03.01.1902 Jahresbericht Friedrich Heinrichs an RMG

Jahresbericht Friedrich Heinrichs an Rheinische Missionsgesellschaft 3. Januar 1902

Bethanien, den 3. Januar 1902.

In dem Herrn geliebte Väter! „Bis hierher hat uns der Herr geholfen.“ Mit diesem Dankgebet von Samuel möchte ich diesmal meinen Bericht beginnen, wenn ich heute noch einmal zurückblicke auf das abgelaufene Jahr. Ging es auch durch viel Gedränge mit dem äußeren und inneren Leben in unserer Gemeinde, so war der Helfer doch stets größer als die Not; Er führte und leitete Alles mit seiner sicheren Hand.

Die äußere Notlage fing an mit dem Erscheinen der sehr großen Heuschreckenschwärme im Anfang dieses Jahres, und der nötige und ausreichende Regen ist leider bis heute noch nicht gefallen. Nur im Außenfelde hat es strichweise gut geregnet. Durch die Dürre hat die Gemeinde in diesem Jahre wieder viel Vieh verloren. Der Hunger quälte nicht selten die Alten und die Jungen und erfüllte manches Herz mit bangen Sorgen, aber auch mit ernstlichem Flehen um Hilfe von Oben. Trotz der äußeren Not waren die sonntäglichen Gottesdienste meist ziemlich gut besucht. Konnte auch der größte Teil unserer Gemeindeglieder hier auf der Station kein Auskommen finden, so kamen doch mehrere von ihnen, die nicht zu weit von hier wohnen, am Sonnabend hierher und kehrten nach den Gottesdiensten am Sonntag-Nachmittag oder am Montag wieder heim.

Seit drei bis vier Wochen ist die Station so voll von Hottentotten, Damaras, Bastards und Weißen, wie ich sie lange nicht mehr gesehen habe. Alle haben sich versammelt, um mit uns die schönen Festtage zu feiern. Unser geräumiges, neues Gotteshaus war bis auf den letzten Platz besetzt. Ich glaube kaum, daß die äußere Not ohne Einfluß auf das innere Leben geblieben ist.

Der Rest von dem Grootfonteiner Filial, 33 Seelen stark, kam zum Teil hierher; sie sagen, daß sie dieses sehr schwere Kreuz, welches sie seit Anfang dieses Jahres zu tragen hatten, zu einem inneren Gewinn gebracht habe. Von Erbitterung, welche ich noch vor einem halben Jahre unter den hiesigen Bastards wahrnahm, merke ich jetzt weniger. So viel ich höre, sollen auch die weggeführten Bastards in der Gefangenschaft ruhiger geworden sein. Die 33 Seelen von dem Filial Grootfontein wohnen sämtlich hier im bethanischen Felde und sind in der Gemeindegliederzahl von 1239 auf dem beiliegenden statistischen Fragebogen mit eingerechnet. Ebenso die im Kriege gefallenen Bastards sind mitgezählt in der Sterbezahl von 16. Die Grootfonteiner Deportierten sind von der Gemeindegliederzahl abgezogen, sodass nach Abzug derselben unsere Gemeinde noch 1239 Glieder zählt. (Möchte hier auch gleichzeitig bemerken, daß ich die Angaben auf dem erwähnten Fragebogen vom 1. November 1900 bis zum 31. Dezember 1901 gemacht habe, weil der Fragebogen von 1900 nur bis Ende Oktober 1900 die Zahlen angab.)

Am 17. November 1901 taufte ich 8 erwachsene Personen und konfirmierte 12 Personen, nachdem sie vorher vor versammelter Gemeinde ihre Prüfung bestanden hatten. Im neuen Unterricht für Taufe und Konfirmation befinden sich 14 Heiden und 18 Christen.

Die Stationsschule wurde seit der Erntezeit besser besucht. Da die Gemeindegärten auch auf eine Zeitlang und besonders die Feigenbäume Nahrung bieten, so ist zu hoffen, daß die Schule auch noch weiter ziemlich gut besucht wird, namentlich wenn wir in der nächsten Zeit gute Tage bekommen und uns die Heuschrecken verschonen. Wird aber unsere Hoffnung unerfüllt bleiben, dann gehen wir einer sehr schweren Zeit entgegen und der Verlust in der Gemeinde an Viehbestand wird noch bedeutender als bisher, denn die Dürre ist sehr groß.

Leider musste vor einigen Wochen unser Gehilfe in der Feldschule entlassen werden, weil er die Kinder schließlich so sehr schlug, daß einige von ihnen fast todkrank waren. Die Verwarnungen von hier aus und von dem Richter, der bei der Feldschule wohnt und Aufsicht führte über dieselbe, halfen nichts mehr; und somit sahen wir uns genötigt, ihn zu entlassen. Mit nächster Gelegenheit soll er wieder nach Keetmanshoop zurückgeschickt werden, von wo ihn der oben erwähnte Richter geholt hatte. Es ist schmerzlich, daß man immer wieder neue traurige Erfahrungen mit unseren Gehilfen machen muss. Nun stehe ich wieder ganz allein. Ich bedauere dies umso mehr, weil es unmöglich ist, alle Kinder in der Gemeinde hier auf der Station zu halten wegen Nahrungsmangel. Hoffentlich wird sich bald eine andere Hilfe finden, welche die Feldschule weiter halten kann. Vorläufig wird sie noch auf eine schwache Weise weitergeführt.

Unser Stationschef Herr Baron v. Stempel freute sich sehr bei der Weihnachtsfeier am hl. Abend, von den Schulkindern die Weihnachtsgeschichte und andere Bibelstellen, wie auch die Weihnachtslieder in Deutsch und Khoi-Khoin zu hören. Er schenkte den Schulkindern 1 Sack Reis und etwas Tabak. Ebenso war Herr Major v. Estorff von Windhoek, der Neujahr mit uns feierte, sehr erfreut über die Lieder in der deutschen Sprache, welche die Schulkinder im deutschen Gottesdienst am 1. Neujahrstag vortrugen. Er frug mich, warum wir das Holländische im Schulunterricht nicht ganz fortfallen lassen könnten? Und sagte unter anderem weiter: „Die Katholiken hier im Süden reden nur deutsch mit den Eingeborenen!“ Hoffentlich wird auch bei uns bald Möglichkeit sein, nur in Khoi-Khoin und Deutsch die Unterrichtssprache den Unterricht zu erteilen. Die Militärbesetzung hier soll nur deutsch mit den Eingeborenen reden.

In dem beiliegenden statistischen Fragebogen sind neben den beiden Ältesten von hier noch zwei andere Gemeindegehilfen aufgeführt. Diese sind von der Gemeinde als Älteste vorgeschlagen. Beide sind verheiratet, aber dennoch scheinen sie mir noch sehr jung zu sein. Deshalb sollen sie erst eine Probezeit durchmachen und, so Gott will, später eingesetzt werden. Ihr Lebenswandel gab bisher zu keiner besonderen Klage Anlaß. Beide können lesen und schreiben und verstehen auch etwas Deutsch. Möchten ihre Herzen auch immer fester gegründet werden durch Christum unseren Herrn.

Die Reservatsfrage ist noch immer nicht gelöst. Der hiesige Kapitän und einige von seinen Ratsleuten sind jetzt ängstlich geworden um eine Eingabe nach Windhoek zu senden und bitten, wir möchten noch etwas warten. Unser Stationschef sagte mir, daß er eine solche Eingabe sehr gerne befürworten wolle, aber er glaube kaum, daß etwas daraus werden würde, weil man in Windhoek derartige Sachen nicht gerne annehme. Trotzdem möchte der Kapitän mit ihm zuerst eine Eingabe machen; denn mehr als „Nein“ könne die Antwort ja nicht sein.

Den Dank der geehrten Deputation an unseren Stationschef Herrn Baron v. Stempel für seine Bemühungen in Betreff der Gemeindeherde habe ich überbracht und er war sehr erfreut über diese Anerkennung. Er versprach, sich ferner dieser Arbeit anzunehmen und werde tun, was in seinen Kräften stünde, diese Gemeindeherde noch zu verstärken.

Die Zukunft liegt dunkel vor uns; doch wir vertrauen unserem Herrn und Gott. Er hat bisher geholfen und wird gewiß auch weiter helfen.

Mit herzlichem Gruß verbleibe ich, Ihr ergebener Sendbote F. Heinrichs