemeinde sehr unter der Dürre zu leiden. Auf einer Reise dorthin hat Kast. Paul vor Kurzem ein verhungertes Kind beerdigt; er glaubt, dass das nicht der einzige Fall sei. Hier auf der Station herrscht die Hungersnot seit 3 Monaten. Täglich empfing ich in einer Woche 15–20 Sack Gras, was die Hungernden 3 Stunden nördlich geholt hatten, um Weizen oder Mehl dafür zu erhalten. Das konnte ich natürlich nicht so weiter fortsetzen, wenn ich nicht selber hungern wollte; die Folge war, dass viele die Station verließen und die Schule ausgesetzt werden musste. Schenke der Herr bald Regen und eine gute Weizenernte.
Was endlich Herrn […] betrifft, so hat er von hier aus auch sehr unter der Dürre zu leiden. Die Arbeiter wollen bei ihm nicht bleiben – Weiße wie Eingeborene nicht –, weil sie hungern müssten und grob behandelt würden. Seit die Haushälterin Frl. Meyerfeld bei ihm ist, wird auch viel Böses geschwatzt in sittlicher Beziehung, was aber wohl mehr auf Irrtum beruht. Dass die Sache so mit ihm steht, tut mir herzlich leid, und noch viel mehr, dass ich Ihnen keine besseren Nachrichten von ihm senden kann. Bitte halten Sie dies für sich, damit ich nachher nicht als Schwätzer dastehe. Ihre Grüße werde ich übermitteln.
In Liebe grüßt Sie Ihr dankbarer Schüler Fr. Heinrichs