Bericht Friedrich Heinrichs vom 8. September 1896 an Inspektor Schreiber – Das Grundstückgeschäft zwischen der Colonialgesellschaft und den Bethanieren; damit jährliches Gehalt für die Gemeinde und 2.000 Mark für Neubau Kirche; Verlobung mit Elisabeth Göbel aus Rengsdorf/Neuwied; Hoffnung auf Kornernte
Bethanien, den 8. Sept. 1896
Lieber Herr Insp. Dr. Schreiber!
Ihr wertes Schreiben vom 17. Juni erhielt ich bei meiner Rückkehr von der Conferenzreise am Sonntag Abend spät, den 30. Aug., wofür ich von Herzen danke.
Während meiner Abwesenheit ist die Angelegenheit, die 20 d. gegr. Meilen betreffend, in Keetmanshoop in Gegenwart des Berginsp. Herrn Duft und des Bezirkshauptm. Herrn Dr. Golinelli endgültig zum Abschluß gebracht worden, wobei Kap. Paul Frederiks mit seinem ganzen Rat und Schulmeister erschienen war. So ist diese viel besprochene Sache endlich erledigt & hoffentlich die Streitigkeiten zu Ende.
Obwohl mir noch kürzlich ein deutscher Kaufmann erzählte, daß allein das Geld wert sei, was die Colonial-Gesellschaft für das große Rückland bezahlt habe, so freue ich mich dennoch über das Ende. Nicht allein deswegen, weil ich die elenden Sitzungen und Schreibereien in betr. der 20 M. nicht mehr habe – ich mußte immer wieder Aufklärung geben und Mittler spielen –, sondern weil alles Protestieren von Seiten der Bethanier nutzlos blieb, ja noch mehr, weil die Col-Gesellschaft ihr Recht schließlich nachbehauptet haben würde und der Schaden, welcher seinerzeit für die Gemeinde gewesen wäre: Entziehung des jährlichen Gehaltes, d.h. der 2000 Mark für die neue Kirche, die hoffentlich nun ausbezahlt werden ohne weitere Schwierigkeiten.
Eine elende Wirtschaft ist es weiter, daß viele Deutsche immer wieder den Bethaniern in die Ohren schwätzen, sie (die Bethanier) würden gewonnen & die Col-Gesell. verloren haben, wenn sie nur fest geblieben wären, d. h. wenn sie sich irgendeinen guten Advokaten gemietet hätten. Schon lange vor dem Land-Prüfungstermin am 15. April in meinem Hause wurden die Leute in dieser Weise bearbeitet. Daraus können Sie selbst ersehen, wie unnötigerweise die ganze Situation erschwert wurde, da doch nach dem 2. mit Herrn Hermann abgeschlossenen Traktat nichts mehr zu hoffen war. – Soviel ich weiß, haben sich nun auch die Richter, welche seinerzeit den 2. Traktat nicht unterschrieben hatten, zufriedengestellt.
Leider konnte bis heute das Dokument betreffend der Schenkung (Missions-Comite) noch nicht zurückgesandt werden, es liegt noch in Windhoek. Weshalb, weiß ich nicht, werde aber demnächst an Herrn Landeshauptmann schreiben wegen dieser Angelegenheit.
Was die „batjes pomp“ betrifft, so freue ich mich, daß dieselbe bezahlt ist. Past. Ratzhoff wird wohl inzwischen das Geld gesammelt haben. Mir scheint aber, daß Herr Bossart (?) in W. die Pumpe zu teuer berechnet hat, da die batjes pomp (das volle Maß von Herrn Hermann gekauft) nur £25 kostete. Die Pumpe ist nur vor einigen Tagen aus der Bai hier angekommen u. gepackt, deshalb habe ich sie noch nicht genau besehen können, glaube aber kaum, daß sie größer ist.
Noch mehr hat es mich gefreut, daß Sie Past. Ratzhoff bitten wollten zu uns zu kommen, um mit ihm meine persönliche Angelegenheit zu besprechen. Ich danke Ihnen von Herzen für Ihre Mühe, daß Sie trotz Ihrer vielen Arbeiten meiner auch in dieser wichtigen Sache gedenken. Allein ich hoffe sehnlichst auf die Resultatlosigkeit Ihrer Beratungen, da ich inzwischen eine Person angewiesen habe & glaube sicher aus Erhörung meiner Flehen und Glaubens zu Gott. Ich bin überzeugt, daß Elisabeth Göbel, die Tochter des Herrn Past. Göbel in Rengsdorf bei Neuwied, auch bei Ihnen wie der geehrten Deputation das volle Vertrauen erweist, um meine herzliche Bitte zu genehmigen. Gleichzeitig möchte ich Sie hiermit ersuchen, nachdem Frl. Göbel ihr Jawort gegeben, ihre Aussendung so viel wie möglich beschleunigen zu wollen, da ich eine Hülfe hier im Haushalt dringend nötig habe.
Im übrigen wünsche ich, daß durch den Besuch das Band zwischen Herrn Past. Ratzhoff u. der Mission noch mehr befestigt werde. Es ist eine Notwendigkeit, den Missionssinn in meiner Vaterstadt noch weiter zu wecken u. die Freudigkeit zu stärken. Es ist einem Pastor schwer, stets mit derselben Freudigkeit für die Mission zu arbeiten, wenn so wenig Lust zur Mission ist, wie es in Schwelm zu sein scheint. Da ist es notwendig, daß in irgendeiner Weise der Mut u. die Freudigkeit gestärkt wird.
Ihre Bitte, stets baldigen Bericht zu liefern über die weitere Entwicklung der hier & nach der Bai hin geschehenen Dinge, werde ich sehr gerne erfüllen. Das ist auch meine feste Überzeugung, dass Bethanien ein noch viel wichtigerer Posten wird, wenn die Eisenbahn von Angra Pequena aus gebaut sein wird. Allein ich glaube kaum, daß um der wenigen Kaufleute willen eine solche entstehen wird, wenn nicht Minen im Lande erschlossen werden. Nun erzählte mir aber auf der Reise ein Herr, hinter Gibeon sei man um Diamanten zu graben; wenn sich das als wahr erweist, so wird hier bald eine Eisenbahn gebaut werden. Das wäre dann wieder ein guter Fortschritt.
Was den Ort u. die Zeit des Kornensäens betrifft, so wird hier nicht im Flußbett gesät, sondern in einer großen Fläche, die zum größten Teil schieferhaltig ist; nur der kleinere Teil ist sandig, wo das Korn gesät wird. Sehr salpeterreich ist der Boden, was an mehreren Stellen, wo es besonders stark ist, das Wachstum bedeutend erschwert. Durch viel Düngen, was aber jahrelang dauert, bringen die Leute den Boden endlich einigermaßen ertragsfähig. Zum Glück ist an mehreren Stellen geöffnetes, überall fließendes Wasser.
Die erste Quelle (5 Minuten von hier) tränkt meinen Garten & die südlich u. zum Teil westlich von hier gelegenen salpeterlosen Gärten. Die zweite u. dritte tränken den früher Kaiser Lüderitz, jetzt dem Mr. Gordon gehörenden Garten. Die 4 letzten nacheinander folgenden Quellen tränken die von hier aus hinter Mr. Gordon gelegenen Gärten der Bethanier, die aber zum Teil große Mühe haben mit dem Salpeter. Luzerne würde denselben jedenfalls besser herausholen, aber wenn die Leute säen, dann wollen sie nicht eine Kleeart, sondern Weizen säen, weil sie Letzteres genießen können – und ersteres nicht.
Nach Osten hin grenzen die Gärten an mein Haus u. die Kirche. Nach Westen hin zieht sich auf einer kleinen Anhöhe ein von Süden nach Norden sich erstreckender Hügel, der eine Wasserader zeigt, aber nicht so stark wie die erstere. 2 Brunnen sind hier gegraben u. beide haben Wasser. Für einen dieser beiden ist auch die batjespomp bestimmt. Das Wort Brunnen zeigt an, daß hier das Wasser nicht so hoch liegt wie nach Westen von hier & daher gegraben werden mußte. Wäre hier das Wasser fließend, so könnte hier sehr viel geschafft werden. Die ganze östliche Hälfte dieser Fläche hat guten Lehmboden, das übrige Wasser aber von Westen nach Osten hinzuleiten, würde nicht allein beschwerlich sein, sondern auch durch die Entfernung u. die große Hitze viel verdunsten. Zudem ist auch sehr viel Wasser westlicherseits nicht übrig, daß sich eine derartige Mühe lohnte. Ich hoffe außerdem, daß ein alter Damm das dort noch übrige Wasser in der Fläche auffangen wird, um eine größere Gartenanlage anzulegen.
Die Zeit, in welcher gesät wird, ist Mai bis Juni. Diejenigen, welche nun vor Ende Mai säen, die haben sehr oft durch Frost, gerade in dieser Zeit, also viel Verluste. Gerade in diesem September ist der erst gesäte Weizen in Blüten & zum Teil auch schon in Ähren. Von Westen her kommen oft sehr starke Nebel u. starker Reif, der dann Schaden bringen kann. Einer hat auch in diesem Jahre wieder so früh gesät, daß jetzt seine 2 Weizengärten schon überall Ähren tragen. Sein Wunsch war, umso früher Pampoenen (Kürbisse) u. Melonen zu erlangen. Diese werden von allen direkt nach der Weizenernte von Januar bis März gepflanzt. Ein Bethanier hatte von seinem Stück Land über 500 Pampoenen geerntet, die er mit seiner Familie schon vorher verzehrt hatte. Der Boden bringt das freilich nicht immer; manche müssen auch mit einem kleineren Quantum zufrieden sein.
Ich möchte nur wünschen, daß bei irgendeiner Gelegenheit Geld für Landwirtschaft geschenkt würde, wie es der Kapitän für die Kirche geschenkt hat. Die Gartenanlage könnte noch bedeutend vergrößert werden. Nur sind die ersten Auslagen eines kleineren od. größeren Gartens überhaupt sehr schwer, da die meisten Bethanier nur einige Milchböcke oder 1–2 Rinder besitzen, manche auch gar nichts. Eine neue Gartenanlage kostet stets Fleisch, Mehl u. Tabak, denn ohne eine solche Stärkung können die Bethanier nun einmal nicht arbeiten. Wer will es ihnen auch verargen, da wir selber bei schwerer Arbeit auch gut u. kräftig zu essen wünschen. Da aber diese Speisen in der Regel fehlen, so bereiten meistens die ersten Auslagen unüberwindliche Hindernisse.
Einige Notizen über meine Meteorologischen Beobachtungen würden Sie hier sicher interessieren:
- Januar 1895: 11 mm Regen
- Februar, März & April 1895: brachten weniger Regen (5,4 mm; 4,6 mm; 47,9 mm)
- Stürme: Sehr viel Sturm in den 3 letztgenannten Monaten. Regen gab es nur in den Monaten Juni, Juli und Anfang September.
Laut Beschluss unserer Conferenz ist Grootfontein ein Filial von Bethanien geworden. Dies bewog mich, meine Rückreise über dorthin zu nehmen. Während meines dortigen Aufenthaltes wurde ein Buschmann aus dem Walde gebracht, dem beide Arme u. der Rücken entzwei geschlagen waren, so daß die Speiche des rechten Armes nach außen stand. Man weiß es nicht genau, ob es von einem Nama oder von Boeren ausgeführt ist.
Zwischen meinen Besuchen sind nämlich 4 Boerenfamilien nach Grootfontein gezogen. Eine Familie wohnt auf Alwinsfontein (3 Stunden südlich von hier), eine auf Kleinsfontein (1 Stunde westlich) und 2 Familien direkt in Grootfontein. Auf Kleinsfontein wohnte schon mehrere Monate lang eine Bastardfamilie, bei der ein Deutscher verheiratet ist. Beide Familien wurden von den Boeren gewaltsam vertrieben, was fast zur Schlägerei geführt hätte, wenn der Deutsche nicht nachgegeben hätte. Die Boerenfamilie auf Flatfontein hat einfach das dortige Wasser ummauert, so daß der bisherige Besitzer genötigt war, seine Sachen zu packen und wegzuziehen. Fast täglich klagen Buschleute und Namas über Misshandlungen durch die Boeren. Das ist wirklich nicht leicht für die Grootfonteiner u. wird noch ein schwieriges Problem werden, wenn unsere deutsche Regierung derartige Ausschreitungen nicht direkt im Keim erstickt. Wie ich aber hörte, soll diese traurige Situation heimlich untersucht werden.
Von hier aus Bethanien hat der Kapitän während meiner Abwesenheit 2 notorische Diebe (Buschleute) erschießen lassen. 3 Andere (2 Buschleute u. 1 Nama) sind ebenfalls zum Tode verurteilt worden.
Seit 2 Monaten hat der südliche Teil meiner Gemeinde sehr unter der Dürre zu leiden. Auf einer Reise dorthin hat Kap. Paul vor kurzem ein verhungertes Kind beerdigt; er glaubt, daß das nicht der einzige Fall sei. Hier auf der Station herrscht die Hungersnot seit 3 Monaten. Täglich empfing ich in einer Woche 15–20 Sack Gras, was die Hungernden 3 Stunden nördlich geholt hatten, um Weizen oder Mehl dafür zu erhalten. Das konnte ich natürlich nicht so weiter fortsetzen, wenn ich nicht selber hungern wollte, und die Folge war, daß viele die Station verließen u. die Schule ausgesetzt werden mußte. Schenke der Herr bald Regen und eine gute Weizenernte.
Was endlich Herrn [Name unleserlich/ausgelassen] betrifft, so hat auch er sehr unter der Dürre zu leiden. Die Arbeiter wollen bei ihm nicht bleiben – Weiße wie Eingeborene nicht –, weil sie hungern müssten & grob behandelt würden. Seit die Haushälterin Frl. Meierfeld bei ihm ist, wird auch viel Böses geschwatzt in sittlicher Beziehung, was aber wohl mehr auf Irrtum beruht. Daß die Sache so steht, tut mir herzlich leid, und noch viel mehr, dass ich Ihnen keine besseren Nachrichten von ihm senden kann. Bitte halten Sie dies für sich, damit ich nachher nicht als Schwätzer dastehe. Ihre Grüße werde ich übermitteln.
In Liebe grüßt Sie Ihr dankbarer Schüler